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ETIKA |
DAS
LEBEN MARIAS |
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María von Ágreda |
Christus
nimmt in Bethanien Abschied von seiner Mutter |
Die geheimnisreiche
Stadt Gottes. Geschichte des Lebens der heiligsten Jungfrau Maria, wie
sie der ehrwürdigen Klosterjungfrau Maria von Agreda geoffenbart wurde. 6.
Buch, 8. Kapitel. Regensburg 1904, Seiten
317 - 320 |
Christus nimmt in Bethanien von
seiner allerheiligsten Mutter Abschied, um sich am Donnerstag abends nach dem
Abendmahle in das Leiden zu begeben. Maria begehrt von ihm, auch mit seinem
allerheiligsten Fleisch und Blut gespeist zu werden. Sie folgt ihm mit
Magdalena und anderen Frauen nach Jerusalem.
Die Zeit vom Palmsonntage bis zum Donnerstage brachte
Christus zu Bethanien im Verkehre mit seiner Mutter zu, die Stunden
ausgenommen, welche er Montags und Dienstags, nach Jerusalem zurückgekehrt,
lehrend im Tempel zubrachte. Auf diesen Gängen nach Jerusalem trat Christus mit
den Geheimnissen seines Leidens klarer hervor. Alle waren aber trägen
Herzens, erfüllten wenigstens in diesen Tagen nicht, wozu sie sich vorher
erboten hatten.
Mit der allerheiligsten Jungfrau dagegen handelte Christus
im innigsten Verkehre die tiefsten Geheimnisse der menschlichen Erlösung ab.
Er legte in ihrem Herzen dasjenige nieder, was David (Ps. 50, 8.) „die
heimlichen und verborgenen Dinge der Weisheit Gottes“ nennt. Er gab ihr an, was
sie während seines Leidens und Todes zu beachten hätte. Dabei erleuchtete er
sie von neuem, und redete mit majestätischem Ernste von der erhabenen Sendung,
deren Erfüllung so nahe bevorstand. Die Liebkosungen eines Sohnes und Bräutigams
waren dem tiefen Ernst des höchsten Gegenstandes – der ihn nun beschäftigte,
gewichen. Nicht zu beschreiben aber sind die Empfindungen, welche Marias Herz
erfüllten und bewegten, als sich das Ende ihrer Unterhaltung nahte. Die geheimnisreiche
Turteltaube begann bereits ihre schmerzliche Einsamkeit zu empfinden.
Am Donnerstag rief Christus vor Anbruch des Tages
seine Mutter, und kündigte ihr an, dass die Scheidestunde bevorstehe, und dass das
Opfer des Willens vollzogen werden müsse, das sie so oft dargeboten hätten. Sie
möge ihm erlauben, zu gehen, zu leiden und für die Menschen zu sterben. Sie
möge ihm helfen, den Gehorsam des ewigen Vaters zu erfüllen. Wie sie die
Einwilligung gegeben zu seiner Menschwerdung, möge sie auch die Zustimmung zu seinem
Tode geben. Mit der Bereitwilligkeit, welche sie bezeige, ihn dem Vater
aufzuopfern, werde sie die Gnade vergelten, womit Gott sie zu Christi Mutter
auserkoren; denn Gott habe ihn gesendet, dass er durch das Mittel seines zu
Leiden fähigen Leibes die verlorenen Schäflein seines Hauses, d. h. die Kinder
Adams, wieder finden und versammeln möge.
Diese Reden durchdrangen Marias Herz mit tiefem
Schmerze, wie sie bis dahin noch nimmer empfunden. Widersprechende Empfindungen
rissen dasselbe hin und her. Aber mit dem Starkmute einer rechten Himmelskönigin
überwand sie diese unerträglichen Peinen, warf sich ihrem Sohne zu Füßen und
sprach:
„Heißgeliebter Herr und Gott! du Urheber aller
Wesen! bist du auch ein Sohn und eine Frucht meines Leibes, so bin ich doch
deine Magd; denn deine unaussprechliche Güte hat mich aus dem Staube der Erde
zur Würde deiner Mutter erhoben. Es ist billig, dass ich verächtlicher
Erdenwurm für eine so freigebige Milde mich dankbar und erkenntlich erweise und
dem Willen deines ewigen Vaters wie dem deinigen folge. Ich ergebe mich
durchaus seinem Wohlgefallen, damit sein ewiger und angenehmer Wille an mir wie
an dir zum Vollzuge komme.
Ø Das
größte Opfer, welches ich darzubringen vermag, wird das sein, nicht mit dir
sterben zu können, und mich ohnmächtig zu sehen, deinen Tod zu verhindern oder
selbst an deiner Statt sterben zu dürfen.
Könnte ich nach deinem Vorgange und in deiner
Gesellschaft sterben, so würde mir das ein großer Trost in meinen Schmerzen
sein, welche freilich beim Anblick der deinigen stets leicht erscheinen werden.
Ich werde einen unsäglichen Schmerz empfinden, wenn ich dich in den Martern,
welche du zum Heile des Menschengeschlechts erleidest, nicht zu trösten vermag.
