ETIKA

Verborgene Gerechtigkeit

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Märtyrer mit geheimer Kraftquelle – Perpetuas Himmelsleiter

Joseph von Görres 1836
6.6.2006
23.5.2015

 

Joseph von Görres: Die christliche Mystik, Band 1, Zweites Buch
5. Die Mystik des Märtyrertums. (Seiten 210 – 221)

Während die (Einsiedler) in der Einöde, umgeben von allen Schrecken der Natur, die sie in sich und um sich fanden, mit den verwilderten Kräften derselben im Sinne des Christentums den harten Kampf ausstritten, hatten die Bekenner der neuen Lehre, die innerhalb des damaligen gesellschaftlichen Verbandes zurückgeblieben, nicht minder harten Streit  zu kämpfen mit allen den reißenden Trieben, die aus ihm hervor gegen das neue Prinzip wüteten: denn die Kirche, in Armut, Verfolgung, Kampf und Not und Tod gegründet, sollte überall auf die gleiche Weise, wie sie den Ursprung genommen, auch verbreitet und befestigt werden.

Es hatte aber das Heidentum – einerseits durch den herrschenden Epikureism in eine faule Jauche aufgelöst; andererseits durch den Stoizism im Hochmut kalter Verzweiflung aufgebläht – zu ihrer Bestreitung Bündnis mit der Politik der römischen Weltherren abgeschlossen. Diese, nachdem sie das Blut aller Völker getrunken, dann in den Bürgerkriegen im eigenen (Land?) sich zur Wut berauscht, und in den Tier- und Gladiatorenkämpfen alle Naturreiche lechzend nach ihm durchwürgt, hatte, immer noch nicht gesättigt, nun auch die Christen zur Beute sich erlesen.

Der Bund der Beiden drückte sich in der Forderung aus, die ihnen gemacht wurde, den Göttern zu opfern und beim Genius oder dem Glück des Kaisers zu schwören: weigerten sie sich nun dessen, wie sie mußten, dann tat der Tiger seinen Sprung auf sein Opfer hin, und die Unglücklichen fanden sich Allem preisgegeben, was die Wut und Raserei eines fanatisierten, durch das Vorgeben thyesteischer Mahlzeiten und ödipischer Blutschande noch mehr sich ereifernden Volkes ausführen, und der kalte Grimm wilder Schergen der Gewalt nur ersinnen mochte.

Nicht Ruf, Ansehen, Alter, noch auch Geschlecht mag einigen Unterschied in der Behandlung erwirken; Beschimpfungen, Wunden, Beraubung, Steinwürfe leiten das Trauerspiel ein, das dann in die Folterkammern übergeht.

Dort werden die Schlachtopfer auf den Folterstock gelegt, auf Räder gespannt, und durch die Schraube ihnen alle Gelenke aus ihren Fügungen gerenkt; während unterdessen die Liktoren ihnen die Seiten mit brennenden Fackeln  versengen, oder sie mit eingedrückten eisernen Krallen durchfurchen.

Mit Ketten wird ihnen wohl auch der Leib umschnürt, daß alle Gebeine brechen; mit spitzigen Rohrstäben werden Gesicht und Augen durchstochen; der Mund wird mit Faustschlägen zerschmettert, während Nägel den kaum mehr Atmenden die Füße durchbohren, und glühende Erzstangen, in die Weichen gelegt, sich tief einbrennen: so daß, nachdem wie es wohl geschehen, die Marter von Morgen bis zum Abend gedauert, der Leib ganz mit Wunden und Schwielen bedeckt, so verdreht und verrenkt erscheint, daß man die Menschengestalt nicht mehr an ihm erkennt, und es den Schergen selbst ein Wunder ist, daß noch Leben in solchem zerfleischten Körper zurückgeblieben.

