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Dante

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Inferno, XII. Gesang

22.1.2015

 

Dante: Inferno, Übersicht

Die göttliche Komödie des Dante. Uebersetzt und erklärt von Carl Ludwig Kannegießer. Wien, 1826. Verlegt bey Chr. Fr. Schade. Zwei Bände

Dante Alighieri´s Göttliche Komödie. Uebersetzt und erläutert von Karl Streckfuß. Mit berichtigter Uebertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr. Rudolf Pfleiderer. Leipzig. Verlag von Philipp Reclam jun. 1876

Dante Alighieri: La Divina Commedia. Die göttliche Komödie in Wort und Bild, den Deutschen gewidmet von Bernhard Schuler. München, 1901

Dante´s Göttliche Komödie, übersetzt von Philalethes. Mit Bildern von Gustav Doré. Verlegt bei Wilhelm Borngräber, Berlin, 1916

Dante´s Inferno. Translated from the Original of Dante Alighieri by Henry Francis Carey, M.A., and illustrated by Gustav Doré. Edited by Henry C. Welsh, A.M. New York. John Lovell Company. Sans date, 19 siècle.

Carl Ludwig Kannegießer: Zwölfter Gesang
Siebter Kreis. Gewalttäter, Mörder, Tyrannen, Straßenräuber.

Rauh war die Stätte, wo wir niederstiegen,
Und ob des Weitern, was hier zu erkunden,
Müßt´ ihm vor Abscheu jeglich Aug´ erliegen.

Wie jenseits Trento wird der Fels gefunden,
Deß Trümmer dort die Etsch zurückedrückte,
Durch Erdstoß oder eigne Last entbunden;
Daß von dem Gipfel, der sie niederschickte,
Bis ganz hinab so steil die Felsenwande,
Daß keine Bahn, wer oben wär´, erblickte:

So waren dieses Abgrunds schroffe Rande;
Und auf den Gipfel der zerbrochnen Fluh
Lag ausgestrecket der Cretenser Schande,
Die einst erzeugt ward in der falschen Kuh.

Wie er uns sah, biß er sich mit den Zähnen,
Wie wer sich selbst zerplagt in Zornunruh.

Da rief mein Weiser ihm: Du magst wohl wähnen,
Daß dies der Herzog der Athener sey,
Der droben dich das Leben ließ ausstöhnen.

Fort, Unthier, fort! denn dieser kommt herbey,
Von deiner Schwester Worten nicht belehret;
Er kommt zu sehen eurer Qualen Reih,
So wie der Stier, der aufspringt wildempöret,
Wenn er getroffen von den Todesstreichen,
Nicht laufen kann, nur hie und dorthin fähret:
So sah ich thun den Minotaur dergleichen.

Da rief Vergil bedachtsam: Lauf zum Passe;
Dieweil er rast, ist gut ihm auszuweichen.

So stiegen wir hinab die hohle Gasse
Von dem Gestein, das ich oft beben machte
Beym Tritte meiner ungewohnten Masse.

Du denkst: sprach er, als ich daran schon dachte,
Vielleicht der Trümmer, die da muß bewahren
Das Zornunthier, das ich zur Ruhe brachte.

So wisse, daß, als ich hinabgefahren
Das erste Mal in diesen tiefen Bogen,
Die Felsen hier noch nicht zerfallen waren.

Doch kurz zuvor, wenn ich es recht erwogen,
Als jener kam, der aus dem obern Runde,
Dem Dite hat die große Beut´ entzogen,
Erzitterten die tiefsten Gräuelschlunde
So heftig, daß ich glaubte, Lieb´ entzücke
Den Weltenbau, wodurch, nach Eines Kunde,
Schon oft die Welt in Chaos sank zurücke.

Und damals wurden durch Ruin vernichtet
so hier als dort die alten Felsenstücke.

Jetzt sey dein Auge nach dem Thal gerichtet;
Der Blutstrom naht, darinnen alle kochen,
die an dem Nächsten Frevelthat verrichtet.

O blinde Sucht, o tollen Zornes Pochen,
Die ihr im kurzen Leben uns entzündet,
Welch Bad wird euch auf ewig zugesprochen!

