ETIKA

Mons. von Segur

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Die Hölle

98B7E

„Ist wirklich Niemand aus der Hölle zurückgekommen?“

26.8.2014

 

Die Hölle. Gibt es eine, was ist sie, wie entgeht man ihr?
Von Monsignore von Segur.
Autorisirte Uebersetzung. Zweite Auflage. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1880. S. 14-29

I.                   Gibt es wirklich eine Hölle?
Wenn es wirklich eine Hölle gibt, warum ist noch Niemand aus derselben wiedergekommen?

Weil die Hölle dafür da ist, die Verworfenen zu bestrafen und nicht, damit sie wieder auf die Erde zurückkehren. Wer darin ist, bleibt darin.

Man sagt, es sei noch Niemand wiedergekommen. Nach der gewöhnlichen Ordnung der göttlichen Vorsehung ist das wohl wahr; allein ist es auch ganz gewiß, daß noch nie Jemand aus der Hölle wiedergekehrt sei? Seid ihr dessen versichert, daß Gott, um seine Barmherzigkeit wie seine Gerechtigkeit zu offenbaren, niemals gestattete, daß ein Verworfener wieder auf der Erde erscheine?

In der heiligen Schrift und in der Geschichte liest man den Beweis des Gegentheiles. Und obschon man das, was man im Allgemeinen den Glauben an Gespenster nennt, gern als Aberglauben bezeichnet, wie er denn auch in der That oft in abergläubiger Weise zu weit ausgedehnt wird, so wäre derselbe dennoch unerklärlich, wenn er sich nicht auf die Wahrheit wirklicher, übernatürlicher Erscheinungen gründete. Ich theile hier einige Thatsachen mit, welche auf den zuverlässigsten Zeugnissen beruhen, und welche das Vorhandensein der Hölle durch das furchtbare Zeugniß derjenigen beweisen, welche darin sind.

Doktor Raymund Diokres.

Im Leben des heiligen Bruno, des Stifters des Carthäuserordens, findet man eine Thatsache, welche durch die gelehrten Bollandisten gründlich geprüft worden ist, und welche auch der strengsten Kritik alle Zeichen geschichtlicher Wahrheit darbietet; eine Thatsache, die sich zu Paris ereignete, am hellen Tage, in Gegenwart mehrerer tausend Zeugen; eine Thatsache, deren kleinste Umstände von den Zeitgenossen der dabei betheiligten Personen genau aufgezeichnet wurden, und die einen der bedeutendsten religiösen Orden in´s Leben rief.

Im Jahre 1082 starb ein berühmter Lehrer an der Universität zu Paris, Raymund Diokres, bewundert und betrauert von allen seinen Schülern. Einer der größten Gelehrten jener Zeit, Namens Bruno, durch seine Wissenschaft, seine Talente und Tugenden in ganz Europa bekannt, war damals mit vier seiner Gefährten in Paris und hielt es für seine Pflicht, dem Trauergottesdienst für den allgemein verehrten Todten beizuwohnen.

Man hatte die Leiche in einen großen Saal nahe der Kirche Notre-Dame gebracht, und eine zahllose Menge umgab das Paradebett, auf welchem der Verstorbene, nur mit einem dünnen Schleier bedeckt, lag.

In dem Augenblicke, wo man eine der Lesungen des Todtenofficiums begann, die mit den Worten anfängt: „Antworte mir; welch große Missethaten und Sünden hab´ich denn (Job 13, 22. 23.),“ ertönte unter dem Leichenschleier eine Grabesstimme hervor, und alle Antworten hörten diese Worte: „Durch ein gerechtes Gericht Gottes bin ich angeklagt worden.“ Man stürzt auf die Leiche zu; man hebt das Todtentuch auf; der Todte lag da, unbeweglich erstarrt, eine wirkliche Leiche. Man setzte die einen Augenblick unterbrochenen Gebete fort; aber alle Anwesenden waren von Furcht und Entsetzen durchdrungen.