Nun erst, nachdem sie durch diese Vorschule unerschüttert hindurchgegangen, werden sie auf die Richtplätze geführt; und dort entweder den wilden Tieren vorgeworfen, oder abwechselnd von Marterknechten zu tot geschlagen, daß sich das Fleisch von den Rippen löst, auch wohl auf glühenden eisernen Stühlen oder Rösten langsam gebraten; mit ölgetränkter Leinwand umwunden ins Feuer gestellt, daß alle Feuchte des Körpers wie Wachs geschmolzen herabträufelt; in glühende Kalköfen hineingeworfen oder auch paarweise, je nach den Geschlechtern zusammengekoppelt und wie bei den Najaden, die in unseren Tagen ein ähnlicher Bund des Fanatismus mit der Politik wieder hervorgerufen, im Wasser ersäuft: glücklich, wem milderes Urteil nur das Schwert zuerkennt.

Neun solche Stürme grimmigster Verfolgung hatten nacheinander gegen die junge Kirche sich erhoben; von einem zum andern schien die Wut der Hölle sich immer nur zu mehren: zuletzt am Übergange vom dritten zum vierten Jahrhundert hatte sie zum zehnten und letzten alle ihre Kraft gesammelt; zehnjähriges Schlachten wütete nun durch die ganze römische Welt beinahe ohne Unterlaß; eine ganze Christenstadt in Phrygien war mit allen ihren Einwohnern darüber im Feuer aufgegangen: endlich mußte die Grimmentbrannte sich vom Starkmute der Christen besiegt erkennen.

Der Terrorism hatte zuletzt selbst das heidnische Volk mit Abscheu erfüllt, und als nun einst nach entsetzlichem Gemetzel in Cäsarea, bei heiterem Himmel und reiner klarer Luft, die Säulen am Portikus der Stadt zu tropfen begannen, und obgleich weder Tau noch Regen gefallen, die Plätze und die Straßen des Ortes wie mit Wasser sich übergossen zeigten, da ging die Rede unter ihm, die Erde habe in unerklärlicher Weise Tränen vergossen, weil sie den verübten Frevel nicht länger ertragen könne, und damit sie dadurch den harten wilden Sinn der Menschen bezähme.

Das bezeichnete den Wendepunkt in der Gesinnung der Zeit, die Umkehr trat ein, als in jener Weltschlacht das Christentum gesiegt, und ein christlicher Imperator den Thron besaß: die Schreckenszeit war abgelaufen, und die entfesselten Scheusale, die die menschliche Natur in ihren Tiefen beschließt, mußten sich wieder in den Abgrund stürzen.

Es konnte nicht fehlen, denen, die solche Kämpfe festen Mutes und unerschütterten Vertrauens kämpften, mußten auch große Gnaden zu Teil werden: denn der, dessen Sache sie zu der ihren gemacht, mußte auch die ihre zur seinigen machen, und ihnen mit seiner Hilfe nahe sein.

Wenn die, welche in der Einsamkeit sich eingeschlossen, langsam und Schritt vor Schritt den Kampf mit dem Heidentume des Fleisches und seinem verkehrten Willen kämpften, und nur im Verhältnis, wie sie in dieser chronisch vorschreitenden Ascese (Aszese) weiter kamen, ihre Gaben zugeteilt erhielten; dann mußten diese unter Martern und Foltern schneller und ruckweise der Vollkommenheit entgegenreifen.

In Schmerzen und Blutvergießen wurde bei ihnen rasch die Macht des Blutes gebrochen, die Psyche entfesselt und gelöst, und in einer schnell vorschreitenden Ascese so Leib wie Seele bereitet und jener höheren Gaben empfänglich gemacht. Nur in seinen ersten Anfängen konnte daher dem Schmerze Gewalt über sie gestattet sein; waren diese erst einmal überstanden, dann traten schnell ekstatische Zustände ein, in denen der Stachel der Pein abgestumpft war, und höhere Tröstungen die Leidenden erquickten.

