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13.6.2002

10AN2

ANDACHT

Handbuch des einfachen Lebens, Kap. 55

10AN2A

SICH SAMMELN IN DER STILLE. "Hör auf mit dem, was du tust, schalt das Radio ab, leg die Bücher weg, laß die Sorgen Sorgen sein, setz dich und laß die Stille kommen. (nach Charles Singer)

Zuerst müssen wir also alles, was uns hinderlich ist, aus dem Weg schaffen, müssen alle unnützen und leeren Gedanken vom Herzen fern halten, alle Bilder entfernen, die Sinne im Zaum halten (Luis von Granada, Girolamo Savonarola).

10AN2B

Dies ist nicht leicht, denn: "Dein alter Feind sucht im Grunde nichts anderes, als dein Streben nach dem Guten zu lähmen... Er bestürmt dich mit mancherlei bösen Gedanken." (Nachfolge Christi III 6)

10AN2C

Von Vorteil ist es, sich einen Ort zu suchen, "wo Sinn und Geist möglichst ungestört zu Gott gehen können" (Johannes vom Kreuz, Ermahnung 229).

10AN2D

"Gott ist uns nahe, aber durch unsere Zerstreutheit werden wir dieser Nähe nicht inne." (Sr. Gertrudis Schinle, Betendes Gottesvolk 105)

10AN2E

Ziel all dieser Bestrebungen ist somit, uns in Gottes Gegenwart zu versetzen (Franz von Sales, Philotée 72). Bitten wir um die Gabe der Andacht.

10AN2F

MEDITATION = BETRACHTUNG. Meditieren heißt, über sich und die Welt, über das Gute und das Böse nachdenken, Gottes Liebe und Gerechtigkeit betrachten. Die Meditation mündet sinnigerweise ins Gebet.

10AN2G

Luis von Granada gliedert den Ablauf einer Meditation in sechs Abschnitte:

1.    Vorbereitung des Herzens (mit angemessener Körperhaltung, Sammlung der Gedanken)

2.    Lesung eines nicht zu langen Textes

3.    Meditation über das Gelesene mit der Absicht, die Gemütsbewegungen und Wünsche hervorzurufen, welche die Seele braucht, um sich vom Laster zu trennen und der Tugend zu folgen, um in unseren Herzen Gottesliebe und -furcht zu erzeugen (dabei steht manchmal mehr die Vorstellungskraft, manchmal mehr der Verstand im Vordergrund)

4.    Dankbezeigungen für die erhaltenen Wohltaten (und für alles Übel, von dem er uns verschont hat)

5.    Anbieten und Aufopfern unseres Lebens zum Ausgleich für unsere Sünden und die erhaltenen Wohltaten (uns selbst anbieten, damit Gott aus uns macht, was er möchte, und alles, was wir tun und leiden, anbieten, damit alles zum Ruhm und zur Ehre seines heiligen Namens geschehe

6.    Bitte um alles, was angebracht ist, so um unser eigenes Heil und das der ganzen Kirche.

10AN2H

"Alles, was unser Herz zur Gottesliebe und -furcht und zur Beachtung seiner Gebote anstachelt, ist Stoff zur Meditation." (Luis von Granada, Buch des Gebets und der Meditation IV 1) "Unendlich ist die Zahl der Dinge, über die man meditieren kann; so gibt es auch unzählige Arten der Meditation; darunter ist jene die beste für den einzelnen, in der er die größte Andacht und größeren Nutzen findet." (Luis von Granada, Führer für Sünder, XVI)

10AN2I

"... wie es im Himmel viele Wohnungen gibt, so gibt es auch viele Wege dahin. Einigen ist es nützlich, wenn sie über die Hölle Betrachtungen anstellen, anderen, für welche der Gedanke an die Hölle zu betrübend ist, wenn sie über den Himmel, und wieder anderen, wenn sie über den Tod meditieren. Einige sind so weichherzig, daß es ihnen sehr schwer wird, immer über das Leiden Christi nachzudenken. Dagegen betrachten sie mit Freude und Nutzen die Macht und Größe Gottes in den Geschöpfen, sowie die Liebe, die er zu uns getragen, und die aus allem hervorleuchtet." (Teresa von Avila, Leben 13)

10AN2J

"Wenn wir über das Leiden Christi meditieren, betrachten wir sechs Dinge:

Begnügen wir uns nicht mit der Meditation dessen, was Jesus äußerlich erlitt, sondern sehen wir mehr noch auf das, was ihn im Innern quälte; denken wir viel mehr an die Seele Christi, an die Empfindungen und Gedanken in ihm als an den Körper Christi." (Luis von Granada, Buch der Gebete und Meditationen XIX 2,6)

