ETIKA

RELIGION

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31.5.2000

10GD19

Warum ist der Glaube erkaltet?

Andreas Pitsch, Müstair, 18.6.1997

Was ist Heiligkeit? - Die Streitende Kirche

Angesichts der erfolgten Säkularisierung von Kirche und Gesellschaft muß man sich die Frage stellen, welche Gründe dafür ausschlaggebend waren, daß der katholische Glaube immer mehr an Strahlkraft verloren hat. Der Umstand, daß viele Katholiken nicht mehr wissen, was Glaube bedeutet, und sie deshalb auch nicht mehr imstande sind, ihn an ihre Kinder weiterzugeben, ist die letzte Stufe einer auf Genuß ausgerichteten Gesellschaftsentwicklung.

Dazu beigetragen hat hauptsächlich der Modernismus, der geglaubt hat, man müsse die Kirche der "modernen" Welt anpassen, um mit der sogenannten "Menschheitsentwicklung" mithalten zu können und sich nicht lächerlich zu machen durch Festhalten an der Tradition. Das hatte zur Folge, daß die Wissenschaft die Stelle der Kirche einnahm, so als sei sie die Garantin eines menschenwürdigen und glücklichen Lebens. Diese "Wissenschaft" verkündet, im Gegensatz zur Kirche, nicht Gott sei der Urheber und Erhalter der Würde des Menschen, sondern der Mensch selbst.

Welche Auswirkungen hat nun dieses Autonomiebestreben auf das Denken des Menschen? Wie bereits Donoso Cortés schreibt, will der Mensch nicht mehr wahrhaben, daß er der Erbsünde unterworfen ist und somit der Erlösung und göttlichen Hilfe bedarf, um ein gottgefälliges Leben führen zu können und dadurch gerettet zu werden.

Leugnet der Mensch die Erbsünde, wird er sich weder der Gnadenmittel, noch des Gebetes, noch der Buße bedienen. Ebensowenig wird er sich den Stellvertretern Gottes auf Erden, der Kirche, dem Staat und jeder anderen notwendigen Autorität unterwerfen. Zur Rechtfertigung seines Tuns kommt nun seine Wissenschaftsgläubigkeit zum Zuge. Die "Naturwissenschaft" behauptet in diesem Falle: "Das Menschengeschlecht könne nicht von Adam und Eva abstammen, sondern sei in Millionen von Jahren aus dem Tierreich hervorgegangen. Daraus könne man erkennen, daß die Menschheit einer immer höheren Entwicklungsstufe zustrebe."

Die Geschichte der Menschheit bestätigt aber etwas anderes, nämlich eine Menschheit, bei der als Folge der Erbsünde der Verstand verdunkelt und der Wille geschwächt ist. Nichts stört deshalb heutzutage den liberal gesinnten Menschen so sehr, wie wenn man ihn zur christlichen Ausrichtung seines Lebens auffordert, damit er nicht der Verdammnis anheimfalle und auch seine Mitmenschen durch sein christliches Leben davor zu bewahren helfe.

Doch auch in der Politik, in der Wirtschaft und in der Familie ist man nicht mehr gewillt, christlichen Grundsätzen Geltung zu verschaffen, denn Religion darf nur noch Privatsache sein. Nach seiner Façon selig werden und andere nach ihrer Façon selig werden lassen, das ist die Devise des Liberalen: LAISSEZ FAIRE, LAISSEZ ALLER.

Und die Zehn Gebote? Diese seien veraltet, so wird behauptet, denn Religion sei nur ein Gefühl, das jeder in sich verspüre. Deshalb spricht man nur noch von Menschenrechten und nicht mehr von Pflichten, die man Gott und den Mitmenschen gegenüber zu erfüllen hat. Mit Recht hat der französische Pädagoge Payot in seinem Buch über die Erziehung des Willens am Anfang dieses Jahrhunderts bemerkt:

"Bis zum 18. Jahrhundert habe man dem Menschen hauptsächlich von seinen Pflichten gesprochen und dadurch seiner Willenskultur starke und stetige "Zumutungen" und Anregungen zuteil werden lassen. Danach habe man aber begonnen, nur noch von seinen Rechten zu sprechen und von der sogenannten Autonomie. Damit habe das Zeitalter des Sichgehenlassens, der Willensschwäche und der Zersplitterung begonnen."

