ETIKA

WAHRHEIT

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2.1.2003

10WA2

Die Wahrheit liegt in der Einfachheit

Handbuch des einfachen Lebens, Kapitel 1

Jeder Mensch muß sich entscheiden

"...auf daß sie vollkommen seien in Einheit"

Dieses Handbuch des einfachen Lebens, das nun auch im Internet veröffentlicht wird, wurde im Geist der Ökumene verfaßt. Es soll Christen katholischer, evangelisch-lutherischer, reformierter, orthodoxer, anglikanischer, altkatholischer, koptischer oder anderer Konfession durch den Alltag, durch frohe und schwere Zeiten begleiten.

"Die Welt wartet darauf, daß die Christen in gemeinsamem Zeugnis und Dienst zusammenstehen", sagte ein evangelischer Landesbischof zum Papst am 17. November 1980 bei dessen Deutschlandbesuch, und der Bischof von Rom antwortete: "Miteinander sind wir gerufen, im Dialog der Wahrheit und der Liebe die volle Einheit im Glauben anzustreben."

Wenn wir wirklich "alle eins" sein wollen, wie Christus es uns aufgetragen hat (Johannes 17), müssen wir versuchen, mehr das Gemeinsame zu sehen und das Trennende zu beseitigen. Es ist höchste Zeit, und es gibt einen einfachen Weg: das Gebet. Nur mit dem Gebet werden wir die Einheit erreichen. Beten kann jeder. Finden wir zurück zum gemeinsamen Gebet. Achten wir darauf, wie die anderen beten. Übernehmen wir das eine oder andere Gebet und schaffen wir so eine "Bewegung von unten her". Stoßen wir uns nicht an gewissen Texten und Formulierungen, die uns fremd erscheinen. Denken wir vielmehr an das Wort Jesu in der Bergpredigt (Mt 5,22-24):

"Wer seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht überantwortet werden... Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe vor dem Altar und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann kommen und opfere deine Gabe." Wieso sollte dies nur für einzelne und nicht die ganze Kirche gelten?

Luis von Granada mahnt uns: "Die einen sollen nicht die Lebensweise der anderen verurteilen. Die einen suchen (die Gnade zu erlangen) mit Fasten und Selbstzucht und Härte gegenüber ihrem Körper; andere mit Almosengeben und Werken der Barmherzigkeit; wieder andere mit Gebet und ständiger Versenkung." Lösen wir uns von Vorurteilen und besinnen wir uns auf das, was Gott von uns verlangt: Versöhnung und Liebe.

Die Herausgeber haben einen bescheidenen Versuch gewagt, indem sie aus Werken von Autoren verschiedener Konfessionen ein Tages-, Wochen- und Jahresprogramm zusammengestellt haben, das Gläubigen wie Zweifelnden zum Nutzen gereichen kann.

Die ökumenische Bewegung muß erstarken, fordert die in Assisi erscheinende Zeitschrift "San Francesco" (Dezember 1983, S. 660): "Alle Christen zusammen müssen den Menschen helfen, in ihrer Existenz einen Sinn zu finden, und sie müssen gemeinsam auf die großen ethischen Probleme des Menschen unserer Zeit antworten, denn es geht um das Überleben der Menschheit."

Die Urchristen, unsere gemeinsamen Kirchenväter, Franziskus und so viele andere haben uns den Weg gewiesen, der zum Heil führt. Gehen wir mit ihnen gemeinsam, machen wir uns ihre Erfahrungen zunutze, folgen wir Jesus Christus. Es gibt nur eine Wahrheit: Gott.

Was hat das alles mit dem einfachen Leben zu tun? Die Antwort: Ein Christ hat keine andere Wahl als einfach zu leben. Elisabeth von Thüringen hat es genauso vorgelebt wie Charles de Foucauld, und Girolamo Savonarola und Luis von Granada haben höchst lehrreiche Anleitungen dazu verfaßt, die heute aktueller sind denn je.

