ETIKA

DAS LEBEN MARIAS

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28.4.2000

1-4G204

Marias Tugenden in stetem Wachstum

Die geheimnisreiche Stadt Gottes. Geschichte des Lebens der heiligsten Jungfrau Maria, wie sie der ehrwürdigen Klosterjungfrau Maria von Agreda geoffenbart wurde. 2. Buch, 4. Kapitel. Regensburg 1904

Die geheimnisreiche Stadt Gottes.
Geschichte des Lebens der heiligsten Jungfrau Maria, wie sie der ehrwürdigen Klosterjungfrau Maria von Agreda geoffenbart und von derselben in spanischer Sprache niedergeschrieben wurde.
Bearbeitet von L. Clarus.
Neue illustrierte Volksausgabe bearbeitet von Franz X. Kerer.
Mit kirchlicher Druckerlaubnis.
Regensburg 1904
2. Buch, Viertes Kapitel, S. 114f.

Von der hohen Stufe der Tugenden, auf welcher Maria sich befand.

Wenn auch Marias Seele mit bösen Begierden, die anderen Adamskindern zusetzen, nicht behaftet war, und sie daher von dieser Seite kommende Angriffe nicht zu überwinden hatte, so war sie doch der Empfindlichkeit des Schmerzes, der Neigung zum Ausruhen und der Unterlassung von Werken, die über die Pflicht hinaus gingen, unterworfen.

Diese natürlichen Neigungen zu überwinden, arbeitete Maria mit höchster Anstrengung. Alle ihre Tugenden strebten nach höchster Vollkommenheit. Man konnte nie sagen: dies oder jenes fehle noch, um vollkommen zu sein.

Zu den eingegossenen Tugenden gesellten sich noch die durch Übung erworbenen. Das beiden Arten von Tugenden gemeinsame Fundament der n a t ü r l i c h e n Tugend war in höchster Vollkommenheit bei Maria vorhanden. Sie machte ihre Vernunftschlüsse mit unvergleichlicher Lebendigkeit und Richtigkeit. Dabei kam ihr die eingegossene Erkenntnis des Erschaffenen, namentlich des Himmels, der Sonne und übrigen Gestirne, ingleichen aller Elemente, sehr zu statten.

Sie lud auch alle Geschöpfe ein, ihren Schöpfer zu loben und den Menschen hierin sich nachzuziehen, auch nicht zu ermüden, bis er zu der Erkenntnis gelangt wäre, welche er mittels ihrer haben konnte.

Die e i n g e g o s s e n e n Tugenden zerfallen in zwei Klassen. Die erste bilden diejenigen, welche Gott selber zu ihrem Gegenstande haben, und deswegen die theologischen genannt werden, nämlich Glaube, Liebe, Hoffnung.

In der anderen sind alle übrigen Tugenden, welche zum nächsten Gegenstande irgend etwas ehrwürdiges Gute haben, das die Seele auf ihren letzten Zweck, das ist Gott, hinführt. Diese sind die moralischen Tugenden, weil sie die Sitten betreffen. Obwohl ihre Anzahl sehr groß ist, hat man sie doch auf vier Haupttugenden zurückgeführt, welche man die Kardinaltugenden nennt: die Klugheit, Gerechtigkeit, Stärke, Mäßigkeit.

Maria besaß vom ersten Augenblick ihres Daseins an alle zur Vollkommenheit ihrer Seele notwendigen Tugenden. Gott erfüllte sie mit jeder Art des Guten und erhob sie auf die höchste Stufer der Vollkommenheit, wohin seine Allmacht nur eine reine Kreatur zu erheben vermochte, welche die Mutter seines Sohnes zu sein bestimmt war.

Alle ihre Tugenden waren in stetem Wachstume, die eingegossenen, weil sie dieselben durch ihre Verdienste erhöhte, und die erworbenen, weil sie dieselben selbst hervorgebracht und sich dieselben durch die heiligste Handlungsweise vermehrte.

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