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Dante

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Inferno, XIII. Gesang

14.2.2015

 

Dante: Inferno, Übersicht

Die göttliche Komödie des Dante. Uebersetzt und erklärt von Carl Ludwig Kannegießer. Wien, 1826. Verlegt bey Chr. Fr. Schade. Zwei Bände

Dante Alighieri´s Göttliche Komödie. Uebersetzt und erläutert von Karl Streckfuß. Mit berichtigter Uebertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr. Rudolf Pfleiderer. Leipzig. Verlag von Philipp Reclam jun. 1876

Dante Alighieri: La Divina Commedia. Die göttliche Komödie in Wort und Bild, den Deutschen gewidmet von Bernhard Schuler. München, 1901

Dante´s Göttliche Komödie, übersetzt von Philalethes. Mit Bildern von Gustave Doré. Verlegt bei Wilhelm Borngräber, Berlin, 1916

Dante´s Inferno. Translated from the Original of Dante Alighieri by Henry Francis Carey, M.A., and illustrated by Gustave Doré. Edited by Henry C. Welsh, A.M. New York. John Lovell Company. Sans date, 19 siècle.

Philalethes: Dreizehnter Gesang
VII. Kreis, 2. Ring. Selbstmörder

Noch war nicht jenseits Nessus angekommen,
Als wir uns schon in ein Gehölz begaben,
Das keine Spur von einem Pfade zeigte.

Nicht grün die Blätter, nein, von düstrer Farbe,
Nicht glatt die Äste, nein, gekrümmt und knotig;
Nicht Früchte gab´s hier, nein, nur gift´ge Dornen.

So rauh´ und dunkle Dickichte bewohnt nicht,
Selbst zwischen Cecinas Flut und Cornero,
Das grause Wild, bebaute Striche scheuend.

Hier baun ihr Nest die scheußlichen Harpyien,
Die Trojas Volk von den Strophaden trieben,
Mit trüber Kunde vorbestimmten Wehes.

Breitschwingig, menschengleich an Hals und Antlitz,
Beklaut, den weiten Bauch gefiedert, jammern
Sie auf den abenteuerlichen Bäumen.

Der gute Meister: „Eh´ du weiter eintrittst,“
Begann er drauf, „wiss´, daß im zweiten Zirkel
Nunmehr du bist, und drin auch wirst verbleiben,
Bis du beim grauenvollen Sandmeer anlangst!
Drum blicke wohl umher, und schauen wirst du,
Was, sagt´ ich´s, allen Glauben überstiege.“

Von jeder Seite her hört´ ich ein Winseln
Und sah doch niemand, dem es zuzuschreiben
Gewesen wär´, drob ganz verwirrt ich still hielt.

Ich glaube, daß er glaubte, daß ich glaube,
Daß diese Stimmen aus dem Buschwerk kämen
Von Leuten, die sich unserm Blick verbergen.

Und drum sprach nun der Meister: „Wenn du irgend
Ein Zweiglein abbrichst von der Büsche einem,
Wird ganz zunichte werden, was du sinnest.“

Als ich ein wenig vor die Hand nun streckte,
Ein Ästchen eines großen Dornstrauchs pflückend,
Schrie laut sein Stamm: „Warum doch mich zerknicken?“

Und da er drauf vom Blute schwarz geworden,
Begann er wieder: „Was doch mich zerreißen?
Lebt in der Brust dir gar kein Geist des Mitleids?
Wir, Menschen einst, sind Schößlinge geworden;
Wohl sollte liebevoller deine Hand sein,
Selbst wenn wir Schlangenseelen nur gewesen.“

Gleich wie ein grüner Brand, wenn er, entzündet
An einem Ende, nun am andern träufelt
Und zischet, ob der Luft, die ihm entweichet,
So drangen aus dem Bruche Blut und Worte
Vereint hervor; drob mir die Zweigesspitze
Entfiel und ich ein Furchtergriffner dastand.

 

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Illustration von Gustave Doré

„Wenn er zuvor das hätte glauben können,
Gekränkte Seel´“ entgegnet ihm der Weise,
„was ihm aus meinem Lied allein bekannt war,
So hätt´ er nimmer Hand an dich geleget;
Doch das Unglaubliche der Sache ließ mich
Die Tat ihm heißen, die mir selber lastet.
Doch sag´ ihm, wer du warst, daß statt der Buß´ er
Den Ruf dir droben in der Welt erneure,
Wohin ihm heimzukehren ist gestattet.“

Und drauf der Stamm: „So lockt dein süßes Wort mich,
Daß ich nicht schweigen kann, euch aber sei´s nicht
Zur Last, wenn im Gespräch ich mehr verweile.