Hier ist ein breiter Graben, der sich windet
Rings um die Flur, die ganz von ihm umspannt,
Gemäß dem, was mein Führer mir verkündet.

Und zwischen diesem und dem Uferrand
Liefen Centauren einzeln pfeilversehen,
Wie sie auf Erden einst zur Jagd gerannt.

Als sie uns sahen, blieb ein jeder stehen;
Drey trennten drauf vom Haufen ihren Gang,
Nachdem sie Senn´ und Pfeil zuvor ersehen.

Und einer rief von fern: Ihr dort am Hang,
Zu welcher Qual steigt ihr hinunter? saget,
Und sagt´s von dort, sonst zieh´ ich meinen Strang.

Mein Meister sagte drauf: Du hast gefraget,
Dem Chiron nahebey hier antwort ich;
Stets hat dein Jähzorn Schaden dir erjaget.

Nessus ist dieser, sagt´ er und berührte mich,
Er starb um Dejanira lustentzücket,
Und machte dann zur Rache selber sich.

Der mitten dort, der auf die Brust sich blicket,
Ist Chiron, Pfleger des Achills als Knaben.
Der Dritt´ ist Pholus, wild von Zorn berücket.

Und viele tausend zogen um den Graben,
Die Seelen schießend, die dem Blutgesotte
Sich mehr entziehn, als sie verschuldet haben.

Wir näherten uns jetzt der schnellen Rotte;
Chiron nahm einen Pfeil und strich und führte
Nach hinten mit dem Schaft des Bartes Zotte.

Als er das große Maul entblößt dann spürte,
Rief er den Andern: Scheint´s nicht, daß der Eine,
Der Hintre dort, bewegt, was er berührte?
Das pflegen nicht zu thun der Todten Beine. -

Mein guter Führer, ihm schon an der Brust,
Allwo die zwey Naturen im Vereine,
Antwortet ihm: Er lebt, und zeigen mußt´
Ich so allein ihm diese finstre Höhle;
Ihn führt Nothwendigkeit und nicht Gelust.

Sie hemmte ihre Hallelujakehle,
Die dieses neue Amt für mich ersah;
Er ist kein Dieb, ist keine Schurkenseele.

Drum bey der heil´gen Macht, kraft der ich ja
Den Fuß erhebe durch bahnlose Wege,
Schick einen mit der Deinen, der da nah
Uns bleib´ und uns die Stromfurt zeigen möge,
Und der auch jenen nehme hinten auf;
Er ist kein Geist, daß er die Luft durchflöge.

Und Chiron sah zu seiner Rechten drauf
Und sprach zu Nessus: Geh als ihr Begleiter
Und Schirm, dafern euch träf´ein andrer Hauf.

Wir gingen mit dem sichern Führer weiter
An dem Gestade hin der rothen Gluth,
Und laut scholl das Gekreisch Vermaledeyter,
Um ein´ge floß bis an die Braun die Fluth.

Das sind Tyrannen, sagte der Centauer,
Die nur nach Raube gierten und nach Blut.

Ihre Frevel füllt sie hier mit Schmerz und Schauer;
Hier, Alexander ist´s und Dionys,
Er schuf Sicilien einst lange Trauer.

Die Stirne mit dem schwarzen Haare hieß
einst Azzolin, der Blonde ihm zur Seite
Obizz von Esti, den, wie sich´s erwies,
Der stiefgesinnte Sohn dem Tode weihte.
Da wandt´ ich mich zum Hort und der begann:
Dieser sey dir der erst´ hier, ich der zweyte.

Nicht weit davon hielt der Centauer an
Bey einem Volke, dem die blut´ge Gährung
Nicht weiter als zum Schlunde stieg hinan.

Von einem Einzeln gab er die Belehrung:
Der dort durchstach das Herz in Gottes Schooß,
Dem auf der Themse man noch zollt Verehrung.

Dann sah ich Andre, die schon frey und bloß
Mit Haupt und Brust entragten diesem Bade,
Und viel´ erkannt ich, die da traf dies Loos.