Daher das den Heiden unbegreifliche Wunder, daß unter all ihren Martern die Gepeinigten oft keinen Laut von sich gegeben, ja nach Stunden von göttlichen Dingen zu reden angefangen.

Bedeutend ist dafür das Wort, das die heilige Felicitas gesprochen. Als sie im Kerker, eines Kindes genesend, über die Geburtswehen aufgeschrieen, und der Kerkermeister ihr darüber gesagt:

Wie willst du doch die größere Pein ertragen, wenn die geringere dir so nahe geht?

hatte sie erwidert:

Dieser Schmerz ist mein Schmerz, der anderer aber der des Herrn, und der wird mir ihn tragen helfen.

Und ihr wie der Anderen Vertrauen wurde nicht zu Schanden. Als sie den Märtyrer Sanctius, den die erste Folter ganz verzogen, nach wenig Tagen zum zweiten Male auf die Folterbank brachten, in Hoffnung, er werde es nimmer auszudauern vermögen, wurde er in dieser zweiten Marter plötzlich erhoben und aufgerichtet, und hatte seine vorige Gestalt und den Gebrauch seiner Glieder wieder zurückerhalten: gerade als ob diese zweite Peinigung, sagen seine Akten, durch ein Wunder der göttlichen Gnade ihm vielmehr Heilung als Versehrung gewesen.

„Darum“, berichtet der Brief der Kirche von Smyrna über den Martertod des heiligen Polykarpus, „schien so Vielen Geißelschlag, Flamme und Folter angenehm und lieblich; und man hörte keinen Seufzer, wenn aus beiden Seiten das Blut herausfloß, die Eingeweide im geöffneten Leibe zu sehen waren, und selbst das Volk beim Anblick solcher Grausamkeit weinte. Denn der Herr, der Wächter und Hüter der Seelen, redete mit ihnen, linderte die gegenwärtigen Übel und versprach ihnen, wenn sie aushielten, das Reich der himmlischen Krone.“

Darum tröstet der Märtyrer Victor nach den Akten seine Mitstreiter mit dem, was er selbst darüber erfahren.

„Als ich“, sagt er ihnen, „auf dem Holze aufgehängt, von unerträglichen Ängsten gepeinigt war, rief ich den barmherzigen Herrn mit Bitten und Tränen an, und siehe! plötzlich erblickte ich ihn, das himmlische Zeichen unserer Erlösung in der Hand tragend, und er sagte mir: Friede sei dir Victor, fürchte dich nicht, denn ich bin Jesus, der ich selbst die Schmach und Martern in meinen Heiligen leide! Auf diese Stimme war mir sogleich eine solche Kraft eingegossen, daß ich alle Martern für gar Nichts achtete.“

Darum wird dem Märtyrer Flavianus, als er sich bei Cyprianus befragt, ob der Todesstreich schmerze, erwidert: Dieser Leib empfinde gar Nichts, wenn das Gemüt sich ganz Gott hingegeben hat. (Anmerkung ETIKA. empfohlen zur Nachahmung bei Versuchungen.)

Darum dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Akten der diocletianischen Verfolgung (Eusebius hist. eccles. VIII. B. c. 2.) versichern, es seien in ihr Weiber und Männer, von einer gewissen göttlichen Freudigkeit ergriffen, die sich gar nicht ausdrücken lasse, selbst in den brennenden Scheiterhaufen hineingesprungen.

·        Es geschah aber wohl auch öfter, daß bei solcher Gelegenheit die Elemente und die wilden Naturen ihren wieder gekrönten Herrscher erkannten, und ihn lange nicht zu versehren wagten.