Man beginnt auf´s Neue die zweite Nokturn des Todtenofficiums, man kommt wieder an diese Lesung: „Antworte mir!“ Diesmal erhebt sich der Verstorbene angesichts der ganzen versammelten Menge und sagt mit lauterer Stimme und schärferer Betonung: „Durch ein gerechtes Gericht Gottes bin ich gerichtet worden,“ und er sinkt auf sein Paradebett zurück. Der Schrecken aller Anwesenden hatte den Höhepunkt erreicht. Die Aerzte bestätigen auf´s Neue, daß Raymund Diokres todt sei; sein Leichnam war eisigkalt und steif. Man hatte nicht den Muth das Todtenofficium fortzusetzen und verschob dasselbe auf den folgenden Tag.

Die kirchlichen Autoritäten wußten nicht, welche Entscheidung sie treffen sollten. Die Einen sagten: „Er ist verdammt und deshalb des Gebetes der Kirche unwürdig.“ Die Anderen sagten: „Nein; das Alles, was wir gehört und gesehen haben, ist wohl schrecklich; aber wir Alle, die wir Zeugen dieses furchtbaren Schauspiels waren, werden ja auch einst durch ein gerechtes Gericht Gottes zuerst angeklagt und dann gerichtet werden.“ Der Bischof stimmte dieser letzten Ansicht bei, und am folgenden Tage begann der Trauergottesdienst zu der nämlichen Stunde, wie am vorhergehenden Tage. Bruno und seine Gefährten hatten sich ebenfalls wieder eingefunden. Die ganze Universität, ganz Paris strömte der Kirche Notre-Dame zu.

Das Todtenofficium begann. Bei derselben Lesung und den Antworten: „Antworte mir,“ erhob sich der Leib des Doktor Raymund auf seinem Lager und mit einer Stimme, deren Ausdruck die Anwesenden vor Entsetzen erstarren machte, rief er aus: „Durch ein gerechtes Gericht Gottes bin ich verdammt worden,“ und er fiel regungslos zurück.

Diesmal konnte man nicht mehr zweifeln. Das schreckenerregende Wunder war bis zur Gewißheit bezeugt und bedurfte keiner weiteren Prüfung. Auf Befehl des Bischofs und des Domcapitels entkleidete man den Leichnam aller Abzeichen seiner Würde und verbrachte ihn an einen ungeweihten Ort in Montfaucon.

Als Bruno, damals ungefähr fünfundvierzig Jahre alt, den Saal verließ, faßte er den unwiderruflichen Entschluß, die Welt zu verlassen und suchte mit seinen Gefährten in der großen Carthause bei Grenoble eine Zufluchtsstätte, wo er sein Heil sicher wirken und sich ungestört auf die gerechten Gerichte Gottes vorbereiten konnte.

Das war in der That ein Verdammter, welcher aus der Hölle zurückkam, nicht um sie zu verlassen, sondern um der unwiderleglichste Zeuge für das Vorhandensein derselben zu werden.

Der junge Ordensmann von Sanct Antonin

Der gelehrte Erzbischof von Florenz, der heilige Antonin, berichtet uns in seinen Schriften eine nicht minder schreckliche Begebenheit, welche gegen die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts einen großen Theil Italiens mit Schauder erfüllt hatte.

Ein junger Mann von guter Familie, welcher mit sechszehn oder siebzehn Jahren das Unglück gehabt hatte, eine Todsünde in der heiligen Beichte zu verschweigen und in diesem Zustande die heilige Communion zu empfangen, hatte es von Woche zu Woche, von Monat zu Monat verschoben, sein gottesräuberisches Verbrechen einzugestehen, setzte aber aus elender Menschenfurcht seine Beichten und Communionen fort. Gemartert von Gewissensbissen, suchte er dieselben dadurch zu beschwichtigen, daß er sich den größten Bußübungen unterzog, so daß man ihn für einen Heiligen hielt. Aber dabei ließ er es nicht bewenden; er trat in ein Kloster ein. Hier wenigstens, dachte er, werde ich Alles sagen, und meine entsetzlichen Sünden ernstlich abbüßen. Aber unglücklicher Weise empfingen ihn seine Oberen, welche ihn dem Namen nach kannten, wie einen Heiligen, und die falsche Scham gewann nun abermals die Oberhand. Er verschob das Geständniß seiner Sünden auf spätere Zeiten, und ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre verflossen in diesem beklagenswerten Zustande. Er wagte nicht, die furchtbare und schmähliche Last abzuwerfen, die ihn erdrückte. Endlich schien eine tödtliche Krankheit ihm das gefürchtete Geständniß zu erleichtern. Diesmal, dachte er, will ich Alles eingestehen. Ehe ich sterbe, werde ich eine Generalbeichte ablegen. –

Aber Eigenliebe und falsche Scham trugen wieder den Sieg über die Reue davon; das Geständniß seiner Sünden war so unklar, daß der Beichtvater nicht ahnen konnte, um was es sich handle. Er selbst war auch nicht beruhigt dabei und dachte den andern Tag besser zu beichten; aber plötzlich verlor der Unglückselige die Besinnung und starb in diesem Zustande.