10AN2K

"Meditieren soll man nicht im Akkord, als ob man ein Ziel hätte, das man unbedingt innerhalb einer gewissen Zeitspanne erreichen muß. Es genügt, sich einen oder zwei oder drei Gedanken vorzunehmen und sich mit diesen gründlich zu befassen. Man verfahre wie bei der Ernährung; je maßvoller man jeden Tag die Nahrung zu sich nimmt und dementsprechend besser verdaut, umso nützlicher pflegt es für die Gesundheit zu sein." (Luis von Granada, aaO XVIII 8)

10AN2L

"Das Gebet und die Betrachtung müssen einander stets die Hand bieten. Wenn es mit der Betrachtung nicht fort will, so mußt du beten; und wenn das Gebet nicht fließen will, so mußt du die Worte ein wenig betrachten. Kein Mensch, spricht Bernhardus, kommt plötzlich obenan. Durch Aufsteigen, und nicht durch Fliegen, erreicht man die obersten Sprossen an der Leiter. Darum lasset uns hinaufsteigen, als wie mit zwei Füßen, nämlich durch die Betrachtung und das Gebet." (August Hermann Francke)

10AN2M

DAS MÜNDLICHE GEBET. "Das mündliche Gebet ist ohne das geistige wenig fruchtbar." (Girolamo Savonarola, om Einleitung) Luther noch drastischer: "Ohne das Gebet des Herzens ist das Gebet der Lippen ein unnützes Gemurmel." Wie können wir erwarten, daß Gott unsere Anliegen ernst nimmt, wenn wir sie nicht besser vorzubringen wissen als durch eiliges Dahinplappern? Langsames, inniges Beten ist besser als ein großer Wortschwall. Es kommt darauf an, die Seele reden zu lassen. "Gott sieht mehr auf die Absicht als auf die Worte." (Girolamo Savonarola om II 2)

10AN2N

"Lege nicht Wert darauf, die Worte sorgfältig auszusprechen, achte auch nicht auf den Sinn der Worte, sondern achte auf Gott und bringe ihm deinen Wunsch vor und richte die ganze Liebe deines Herzens auf ihn und bitte ihm um dauerhafte Dinge für das Heil. Erhebe den Geist über dich." (nach Savonarola aaO II 3)

10AN2O

So wie es der Gesundheit des Körpers dient, wenn er seine Mahlzeiten regelmäßig bekommt und ihren Inhalt in Energie für Arbeit und Bewegung umsetzen kann, so nützt es auch der Seele, wenn sie ihre geistige Speise regelmäßig bekommt und davon mit guten Gedanken und Taten Gebrauch machen kann.

Wir sollen das mündliche Gebet zu regelmäßigen Zeiten verrichten (Katharina von Siena, Dialog 66).

10AN2P

Aber zugleich ist es vorteilhaft, wenn wir unser Glaubensleben abwechslungsreich, nicht eintönig gestalten. Es empfiehlt sich: bestimmte Gebete (etwa kurze Gebete, das Einfache Gebet für alle, Heiligster Vater unser, Lobgebet zu jeder Stunde, Gebet der hl. Birgitta u. a.) auswendig zu lernen, um sie immer bereit zu haben; bestimmte Gebete jeden Tag zu beten; wenn wir Zeit haben, die betreffenden Teile des Einfachen Breviers des Franziskus zu beten; uns einen Gebetsschatz anzulegen, um jeder Situation gewachsen zu sein.

10AN2Q

Es ist nicht nützlich, wenn wir den Kopf beim Beten überanstrengen. Gehen wir einer anderen Beschäftigung nach, so sollten wir kein schwieriges oder zu langes Gebet verrichten, sondern ein einfaches, kurzes, oder das Herzensgebet: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner! Oder: Jesus Christus, hilf uns, rett uns! Oder: Jesus Christus!

10AN2R

"Das mündliche Gebet soll man abbrechen, wenn sich die Empfindung des geistigen dazwischenschiebt." (nach Girolamo Savonarola om II 8) "Wenn sich während des mündlichen Betens dein Herz zum inneren Gebot gezogen fühlt, so widerstehe nicht, laß deinen Geist ruhig dazu übergleiten. Wenn dann auch das mündliche Gebet, das du dir vorgenommen, nicht vollendet wird, so mache dir keinen Kummer daraus, denn die Herzensandacht, die du statt dessen verrichtest, gefällt Gott viel mehr, und sie ist heilsamer deiner Seele." (Franz von Sales) "Dann, beim geistigen Gebet, kann man, wenn man Zeit hat, auf das zurückkommen, was man zu sagen vorgehabt hatte; wenn man keine Zeit hat, soll man sich weder sorgen noch ärgern noch verwirrt werden." (Katharina von Siena, Dialog 66)

10AN2S

STÄNDIGES INNERLICHES GEBET. "Das geistige Gebet sollen wir ohne Unterlaß üben, denn man muß sich bemühen, soweit zu kommen - immer meditierend -, daß wir uns selbst und die unendliche Güte Gottes in uns erkennen." (Katharina von Siena, letzte Worte laut Barduccio Canigiani)

10AN2T

Wir müssen das Gebet zur Hauptsache unseres Lebens machen und lernen, ihm alles zu jeder Zeit unterzuordnen: arbeiten, essen, trinken, schlafen, Leid und Freude empfinden. Denken wir immer an Gott. Beten wir ständig. Lieben wir, danken wir, bitten wir, preisen wir den Herrn. Das ganze Leben soll ein Gebet, soll Liebe sein. Dies ist die leichteste und schwerste Übung des Christen. Sie heiligt ihn zur Vollkommenheit.