Von dem heiligen Polykarpus, einem der früheren Märtyrer, erzählt der Sendbrief seiner Kirche: als das Feuer des Scheiterhaufens unter ihm angezündet worden, hätten die Flammen einen krummen Bogen gebildet, dessen Spitzen an den Enden in ziemlicher Weite gleich dem Segel eines Schiffes ausgespannt, den Leib des Märtyrers sanft umschlossen, so daß das Element keines der Glieder verletzt. Der Leib selber erschien Allen in herrlicher Farbenpracht, wie gebackenes Brot, oder wie Gold und Silber, und ein Weihrauch- und Myrrhen- oder anderer köstlicher Salbengeruch verscheuchte den übeln Rauchdampf des Feuers. Er muß zuletzt mit der Lanze getötet werden, und das Feuer wird dann sogleich durch das fließende Blut gedämpft.

Der Märtyrer Pionius erscheint nach dem Tode, als ob er ganz neue Glieder bekommen hätte; er hatte schönere Haare, einen blühenden Bart, alle Glieder waren so wohlgestaltet, daß man ihn für einen Jüngling hielt. Denn das Feuer hatte seinen Leib verjüngt, aus seinem Angesichte leuchtete eine wunderbare Anmut, und viele andere Zeichen englischer Wohlgestalt glänzten an ihm; so daß es den Christen Vertrauen, den Heiden aber Schrecken verursachte.

Wie das Feuer, so versagt sich wohl auch das Wasser dem Grimme der Heiden, und das Meer wirft unter heftiger Bewegung bei Cäsarea die Leiche des heiligen Apphianes wieder aus.

Auch die allerblutdürstigsten Bestien trauen sich, wie die Akten der diokletianischen Verfolgung berichten, eine Zeit lang nicht, die Leiber der Heiligen zu berühren, und wenden sich wohl eher gegen ihre Aufreizer zurück. Bisweilen schossen sie wohl auf die ihrer Harrenden los; aber gleichsam wie durch eine göttliche Kraft zurückgetrieben, ließen sie wieder ab, so daß eine zweite und dritte auf sie losgelassen, und mit Feuer und Eisen angestachelt werden mußten, bis sie endlich anbissen; ob es gleich bisweilen auch so nicht gelungen, und das Schwert alsdann enden mußte.

Das Gleiche wiederholt sich nach dem Sendbrief der Kirche von Vienne auch bei den Märtyrern von Lyon; Blandina bleibt den ganzen Tag am Pfahl gefesselt in Mitte der Tiere, keines wagt ihren Leib zu berühren. Von den glühenden Stühlen, auf denen die Märtyrer langsam braten, geht den Heiden ein Übelgeruch, den Christen aber ein lieblicher Wohlgeruch aus.

Auch die Prophetengabe besucht bisweilen die Leidenden. So liegt der heilige Laurentius in Feuersgluten auf dem Roste; sein Antlitz ist den Brüdern von Licht umstrahlt, und er weissagt nun vom Christentum in Rom, und von der Zukunft eines christlichen Kaisers, der die Elfenbeintore der Göttertempel schließen werde.

Nicht minder ist den Bekennern auch die Gabe der Vision verliehen, Nach dem Leben des heiligen Cyprianus, das Pontius, sein Diakon geschrieben, hatte der Bischof ein Jahr vor seinem Tode ein Gesicht, in dem ihm sein Martertum und die wesentlich dabei eintretenden Umstände seiner Verurteilung offenbart wurden.

Auch Pionius sah im Gebete, er werde mit den Seinigen am folgenden Tage ergriffen werden, und umwindet daher, als die Zeit gekommen, sich und seinen Gefährten den Hals mit einem Stricke, damit die Kommenden ihn schon gebunden finden.