Nur durch Selbstbeschränkung, durch Bescheidenheit und Verzicht lassen sich die für den einzelnen wie für die Menschheit immer bedrohlicheren Entwicklungen in vielen Lebensbereichen wieder in den Griff bekommen. Depression und Verzweiflung, Auflösung vieler Familien, Sittenlosigkeit, Hungerkatastrophen, Umweltvergiftung, Arbeitslosigkeit, Energiekrise - all diese Probleme können bewältigt werden, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen zurückkehrt zu einem einfachen Leben, sich mit dem Notwendigen begnügt, vom Egoismus abrückt, das Überflüssige den Armen gibt und nicht mehr die Götzen des Materialismus anbetet, sondern sich mehr mit den Werten des Guten beschäftigt.

Es geht um einen Wiederaufbau der Kultur, wie ihn Albert Schweitzer gefordert hat, um eine Erneuerung der Ideale, um eine Wiederbelebung der Ethik. "Ethik ist die auf die innerliche Vollendung seiner Persönlichkeit gerichtete Tätigkeit des Menschen", sagt Schweitzer; dazu soll aber "sein Wirken auf Menschen und Welt" kommen.

In einer gesunden Lebensordnung darf nicht die Materie über den Geist herrschen, sondern der Geist muß den Körper und alles Materielle beherrschen. Deshalb muß ein Buch über das einfache Leben dem geistigen Bereich Vorrang einräumen; sonst fehlten die Grundlagen. Was nutzt ein einfaches Leben, wenn der Mensch sich nicht durch die Tugenden zu vervollkommnen sucht und wenn sein Ziel nicht Gott ist?

"Alles Große und Edle ist einfacher Art", schrieb Gottfried Keller. Und Albert Schweitzer meinte: "Früh oder spät wird die Stunde schlagen, wo das Einfache und Natürliche als das Wahre erkannt werden wird."

Einfach leben kann man aber nicht von heute auf morgen. Der Prozeß der Loslösung von allem Überflüssigen und der Konzentration auf das Wesentliche dauert ein Leben lang, und wechselnde Situationen erfordern ständig neue Experimente. Die Herausgeber dieses Handbuches haben Methoden aus zwei Jahrtausenden gesammelt, mit denen Erkenntnisse zur Selbstbefreiung und -vervollkommnung gewonnen werden können. Auch Gandhi, ein nichtchristlicher "Apostel christlicher Tugenden" (laut Vatikan), fand dabei Berücksichtigung.

Niemand möge sich täuschen: Erkenntnisse allein genügen nicht. Man muß sie anwenden, die Gedanken zur Tat werden lassen. Dies ist mühsam und langwierig, wenn es um Tugenden geht. Und jeder Mensch hat seinen eigenen Weg zu gehen. Erst am Ziel werden wir wieder alle vereinigt sein.

Das einfache Leben ist nur dann zu verwirklichen, wenn wir das Gebot Christi ernst nehmen: Betet ohne Unterlaß! Erst dann erschließen sich Fülle und Segen des Lebens, erst dann findet der Mensch zum Sinn und Ursprung des Lebens zurück.

Alle Menschen sehnen sich nach Frieden. Aber wenn sie sich selbst nicht erneuern, werden sie ihn nie erhalten. "Der Friede beginnt in der eigenen Familie", mahnt Mutter Teresa und fleht: "Bitte, bringt das Gebet in das Familienleben zurück! Lehrt eure Kinder beten und betet mit ihnen!"

Nur durch die ständige Verbindung mit Gott kann jeder seine große Aufgabe erfüllen, die Liebe heißt.

Gott zur Ehre!


"Ich halte es für falsch, Sicherheiten in dieser Welt zu erwarten, wo alles außer Gott, der die Wahrheit ist, ungewiß ist." (M. K. Gandhi, Autobiographie, Verlag Karl Alber,Freiburg/München 1960, 228)

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