Ich bin es, welcher beide Schlüssel führte
Zum Herzen Friedrichs
und so sanften Druckes
Beim Öffnen und Verschließen sie gewendet,
Daß alle schier von seinem Rat ich ausschloß,
Und das ruhmvolle Amt übt´ ich so treulich,
Daß drob der Schlaf mich mied, der Puls mir stockte.

Die Metze, die nie von des Cäsars Wohnung
Den Buhlerblick gewandt, sie, das gemeine
Verderben und der Höfe eignes Laster,
Entflammte gegen mich die Seelen aller,
Die, selbst entflammt, so den August entflammten,
Daß trübes Weh mir ward aus heitrer Ehre.

Mein Sinn voll zorn´gen Überdrusses, hoffend,
Im Tode der Verachtung zu entgehen,
Ließ Unrecht mich an mir Gerechten üben.

Bei dieses Baums seltsamen Wurzeln schwör´ ich´s,
Daß nimmermehr ich treulos bin gewesen
An meinem Herrn, der so der Ehre wart war.
Und wenn zur Welt je einer von euch heimkehret,
So richt´ er wieder auf mein Angedenken,
Das noch darniederliegt vom Stoß des Neides.“

Nach kurzem Harren sprach er: „Da er noch schweiget,“
Mein Meister drauf, „verliere nicht den Zeitpunkt,
Nein, sprich und frag´ ihn, wenn du mehr noch wünschest.“

Drob ich zu ihm nun: „Frage du ihn wieder,
Was du wohl glaubst, das mich befried´gen möchte,
Ich könnt´ es nicht, so sehr betrübt mich Mitleid.“

Darum begann er: „Wenn man je dir tun soll
Mit freiem Sinn, was deine Wort´ erflehen,
Laß dir´s gefallen, o gefangne Seele,
Uns zu berichten, wie der Geist sich bindet
In diese Knoten, und vermagst du´s, sag´ uns,
Ob einer je sich löst aus solchen Gliedern.“

Da zischte laut der Stamm, und solches Wehen
Verwandelte sich drauf in diese Stimme:
„Mit kurzen Worten will ich Antwort geben.

Wenn sich die grimme Seele von dem Körper
Entfernt, aus dem sie selbst sich losgerissen,
So weist zum Schlund, dem siebten, sie Minos.

Sie fällt zum Wald nun, ohne Wahl des Ortes,
Doch dort, wo sie das Schicksal hingeschleudert,
Da keimet sie empor, gleich einem Spelzkorn.

Sie wächst zum Schößling auf, zum Strauch des Waldes;
Drauf die Harpyi´n, ihr Laub benagend, Schmerzen
Ihr antun
und den Schmerzen Luft verschaffen.

Gleich andern treffen einst wir unsre Hüllen,
Doch nicht, daß eine neu damit sich kleide;
Denn was der Mensch sich raubt, soll er nicht mehr haben.
Hier schleppen wir sie hin dann, und im düstern
Gehölz wird jeder Leib einst aufgehangen

Am Dornbusch, wo gequält sein Schatten wohnet.“

Wir harrten noch am Stamm in der Erwartung,
Daß er uns mehr darob berichten wolle,
Als überrascht von einem Lärm wir wurden,
Gleich einem Jäger, der auf seinem Stande
Den Eber plötzlich nahn hört und das Treiben,
Und durch der Zweige Laub die Doggen rauschen.

Und sieh da! zwei zu unsrer linken Seite
Nackt und zerkrallt, die so gewaltig flohen,
Daß alle Gitter sie des Waldes brachen.

Der vordre: „Eil´, o Tod, herbei jetzt, eile!“
Drauf schrie der andre, dem es allzu langsam
zu gehen schien: „Lano! war doch so behende
Dein Fuß nicht bei dem Waffenspiel am Toppo.“

Und da´s ihm drauf am Atem wohl gebrochen,
Verschlang er sich mit einem Strauch zum Knoten.

Dicht hinter ihnen war der Wald erfüllet
Mit schwarzen Hündinnen, in gier´gem Laufe
Windhunden ähnlich, die dem Strick entkommen.

