|
ETIKA D98 |
GESCHICHTEN |
http://www.etika.com |
|||||
|
98LC17 |
Gott straft: |
Katholisches Sonntagsblatt Bozen, 7. Juli 1935 |
|||||
Hilfe! Hilfe!
Es war in einem Eisenbahnzug in Mexiko. In einem der Wagen befanden sich mehrere Soldaten und ein paar junge Offiziere. Sie bemerkten unter den wenigen Reisenden einen Mann, der allein dasaß.
"Willst du mir glauben", sagte der eine Offizier zu dem anderen, "daß der Kerl da ein Pfaffe ist!"
"Aber nein! Wie kommst du auf diese Idee?"
"Warte nur einen Augenblick, ich weiß sicher, daß er ein Priester ist, wir können uns davon leicht überzeugen."
Unter den damals herrschenden Umständen
(Anmerkung: Man denke an jene, die den heiligen Miguel Pro verfolgten und das Land seit Karl Mays Zeiten bis heute unter Kontrolle haben; umso mehr freut uns die Lesebegeisterung unserer mexikanischen Freunde) wäre das Leben des Priesters in Gefahr gewesen, wenn die Soldaten ihn als einen solchen erkannt hätten.Der Offizier entfernte sich, legte sich in einem Coupé hin und rief mit verstellter Stimme:
"Hilfe! Hilfe! Ich sterbe! Man rufe einen Priester zu mir!"Die Stimme des Elenden klang durch den Wagen. Der vom Offizier als Priester bezeichnete Mann hörte sie und wurde unruhig. Er überlegte den Ernst der Sache, stand aber doch mutig auf, ging zu dem anderen Offizier und sagte zu ihm:
"Hier ist ein Priester, man lasse mich mit dem Kranken allein."
Er wurde zum "Kranken" geführt und bei ihm allein gelassen. Indessen lachten die Soldaten und redeten davon, wie leicht es sei, einen Priester zu entdecken. Dieser kam aber im nächsten Augenblick aus dem Coupé heraus. Sein Gesicht war blaß und seine Lippen zitterten.
"Zu spät", sagte er, "der Mann ist schon tot!"
Ein unbeschreibliches Staunen drückte sich auf den Gesichtern der Soldaten aus.
"Was? Wirklich? Er ist tot?"
"Ja, ohne Zweifel, der Offizier rührt sich nicht mehr, er ist eine Leiche."
Nach kurzer Zeit kam von den Soldaten einer nach dem anderen zu dem Priester.
"Hochwürden, das war eine Strafe Gottes, ich möchte wirklich beichten."