In der Leidensgeschichte des heiligen Jacobus und Marianus, die um die Hälfte des dritten Jahrhunderts in Numidien gelitten, sieht der zweite einen glänzend weißen Thron, auf dem Einer wie ein Richter sitzt; gegenüber eine Bühne für die Bekenner, über die gerichtet wurde. Eine laute und ungemein starke Stimme ruft: Bringe den Marianus herzu. Er besteigt die Bühne; Cyprianus, zur Rechten des Richters sitzend, sagt lächelnd zu ihm: Komm und setze dich zu mir. Er sitzt nieder, die anderen Scharen werden verhört, und der Richter steht dann auf, und sie führen ihn zu seinem Gerichtshof. Der Weg aber geht durch anmutige Wiesen, von freundlich grünen Auen umkränzt; schlank zur Höhe aufsteigende Cypressen und himmelanstrebende Pinien umgeben den Ort mit munterer Grüne, wie mit einer Krone; in Mitte des Raumes aber gießt eine leuchtende Quelle ihr Wasser in vielen Strömen aus. Cyprianus ergreift die Schale, die am Rande des Brunnens liegt, füllt sie in seinem Wasser, trinkt dann, und nachdem er sie nochmals gefüllt, reicht er sie dem Gefährten; und dieser trinkt mit Lust, dankt Gott und erwacht, von seiner Stimme geweckt.

Jacobus hat an gleichem Tage ein ähnliches Gesicht. Er sieht einen Jüngling von unsäglicher Größe und Stärke, dessen offenes Kleid in so weißem Lichte glänzt, daß die Augen es nicht auszuhalten vermögen, dessen Gesicht dabei über den Wolken steht, während die Füße die Erde nicht berühren. Er wirft zwei purpurne Gürtel, den einen ihm, den anderen dem Gefährten in den Schoß und sagt: Folget mir geschwind!

Andere Gesichte sehen die schon Verherrlichten jenseits freudenvoll das Liebesmahl halten; ein Knabe aber, mit dem Palmenzweig in der Hand und der Rosenkrone auf dem Haupte, bewillkommnet die Schauenden und kündet ihnen an:

Morgen werdet ihr mit uns das Abendmahl halten!

Zu den Hungernden im Gefängnis kommt ein Jüngling von wunderbarer Größe, eine Schale in jeder Hand, mit Milch gefüllt, und tränkt und speist die Verschmachtenden; die Schalen aber nehmen nicht ab.

Als Montanus im Kerker mit dem Julianus einen Wortwechsel hat, wird ihm in derselben Nacht eine Offenbarung. Er kommt mit den Gefährten an einen hellen Ort, ihre Kleider werden weiß, ihr Fleisch wird ganz verändert, noch weißer als das Gewand und dabei so durchsichtig, daß man das Innerste des Herzens sehen kann. Er blickt nun auch in seine Brust, bemerkt dort einige Schmutzflecken, und versteht, daß sie davon gekommen, weil er mit Julianus nicht friedlich gewesen.

Perpetuas Himmelsleiter

Vor vielen anderen merkwürdig sind die Gesichte der heiligen Perpetua, weil die Heldenjungfrau sie selbst umständlich im Kerker aufgeschrieben, und weil ihr authentischer Bericht, bekräftigt durch das Zeugnis der Mitlebenden, überdem auch Beglaubigung gefunden durch das Zeugnis der Kirche, die ihn in den Versammlungen der Gläubigen vorzulesen verordnete; wobei er dann für uns in seinen Hauptmomenten wieder durch die Reden, die Augustinus bei dieser Gelegenheit abgehalten, noch weitere Bestätigung erlangt.

Geboren gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts in einer der Vorstädte Karthagos, von edlem Geschlechte, war sie im Jahre 202, etwa zweiundzwanzig Jahre alt, verheiratet, und hatte, als unter Geta die Verfolgung ausbrach, ein säugendes Kind. Die Eltern und ein Bruder lebten noch, ein anderer war gestorben; der Vater hat Alles aufgeboten, um sie von der Taufe abzuhalten, sie aber läßt sich nicht abwendig machen, wird in die Christengemeine aufgenommen, und sofort ergriffen und mit einigen Anderen in den Kerker geworfen. Hier steht sie furchtbare Hitze aus, das Kind verschmachtet beinahe an ihrer Brust, bis endlich der Bruder ihr größere Freiheit erkauft. Darauf sagt der Bruder zu ihr:

Du bist schon in großer Gnade, und so, daß du eine Offenbarung erbitten kannst, und dir gezeigt werde, ob wir zum Leiden kommen, oder frei werden.