In der Genossenschaft, wo man solches auch nicht einmal ahnen konnte, sagte man untereinander: „Wenn Der nicht im Himmel ist, kommt Keiner von uns hinein!“ Man rührte Kreuze, Rosenkränze, Medaillen an seiner Leiche an. Seine sterblichen Ueberreste wurden mit Verehrung in die Klosterkirche getragen und blieben im Chore ausgesetzt bis zum folgenden Morgen, wo das Begräbniß stattfinden sollte.

Einige Augenblicke vor der zur Feierlichkeit bestimmten Stunde bemerkte einer der Brüder, der gekommen war, die Glocke zu läuten, plötzlich den Verstorbenen in seiner Nähe vor dem Altare, umgeben von feurigen Ketten, während seine ganze Person wie im Feuer zu glühen schien. Erschreckt fiel der Bruder auf die Kniee nieder, die Augen auf die entsetzliche Erscheinung gerichtet. Da sagte der Verdammte zu ihm: „Betet nicht für mich! denn ich bin auf ewig in der Hölle.“ Und er erzählte die trostlose Geschichte seiner falschen Scham und seines wiederholten Gottesraubes, wornach er verschwand, indem er einen verpestenden Geruch in der Kirche zurückließ, der sich in dem ganzen Kloster verbreitete, wie zur Bestätigung der Wahrheit alles Dessen, was der Bruder gesehen und gehört hatte.

Die Oberen, von Allem in Kenntniß gesetzt, ließen den Leichnam aus der Kirche entfernen und hielten denselben des christlichen Begräbnisses unwürdig.

Die Buhlerin von Neapel.

Der heilige Franz von Girolamo, ein berühmter Missionär der Gesellschaft Jesu, der im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts lebte, hatte den Auftrag erhalten, die Missionen im Königreiche Neapel zu leiten. Eines Tages, als er auf einem der öffentlichen Plätze Neapels predigte, bemühten sich einige Frauen von schlechtem Lebenswandel, welche eine aus ihnen, Namens Katharina, in ihrem Hause, das an diesem Platze lag, versammelt hatte, durch Singen, Schreien und Lärmen seine Predigt zu unterbrechen, um ihn zu nöthigen, sich zu entfernen. Der Pater aber setzte ruhig seine Predigt fort und schien ihr unverschämtes Benehmen gar nicht zu bemerken.

Einige Zeit später kam er wieder auf denselben Platz, um zu predigen. Als er die Thüre von Katharina´s Wohnung geschlossen und das Haus, in dem sonst so großer Lärm herrschte, in tiefster Stille sah, sagte der Heilige: „Ei, was ist denn dieser Katharina begegnet?“ Man antwortete ihm: „Wissen Sie nicht, hochwürdiger Vater, daß die Unglückliche gestern Abend gestorben ist, ohne nur noch ein einziges Wort sprechen zu können?“ – „Katharina ist gestorben?“ erwiederte der Heilige; „sie ist plötzlich gestorben? Oeffnet die Thüre und lasset uns in ihr Haus gehen!“

Man öffnete die Thüre; der Heilige steigt die Treppe hinauf und tritt, gefolgt von einer großen Volksmenge, in den Saal ein, in welchem der Leichnam auf einem Tuche auf der Erde lag, mit brennenden Kerzen umgeben, wie es in Italien Gebrauch war. Er betrachtete sie einige Zeit mit dem Ausdrucke des Schreckens und sagte dann mit feierlicher Stimme: „Katharina, wo bist Du jetzt?“ Der Leichnam blieb stumm. Der Heilige wiederholte noch einmal die Worte: „Katharina, sage mir, wo du jetzt bist. Ich befehle Dir, mir zu sagen, wo Du bist.“

