ETIKA
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DAS LEBEN MARIAS

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11.4.2001

María von Ágreda

Christus nimmt in Bethanien Abschied von seiner Mutter

Die geheimnisreiche Stadt Gottes. Geschichte des Lebens der heiligsten Jungfrau Maria, wie sie der ehrwürdigen Klosterjungfrau Maria von Agreda geoffenbart wurde. 6. Buch, 8. Kapitel. Regensburg 1904, Seiten  317 - 320

Christus nimmt in Bethanien von seiner allerheiligsten Mutter Abschied, um sich am Donnerstag abends nach dem Abendmahle in das Leiden zu begeben. Maria begehrt von ihm, auch mit seinem allerheiligsten Fleisch und Blut gespeist zu werden. Sie folgt ihm mit Magdalena und anderen Frauen nach Jerusalem.

Die Zeit vom Palmsonntage bis zum Donnerstage brachte Christus zu Bethanien im Verkehre mit seiner Mutter zu, die Stunden ausgenommen, welche er Montags und Dienstags, nach Jerusalem zurückgekehrt, lehrend im Tempel zubrachte. Auf diesen Gängen nach Jerusalem trat Christus mit den Geheimnissen seines Leidens klarer hervor. Alle waren aber trägen Herzens, erfüllten wenigstens in diesen Tagen nicht, wozu sie sich vorher erboten hatten.

Mit der allerheiligsten Jungfrau dagegen handelte Christus im innigsten Verkehre die tiefsten Geheimnisse der menschlichen Erlösung ab. Er legte in ihrem Herzen dasjenige nieder, was David (Ps. 50, 8.) „die heimlichen und verborgenen Dinge der Weisheit Gottes“ nennt. Er gab ihr an, was sie während seines Leidens und Todes zu beachten hätte. Dabei erleuchtete er sie von neuem, und redete mit majestätischem Ernste von der erhabenen Sendung, deren Erfüllung so nahe bevorstand. Die Liebkosungen eines Sohnes und Bräutigams waren dem tiefen Ernst des höchsten Gegenstandes – der ihn nun beschäftigte, gewichen. Nicht zu beschreiben aber sind die Empfindungen, welche Marias Herz erfüllten und bewegten, als sich das Ende ihrer Unterhaltung nahte. Die geheimnisreiche Turteltaube begann bereits ihre schmerzliche Einsamkeit zu empfinden.

Am Donnerstag rief Christus vor Anbruch des Tages seine Mutter, und kündigte ihr an, dass die Scheidestunde bevorstehe, und dass das Opfer des Willens vollzogen werden müsse, das sie so oft dargeboten hätten. Sie möge ihm erlauben, zu gehen, zu leiden und für die Menschen zu sterben. Sie möge ihm helfen, den Gehorsam des ewigen Vaters zu erfüllen. Wie sie die Einwilligung gegeben zu seiner Menschwerdung, möge sie auch die Zustimmung zu seinem Tode geben. Mit der Bereitwilligkeit, welche sie bezeige, ihn dem Vater aufzuopfern, werde sie die Gnade vergelten, womit Gott sie zu Christi Mutter auserkoren; denn Gott habe ihn gesendet, dass er durch das Mittel seines zu Leiden fähigen Leibes die verlorenen Schäflein seines Hauses, d. h. die Kinder Adams, wieder finden und versammeln möge.

Diese Reden durchdrangen Marias Herz mit tiefem Schmerze, wie sie bis dahin noch nimmer empfunden. Widersprechende Empfindungen rissen dasselbe hin und her. Aber mit dem Starkmute einer rechten Himmelskönigin überwand sie diese unerträglichen Peinen, warf sich ihrem Sohne zu Füßen und sprach:

„Heißgeliebter Herr und Gott! du Urheber aller Wesen! bist du auch ein Sohn und eine Frucht meines Leibes, so bin ich doch deine Magd; denn deine unaussprechliche Güte hat mich aus dem Staube der Erde zur Würde deiner Mutter erhoben. Es ist billig, dass ich verächtlicher Erdenwurm für eine so freigebige Milde mich dankbar und erkenntlich erweise und dem Willen deines ewigen Vaters wie dem deinigen folge. Ich ergebe mich durchaus seinem Wohlgefallen, damit sein ewiger und angenehmer Wille an mir wie an dir zum Vollzuge komme.

Ø     Das größte Opfer, welches ich darzubringen vermag, wird das sein, nicht mit dir sterben zu können, und mich ohnmächtig zu sehen, deinen Tod zu verhindern oder selbst an deiner Statt sterben zu dürfen.