Nimm, o mein einziges Gut, das Opfer meiner Wünsche und den Schmerz, welchen
ich darüber empfinden werde, dass ich dich sterben sehen muß, ohne selber das
Leben einzubüßen, dich, der du doch das unschuldigste Lamm und das Ebenbild der
Wesenheit deines ewigen Vaters bist. Auch den Schmerz nimm hin, von dem ich
durchdrungen sein werde, wenn ich die Grausamkeit
der Sünde des menschlichen Geschlechts an deiner anbetungswürdigen Person durch
deine umbarmherzigen Feinde vollziehen sehen werde.
O Himmel, Elemente und darin eingeschlossne
Geschöpfe, himmlische Geister, heilige Erzväter und Propheten! helft mir alle
den Tod meines Heißgeliebten beweinen, welcher euch das Dasein gab.
Weinet mit mir über das Unglück der
Menschen, welche Schuld an diesem Tode sein und dann das ewige Leben verlieren
werden, das er ihnen verdienen soll, dessen große Wohlthat (Wohltat,
Anm. für Computer-Übersetzung) sie jedoch nicht annehmen wollen. O ihr
unglücklichen Verworfenen und ihr glückseligen Auserwählten, deren Kleider im
Blute des Lammes gereinigt sind! Lobet den Allmächtigen ihr, die ihr diese
Wohlthat zu benützen verstandet. Du aber, mein Sohn, meiner Seele unendliches
Glück, stärke deine betrübte Mutter, nimm sie als deine Lehrjüngerin und
Gesellschafterin an, damit ich teilhabe an deinem Leiden und an deinem Kreuze
und der ewige Vater mit deinem Opfer auch das meinige, als das deiner Mutter,
annehmen möge!“
Hierauf bat Maria, Jesus möge sie teilhaftig machen
des allerhöchsten Geheimnisses seines Fleisches und Blutes, so dass sie ihn
dadurch wiederum empfangen möge in ihrem Herzen. Sie erkenne zwar, dass keine
Kreatur einer solchen Wohlthat würdig sei. Sie habe aber ihr Verlangen diesem
Genusse von der Stunde an gewidmet, in welcher Christus seinen Entschluß ihr
entdeckt, in seiner heiligen Kirche unter den verwandelten Gestalten des Weines
und Brotes beständig zu bleiben.
„Kehre“, fuhr sie fort, „mein einziges Gut, kehre
zurück zu der ersten und alten Wohnung deiner Mutter, deiner Freundin, deiner
Dienerin, deiner Magd, welche du, damit sie dich in ihren Leib aufnehmen könne,
von der allgemeinen Sünde erledigt hast. Jetzt will ich die Menschheit
empfangen, welche ich dir aus meinem eigenen Blute mitgeteilt; wir wollen
vereinigt bleiben durch ein neues Band, das mein Herz befestigen, meine
Neigungen entflammen und bewirken wird, dass ich nimmer abwesend sein werde von
dir, der du mein unendliches Gut und meiner Seele Liebe bist.“
Christus sagte seiner Mutter die Erfüllung ihrer
Bitte zu, den Engeln aber trug er auf, sie in ihren Schmerzen und ihrer
Einsamkeit zu trösten. Dann bat er sie, ihn, wenn er mit den Jüngern nach
Jerusalem gehen würde, ein Stück Weges mit den übrigen Frauen zu begleiten, und
diesen Mut einzusprechen, damit sie bei seinem schmählichen Tode nicht zaghaft
würden, noch Ärgernis nähmen. Hierauf erteilte Christus seiner Mutter den
letzten Segen. Der Schmerz der Trennung, den Sohn und Mutter nun empfanden,
übersteigt alle menschliche Vorstellung, wie denn auch die beiderseitige Liebe
über jeden menschlichen Maßstab hinausging.
Um die Mitte des Donnerstags machte Christus sich
mit seinen Jüngern auf den Weg nach Jerusalem. Bei den
ersten Schritten erhob er seine Augen gen Himmel, bekannte Gott mit Lob und
Dank, und opferte sich selbst von neuem auf mit der höchsten Inbrunst
der Liebe und tiefsten Ergebenheit seines Gehorsams.
Maria folgte Christo mit den heiligen Frauen bald
nach, und bereitete ihre Genossinnen auf das ihrer wartende Schauspiel vor. Die
Stärkste in dieser weiblichen Gesellschaft war Maria Magdalena. Sie
hatte es in überwallendem Liebeseifer auf sich genommen, die Mutter Jesu
beständig zu begleiten, sie zu bedienen und die ganze Zeit des Lebens hindurch
keinen Schritt von ihr zu weichen.
Das Gebet der Aufopferung, welches Christus
darbrachte, verrichtete auch Maria ihrerseits. Engel bedienten und
begleiteten sie in sichtbarer Gestalt und unterhielten sie vom großen
Geheimnisse ihres göttlichen Sohnes. Nur sie, nicht aber Menschen, vermochten
die Inbrunst der maßlosen Liebe zu fassen, welche in Marias Herzen
aufloderte.