Da öffneten sich zum Schrecken aller Umstehenden die Augen des Leichnams, die Lippen bewegten sich krampfhaft und eine tiefe schaudererregende Stimme antwortete: „In der Hölle! ich bin in der Hölle!“

Bei diesen Worten eilten alle Anwesenden von Schrecken ergriffen aus dem Hause; der Heilige folgte ihnen, indem er wiederholte: „In der Hölle! O schrecklicher Gott! In der Hölle! Habt ihr es wohl gehört? Auf ewig in der Hölle!“

Der Eindruck, welche dieses Wunder auf das Volk hervorbrachte, war ein so lebhafter, daß Viele von Denen, welche Zeugen desselben gewesen waren, nicht wagten nach Hause zu gehen, ehe sie gebeichtet hatten.

Der Freund des Grafen Orloff.

Drei Ereignisse ähnlicher Art, die dem gegenwärtigen Jahrhunderte angehören und auf das Zuverlässigste verbürgt sind, kamen zu meiner Kenntniß. Eines derselben berührt beinahe meine eigene Familie. Es fand in Rußland, und zwar in Moskau statt, kurze Zeit vor dem schrecklichen Feldzuge des Jahres 1812. Mein Großvater mütterlicher Seite, der Graf Rostopchine, Gouverneur von Moskau, war sehr befreundet mit dem General, Grafen von Orloff, der, berühmt durch seine Tapferkeit, aber leider eben so ungläubig wie tapfer war.

Eines Tages, nach einem ausgesuchten Abendessen, bei dem man tüchtig gezecht hatte, fing Graf Orloff und einer seiner Freunde, der General V., wie jener ein Anhänger Voltaire´s, an, sich über die Religion und besonders über die Hölle lustig zu machen. „Und wenn zufällig,“ sagte Orloff, „wenn zufällig doch Etwas hinter dem Vorhang wäre?“ – „Nun gut,“ erwiederte der General, „wer von uns Zweien zuerst gehen wird, soll den Anderen davon benachrichtigen, wie es hinter dem Vorhang aussieht. Was halten sie von diesem Vorschlag?“ – „Das ist ein herrlicher Einfall!“ antwortete Graf Orloff. Und Beide, schon halb ergraut, gaben sich ganz ernstlich das Ehrenwort, der hiermit übernommenen Verpflichtung nachzukommen.

Einige Wochen später brach einer der großen Kriege aus, welche Napoleon der Reihe nach heraufbeschwor; die russische Armee eilte auf das Schlachtfeld und General V. erhielt den Befehl, sogleich abzureisen, um als Befehlshaber eine wichtige Stelle zu bekleiden.

Er hatte Moskau seit zwei oder drei Wochen verlassen, als eines Morgens in früher Stunde die Zimmerthüre meines Großvaters, der sich gerade ankleidete, rasch und ungestüm geöffnet wurde, und herein trat Graf Orloff im Schlafrock, in Pantoffeln, mit sich sträubenden Haaren, verwirrtem Blicke, bleich wie ein Todter. „Was, Orloff! Sie sind es? Zu dieser Stunde,, in einem solchen Aufzuge? Was haben Sie denn? Was ist denn geschehen?“ – „Freund,“ antwortete Graf Orloff, „ich glaube, ich werde verrückt. Ich habe den General V. gesehen.“ – „Den General V.? Ist er denn zurückgekommen?“ – „Nein, nein!“ erwiederte Orloff, indem er sich auf ein Canapee niederwarf und seinen Kopf in beide Hände stützte; „nein, er ist nicht wiedergekommen; und das ist es gerade, was mich erschreckt.“

Mein Großvater verstand nicht, was das bedeuten sollte, und suchte seinen Freund zu beruhigen. „Erzählen Sie mir doch, was Ihnen begegnet ist,“ sprach er zu ihm, „und was dies Alles bedeuten soll?“ Da bemühte sich Graf Orloff, seine Aufregung zu bemeistern und erzählte wie folgt:

„Lieber Rostopchine; vor einiger Zeit haben V. und ich uns gegenseitig das Ehrenwort gegeben, daß Jener, der von uns zuerst sterben werde, dem Anderen sagen solle, ob es auch noch Etwas hinter dem Vorhange dieser Welt gebe. Diesen Morgen nun, es kann kaum eine halbe Stunde her sein, lag ich ruhig in meinem Bette; ich war schon längere Zeit wach und dachte keineswegs an meinen Freund, als plötzlich die beiden Vorhänge meines Bettes mit Heftigkeit aufgerissen wurden und ich zwei Schritte von mir entfernt den General V. stehen sah; er war bleich, hatte die rechte Hand auf die Brust gelegt und sagte mir: Es gibt eine Hölle; ich bin darin; und er verschwand. Ich bin auf und davon gelaufen, um Sie aufzusuchen. Ich verliere den Kopf! Das ist eine seltsame Sache; ich weiß nicht, was ich davon denken soll!“

Mein Großvater beruhigte ihn, so gut er konnte; und das war keine leichte Sache. Er sprach von Hallucinationen, von Erhitzung des Gehirnes; vielleicht war es nur ein lebhafter Traum; es gibt Manches, was seltsam, unerklärlich ist; kurz, er suchte Alles auf, womit die starken Geister sich gewöhnlich zu trösten pflegen. Endlich ließ er anspannen und den Grafen Orloff in sein Hotel zurückfahren.

Zehn oder zwölf Tage nach diesem seltsamen Vorfall brachte ein Courier aus der Armee meinem Großvater unter anderen Nachrichten auch jene von dem Tode des Generals V. An demselben frühen Morgen, wo Graf Orloff ihn gesehen und gehört hatte, in derselben Stunde, wo er ihm zu Moskau erschienen war, war der unglückselige General ausgegangen, um die Stellung des Feindes zu beobachten. Da durchbohrte eine Kugel seine Brust, und er fiel todt zu Boden! … „Es gibt eine Hölle; ich bin darin!“ Das sind die Worte eines Solchen, „der aus derselben zurückgekommen ist.“

Die Dame mit dem goldenen Armband.

Im Jahre 1859 theilte ich die vorstehende Begebenheit einem Priester mit, der Oberer einer geistlichen Genossenschaft war. „Das ist schrecklich,“ sagte er mir, „aber es setzt mich nicht in Erstaunen. Solche Thatsachen sind nicht so selten, als man glaubt; nur hat man gewöhnlich mehr oder weniger Interesse, sie geheim zu halten, sei es wegen der Ehre des dabei Betheiligten selbst, oder aus Rücksicht für dessen Familie. Ich weiß etwas Aehnliches und zwar aus sicherer Quelle; denn vor zwei oder drei Jahren theilte es mir ein naher Verwandter der Person mit, der die Sache begegnet ist. Gegenwärtig, wo wir zusammen sprechen (Weihnachten 1859), lebt diese Dame noch und ist jetzt etwas über vierzig Jahre alt.

„Sie brachte den Winter 1847 auf 48 in London zu. Sie war Wittwe, ein ächtes Weltkind, reich und hübsch. Unter den eleganten Herren, welche sich häufig in ihrem Salon einfanden, bemerkte man einen jungen Lord, dessen fleißige Besuche sie in üblen Ruf gebracht, und dessen Benehmen überdies nichts weniger als erbaulich war.

„Eines Abends, oder vielmehr während einer Nacht, denn Mitternacht war bereits vorüber, las sie in ihrem Bette irgend einen Roman, um den Schlaf herbeizulocken. Es schlug ein Uhr; sie löschte die Kerze aus und war eben am Einschlafen, als sie zu ihrem großen Erstaunen einen fahlen, seltsamen Schein bemerkte, welcher aus der Thüre des Salons zu kommen schien, sich nach und nach in ihrem Zimmer verbreitete und immer heller wurde. Erstaunt öffnete sie die Augen, so weit sie nur konnte und wußte nicht, was das bedeuten solle. Sie erschrak heftig, als sie sah, wie sich die Thüre des Salons langsam öffnete, und der junge Lord, der Mitschuldige ihrer Verirrungen, in ihr Zimmer eintrat. Ehe sie ein einziges Wort hervorbringen konnte, war er bei ihr, ergriff ihren linken Arm an dem Handgelenke und sagte mit einer Mark und Bein durchdringenden Stimme auf englisch: Es gibt eine Hölle! Der Schmerz, welchen sie am Arm empfand, war so heftig, daß sie die Besinnung verlor.

