ETIKA

Vicente Francisco Delmonte

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20.1.2007

98B91

Auf den Spuren der Gerechtigkeit

 

Das Phantom vom Nanga Parbat

Es gibt immer mehr weltferne Gegenden in Europa. Eine von ihnen ist die Provinz Teruel im Herzen von Spanien. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Mehrzahl der Bewohner die Heimat der Vorfahren verlassen. Die Jungen zieht es in die großen Städte. Sie haben im Fernsehen von den Annehmlichkeiten und dem Luxus anderswo gehört und bilden sich ein, in den Gebirgen und Ebenen Aragons keine Zukunft mehr zu haben.

So sterben viele Dörfer aus. Da auch die Wähler weniger werden, vergißt man in Madrid, daß es Teruel noch gibt. Nur zweimal hörte man in letzter Zeit den Namen. Das erste Mal gelang es einer Initiative „Teruel existiert“, mit eben dieser Behauptung in die Zeitungen zu kommen. Das zweite Mal schmunzelte die iberische Halbinsel über 2000 Einwohner von Teruel, die in der Silvesternacht 2003/2004 auf das neue Jahr 1954 anstießen. Sie wollten darauf aufmerksam machen, daß Teruel 50 Jahre im Rückstand ist.

Inmitten dieser Provinz mit ihren bizarren Bergen und Wüsten hatte sich auf Einladung eines Freundes der Kriminalschriftsteller Vicente Francisco Delmonte niedergelassen. Er war Journalist gewesen, hatte genug von der Hektik des Zeitungsbetriebs und erhoffte sich im vergessenen, romantischen Alíaga die Ruhe, die er zum Schreiben brauchte.

Über Internet stand er mit seinen Freunden in Verbindung. Er hatte nur wenige, aber diese wenigen waren echte Freunde und bereit, für eine gute Sache alles einzusetzen. Darüber hinaus pflegte er seine vielen Kontakte zu Menschen in aller Welt, die wie er für Ideale eintraten und sich dem Konsumrausch, der die Menschheit befallen hatte, nach Möglichkeit entzogen.

Vicente Francisco hatte nun viel Zeit, das zu tun, was ihm am meisten Spaß machte: zu wandern in der einsamen Natur, zu meditieren über den Lauf der Dinge und die oft seltsamen Schicksale der Menschen - und Rätsel zu lösen. Eine Art sechster Sinn war ihm eigen, denn er erkannte Bedrohungen aller Art früher als die anderen. Und oft glaubte er, wenn er in ein Gesicht sah, gleich ins Herz schauen zu können. Da er einerseits über Kriminalgeschichten tüftelte und ihn andererseits öfters Freunde  um Rat baten, wurde es ihm nie langweilig.

Vicente Francisco Delmonte hatte eine hervorstechende Eigenschaft. Wie sein Namensgeber Franziskus von Assisi einst überall die Spuren Gottes gesucht hatte, so suchte er nach Spuren der Gerechtigkeit. Dabei hatte er sich angewöhnt, alles in größeren Zusammenhängen zu sehen. Er wurde gewahr, dass es logische Folgen in den Lebensläufen vieler Bekannter gab, dass das Gesetz von Ursache und Wirkung in der Tat die vorherrschende Kraft des Weltgeschehens war. Er beobachtete scharf und merkte früh, wann sich eine Situation zuspitzte.

“Wer an eine Führung des Menschen glaubt, weiß auch die Brücke zu schlagen zwischen der Materie und dem Geheimnis.“ Dieser Satz stammte von dem Tiroler Schriftsteller Karl Domanig. (Die beiden Freunde, in: Kleine Erzählungen, Jos. Kösel´sche Buchhandlung, Kempten und München, 1905, Seite 123) Es scheint, daß Vicente Franciscos Erfahrung mit diesem Satz zusammenhing.

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