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10AN2 |
ANDACHT |
Handbuch des einfachen Lebens, Kap. 55 |
10AN2A
SICH
SAMMELN IN DER STILLE. "Hör auf mit dem, was du tust, schalt das Radio ab,
leg die Bücher weg, laß die Sorgen Sorgen sein, setz dich und laß die Stille
kommen. (nach Charles Singer)
Zuerst
müssen wir also alles, was uns hinderlich ist, aus dem Weg schaffen, müssen
alle unnützen und leeren Gedanken vom Herzen fern halten, alle Bilder
entfernen, die Sinne im Zaum halten (Luis von Granada, Girolamo
Savonarola).
10AN2B
Dies
ist nicht leicht, denn: "Dein alter Feind sucht im Grunde nichts
anderes, als dein Streben nach dem Guten zu lähmen... Er bestürmt dich mit
mancherlei bösen Gedanken." (Nachfolge Christi III 6)
10AN2C
Von
Vorteil ist es, sich einen Ort zu suchen, "wo Sinn und Geist
möglichst ungestört zu Gott gehen können" (Johannes vom Kreuz,
Ermahnung 229).
10AN2D
"Gott
ist uns nahe, aber durch unsere Zerstreutheit werden wir dieser Nähe nicht inne."
(Sr. Gertrudis Schinle, Betendes Gottesvolk 105)
10AN2E
Ziel
all dieser Bestrebungen ist somit, uns in Gottes Gegenwart zu versetzen (Franz
von Sales, Philotée 72). Bitten wir um die Gabe der Andacht.
10AN2F
MEDITATION
= BETRACHTUNG. Meditieren heißt, über sich und die Welt, über das Gute und das
Böse nachdenken, Gottes Liebe und Gerechtigkeit betrachten. Die Meditation
mündet sinnigerweise ins Gebet.
10AN2G
Luis
von Granada gliedert den Ablauf einer Meditation in sechs
Abschnitte:
1. Vorbereitung
des Herzens (mit angemessener Körperhaltung, Sammlung der Gedanken)
2. Lesung
eines nicht zu langen Textes
3. Meditation
über das Gelesene mit der Absicht, die Gemütsbewegungen und Wünsche
hervorzurufen, welche die Seele braucht, um sich vom Laster zu trennen und der
Tugend zu folgen, um in unseren Herzen Gottesliebe und -furcht zu erzeugen
(dabei steht manchmal mehr die Vorstellungskraft, manchmal mehr der Verstand im
Vordergrund)
4. Dankbezeigungen
für die erhaltenen Wohltaten (und für alles Übel, von dem er uns verschont hat)
5. Anbieten
und Aufopfern unseres Lebens zum Ausgleich für unsere Sünden und die erhaltenen
Wohltaten (uns selbst anbieten, damit Gott aus uns macht, was er möchte, und
alles, was wir tun und leiden, anbieten, damit alles zum Ruhm und zur Ehre
seines heiligen Namens geschehe
6. Bitte um
alles, was angebracht ist, so um unser eigenes Heil und das der ganzen Kirche.
10AN2H
"Alles,
was unser Herz zur Gottesliebe und -furcht und zur Beachtung seiner Gebote
anstachelt, ist Stoff zur Meditation." (Luis von
Granada, Buch des Gebets und der Meditation IV 1) "Unendlich
ist die Zahl der Dinge, über die man meditieren kann; so gibt es auch unzählige
Arten der Meditation; darunter ist jene die beste für den einzelnen, in der er
die größte Andacht und größeren Nutzen findet." (Luis von Granada,
Führer für Sünder, XVI)
10AN2I
"...
wie es im Himmel viele Wohnungen gibt, so gibt es auch viele Wege dahin. Einigen
ist es nützlich, wenn sie über die Hölle Betrachtungen anstellen, anderen, für
welche der Gedanke an die Hölle zu betrübend ist, wenn sie über den Himmel, und
wieder anderen, wenn sie über den Tod meditieren. Einige sind so weichherzig,
daß es ihnen sehr schwer wird, immer über das Leiden Christi nachzudenken.