Prälat Robert Mäder, ehemals Stadtpfarrer in Basel, war einer jener Priester, die nicht mitansehen konnten, wie die lau und feige gewordenen Katholiken sich dem Zeitgeist immer mehr anbiederten. Von seinen Gläubigen sagte er einmal, 90 % von ihnen wären liberal, und von den übrigen könne er sich bloß noch auf 1 % stützen. Prälat Mäder verlangte deswegen energisch von ihnen, sich wieder auf das überlieferte Glaubensgut zu stützen und den Kampf gegen die Irrtümer einer verblendeten Menschheit aufzunehmen, damit wieder eine Ordnung entstehen könne, in der Gott den ersten Platz einnimmt und nicht zum Zuschauer degradiert wird, wie wir es heute erleben.

In dieser Ordnung hat sich der Staat auf das Notwendigste zu beschränken, und nicht für alles und jedes zu sorgen, so wie es heute der Fall ist. Doch nicht diesen Irrtum (den Sozialismus) sah Prälat Mäder als den verhängnisvollsten für die Katholiken unserer Zeit an, "sondern die allgemeine Teilnahmslosigkeit, wo ein Volk an Händen und Füßen gebunden ist, seine Ketten aber nicht mehr spürt. Das ist der geistige Zustand, in dem sich zur Zeit die Völker Europas befinden. Sie sind die Kerkerluft so gewöhnt, daß sie nicht mehr nach Luft und Licht schreien."

Für Prälat Mäder gibt es nur ein Heilmittel dafür: die Selbstreform! Reform der Geister und der Herzen!

"Wo die Heiligkeit fehlt, stellt sich unausweichlich die Verderbnis ein" (Papst Pius X.).

Es stellt sich nun die Frage, was denn Heiligkeit ist?

Nicht umsonst nennt man die Kirche auf Erden "die Streitende Kirche". Julius Langbehn drückte das unmißverständlich in folgenden Worten aus:

"Wer um die Seelen nicht kämpft, wird deren nie gewinnen. Wer bei den heutigen Greueln der Verwüstung des Seelischen nicht wach ist, wer da nicht zur Rettung der Seelen auch zum Angriff übergeht, wird Gott nicht ganz dienen. Sieht man einen Menschen ertrinken, so muß man zugreifen, um ihn zu retten; sieht man einen Bruder - eine Seele - vor seinen Augen ermordet werden, so muß man zuspringen, um sie zu retten. Das ist das notwendige Gegenstück zum barmherzigen Samariter. Wer hierin handeln kann, es seiner Lebenseinstellung nach soll, und nichts tut oder sich auf das Beten beschränkt, der beteiligt sich am allgemeinen Seelenmord.

Mit Wort und Tat, mit den Waffen des Charakters, des Herzens, der Seele soll man immer die ewige Wahrheit verteidigen.

Nicht durch kleine, einzelne Mittel läßt sich die Zeit kurieren. Nur der Geist der Furcht Gottes, der alles durchdringt, vermag die Übel unserer Zeit zu heilen, auf daß aus der Urmacht der Barbarei, die, wenn auch überfirnißt, wieder eingebrochen ist, eine neue gottgetreue Kultur sich erhebe.

Drache ist die Welt, Jungfrau ist der Himmel, Ritter ist der Mensch. -

Nun, so sei der Kampf gewagt!"

Der Verfasser Andreas Pitsch leitet den Schweizer Verax Verlag, dessen Bücher und Tonkassetten wir sehr empfehlen.

 

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