Sie verspricht es ihm treulich, begibt sich ins Gebet und sieht nun eine goldene Leiter von wunderbarer Höhe, bis zum Himmel reichend; aber so schmal, daß nur immer Einer allein hinaufsteigen konnte: an ihrer Seite aber sind Schwerter, Lanzen, Angeln, Haken befestigt, so daß, wenn Einer saumselig im Steigen nicht immer zur Höhe blickte, er davon zerrissen und verwundet wurde. Unter der Leiter aber liegt ein ungeheuerer Drache, der den Aufsteigenden Fallstricke legt, und sie von ihr wegzuschrecken sucht. Es stieg aber Saturus zuerst hinauf, der damals noch nicht gefangen lag, aber dieses Vorzuges genoß, weil er später sich freiwillig überlieferte; er kam bis zur Höhe, gewendet gegen die Schauenden spricht er sofort:

Perpetua, ich warte deiner, aber sieh zu, daß der Drache dich nicht versehre!

Er wird nicht schaden im Namen des Herrn, erwidert sie; das Untier aber, als ob es die Heranschreitende fürchte, hob sich langsam; sie aber, die erste Stufe der Leiter betretend, trat ihm auf das Haupt und stieg nun mutig weiter. Oben tut sich der Staunenden die unermeßliche Weite eines Gartens auf, und in Mitte derselben sieht sie einen eisgrauen Mann sitzen, im Gewande eines Hirten; der war groß und melkte die Schafe, und um ihn her standen viele Tausende Weißgekleideter. Er erhebt das Haupt, und sie ansehend, sagt er:

Bist willkommen, Tochter!

ruft sie dann zu sich, und gibt ihr von dem Käse, den er gemolken, ein kleines Stück; sie nimmt es mit zusammengefügten Händen und ißt; und Alle, die herumstanden, sprechen Amen! Auf den Laut dieser Stimmen erwacht sie sofort noch essend an dieser, sie weiß nicht welcher Art von Süßigkeit; und wie sie dem Bruder erzählt, was sie gesehen, erkennen Beide, daß ihnen Leiden bevorstehe.

Sie haben in dieser Auslegung nicht geirrt; denn sie werden nach wenig Tagen verhört und verurteilt, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. In dem Kerker hat sie darauf nach wenig Tagen das zweite Gesicht.

Im Gebete kommt ihr plötzlich das Andenken ihres verstorbenen Bruders Dinokrates in den Sinn, und sie seufzte um ihn zu dem Herrn. In der Nacht sieht sie darauf diesen Bruder aus einem finsteren Ort, wo Viele beisammen waren, herausgehen; ganz erhitzt und lechzend vor Durst, mit schmutzigem Angesicht und bleich, mit der Wunde, die er hatte, als er sieben Jahre alt am Gesichtskrebse elend gestorben, allen Menschen ein Entsetzen. Zwischen ihr und ihm fand sich ein großer Zwischenraum, so daß die Geschwister nicht zueinander konnten; an dem Orte aber, wo Dinokrates weilte, stand ein Teich voll Wasser, der aber einen höheren Rand hatte, als der Knabe groß war. Dieser streckt sich aus, als ob er trinken wolle; sie aber erwacht, und erkennt nun, daß ihr Bruder leide, vertraut aber auch, daß ihr Gebet seinen Leiden abhelfen werde, und sie betet nun Tag und Nacht für ihn mit Seufzern und Tränen.