Also ward flacher nun das Blut nachgrade,
Daß es die Füße kaum noch übersteigt;
Dort war es, wo wir wählten unsre Pfade. –

Wie nun auf dieser Seite sich dir zeiget
Das Blutgebrodel mit verdünnten Wellen,
Sprach der Centauer, so sey überzeugt,
Daß sie, den Grund stets tiefer drückend, schwellen
Auf jener Seite, bis der Strom gehäuft,
Allwo mit Recht Tyrannenseufzer gellen,
wo Gotts Gerechtigkeit mit Qual ergreift
Den Attila, vordem der Erden Ruthe,
Den Pyrrhus und dem Sextus, und es träuft
Die Thräne stets, die sie mit heißem Blute
Den beyden Riniern bringt zum Erguß,
Die Straßenraub verübt mit frechem Muthe.
Drauf wandt´ er sich, rückschreitend durch den Fluß.

Anmerkungen:

Erläuterungen von Kannegießer im dritten Teil, S.44-47.

Die Dichter steigen jetzt erst in den siebenten Kreis hinab, auf dessen Gränze sie beym Eintritt den Minotaurus als Wächter erblicken, der zwar zuerst gleich dem Plutus und den Wächtern der vorigen Kreise sich weigert sie einzulassen, aber von Virgil leicht zur Ruhe verwiesen wird. Sie gehen durch einen zertrümmerten Felsenpaß und Virgil erzählt, daß er bey seinem ersten Hinabgange diese Zertrümmerung nicht mehr gefunden habe, daß aber bey Christi Niederfahrt die Hölle erschüttert sey und daß Riß und Trümmer daher rührten.

Hier findet sich nun ein breiter Graben, der den Kreis rings umläuft und mit kochendem Blute angefüllt ist. Centauren laufen daran auf und ab, und drey davon fragen die Wanderer nach dem Zwecke ihrer Reise und drohen, im Falle es nicht geschehe, auf sie ihre Pfeile zu richten. Diese drey sind Nessus, Chiron und Pholus, und sie sowohl als die übrigen zahlreichen Centauren haben das Geschäft, auf diejenigen Sünder, welche aus dem Blutstrome sich mehr erheben als ihnen erlaubt ist, zu schießen.

Virgil hat schon auf die erste Frage geantwortet, daß er dem Chiron Rede stehen werde, und gibt diesem nun Nachricht von seinem Auftrage, dem Dante als Wegweiser zu dienen; er bittet ihn zugleich um einen Führer, der ihnen eine seichte Stelle zeige, um durch den Fluß zu kommen, und der den Dante trage. Nessus wird dazu bestimmt und gibt ihnen, wie sie am Ufer des Flusses hingehen, Nachricht von den darin befindlichen Sündern: es sind Tyrannen, und er zeigt ihnen einige einzelne, den Alexander, Dionysius, Azzolin und Obizzo von Esti. Diesen geht das Blut bis über die Augen; der Strom wird aber allmählich flacher, so daß er bald den Sündern nur noch bis an den Hals reicht, sodann die Brust frey läßt und endlich kaum noch die Füße bedeckt. An dieser Stelle gehen die Dichter hindurch. So wie der Fluß auf dieser Seite sich verflächt, so schwillt er auf der andern Seite immer höher, wo Attila, Pyrrhus und Sextus als Tyrannen und Wüthriche, und die beyden Rinier als Straßenräuber im Blute gesotten werden.

V. 4. Dies bezieht sich auf einen Erdfall von einem großen Theil des Berges Barco zwischen Trevigi und Trient, der das Bette des Flusses Etsch veränderte.

V. 13. Der Minotaurus, ein Ungeheuer, welches Pasiphae, die Gemahlinn des Königs Minos zu Creta, mit einem Stier gezeugt hatte, steht so wie bald darauf die Centauren zur Bezeichnung der Gewaltthätigen, welche in diesem Kreise gestraft werden.

V. 17. Theseus, ein Atheniensischer Held, tödtete den Minotaurus durch Hülfe Ariadne´s, einer Tochter Pasiphae und des Minos, und daher Schwester des Minotaurus.