„Als sie wieder zu sich gekommen war, schellte sie ihrer Kammerfrau. Diese bemerkte beim Eintritt einen starken Brandgeruch, und als sie sich ihrer Herrin näherte, welche kaum zu sprechen vermochte, erblickte sie an dem Handgelenke derselben eine so tiefe Brandwunde, daß man den Knochen sah und das Fleisch beinahe ganz verzehrt war, was ihr jenen Geruch erklärte; die Brandwunde hatte die Größe einer Männerhand. Ueberdies bemerkte sie, daß von der Thüre des Salons bis zum Bette der Teppich die Spuren der Tritte eines Mannes trug, welche die Fäden durch und durch verbrannt hatten. Auf Befehl ihrer Gebieterin öffnete sie die Thüre des Salons; aber man bemerkte daselbst keine Spuren eines Trittes auf dem Teppich.

„Den folgenden Tag vernahm die unglückliche Dame, wie begreiflich mit furchtbarem Schrecken, daß in derselben Nacht, gegen ein Uhr des Morgens, jener junge Lord betrunken und halbtodt unter dem Tische liegend gefunden worden sei, daß seine Diener ihn in sein Zimmer gebracht hatten, woselbst er sogleich in ihren Armen verschieden war.

„Ich weiß nicht,“ fügte der Priester bei, „ob die unglückliche Dame durch dieses Ereigniß gründlich bekehrt worden ist; was ich bestimmt weiß, ist, daß sie noch lebt, und um ihre der Hölle entstammende Wunde den Blicken der Menschen zu verbergen, ein breites goldenes Band, in Form eines Armbandes an dem linken Arme trägt, das sie weder am Tage, noch bei Nacht jemals ablegt.

„Ich wiederhole, daß ich diese Einzelheiten von einem nahen Verwandten der Dame erfuhr, dessen Worten man unbedingt Glauben schenken darf. In der Familie selbst spricht man niemals von dieser Sache, und ich vertraue Ihnen dieselbe nur unter Verschweigung der Namen der dabei Betheiligten an.“

Ungeachtet des Schleiers des Geheimnisses, mit dem man dies Ereigniß bedeckte und bedecken mußte, scheint es mir unmöglich, die Wahrheit desselben in Zweifel zu ziehen. Sicherlich hat man nicht nöthig, der Dame mit dem goldenen Armband zu beweisen, daß es wirklich eine Hölle gibt.

Das Haus des Verderbens in Rom.

Im Jahre 1873, einige Tage vor dem Feste der Himmelfahrt Christi, hatte in Rom eine jener schrecklichen Erscheinungen aus der anderen Welt stattgefunden, welche gar wohl geeignet sind, den Ungläubigen die Wahrheit von dem Vorhandensein der Hölle anschaulich zu machen.

In einem jener berüchtigten Häuser, in denen Sünde und Verderben ihren Sitz aufgeschlagen haben, und welche erst nach der Vernichtung der zeitlichen Herrschaft des Papstes an so vielen Orten Rom´s eröffnet werden konnten, wurde ein junges Mädchen so bedeutend an der Hand verwundet, daß man sie in das Hospital vom Troste brachte. Sei es in Folge des schlechten Lebenswandels, den die Kranke geführt hatte, oder in Folge einer unvorhergesehenen Entwickelung der Krankheit, die Wunde wurde tödtlich und das Mädchen starb ganz plötzlich während der Nacht.

In demselben Augenblicke stieß eine ihrer Gefährtinnen, die keineswegs wissen konnte, was in dem Hospital geschehen sei, ein solch verzweiflungsvolles Geschrei aus, daß die unglücklichen Geschöpfe jenes Hauses in Bewegung gebracht, die Bewohner jenes Stadttheils aufgeweckt und die Polizei herbeigerufen wurde. Die in dem Hospital so eben Verstorbene war ihr von Flammen umgeben erschienen und hatte zu ihr gesagt: „Ich bin verdammt; und wenn Du es nicht auch werden willst, so verlasse den Ort der Schmach und kehre zu Gott zurück, den Du verlassen hast.“

Nichts vermochte den Schrecken und die Verzweiflung des armen Mädchens zu beschwichtigen, welches sich sogleich bei Tagesanbruch aus jenem Hause entfernte, während alle Bewohnerinnen desselben in Staunen und Furcht geriethen, als man den Tod ihrer Gefährtin erfahren hatte.