Den, der gedrückt lag, packten mit den Zähnen
sie nun, und trugen, stückweis´ ihn zerreißend
Die schmerzensvollen Glieder drauf von dannen.

 

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Illustration von Gustave Doré

Da faßte bei der Hand mich mein Begleiter
Und führte mich zum Busch hin, der aus blut´gen
Verletzungen fruchtlose Tränen weinte.

„O Jakob,“ rief er aus, „von Sankt Andreas,
Was half es dir, daß du mit mir dich schirmtest?“
Was bin ich schuld an deinem wüsten Leben?“

Mein Meister, über jenem still nun haltend,
Begann: „Wer bist du, der durch so viel Enden
Du blutgemischte Schmerzenswort´ enthauchtest?“

Und er zu uns: „O Seelen, angekommen,
Die schmähliche Mißhandlung zu betrachten,
Die meine Blätter so von mir getrennt hat,
Rafft sie am Fuß des Jammerstrauchs zusammen.

Ich war aus jener Stadt, die mit dem Täufer
Den ersten Hort vertauscht hat, drum auch dieser
Sie stets mit seinen Künsten wird betrüben,
Und wenn nicht an dem Übergang des Arno
Von ihm noch übrig eine Spur verbliebe,
So hätten jene Bürger, die von neuem
Sie auf dem Schutt, den Attila zurückließ,
Erbauten, ein vergeblich Werk begonnen.
Ich machte mir mein eignes Haus zum Galgen.“

Anmerkungen:

Die besten Erläuterungen geben wieder wie fast immer Streckfuß und Pfleiderer. Wir zitieren aus den Seiten 74-77:

„55ff. Der hier sprechende Geist ist Peter von Vinea, von geringem Herkommen, aber von Kaiser Friedrich dem Zweiten (von Hohenstaufen) durch langjähriges unbeschränktes Vertrauen geehrt und zu den höchsten Würden emporgehoben. Endlich wurde er unredlichen Eigennutzes, des Einverständnisses mit dem Papste und selbst der Theilnahme an einem Versuche, seinen Wohlthäter zu vergiften, beschuldigt und ins Gefängniß gesperrt, wo er 1249, aus Verzweiflung, seinen Kopf an die Mauern stoßend, sich selbst tödtete.

93. In den folgenden Versen ist die Strafe, welche diejenigen trifft, die gegen ihr eigenes Leben Gewalt verüben, näher angegeben, und wir werden das oben angedeutete Verhältniß zwischen Verbrechen und Strafe auch in diesen sinnreichen Bildern erkennen. Wie der Selbstmörder, nicht erwartend die naturgemäße Entwickelung des allgemeinen Verhältnisses, sich hinabstürzt in das dunkle Land, so soll er in diesem nach Zufall dahin fallen, wohin ihn der Sturm treibt. Der Geist, den er naturwidrig entfesselte, soll naturwidrig gefesselt bleiben im Baume, benagt von den Harpyen der Gewissensbisse. Und wie er die Schauder seines Todes, sich selbst in seiner Phantasie als Leiche erblickend, in seinem Entschlusse mit sich herumtrug, so soll er sie für immer nahe haben durch den Leib, welcher an dem Baume, der die Seele birgt, einst aufgehangen werden wird.

109. In diesem Binnenkreis werden als Gewaltthätige gegen sich selbst auch diejenigen bestraft, die ihrem Gute Gewalt angethan, die wüthenden Vergeuder ihrer Habe, besonders die Spieler, als Sünder anderer Art, geschieden von den lustigern Verschwendern. Wenn diese nun in zwecklosen Bestrebungen sich bemühen, so werden jene von wüthenden Leidenschaften, wie von Hunden, gehetzt … Daß sie in der höchsten Noth sich noch höhnen, entspricht ebenfalls dem Charakter solcher Wüstlinge.

120. Lano von Siena stürzte sich in einer Schlacht bei Toppo, obwohl er sich durch Flucht retten konnte,  in die Feinde, um den Tod zu finden, und durch ihn dem Elende zu entgehen, in das er durch zügellose Verwüstung seines Vermögens sich gestürzt hatte. In der Hölle ruft er den Tod vergeblich zu Hilfe, deshalb gehöhnt von seinem zügellosen Genossen Jacob (einem andern Spieler, welcher sich in dem Strauch eines  Selbstmörders verbirgt, aus dem ihn die Hunde herausreißen.“ Soweit Streckfuß und Pfleiderer.

 

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