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98LP47

Das Ende der Sünde

17.9.2013

 

„Wir brauchen eine Religion,
in welcher das Wort Sünde fehlt 1,
denn dann kann Niemand Menschen droh´n
mit Strafen in der Jenseitswelt.

Wenn dieses Wort erst ausgemerzt,
dann bleibt auch das Gewissen tot;
pas das Reugefühl, das schmerzt.
Der Mensch ist dann sein eigner Gott.

Nur er bestimmt, was ist Moral“ 2,
verkündet stolz der Laizist.
Ich selber treffe meine Wahl
Als Humanist, Illuminist 3.

Die Wahrheit ist nicht absolut,
erkennt sogar der Papst jetzt an 4.
Der Mensch ist ja das höchste Gut 5,
der Gottesglaube bloßer Wahn.

Ein Universum gibt es nicht,
ein Multiversum haben wir. 6
Vernunft – sie ist das wahre Licht 7.
Für uns gilt nur das Jetzt und Hier.“

Verloren ist, wer solches spricht,
wer an den Menschen glaubt statt Gott.
Wer hat das Leben euch geschenkt?
Welch Schicksal wartet nach dem Tod?

Ihr könnt nicht lassen von der Sünd´
und leugnet deshalb Gott den Herrn.
So bleibet stur und ewig blind,
des Wurmes 8 Beut´ im Erdenkern 9.

Die Sünde, die ihr abgeschafft,
die holt euch unten wieder ein.
Versucht es nur aus eigner Kraft,
zu trotzen auch der Höllenpein! 10

Anmerkungen:

1 „Das Ende der Sünde“, „La fine del peccato“, lautet die Überschrift einer Sonderseite in der römischen Zeitung „la Repubblica“ vom 7.9.2013 (R2 Cultura, No limits). In dem Interview behauptet die französische Psychoanalytikerin Julia Kristeva, „dass der Begriff der Sünde für den säkularisierten Teil der Bevölkerung seinen Sinn verliert“ („Nel momento in cui la nozione di peccato perde senso per la parte secolarizzata della popolazione …“)

2 Die Einstellung zur Moral ist es, welche die Menschheit spaltet. Umberto Veronesi listet auf: „Ma esistono problemi aperti soprattutto rispetto alla vita sessuale: i rapporti prematrimoniali, l´istituto matrimoniale stesso, la formazione delle famiglie, i rapporti omosessuali, il diritto alla procreazione.” (la Repubblica, 14.9.2013, S. 29) Wenn die Kirche sich von der christlichen Sittenlehre trennt, ist sie nicht mehr Kirche. Denn die Sittenlehre ist Ausdruck und Basis der Liebe. Ohne Treue keine Liebe, weder Gottesliebe noch Gattenliebe. Ehebruch ist Verrat an der Liebe. Deshalb wollen die Feinde die christliche Sittenlehre ersetzen durch ihre eigene. Kristeva: „Wir müssen eine laizistische Religion schaffen“ („Dobbiamo costruiere una religione laica“ (ebenda) Ähnlich Umberto Veronesi: „Perché possiamo non dirci cristiani, e fondare una morale laica basata sui principi della natura umana che hanno come riferimento non necessariamente Dio, ma sicuramente l´uomo.” (in dem Kommentar “Grazie Francesco”, in der “Repubblica” vom 14.9.2013, S. 29)

3 Illuminista, italienisches Wort für Anhänger der Aufklärung

4 Papst Bergoglio: “Ich würde zunächst auch für einen Glaubenden nicht von ,absoluter´ Wahrheit sprechen“ (Übersetzung von Radio Vatikan für: “… io non parlerei, nemmeno per chi crede, di verità ,assoluta´“, Antwort an Eugenio Scalfari, la Repubblica, 11.9.2013) Sowohl „la Repubblica“ als auch Radio Vatikan berichten, es gebe laut Papst keine absolute Wahrheit. Dies hat auch der modernistische Theologe Hans Küng in einer Stellungnahme zum Papstbrief so aufgefasst: „Einige Punkte aus theologischer Sicht scheinen mir wichtig: … Drittens: Keiner verfügt über die absolute Wahrheit“. („Terzo: nessuno dispone della Verità assoluta“, la Repubblica, 12.9.2013, S. 20)

5 Umberto Veronesi: „Ich glaube nicht an Gott, sondern an den Menschen“ (Credo non in Dio, ma nell´uomo“, la Repubblica, 14.9.2013, S. 1) Vergleiche die Aussage von Vito Mancuso: „Der entscheidende Punkt sind weder Christus noch die Kirche, sondern die Natur des Menschen“ („Il punto decisivo quindi non sono Cristo, la Chiesa, ma è la natura dell´uomo“, Kommentar in der „Repubblica“ vom 13.9.2013)

6 Julia Kristeva: „Die Menschheit erscheint uns nunmehr nicht mehr als Universum, sondern als ein Multiversum“ („L´umanità ormai non ci appare più come un universo, ma come un multiverso“, am angebenen Ort)

7 Die Illuministen stellen das Licht der Vernunft dem Licht Gottes entgegen. Johannes 1,4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Demgegenüber „Repubblica“-Herausgeber Eugenio Scalfari: „Eros è la forza della vita“ (15.9.2013, S. 25, „Eros ist die Kraft des Lebens“).

8 Der Wurm des Gewissens

9 Maßgebliche Kirchenväter und Kirchenlehrer gehen davon aus, dass sich die Hölle in der Erdmitte befindet.

10 Wenn sie davor keine Angst haben, sollen sie wenigstens Leo Tolstois Geschichte vom Tod des Iwan Iljitsch lesen (in: Meistererzählungen, Diogenes Verlag Zürich 1989)

Rainer Lechner, etika.com