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ETIKA D98 |
GESCHICHTEN |
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Aus eiserner Zeit |
Nach dem Leben. Von J. Lauber. In: Unsere Fahne. Sodalen Korrespondenz für Studierende. V. Jahrgang, 4. Heft. 15. März 1915. Wien. Herausgegeben von der Zentralstelle für Mar. Kongregationen. |
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Vor einer Stunde war der letzte Freiwillige gegangen mit der Meldung: "Feind in Sicht! - Hilfe dringend nötig." Vor einer Stunde - und hätte in der halben Zeit zurück sein können. Und kam nicht, wie die beiden anderen nicht mehr gekommen waren.
Warum?
Die Kameraden wußten warum. Und froren, trotz des Feuers. Das wechselnde Licht der Flamme huschte über ernste, sorgenvolle Gesichter. Still war es im Kreise, lastend ruhig, bis einer sagte: "Auch der nimmer - keiner kommt zurück - kein einziger!" Es klang zerbrochen und hoffnungslos. Und wieder war es still.
Der junge Leutnant riß und zerrte in wachsender Erregung an seinem dürftigen Bärtchen, fuhr sich über das farblose Gesicht. Wirr flogen seine Augen über die feldgrauen Gestalten.
Und dann: "Freiwillige vor!"
Hatte erīs hinausgeschrieen? Ihm war, als zittere ein gellender Ton in den Ohren nach. Und war doch nur ein gebrochener Laut, ein klangloses Zischen gewesen: "Freiwillige vor!"
Aber alle hatten verstanden, jeder zuckte auf. Und dann sanken die fahlgewordenen Gesichter schwerfällig wieder herab und die Augen irrten am Boden. Wer jetzt ging - ging in den sicheren Tod. Sie wußten das und schwiegen.
"Geht keiner?"
Da - von hinten her - eilige, elastische Schritte. Eine jungfrische Stimme: "Melde mich gehorsamst, Herr Leutnant!"
Unteroffizier N. stand vor seinem Vorgesetzten. Der sah ihn unschlüssig an: "Nicht Sie, N., nicht Sie! Ihr Platz ist hier - ich kann Sie nicht entbehren."
"Zu Befehl! Herr Leutnant. Aber die Meldung ist wichtig. Wir brauchen Hilfe, der Feind rückt immer näher - und da" - eisenhart wurde die junge Stimme und die dunklen Augen wanderten blitzend durch die Reihen - "da ist keiner, der geht!"
Verlegenes Schweigen zuerst, dann Gemurmel und einer, ein Hüne mit kindlichen Blauaugen, sprang auf und schrie heiser: "Herr Unteroffizier, wir gingen umsonst. Wir müßten sterben, bevor wir hinüberkämen. Wo sind die andern geblieben? Die verd...... Rothosen schlagen alle nieder!"
"Ich gehe!" entgegnete einfach der junge Mann, "und so Gott will, komme ich hinüber."
Leutnant H. sah seinen Untergebenen prüfend an und einen Moment durchzuckte es ihn wie kalter Stahl: Du schickst ihn in den Tod - deinen Besten. Ist keiner wiedergekommen! Sollte er allein...? Unmöglich! Aber zum Teufel, die Nachricht muß hinüber, muß!
"Gehen Sie!" sagte er, nicht ganz so militärisch kurz wie sonst. Und er, der nie mehr gebetet hatte, fügte zögernd hinzu: "Mit Gott!"
"Mit Gott!" erwiderte ernst der junge Mann und hob die Hand grüßend zur Mütze.
Und ging.
Keiner folgte und als ein rauher Ton, wie widerwillig hervorbrechendes Schluchzen die Stille unterbrach, sah keiner den andern an.
Draußen erlosch der letzte Tagesschein in einem müden Bernsteingelb. Und die Dämmerung kam, sacht und heimlich, und zog alles in ihre schattenhaften Netze. Ein herbstlich feuchter Dunst entquoll dem Boden.
