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ETIKA |
Gruselgeschichte
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98LC22 |
Atahuallpa |
11.1.2009 |
Hans Ludwig Rosegger:
Die blutrote Perle
Und andere Sonderbarkeiten. C. Seifert Verlag, Köstritz und Leipzig. 1910. S.
63 bis 68
Als ich Olaf Olafsen das erstemal sah, saß er in seinem finsteren, mit
Menschenknochen und Waffen überfüllten Zimmer; eine schwarze Brille deckte
seine Augen.
„Graudencius hat Sie mir empfohlen,“
sagte er leise, „um seinetwillen seien Sie mir willkommen — bitte, setzen Sie
sich in die Ecke hinter den Onyxschirm.“
Mir war es —
ich gestehe! — ein wenig unheimlich und — soll ich ganz ehrlich sein — ich
zitterte am ganzen Körper, als ich tastend den breiten Fauteuil suchte, in den
ich fröstelnd hinsank; eine im Dunkeln unsichtbare Uhr schlug, wie wenn kalte,
tote Menschenfinger aneinanderklatschten . . .
„Sie wünschen
mich wegen Ihrer Augen zu konsultieren, Olaf Olafsen?“
sagte ich fragend.
„Ja, Doktor,“
antwortete er, „und da muß ich wohl auch die Vorgeschichte meiner Krankheit,“
bei dem Worte „Krankheit“ lachte der Däne, den ich hinter dem Schirm nicht
sehen konnte, hell auf, und mir lief ein Eisschauer über den Rücken, „also die
Vorgeschichte meiner Krankheit erzählen . . . Dann raten Sie mir!“
Mir war so
unheimlich, daß ein Krampf, gleich eckigen Verbrecherhänden, meine Kehle
schnürte; so nickte ich nur lautlos — und trotz der Dunkelheit, trotz der Wand
zwischen mir und dem Patienten sah Olafsen die
Bewegung; und fuhr fort:
„Ich bin
vierzig Jahre alt — und war bis vor fünf Jahren völlig normal . . .
Auf meiner
dritten Reise nach Peru stieß meine Expedition am Alto
de Toledo auf eine Bande Spanier, die einen alten, weißhaarigen, verkrüppelten Aymará der
Zauberei beschuldigten und ihn auf einem glühenden Roste martern wollten .
. . Als Europäer, als Mensch durfte ich
diese Grausamkeit nicht dulden, und da die Horde auf Bitten und Geschenke nicht
achtete, befreite ich den Krüppel mit Gewalt und vertrieb seine Peiniger.
Der
verwachsene Aymará blieb regungslos auf dem
weißglühenden Roste sitzen; nur ein versteintes,
höhnisches Lächeln verzerrte sein Gesicht und ich hielt den Alten für
wahnsinnig oder tot.
„Ich bin weder
verrückt noch tot“, murmelte der Gelbe mir zischend zu. „Ich bin der letzte König der Inka, der Zauberer Atahuallpa.“ Und er griff nach einem brennenden Ast,
den er gierig verschlang.
„Schon recht!“
sagte ich möglichst gelassen und suchte in meinen Tonfall eine entschlossene
Härte zu legen.
Der Aymará zerrte mit seinen ausgedörrten Krallen an den Enden
seines filzigen Bartes: „Sie haben mich in
einem Autoexperiment gestört, Olaf Olafsen, aber
ich will Ihnen für Ihre vermeintliche Lebensrettung dennoch dankbar sein . .
. Sprechen
Sie einen Wunsch aus . . .“
Auf meinen
Reisen hatte ich schon merkwürdige Dinge erlebt — die sich schließlich doch höchst
banal lösten; Fakire und ähnliches Gelichter laufen in aller Welt herum — und
so erklärte ich mir den ganzen Vorfall mit dem eigentlichen „Inkakönig“ als
eine Falle, in die mich die Spanier locken wollten . . .
Der angebliche
Aymará war wohl eine Art Spion, der auskundschaften
sollte . . .; über dunkle Einzelheiten zerbrach ich mir nicht weiter den Kopf .
. .; auf die Komödie eingehen und auf der Hut sein, das ist das Zauberwort in
allen Lebenslagen . . .
Während meines
Nachdenkens und Zunickens lächelte der Gelbe abermals seine abscheuliche Fratze
im Totenkopfgesichte — so eilte ich, einen Wunsch zu sprechen: „Atahuallpa“ begann ich mit gekünstelter Bedachtsamkeit,
„ich will sehen, sehen, daß mein Auge
jede Materie durchdringt, ausgenommen menschliche Körper . . . „
Ein blödes
sinnloses Verlangen, ganz dazu angetan, einfältig zu scheinen und den Gegner in
Sicherheit zu wiegen . . .
Der Inka
wackelte mit dem Kopfe und ich hörte grausam das Knarren seiner Wirbelsäule . .