Nun wird sie wieder hellsehend, und der Ort, den sie zuvor finster gesehen, ist ihr jetzt erleuchtet, der Bruder aber mit reinem Leibe, gut gekleidet und behaglich; wo die Wunde gewesen, ist nur noch eine Narbe zurück; der Teich hat jetzt einen niederern Rand, daß er nur bis zur Mitte des Knaben reicht; es stand auf ihm eine Schale mit Wasser gefüllt. Und der Knabe fing an zu trink en, und die Schale nahm nicht ab. Er ging dann gesättigt vom Wasser weg, um nach Art der Kinder fröhlich zu spielen; und da sie erwacht, erkennt sie, daß er aus der Strafe entlassen war.

Am Tage vor dem Kampfe wird ihr nun das dritte Gesicht. Sie sieht den Diakon Pomponius im weißen Kleide mit Glöckchen behangen, der heftig an die Kerkertüre klopft, und als sie herausgeht, zu ihr sagt: Komm, wir erwarten dich! An seiner Hand geht sie durch rauhe, unebene Wege;  beim Amphitheater angekommen, führt er die Atemlose mitten auf den Kampfplatz, und sagt:

Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, und helfe dir streiten

worauf er von dann geht. Sie aber, aufsehend, gewahrt eine ungeheuere versammelte Volksmenge, und wundert sich, daß immer noch kein Tier auf sie losgelassen wird. Da geht aber ein Ägyptier von wilder Gestalt gegen sie heraus, um mit seinen Helfern gegen sie zu kämpfen; sie ihrerseits hat auch Hilfe, zwei Jünglinge kommen, ihr beizustehen. Sie nun, zum Kampfe entkleidet, und mit Öl gesalbt, wird wie ein Mann, während der Ägyptier seinerseits sich im Sande wälzt. Bald findet sich eine Gestalt hinzu solcher Größe, daß sie über die Höhe des Amphitheaters hinausreicht; ihr Kleid ist schön, unter der Brust  der Purpur zwischen zwei Gürteln, mit Glöckchen von Gold und Silber besetzt. Der Kommende trägt einen Stab wie ein Kampfherold und einen Zweig mit goldenen Äpfeln besetzt, und nachdem er Stille geboten, sagt er:

Dieser Ägyptier, wenn er diese überwindet, wird sie mit dem Schwerte töten; wenn sie aber ihn besiegt, wird sie diesen Zweig erhalten.

Er tritt darauf ab, und der Faustkampf beginnt. Der Gegner sucht ihr die Füße zu fassen, sie aber schlägt ihm mit den Fersen das Angesicht, wird in die Luft gehoben, und schlägt ihn immer so, als ob sie die Erde stampfte. Sie ersieht darauf ihre Gelegenheit, schlingt, Finger in Finger fügend, die Hände zusammen, und faßt sein Haupt, daß er auf sein Angesicht fällt, worauf sie ihm den Kopf zertritt. Das Volk beginnt zu rufen, und ihre Beschützer zu preisen; sie aber geht zum Kampfherold und empfängt den Zweig, und er küßt sie und sagt: Tochter, der Friede sei mit dir! Sie geht nun im Triumphe zu dem sanavirarischen Tore, erwacht und erkennt bald, daß sie nicht gegen Tiere, sondern gegen den Teufel streiten, der Sieg aber ihr zu Teil werden würde.