Unteroffizier N. ging, seine schwere Mission zu erfüllen. Ging ruhig, mutig - und wußte, daß er sterben ginge; aber der Gedanke schreckte ihn nicht. Er war gerüstet - seit lange. Maria war ihm durchs ganze Leben Mutter gewesen. Sie würde ihr Friedenslächeln auch seinem Ende schenken. Nur das eine erbat er sich: Seine Pflicht erfüllen und d a n n sterben.
Ein schwaches Singen, wie verwehter Glockenton, zitterte durch die glasklare Luft zu ihm herüber. Der junge Krieger lauschte unwillkürlich und wie Träumen glitt es über das kluge energische Gesicht. Und Bilder tauchten auf - ferne, liebe Bilder. Jetzt würden auch daheim die Abendglocken läuten. In Deutschland! Daheim!
Ein wehes Gefühl beschlich ihn plötzlich: es scheidet sich so schwer, wenn das Leben noch einmal anpocht, wenn noch einmal die Lieben daheim aus der Ferne lächeln. So deutlich sieht er sie vor sich, die hohen, schlanken, dunkeläugigen Gestalten, die Brüder und Schwestern, so greifbar nahe, daß er aufstöhnt in bitterem Trennungsschmerz. Und die Mutter, die gute Mutter. - Mütterchen, du wirst weinen um deinen Jungen! - Aber nur nicht weich werden, j e t z t nicht! Rasch warf er den Kopf zurück und, riß sich mit eiserner Energie zusammen.
Durch!
Vorwärts!
Gelassen schritt er weiter, sah sich prüfend um, doch nichts Verdächtiges zeigte sich. Er war nicht verwundert, ahnte ungefähr, wo sie ihm auflauern würden. Er warf einen raschen Blick auf die Uhr. 6 Uhr, 6 Uhr? Ach, richtig! Jetzt weiß er - jetzt ist ja die Abendandacht im Kloster, wo die Schwester weilt - seit Jahren. Und wie unendliche Ruhe überkommt es ihn. J e t z t betet sie - für ihn. Ahnt sie, daß er in Gefahr ist? Und er meint sie zu sehen in der lichtstrahlenden Kapelle - die liebe - ernste Schwester! O, nun ist alles gut! Und auch die Mutter wird beten - ist doch jeder ihrer Gedanken ein Flehen zum Himmel für den geliebten Jungen im Feld. Und ganz sicher fühlt und weiß er jetzt: ich komme hinüber, komme durch.
Unteroffizier N. zog sein Skapulier vertrauend an die Lippen und flüsterte: "Du sei mit mir - Mutter." Und schritt ruhig weiter, hinein in den grauflimmernden Abend. Ein Hohlweg nahm ihn auf, durch die stark um sich greifende Dämmerung ein doppelt unheimlicher Weg. Feucht-modrige Luft hauchte ihn an, legte sich schmerzend auf die Brust.
Am bleichen Nachthimmel erschien wieder ein weißes Flämmchen nach dem andern. Birkenblätter lispelten im Wind und in den Büschen knackte es und raschelte. Manchmal schrie ein Vogel auf - kurz und scharf. Sonst Stille.
Nach langem Wandern ging es plötzlich bergan, einer Lichtung zu, und diese Lichtung, das wußte er, barg die Gefahr.
Vorwärts!
Schon von weitem sah er eine schwarze, starrliegende Masse.
Die Kameraden!
Und - tot!
Eine der geballten Totenhände schimmerte gespenstisch zu ihm herüber. Doch sein Atem ging keine Minute rascher, kein Flor zog über die adlerscharfen Augen. Nur die Hände tasteten nach dem Skapulier. Dann maß er in aller Gemütsruhe die Schritte ab, um nicht über die Leichen zu stolpern.
Und dann - vorwärts - Schritt für Schritt.