Dagegen betrachten sie mit Freude und Nutzen die Macht und Größe Gottes in den
Geschöpfen, sowie die Liebe, die er zu uns getragen, und die aus allem
hervorleuchtet." (Teresa von Avila, Leben 13)
10AN2J
"Wenn
wir über das Leiden Christi meditieren, betrachten wir sechs Dinge:
Begnügen
wir uns nicht mit der Meditation dessen, was Jesus äußerlich erlitt, sondern
sehen wir mehr noch auf das, was ihn im Innern quälte; denken wir viel mehr an
die Seele Christi, an die Empfindungen und Gedanken in ihm als an den Körper
Christi." (Luis von Granada, Buch der Gebete und Meditationen XIX
2,6)
10AN2K
"Meditieren
soll man nicht im Akkord, als ob man ein Ziel hätte, das man unbedingt
innerhalb einer gewissen Zeitspanne erreichen muß. Es genügt, sich einen
oder zwei oder drei Gedanken vorzunehmen und sich mit diesen gründlich zu
befassen. Man verfahre wie bei der Ernährung; je maßvoller man jeden Tag die
Nahrung zu sich nimmt und dementsprechend besser verdaut, umso nützlicher
pflegt es für die Gesundheit zu sein." (Luis von Granada, aaO XVIII 8)
10AN2L
"Das
Gebet und die Betrachtung müssen einander stets die Hand bieten. Wenn es mit
der Betrachtung nicht fort will, so mußt du beten; und wenn das Gebet nicht
fließen will, so mußt du die Worte ein wenig betrachten. Kein Mensch, spricht
Bernhardus, kommt plötzlich obenan. Durch Aufsteigen, und nicht durch Fliegen,
erreicht man die obersten Sprossen an der Leiter. Darum lasset uns
hinaufsteigen, als wie mit zwei Füßen, nämlich durch die Betrachtung und das
Gebet." (August Hermann Francke)
10AN2M
DAS
MÜNDLICHE GEBET. "Das mündliche Gebet ist ohne das geistige wenig
fruchtbar." (Girolamo Savonarola, om Einleitung) Luther noch
drastischer: "Ohne das Gebet des Herzens ist das Gebet der Lippen ein
unnützes Gemurmel." Wie können wir erwarten, daß Gott unsere Anliegen
ernst nimmt, wenn wir sie nicht besser vorzubringen wissen als durch eiliges
Dahinplappern? Langsames, inniges Beten ist besser als ein großer
Wortschwall. Es kommt darauf an, die Seele reden zu lassen. "Gott
sieht mehr auf die Absicht als auf die Worte." (Girolamo Savonarola om II 2)
10AN2N
"Lege
nicht Wert darauf, die Worte sorgfältig auszusprechen, achte auch nicht auf den
Sinn der Worte, sondern achte auf Gott und bringe ihm deinen Wunsch vor und
richte die ganze Liebe deines Herzens auf ihn und bitte ihm um dauerhafte Dinge
für das Heil. Erhebe den Geist über dich." (nach Savonarola aaO II 3)
10AN2O
So
wie es der Gesundheit des Körpers dient, wenn er seine Mahlzeiten regelmäßig
bekommt und ihren Inhalt in Energie für Arbeit und Bewegung umsetzen kann, so
nützt es auch der Seele, wenn sie ihre geistige Speise regelmäßig bekommt und
davon mit guten Gedanken und Taten Gebrauch machen kann.
Wir
sollen das mündliche Gebet zu regelmäßigen Zeiten verrichten (Katharina
von Siena, Dialog 66).
10AN2P
Aber
zugleich ist es vorteilhaft, wenn wir unser Glaubensleben abwechslungsreich, nicht
eintönig gestalten. Es empfiehlt sich: bestimmte Gebete (etwa kurze Gebete,
das Einfache Gebet für alle, Heiligster Vater unser, Lobgebet zu jeder Stunde,
Gebet der hl. Birgitta u. a.) auswendig zu lernen, um sie immer bereit zu
haben; bestimmte Gebete jeden Tag zu beten; wenn wir Zeit haben, die
betreffenden Teile des Einfachen Breviers des Franziskus zu beten; uns einen
Gebetsschatz anzulegen, um jeder Situation gewachsen zu sein.
10AN2Q
Es
ist nicht nützlich, wenn wir den Kopf beim Beten überanstrengen. Gehen wir
einer anderen Beschäftigung nach, so sollten wir kein schwieriges oder zu
langes Gebet verrichten, sondern ein einfaches, kurzes, oder das
Herzensgebet: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner! Oder: Jesus Christus,
hilf uns, rett uns! Oder: Jesus Christus!
10AN2R
"Das
mündliche Gebet soll man abbrechen, wenn sich die Empfindung des geistigen
dazwischenschiebt." (nach Girolamo Savonarola om II 8)
"Wenn sich während des mündlichen Betens dein Herz zum inneren Gebot
gezogen fühlt, so widerstehe nicht, laß deinen Geist ruhig dazu übergleiten.
Wenn dann auch das mündliche Gebet, das du dir vorgenommen, nicht vollendet
wird, so mache dir keinen Kummer daraus, denn die Herzensandacht, die du statt
dessen verrichtest, gefällt Gott viel mehr, und sie ist heilsamer deiner Seele."
(Franz von Sales) "Dann, beim geistigen Gebet, kann man, wenn
man Zeit hat, auf das zurückkommen, was man zu sagen vorgehabt hatte; wenn man
keine Zeit hat, soll man sich weder sorgen noch ärgern noch verwirrt
werden." (Katharina von Siena, Dialog 66)
10AN2S
STÄNDIGES
INNERLICHES GEBET. "Das geistige Gebet sollen wir ohne Unterlaß
üben, denn man muß sich bemühen, soweit zu kommen - immer meditierend -, daß
wir uns selbst und die unendliche Güte Gottes in uns erkennen." (Katharina
von Siena, letzte Worte laut Barduccio Canigiani)
10AN2T
Wir
müssen das Gebet zur Hauptsache unseres Lebens machen und lernen, ihm
alles zu jeder Zeit unterzuordnen: arbeiten, essen, trinken, schlafen, Leid und
Freude empfinden. Denken wir immer an Gott. Beten wir ständig. Lieben wir,
danken wir, bitten wir, preisen wir den Herrn. Das ganze Leben soll ein Gebet,
soll Liebe sein. Dies ist die leichteste und schwerste
Übung des Christen. Sie heiligt ihn zur Vollkommenheit.