. mit einem weiten Sprunge kauerte er plötzlich vor mir und seine qualligen
Polypenfinger strichen über meine vor Schreck erstarrten Augenlider und ich
hörte die geflüsterten Worte: „Jagu, Jagu, il shattahan . . .“
Als ich aus
meinem Krampfe erwachte, war das Scheusal verschwunden . . . alles Nachsuchen
fruchtete nichts . . . und auch sonst kein Überfall, keine Gefahr . . . nichts
. . .
Lachend sagte
ich mir, einem Gauner oder Abenteurer, dessen Beweggründe ich nicht
durchschauen konnte, zum Opfer gefallen zu sein — und was mir neben der
ergebnisreichen Reise die Hauptursache blieb: ich sah zwar nicht besser als
früher, aber auch nicht schlechter . . .
Erst zwei
Monate später, in Lima, merkte ich eine eigentümliche Änderung — die Leute
schienen mir nur Schleiergewänder
über ihre Leiber gestreift zu haben . . . Berge,
Wälder, Städte, alles glich nur einem blassen Schein, der ein „Nichts“ bedeckte,
in dem nackte Menschen wandelten . . .
Doktor Praxides wies mich an einen Nervenarzt, doch ich floh in meinem fürchterlichen Zustande nach Europa,
suchte die berühmtesten Professoren und Gelehrten auf . . . vergebens . . . „
Olaf Olafsen schreitet fast unhörbar auf dem dicken Teppich . .
. der Onyxschirm trennt mich von ihm, die Nacht hüllt ihn ein . . . ich fühle
nur seine Bewegung . . . In der Wanduhr klatschen die kalten, toten
Menschenfinger . . . ein unsagbares Grauen hatte mich angefaßt und der
Angstschweiß stand mir auf der Stirn . . .
„Und so geht
es nun seit Jahren . . .“ fuhr der Däne tonlos, hoffnungslos fort; „für mich
gibt es auf der weiten, weiten Welt nichts
als Menschen, nackte Menschen, keine Nacht, keine Erde . . . nichts . . .
nichts als nackte, häßliche, ekle Menschen . . .
Das Gemeinste,
Unnatürlichste, Schändlichste, das sie im Verborgenen tun — es geschieht vor meinen Augen . . . ich
mag hinsehen, wo immer . . . überall Laster, Verbrechen, Krankheit . . . ich
sehe alle, wie sie sind . . . es ist
furchtbar .. . . für mich gibt es keine Ideale, keinen
Glauben, keine Täuschung . . . weil ich
die nackte Wahrheit sehe . . .“
Der Mann
schreit in Wahnsinn auf und stürzt zu Boden . . . ich springe zu ihm, die
schwarze Brille ist von seinen Augen geglitten und zwei glühende, dampfende
Kugeln schauen aus versengten Höhlen auf mich.
* * *
Am nächsten
Tage extrahierte ich auf meiner Klinik Olaf Olafsens
beide Augen.
* * *
Nun sitzt er
in einem Lehnstuhl im Garten des Krankenhauses, ringsum blühen Rosen, Nelken
und Reseden, Tulpen, Lilien und Veilchen . . . wucherndes Grün überall . . .
die Sonne leuchtet ihr strahlendes Licht . . .
Es ist Frühling, prangender, wonniger, seeliger
Frühling . . . und Olaf Olafsen, der Däne, starrt aus
den toten Höhlen seiner Augen in ewiges Dunkel . . .und seine zitternden Lippen
murmeln: „Herr des Himmels und der Erden, Ehre und Dank dir, daß ich blind bin
… daß ich blind bin . . .“
Anmerkungen ETIKA:
Der Verfasser ist ein
Sohn aus zweiter Ehe des von uns hoch geschätzten Dichters Peter Rosegger und
hat sich mit den absonderlichsten Dingen beschäftigt. Er wurde am 19. 8. 1880
in Krieglach in der Steiermark geboren und starb am 17.2.1929 in Graz,
vorzeitig – wie viele Darsteller in seinen Novellen.
Daß Indianer keinen
Bart tragen, wissen wir von Karl May.
Merkwürdigerweise fiel
uns am gleichen Tag, an dem wir dieses Buch in der Bibliothek holten, ein
Flugblatt über einen von einer Schamanin geleiteten Kurs für altperuanische
Praktiken in die Hand, natürlich auf C.
Da nicht wenige der
Geschichten in dem Buch mit Selbstmord enden, raten wir allen Lesern, zuvor den
Roman „Jedem nach seinen Taten“ von Vicente F. Delmonte zu lesen, wo das grausige Schicksal der
Selbstmörder im Jenseits abschreckend geschildert wird. Wir halten Hans Ludwig
Rosegger für einen schlechten Schriftsteller, dessen Werke zu Recht in
Vergessenheit geraten sind. Seine Weltanschauung ist melancholisch und
destruktiv. Siehe Personen .
Wir belassen die Schreibweise und Zeichensetzung, auch wenn
sie widersprüchlich ist.