S..... st! pfiff etwas an ihm vorüber, als er den Fuß auf die unheimliche Mauer setzte. Er zuckte kaum, turnte geschmeidig über die Toten. Da sauste wieder etwas daher, riß ihm fast den Helm vom Kopf. Und dann - Schuß auf Schuß - das schwirrte, pfiff und sauste durch die Luft - betäubend, sinnverwirrend. Doch keine traf.
Vielleicht, weil - allen unsichtbar - eine lichte Gestalt an der Seite des jungen Helden wandelte?
Vielleicht , weil eines lichten Mantels Falten ihn umwoben?
Unteroffizier N. kam glücklich hinüber, brachte als einziger die Meldung.
Und dann noch einmal der Todesgang zurück.
Schon lag die Nacht über dem Lande und nahm alles in ihre weichen Arme. Doch von ferne blitzten verheißend die Lichtsterne des Dörfchens.
Diesmal fiel an der verhängnisvollen Stelle kein Schuß. Nur einmal vernahm der junge Mann ein fernes Rollen und gleichzeitig bekam er einen heftigen Schlag auf den Arm und ihm war, als ströme alles Blut an einer Stelle zusammen. Er achtete nicht weiter darauf, stürmte vorwärts. Die Kameraden warteten und wer weiß, welche Kämpfe die Nacht brachte. Doch plötzlich flirrten rote Punkte vor seinen Augen, die Füße wollten den Dienst versagen. Da schleppte er sich mit Aufbietung aller Kräfte vorwärts. Dann stand er vor seinem Vorgesetzten.
Leutnant H. sah seinem jungen Untergebenen tief ergriffen ins totenblasse Gesicht. Die Feldgrauen aber drückten und schüttelten seine Hand und schrien: "Hurra!" - wie bei den großen Siegen.
Unteroffizier N. hörte wie aus weiter Ferne Stimmengewirr und Lachen. Dann verschlang ein großes Brausen alle Töne und ihm war, als sinke er irgendwo hinab, tief ins Unendliche - Uferlose....
Dann - Stille.
Nach ein paar Tagen lag er in einem deutschen Lazarett. Um ihn herum einfache, braune Bettstellen. Und auf blau-weiß gewürfelten Kissen bleiche, schmerzverzogene Gesichter. Zwischen diesen armen Schmerzenslagern schritten die weißen Gestalten der Pflegerinnen, reichten dort einen erfrischen Trank, oder saßen still an einem Bett, nur die fiebrige Hand eines Verwundeten in ihren kühlen haltend.
Auch über sein Bett neigte sich ein blondes Haupt, mitleidige Augen suchten die seinen. "Was ist nur mit mir, Schwester - ich darf doch hoffentlich bald aufstehen?" Die lächelte, wie über Allgewohntes: "Ein wenig müssen Sie sich schon von uns pflegen lassen. Die Verletzung ist zwar leichter Art, Kugel glatt durch den Arm, kein Knochensplitter. Aber Ruhe hat der Chefarzt anbefohlen, äußerste Ruhe. Sie haben Übermenschliches geleistet und sind durch den starken Blutverlust geschwächt. Also - einige Zeit Lazarett - dann, ja dann lassen Sie sich bei Lieb-Mütterlein gesund pflegen."
"Kein Gedanke!" brauste er auf, "ich will sofort zurück an die Front."
"Wir werden ja sehen."
Etwas unbefriedigt legte er sich auf das Keilpolster zurück. Aber dann kamen doch leise, leise - wie Sonnenstrahlen die Bilder der Heimat zu ihm. Da schloß er lächelnd die Augen und träumte sich in die Wiedersehensfreude hinein. Es würde schön sein, sie alle wieder zu sehen - die Mutter, die Geschwister - alle! Nur von einem träumte er nicht. Mit keinem Gedanken kam es ihm vor, daß er mehr getan haben könnte, als seine Pflicht. Und doch würde er das Eine daheim vorfinden - das eiserne Kreuz!