Dabei ist es gleichgültig, ob man das Beten wie Charles de Foucauld definiert als "an Gott denken und ihn dabei lieben", oder ob man sich mit Teresa von Avila vornimmt: "immer weniger denken und immer inniger lieben".

10AN2V

Martin Luther gibt vielbeschäftigten, gehetzten Leuten den weisen Rat: "Ich habe heute viel zu tun, darum muß ich heute viel beten."

10AN2W

Und er meint: "Wie ein Schuster einen Schuh macht und einen Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist Beten." Henriette von Seckendorff fordert: "Das Gebet muß unser Element werden, und alle unsere irdischen Arbeiten, unser Beruf usf. müssen mit dem Herrn begonnen, fortgeführt und vollendet werden. Man darf und soll ja alles mit dem Herrn besprechen; darüber sollen wir uns dankbar freuen und auch die kleinsten, geringfügigsten Dinge im Aufblick zu Ihm tun, denn die eigenen Wege sind eitel Unfall und Herzeleid." (Hausandachten 213)

10AN2X

Pater Petrus Pavlicek: "Unser tägliches Beten dürfte sich nicht auf einige Minuten... beschränken, sondern unser Beten müßte sein ein Beten, das nicht aufhört hier auf Erden und sich fortsetzt im Himmel. Es müßte sein ein ewiges Beten.

Ein Beten um Verzeihung aller Sünden Gott gegenüber - ein Beten um die Bekehrung aller Ungläubigen, Irrgläubigen, Abgefallenen. Ein Beten für alle Kranken, Leidenden und Sterbenden. Ein Beten um die Heiligung aller Menschen und für alle Verstorbenen. Aber auch jede Arbeit kann zu einem Gebet gemacht werden, wenn man sie Gott aufopfert.

10AN2Y

Mich wundert nur, daß nicht einmal die Christen darauf kommen, daß, je mehr sie Gott loben, preisen, danken, lieben und Gott viel Freude bereiten und sich bemühen, mit keinerlei Sünde ihn zu betrüben, sie umso mehr Gnaden erhalten.

Je weniger Gott im Mittelpunkt unseres Lebens steht und verherrlicht wird, desto mehr bleiben Gnaden aus, und dies bewirkt, daß so viel Sorgen und Leiden uns Menschen bedrängen.

Wie tief sind wir Christen doch verweltlicht! Wenn man ein Buch über das Leben der Heiligen zur Hand nimmt, findet man darin immer wieder, daß Gott von den Heiligen so innig geliebt wurde und wird, daß man ganz glückselig ist, wenn man sich in seine Gegenwart vertieft und Zwiesprache mit dem Heiligsten aller Heiligen halten darf. Nur der, der dies versucht hat und pflegt, wird verstehen können, was Beglückendes das Gebet ist.

Würden wir im täglichen Gespräch mit Gott über die Menschen und mit den Menschen über Gott anfangen zu sprechen, ich glaube, die Sündenflut in der Welt würde immer mehr schwinden und damit auch viel Leid in der Welt." (P. P. P. in Betendes Gottesvolk, Nr. 105)

10AN2Z

Katharina von Siena sagt, wir sollen stets "guten und heiligen Willen haben" (Dialog 66). Das ständige Gebet besteht im "fortwährenden heiligen Verlangen, das betet im Angesicht Gottes in dem, was du tust; denn dieses Verlangen richtet alle deine geistigen und körperlichen Handlungen auf seine Ehre" (Brief 26). Darin schließt sie sogar ein: "Jede Übung an sich und am Nächsten, die man mit gutem Willen tut..., ist Gebet." (Dialog 66)

10AN2ZA

Von den Hinweisen des Luis von Granada zur Übung des geistigen Gebets seien angeführt:


10AN2U

ÜBUNGEN

1.    Ständig beten

2.    stets Verlangen nach Gott haben, Verlangen danach, ihm zu gefallen, alles zu seiner Ehre zu tun

3.    alles mit Gott besprechen

4.    alles mit Gott beginnen, fortführen und vollenden

5.    dem Gebet alles unterordnen

6.    oft die Stille suchen und sich sammeln

7.    meditieren über alles, vor allem das Leiden Christi

8.    zu bestimmten Zeiten das mündliche Gebet üben

9.     wann immer wir Zeit haben, bitten für das Heil der Nächsten (je weiter wir diesen Begriff fassen, desto besser, denn desto inniger treten wir in Verbindung mit der ganzen Schöpfung Gottes) und um die Verminderung des Leids

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