V. 65. Chiron ist das Haupt der Centauren, und Erzieher und Lehrer des Achilles.

V. 68. Herkules erschoß den Centauren Nessus mit einem vergifteten Pfeile, weil er sich gegen Herkules Gattin, Dejanira, ungeziemend betrug. Er gab der Dejanira etwas von seinem vergifteten Blute, als ein Mittel für diese, des Herkules Liebe sich zu erhalten. Auf diese Weise machte er sich selbst einen Theil von sich, das vergiftete Blut, zum Rachmittel. Denn als Dejanira dem Rathe des Centauren späterhin folgte, fand Herkules dadurch einen sehr schmerzlichen Tod.

V. 84. Die Centauren sind halb Pferde, halb Menschen.

V. 119. Im Jahre 1270 ermordete Guido, Graf von Montfort, in der Stadt Viterbo, in der Kirche zur Zeit der Messe, als die geweihte Hostie in die Höhe gehoben wurde, den Prinzen Heinrich, Sohn Richards von Cornwallis, um den Tod seines in England von Eduard, dem Vetter Heinrichs, hingerichteten Vaters, Simons von Leister, zu rächen. Heinrichs Herz ward nach London geschickt und auf einer Säule an der Brücke über die Themse in einer goldenen Kapsel zur Erinnerung an diese That aufbewahrt.

V. 133. Attila, der Hunnenkönig, der im fünften Jahrhundert nach Christi Geburt Europa verheerte und die Geißel Gottes genannt wurde, so wie der unversöhnliche Römerfeind Pyrrhus, sind bekannt.

V. 137. Rinier von Corneto übte Straßenraub in der Gegend von Rom nach der Se zu, und Rinier Pazzo war ein berüchtigter Meuchelmörder.

Weitere Details von Streckfuß und Pfleiderer, S. 66ff:

4. Zwischen Roveredo und Ala, bei der Eisenbahnstation Mori, sieht man noch den im 9. Jahrhundert geschehenen „Bergsturz von S. Marco“. Man nimmt noch deutlich wahr, wie die Etsch dadurch westlich gedrängt ist. Dante muß den Ort gesehen haben, wie er ja auch, nach alter Sage, länger in Tirol gewohnt haben soll.

12. Minotaurus, die Ausgeburt der verruchten Liebe der Pasiphane mit dem Stiere, halb Mensch, halb Stier – ein Ungeheuer, welchem jährlich sieben Mädchen und sieben Knaben aus Athen geliefert werden mußten. Ihn töldtete Theseus mit Hilfe Ariadne´s, der Tochter des Minos, die ihm durch einen Faden den Rückweg aus dem Labyrinth, dem Aufenthaltsorte des Minotaurus, sicherte.

67. Nessus entführte die Dejanira, als er sie auf Herkules Geheiß über den Fluß Evenus trug. Aber Herkules durchschoß ihn mit einem in das Blut der lernäischen Schlange getauchten Pfeile. Er rächte sich, indem er, ehe er starb, die Dejanira überredete, daß ein mit seinem vergifteten Blute getränktes Gewand ihr die Treue des Herkules sichern werde. Ein solches Gewand brachte später dem Herkules die Qualen, die er auf dem Scheiterhaufen endete.

71. Chiron, ein Sohn des Saturn

110. Ezzelino di Romano, Herr von Trevigi, Schwiegersohn und Statthalter Friedrich´s des Zweiten in der Trevigianer Mark und dessen mächtiger Bundesgenosse, der blutigste der vielen kleinen Tyrannen, welche das heillose Zeitalter erzeugte, dessen Verhältnisse so viele Thoren unserer Zeit so gern zurückführen möchten; mit Recht vom Dichter so tief in das siedende Blut getaucht, daß nur die schwarz behaarte Stirn noch hervorragt.

121ff. Nach der Größe ihrer Verbrechen stecken die Gewaltthätigen mehr oder minder tief im Blutstrome, so daß die größten Uebelthäter darin ganz verborgen, den geringsten aber nur die Füße davon bedeckt sind.

 

Noch detaillierter schildert der Betreiber dieser Seiten das Schicksal der Mörder nach ihrem Tod in seinem Roman „Jedem nach seinen Taten“.

Zu diesem Canto hat Gustave Doré einen Stich angefertigt.

 

Scannen0001

Zentauren schießen mit Pfeilen auf die Gewalttätigen, die im Blutstrom treiben.

Illustration: Gustave Doré

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