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ETIKA |
DAS
LEBEN MARIAS |
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María von Ágreda |
Maria
tröstet Petrus und die übrigen Apostel. Sie sieht Christi Seele zu den
Erzvätern in die Vorhölle hinabsteigen. |
Die geheimnisreiche
Stadt Gottes. Geschichte des Lebens der heiligsten Jungfrau Maria, wie
sie der ehrwürdigen Klosterjungfrau Maria von Agreda geoffenbart wurde. 6.
Buch, 23. Kapitel. Regensburg 1904, Seiten
362 - 365 |
†
„Wir dürfen die Worte nicht vergessen, welche mein allerheiligster Sohn vom Stamme des Kreuzes herab zu uns beiden geredet hat. Seine Liebe hat dich zu meinem Sohne, mich zu deiner Mutter ernannt. Du bist ein Priester des Allerhöchsten. Deshalb gebührt sich´s, dass ich dir folge in allem, was ich zu thun (tun) habe. Von dieser Stunde an gebiete mir. Ich bin allzeit eine Dienerin gewesen; meine ganze Freude besteht darin, dass ich gehorsame bis zum Tode.“
Johannes entgegnete auf diese, unter reichlichen Thränen (Tränen) vergossenen Worte:
„Frau, Mutter meines göttlichen Erlösers! Ich bin´s, der deinem Gehorsame unterworfen sein soll; der Name des Sohnes bezeichnet keine Herrschaft, sondern Unterthänigkeit (Untertänigkeit) unter die Mutter. Der, welcher mich zum Priester machte, hat dich auch zu seiner Mutter gemacht, und ist selbst deinem Willen und Befehle unterthänig gewesen, obwohl er Himmel und Hölle geschaffen hatte. Nichts ist daher billiger, als dass ich mich ebenso dir untergebe, und mit allen Kräften beflissen bin, den Auftrag, dein Sohn zu sein, zu erfüllen. Um meine Schuldigkeit recht zu thun, wünschte ich lieber ein Engel, als ein irdischer Mensch zu sein.“
Diese Antwort ließ Marias Demut nicht zu. Sie versicherte, es werde ihr Trost sein, Johannes zu gehorsamen. Sie müsse in diesem Leben allzeit einen Oberen anerkennen, dem sie ihren Willen und ihr Belieben unterwerfen könne. Zu diesem Ende sei Johannes ein Priester des Allerhöchsten, und als ihr Sohn schuldig, ihr diesen Trost in ihrer schmerzlichen Einsamkeit nicht zu versagen.
Johannes erwiderte, Marias Wille möge geschehen. Sie bat hierauf um Erlaubnis, allein bleiben zu dürfen, um sich in der Betrachtung der Geheimnisse ihres allerheiligsten Sohnes zu widmen, Johannes sollte inzwischen Sorge tragen, für die Frauen Nahrung herbeizuschaffen. Nur die Marien nahm sie aus, weil diese, bis sie den Auferstandenen gesehen, im Fasten verharren wollten. Als Johannes gethan, wie ihm geheißen, brachten die Frauen die Nacht in Trauer und unter Betrachtung zu.
Nachdem Maria allein geblieben, ließ sie alle Bitterkeit des Schmerzes auf sich eindringen. Sie brachte die ganze Nacht unter Weinen, Seufzen, Loben und Preisen der Werke ihres Sohnes zu, dessen Geheimnisse sie betrachtete.
Um vier Uhr in der Samstagsfrühe trat Johannes zu ihr herein, um sie zu trösten. Maria kniete vor ihm als Priester und Oberen nieder, und bat um den heiligen Segen. Um das Gleiche bat der neue Sohn. Beide segneten einander.
Maria bat Johannes, dass er sich in die Stadt begeben möge, wo er den heiligen Petrus treffen werde, den er trösten und ihr zuführen solle. Auch den übrigen Aposteln solle er Trost bringen, und allen die Hoffnung der Verzeihung und ihre Freundschaft antragen.
Johannes fand in der Nähe des Cönaculums den in Reue und Zähren zerfließenden Petrus, welcher sich schämte, vor seines Herrn Mutter zu erscheinen. Erkam von der Gruft, an welcher er seine Verleugnung beweint hatte. Der Evangelist tröstete ihn mit der von der heiligen Mutter empfangenen Botschaft. Beide suchten nun die übrigen Apostel und kamen mit etlichen in das Haus des Abendmahles.
