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ETIKA |
GEDICHTE |
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98lp322 |
Der blinde König |
Ludwig Uhland |
Was
steht der nord´schen Fechter Schar
Hoch auf des Meeres Bord?
Was will in seinem grauen Haar
Der
blinde König dort?
Er ruft in bitterm Harme,
Auf seinen Stab gelehnt,
Daß überm Meeresarme
das Eiland widertönt:
"Gib,
Räuber, aus dem Felsverlies
Die Tochter mir zurück!
Ihr Harfenspiel, ihr Lied, so süß,
War meines Alters Glück.
Vom Tanz auf grünem Strande
Hast du sie weggeraubt;
Dir ist es ewig Schande,
Mir beugt´s das graue Haupt."
Da
tritt aus seiner Kluft hervor
Der Räuber, groß und wild;
Er
schwingt sein Hünenschwert empor
Und schlägt an seinen Schild:
"Du hast ja viele Wächter,
Warum denn litten´s die?
Dir
dient so mancher Fechter,
Und keiner kämpft um sie?"
Noch
stehn die Fechter alle stumm,
Tritt keiner aus den Reihn;
Der blinde König dreht sich um:
"Bin ich denn ganz allein?"
Da faßt des Vaters Rechte
Sein junger Sohn so warm:
"Vergönn mir´s, daß ich fechte!
Wohl fühl ich Kraft im Arm."
Oh
Sohn, der Feind ist riesenstark,
Ihm hielt noch keiner stand.
Und doch! in dir ist edles Mark,
Ich fühl´s am Druck der Hand.
Nimm hier die alte Klinge!
Sie ist der Skalden Preis;
Und fällst du, so verschlinge
Die Flut mich armen Greis!"
Und
horch! Es schäumet und es rauscht
Der Nachen über´s Meer.
Der blinde König steht und lauscht,
Und alles schweigt umher,
Bis drüben sich erhoben
Der Schild und Schwerter Schall
Und Kampfgeschrei und Toben
Und dumpfer Widerhall.
Da ruft
der Greis so freudig bang;
"Sagt an, was ihr erschauet!
Mein
Schwert, ich kenn´s am guten Klang
Es gab so scharfen Laut!" - -
"Der
Räuber ist gefallen,
Er hat den blutgen Lohn;
Heil dir, du Held vor allen,
Du starker Königssohn!"
Und
wieder wird es still umher,
Der König steht und lauscht:
"Was hör ich kommen über´s Meer?
Es rudert und es rauscht!"
Sie kommen angefahren,
Dein Sohn in Schwert und Schild,
In sonnenhellen Haaren
Dein Töchterlein Gunild."
"Willkommen!"
ruft vom hohen Stein
Der blinde Greis hinab - -
"Nun wird mein Alter wonnig sein
Und ehrenvoll mein Grab.
Du legst mir, Sohn, zur Seite
Das Schwert von gutem Klang;
Gunilde, du befreite,
Singst mir den Grabgesang."