Könnte ich nach deinem Vorgange und in deiner Gesellschaft sterben, so würde mir das ein großer Trost in meinen Schmerzen sein, welche freilich beim Anblick der deinigen stets leicht erscheinen werden. Ich werde einen unsäglichen Schmerz empfinden, wenn ich dich in den Martern, welche du zum Heile des Menschengeschlechts erleidest, nicht zu trösten vermag. Nimm, o mein einziges Gut, das Opfer meiner Wünsche und den Schmerz, welchen ich darüber empfinden werde, dass ich dich sterben sehen muß, ohne selber das Leben einzubüßen, dich, der du doch das unschuldigste Lamm und das Ebenbild der Wesenheit deines ewigen Vaters bist. Auch den Schmerz nimm hin, von dem ich durchdrungen sein werde, wenn ich die Grausamkeit der Sünde des menschlichen Geschlechts an deiner anbetungswürdigen Person durch deine umbarmherzigen Feinde vollziehen sehen werde.

O Himmel, Elemente und darin eingeschlossne Geschöpfe, himmlische Geister, heilige Erzväter und Propheten! helft mir alle den Tod meines Heißgeliebten beweinen, welcher euch das Dasein gab.

Weinet mit mir über das Unglück der Menschen, welche Schuld an diesem Tode sein und dann das ewige Leben verlieren werden, das er ihnen verdienen soll, dessen große Wohlthat (Wohltat, Anm. für Computer-Übersetzung) sie jedoch nicht annehmen wollen. O ihr unglücklichen Verworfenen und ihr glückseligen Auserwählten, deren Kleider im Blute des Lammes gereinigt sind! Lobet den Allmächtigen ihr, die ihr diese Wohlthat zu benützen verstandet. Du aber, mein Sohn, meiner Seele unendliches Glück, stärke deine betrübte Mutter, nimm sie als deine Lehrjüngerin und Gesellschafterin an, damit ich teilhabe an deinem Leiden und an deinem Kreuze und der ewige Vater mit deinem Opfer auch das meinige, als das deiner Mutter, annehmen möge!“

Hierauf bat Maria, Jesus möge sie teilhaftig machen des allerhöchsten Geheimnisses seines Fleisches und Blutes, so dass sie ihn dadurch wiederum empfangen möge in ihrem Herzen. Sie erkenne zwar, dass keine Kreatur einer solchen Wohlthat würdig sei. Sie habe aber ihr Verlangen diesem Genusse von der Stunde an gewidmet, in welcher Christus seinen Entschluß ihr entdeckt, in seiner heiligen Kirche unter den verwandelten Gestalten des Weines und Brotes beständig zu bleiben.

„Kehre“, fuhr sie fort, „mein einziges Gut, kehre zurück zu der ersten und alten Wohnung deiner Mutter, deiner Freundin, deiner Dienerin, deiner Magd, welche du, damit sie dich in ihren Leib aufnehmen könne, von der allgemeinen Sünde erledigt hast. Jetzt will ich die Menschheit empfangen, welche ich dir aus meinem eigenen Blute mitgeteilt; wir wollen vereinigt bleiben durch ein neues Band, das mein Herz befestigen, meine Neigungen entflammen und bewirken wird, dass ich nimmer abwesend sein werde von dir, der du mein unendliches Gut und meiner Seele Liebe bist.“

Christus sagte seiner Mutter die Erfüllung ihrer Bitte zu, den Engeln aber trug er auf, sie in ihren Schmerzen und ihrer Einsamkeit zu trösten. Dann bat er sie, ihn, wenn er mit den Jüngern nach Jerusalem gehen würde, ein Stück Weges mit den übrigen Frauen zu begleiten, und diesen Mut einzusprechen, damit sie bei seinem schmählichen Tode nicht zaghaft würden, noch Ärgernis nähmen. Hierauf erteilte Christus seiner Mutter den letzten Segen. Der Schmerz der Trennung, den Sohn und Mutter nun empfanden, übersteigt alle menschliche Vorstellung, wie denn auch die beiderseitige Liebe über jeden menschlichen Maßstab hinausging.

Um die Mitte des Donnerstags machte Christus sich mit seinen Jüngern auf den Weg nach Jerusalem. Bei den ersten Schritten erhob er seine Augen gen Himmel, bekannte Gott mit Lob und Dank, und opferte sich selbst von neuem auf mit der höchsten Inbrunst der Liebe und tiefsten Ergebenheit seines Gehorsams.

Maria folgte Christo mit den heiligen Frauen bald nach, und bereitete ihre Genossinnen auf das ihrer wartende Schauspiel vor. Die Stärkste in dieser weiblichen Gesellschaft war Maria Magdalena. Sie hatte es in überwallendem Liebeseifer auf sich genommen, die Mutter Jesu beständig zu begleiten, sie zu bedienen und die ganze Zeit des Lebens hindurch keinen Schritt von ihr zu weichen.

Das Gebet der Aufopferung, welches Christus darbrachte, verrichtete auch Maria ihrerseits. Engel bedienten und begleiteten sie in sichtbarer Gestalt und unterhielten sie vom großen Geheimnisse ihres göttlichen Sohnes. Nur sie, nicht aber Menschen, vermochten die Inbrunst der maßlosen Liebe zu fassen, welche in Marias Herzen aufloderte.

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