Da sind die Gesichte, in einfach edler, antiker Haltung aufgefaßt, die die Jungfrau vor ihrem Hingange gesehen. Im ersten besteigt sie die Jacobsleiter des neuen Bundes, die von dem Drachen in der Tiefe bis hinauf zum Alten der Tage im Himmelsgarten reicht, und erhält von ihm, nachdem sie durch die Marterwerkzeuge hinschreitend die Reinigung erlangt, in der Eucharistie die mystische Weihe. Die Kraft dieser Weihe bewährt sich dann im zweiten Gesichte, wo sie durch ihr Gebet den Bruder im Reinigungsorte selber wieder reinigt und befreit. Im dritten wird ihr dann Kampf und Sieg vorgebildet; der Drache will ihr in die Ferse stechen, sie aber zertritt sein Haupt. Der Preis des Sieges und der Glorie, an den errungenen Zweig vom Baume des Lebens geknüpft, ist dann in einem vierten Gesichte ausgelegt, das dem unterdessen gleichfalls verhafteten Saturus zu Teil geworden. Sie hatten, so schien es ihm, Alle ausgelitten; gingen nun aus dem Fleische heraus, und wurden von vier Engeln, nicht liegend, sondern aufgerichtet, als ob sie einen sanften Hügel hinanstiegen, in den Orient getragen. Sie sahen nun schon das erste unermeßliche Licht, und Saturus sagt zu Perpetua an seiner Seite:

Das ist, was uns der Herr verheißen; wir haben die Verheißung empfangen.

Bald öffnet sich ihnen ein weiter Raum, gleich einem Lustgarten voll Rosenbäumen und allen Arten von Blumen; die Bäume sind hoch wie Cypressen, ihre Blätter aber riesen (rieseln) unaufhörlich zur Erde nieder. Dort empfangen vier Engel, herrlicher denn die anderen, die Kommenden mit den Worten: Siehe, sie sind’s! und erweisen ihnen alle Ehre. Abgesetzt von denen, die sie getragen, durchschreiten sie nun den Raum auf breitem Wege, finden dort die Vorangegangenen, und werden von den Engeln zum Herrn hineingeführt, in einem Orte, dessen Wände sind, als ob sie von Licht erbaut wären, und an dessen Eingang vier andere Engel in weißen Stolen stehen . Auch sie gehen bekleidet hinein; sehen ein unermeßlich Licht, und hören eine vereinte Stimme, die unaufhörlich heilig! heilig! heilig! rief.

In Mitte des Ortes aber sitzt ein alter Mann, jugendlichen Angesichtes und mit schneeweißem Haare; seine Füße sind bedeckt, vier und zwanzig Älteste stehen zu seiner Rechten und Linken, und hinter ihm noch viele Andere. Sie harren nun in Verwunderung vor dem Throne; die vier Engel heben sie auf, sie küssen ihn und er wirft es ihnen von seiner Hand zurück. Die übrigen Ältesten aber sagten: Wartet! Und sie geben ihnen den Friedenskuß und sagten dann: Gehet nun und spielet! Saturus sagt darauf zur Perpetua: Du hast nun, was du verlangst; sie aber erwidert: Gott sei Dank! Wie ich auch im Fleische fröhlich war, so bin ich hier noch fröhlicher.

Das sind die vorzüglicheren Erscheinungen dieser Märtyrer Saturus und Perpetua, wie sie dieselben selbst beschrieben haben. Und es erging, wie sie gesehen hatten. Saturus wird von einem einzigen Bisse eines Leoparden niedergeworfen. Perpetua, von einer wütenden Kuh auf die Hörner gefaßt, flicht schon gepackt die Haare in einen Bund zusammen, weil es nicht ziemte, daß ein Märtyrer mit fliegendem Haare litte, damit es nicht scheine, als ob er in seiner ehre trauere; alle werden dann in das sanavirarische Tor zurückgeführt, und dort von den jungen Gladiatoren vollends mit dem Schwerte hingerichtet.

Joseph von Görres. Professor der Geschichte an der königlichen L. M. Universität in München: Die christliche Mystik. Neue Auflage in fünf Bänden mit einem Sach- und Namenregister. Erster Band. Regensburg. Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz, Buch- und Kunstdruckerei Act.-Ges. München-Regensburg. (vermutlich 1879/80))

Mit moderaten Änderungen der Rechtschreibung, wegen der ausländischen Leser.

Siehe auch ETIKA 18B6A205

Verborgene Gerechtigkeit