Mittlerweile wurde die Besitzerin des Hauses, eine begeisterte Anhängerin Garibaldi´s und als solche allgemein bekannt, ernstlich krank. Sie ließ den Pfarrer der benachbarten Kirche des heiligen Julius zu sich rufen. Der ehrwürdige Priester aber zog zuerst seine kirchlichen Oberen zu Rathe, ehe er sich in ein solches Haus begab, und diese bestimmten dafür einen würdigen Prälaten, Monsignor Sirolli, den Pfarrer der Pfarrei des allerheiligsten Erlösers.

Dieser, mit besonderen Unterweisungen für den vorliegenden Fall ausgerüstet, forderte vor Allem von der Kranken in Gegenwart mehrerer Zeugen den vollständigen Widerruf aller gegen den Statthalter Jesu Christi ausgesprochenen Lästerungen und die Abbitte für alle Aergernisse ihres Lebens nebst dem Versprechen, soweit möglich, dieselben wieder gut zu machen. Die Kranke erklärte sich sogleich zu Allem bereit, beichtete und empfing die heilige Wegzehrung mit den Gesinnungen aufrichtiger Reue und Zerknirschung. Als sie sich dem Tode nahe fühlte, bat sie den guten Pfarrer unter Thränen, sie doch nicht zu verlassen, erschreckt durch das, was sie vor Kurzem erst erlebt hatte. Aber die Nacht brach ein, und Monsignor Sirolli, welcher zuerst in Zweifel war, ob er der Stimme des Mitleidens folgen sollte, die ihn mahnte, zu bleiben, oder ob es nicht seine Pflicht sei, anstandshalber vor Einbruch der Nacht einen solchen Ort zu verlassen, ließ zwei Polizei-Agenten kommen, welche das Haus abschlossen und so lange anwesend blieben, bis die Sterbende den letzten Seufzer ausgehaucht hatte.

Ganz Rom kannte bald die Einzelheiten dieser traurigen Begebenheit. Die Gottlosen und die Freigeister spotteten darüber, wie es bei solchen Ereignissen gewöhnlich zu geschehen pflegt, und hüteten sich wohl, weitere Aufschlüsse darüber einzuziehen; die Gutgesinnten aber benützten es, um besser und pflichtgetreuer zu werden.

Angesichts solcher Thatsachen, von welchem man eine große Liste aufführen könnte, frage ich nun meinen Leser, ob es vernünftig ist, mit der Menge der Thoren den albernen Satz zu wiederholen: „Wenn es wirklich eine Hölle gibt, warum ist denn noch Keiner aus derselben wiedergekommen?“

Wollte man indessen auch, gegen alle Vernunft, diese hier angeführten und wohlverbürgten Thatsachen wegläugnen, so bliebe die Gewißheit, daß es eine Hölle gibt, dennoch nicht weniger unerschütterlich. Denn unser Glaube an die Hölle beruht ja nicht auf außergewöhnlichen Vorfällen, die keine Glaubenssätze sind, sondern er ist auf die gesunde Vernunft gegründet, wie wir bereits gesehen haben, und beruht hauptsächlich und vor Allem auf der demüthigen Annahme der uns von Jesus Christus, der unfehlbaren Wahrheit, und von seinen Propheten und Aposteln geoffenbarten Glaubenswahrheiten, wie in der Unterwerfung unter die Autorität der katholischen Kirche, welche diese Lehre klar, bestimmt und unerschütterlich festhält und verkündigt. (Anmerkung ETIKA: Wenn sie dies nicht mehr tut, ist sie nicht mehr die katholische Kirche.)

Diese wunderbaren Erscheinungen können unseren Glauben stärken und beleben, und nur deshalb dachten wir, hier einige derselben anführen zu sollen, die wohl geeignet scheinen, Denjenigen den Mund zu verschließen, welche zu sagen wagen: „Es gibt keine Hölle;“ Jene im Glauben zu befestigen, welche versucht sind, zu sagen: „Wenn es eine Hölle gibt, warum ist noch Niemand daraus zurückgekommen?“ oder auch: „Gibt es wirklich eine Hölle?“ Und endlich, um die wahren Gläubigen zu stärken und immer mehr zu erleuchten, welche mit der heiligen Kirche bekennen: „Es gibt eine Hölle!“

Fortsetzung folgt

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