Der erste unter ihnen, der hier eintrat, war Petrus. Er warf sich der Mutter der Gnaden zu Füßen und sprach im reumütigen, tiefsten Schmerze: Ich habe gesündigt, gesündigt vor meinem Gott, habe meinen Lehrmeister, habe dich selber beleidigt. Mehr konnte er nicht reden. Thränen und Kummer erstickten seine Rede.
Maria erwog, dass dieser Verleugner ihres heiligsten Sohnes der von demselben erwählte Stellvertreter und Oberhaupt der Kirche sei; es dünkte ihr nicht anständig, sich diesem, der den Meister verleugnet, zu Füßen zu werfen. Ihre Demut aber gestattete nicht, ihm von der Ehrerbietung etwas zu entziehen, die sie seinem Amte schuldig zu sein glaubte. Um beiden Rücksichten Rechnung zu tragen, bezeigte sie Petrus die Ehrerbietung, verschwieg aber die Ursache und sprach:
„Laß uns meinen Sohn um Verzeihung bitten für deine gegen ihn begangene Sünde.“
Sie verrichtete dieses Gebet, und erquickte den Apostel, indem sie ihn mit der Hoffnung stärkte und an die Werke der Barmherzigkeit erinnerte, welche Christus den Sündern erwiesen, sowie zu Gemüte führte, dass er, als das Haupt der Apostel, die Pflicht habe, mit seinem Beispiele alle in der Beständigkeit und dem Bekenntnisse des Glaubens zu stärken.
Nun kamen auch die übrigen Apostel zu Maria und baten sie ebenfalls fußfällig um Verzeihung, dass sie den Herrn verlassen. Alle beweinten ihren Fehltritt bitterlich. Die Anwesenheit der trauererfüllten und doch so mitleidigen Mutter des Herrn bewegte sie zu noch tieferem Schmerz. Allein die wunderbare Majestät ihres Antlitzes wirkte wahre Reue und Liebe zu ihrem heimgegangenen Meister.
Maria hob die Reuigen von der Erde auf, und sicherte ihnen Verzeihung zu. Jeder erzählte, was ihm seit der Flucht am Ölberge begegnet war, obwohl der heiligen Jungfrau das alles bekannt war. Sie hörte alles geduldig an, und nahm aus dem Gehörten Veranlassung, ihnen ins Gewissen zu reden. Den übrigen Teil des Tages brachte Maria einsam hin.
Gegen Abend wendete sie sich der Betrachtung der Werke zu, welche die Seele Christi verrichtet, seitdem sie den heiligen Leib verlassen. Sie hatte eine Anschauung, wie diese Seele, mit der Gottheit vereinigt, zu den Erzvätern in die Vorhölle hinabgestiegen, um sie daraus zu befreien.
Die Seele Christi war von einer unzählbaren Menge englischer Geister umgeben, welche ihren triumphierenden König priesen. Sie sprengten die Pforten, damit der König der Ehren einziehen könnte in seinem Glanze. Durch die Anwesenheit Christi verwandelte sich die bis dahin dunkle Gruft in einen hellen Himmel.
Alles war von einem wunderbaren Glanze angestrahlt, und die Seelen der dort befindlichen Gerechten wurden durch das Anschauen Gottes beseligt. Alle erkannten ihren wahrhaften Gott und Erlöser, gaben ihm Preis und Ehre und sprachen:
„Würdig ist das Lamm, das getötet worden, zu empfangen Macht und Gottheit und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Uns alle, o Herr, aus allen Stämmen und Sprachen, Völkern und Nationen, hast du erkauft mit deinem Blute und hast uns unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und wir werden herrschen auf Erden. Dein, o Herr, ist die Macht, dein das Reich und dein die Herrlichkeit deiner Werke.“
Der Herr gebot den Engeln, die Seelen, welche im Fegfeuer waren, vor ihn zu bringen. Dies geschah. Christus erlöste sie von den Peinen, welche sie bisher zu leiden gehabt. Die Seelen der Gerechten aber begnadigte er mit der beseligenden Anschauung. So fanden sich Vorhölle und Fegfeuer um jene Stunde leer. Nur der Hölle war dieser Tag schrecklich.