Dabei
ist es gleichgültig, ob man das Beten wie Charles de Foucauld definiert
als "an Gott denken und ihn dabei lieben", oder ob man sich mit Teresa
von Avila vornimmt: "immer weniger denken und immer inniger
lieben".
10AN2V
Martin
Luther gibt vielbeschäftigten, gehetzten Leuten den weisen Rat: "Ich
habe heute viel zu tun, darum muß ich heute viel beten."
10AN2W
Und
er meint: "Wie ein Schuster einen Schuh macht und einen Schneider einen
Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist Beten." Henriette
von Seckendorff fordert: "Das Gebet muß unser Element werden, und alle
unsere irdischen Arbeiten, unser Beruf usf. müssen mit dem Herrn begonnen,
fortgeführt und vollendet werden. Man darf und soll ja alles mit dem Herrn
besprechen; darüber sollen wir uns dankbar freuen und auch die kleinsten,
geringfügigsten Dinge im Aufblick zu Ihm tun, denn die eigenen Wege sind eitel
Unfall und Herzeleid." (Hausandachten 213)
10AN2X
Pater
Petrus Pavlicek: "Unser tägliches Beten dürfte sich nicht auf einige
Minuten... beschränken, sondern unser Beten müßte sein ein Beten, das nicht
aufhört hier auf Erden und sich fortsetzt im Himmel. Es müßte sein ein ewiges
Beten.
Ein
Beten um Verzeihung aller Sünden Gott gegenüber - ein Beten um die Bekehrung
aller Ungläubigen, Irrgläubigen, Abgefallenen. Ein Beten für alle Kranken,
Leidenden und Sterbenden. Ein Beten um die Heiligung aller Menschen und für
alle Verstorbenen. Aber auch jede Arbeit kann zu einem Gebet gemacht werden,
wenn man sie Gott aufopfert.
10AN2Y
Mich
wundert nur, daß nicht einmal die Christen darauf kommen, daß, je mehr sie Gott
loben, preisen, danken, lieben und Gott viel Freude bereiten und sich bemühen,
mit keinerlei Sünde ihn zu betrüben, sie umso mehr Gnaden erhalten.
Je
weniger Gott im Mittelpunkt unseres Lebens steht und verherrlicht wird, desto
mehr bleiben Gnaden aus, und dies bewirkt, daß so viel Sorgen und Leiden uns
Menschen bedrängen.
Wie
tief sind wir Christen doch verweltlicht! Wenn man ein Buch über das Leben der
Heiligen zur Hand nimmt, findet man darin immer wieder, daß Gott von den
Heiligen so innig geliebt wurde und wird, daß man ganz glückselig ist, wenn man
sich in seine Gegenwart vertieft und Zwiesprache mit dem Heiligsten aller
Heiligen halten darf. Nur der, der dies versucht hat und pflegt, wird verstehen
können, was Beglückendes das Gebet ist.
Würden
wir im täglichen Gespräch mit Gott über die Menschen und mit den Menschen über
Gott anfangen zu sprechen, ich glaube, die Sündenflut in der Welt würde immer
mehr schwinden und damit auch viel Leid in der Welt." (P. P. P.
in Betendes Gottesvolk, Nr. 105)
10AN2Z
Katharina
von Siena sagt, wir sollen stets "guten und heiligen Willen
haben" (Dialog 66). Das ständige Gebet besteht im "fortwährenden
heiligen Verlangen, das betet im Angesicht Gottes in dem, was du tust; denn
dieses Verlangen richtet alle deine geistigen und körperlichen Handlungen auf
seine Ehre" (Brief 26). Darin schließt sie sogar ein: "Jede Übung an
sich und am Nächsten, die man mit gutem Willen tut..., ist Gebet." (Dialog
66)
10AN2ZA
Von
den Hinweisen des Luis von Granada zur Übung des geistigen Gebets
seien angeführt:
10AN2U
ÜBUNGEN
1. Ständig beten
2. stets Verlangen nach Gott haben, Verlangen danach, ihm zu gefallen,
alles zu seiner Ehre zu tun
3. alles mit Gott besprechen
4. alles mit Gott beginnen, fortführen und vollenden
5. dem Gebet alles unterordnen
6. oft die Stille suchen und sich sammeln
7. meditieren über alles, vor allem das Leiden Christi
8. zu bestimmten Zeiten das mündliche Gebet üben
9. wann immer wir Zeit haben, bitten für das Heil der Nächsten (je
weiter wir diesen Begriff fassen, desto besser, denn desto inniger treten wir in
Verbindung mit der ganzen Schöpfung Gottes) und um die Verminderung des Leids