ETIKA

ATHEISMUS

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19A6

Die ohne Glauben (II):
Bodei u. a. – Dostojewskij als Gegenpart

Deutsch und italienisch
6/2006

 

I senza Dio – Bezbojnik – Atheismus als Flucht vor der Angst
Dostojewskis Staretz Sossima gibt jedem Schuld

Die atheistischen und nichtchristlichen Philosophen suchen verzweifelt Auswege aus ihrer Unfähigkeit, die Welt erklären zu können. Da sie die christliche Lehre nicht akzeptieren, entlehnen sie Bruchstücke daraus als Notlösungen, um wenigstens irgend etwas erklären zu können. Sie zitieren irgendwelche früheren Autoren mit Erkenntnissen, die der christlichen Wahrheit entsprechen, fügen aber immer etwas Antichristliches hinzu, was den Leser total verwirrt. Eben dies will der Diabolos, der Durcheinanderwerfer. Denn wer die Welt nicht erklären kann, das Vertrauen in Gott verliert und verzweifelt, wird seine Beute.

Mit Dostojewskij werden wir antworten auf die anschauliche Zusammenfassung der atheistischen Gedankenwelt in dem Werk:

Remo Bodei: I senza Dio
Figure e momenti dell´ateismo, a cura di Gabriella Caramore, Editrice Morcelliana, Brescia, 2001

Der Atheismus erscheint in dem Buch als notwendige Reaktion auf Mängel der Theologie. Er macht sich Fehler und Unklarheiten der christlichen Autoren zunutze, vermag aber keine Alternative anzubieten, die sich nicht auf christliches Gedankengut stützt. So basteln sich die Atheisten eine Behelfsreligion, die aber wie ein Kartenhaus zusammenfällt, wenn Gott sich offenbart, dem einzelnen oder in der Zukunft.

In der Einleitung schreibt Gabriella Caramore:

Il „Dio-con-noi è il Dio che-ci-abbandona“, dice più volte Dietrich Bonhoeffer, per il quale è necessario che nel mondo adulto – quello in cui ci tocca e vogliamo abitare – portiamo alla luce “l´essere senza Dio del mondo”. (p. 13 e 14)

Was meint der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, wenn er sagt, daß Gott uns verläßt? Bezieht er diese Bemerkung etwa nicht nur auf das Diesseits? Hofft er nicht mehr auf das ewige Leben in Gott? Viele Zweifel entstehen in der Kirche selber. Später noch mehr von Bonhoeffer.

Caramore verharmlost den Atheismus als Bewegung, die nicht so sehr Gott verneinen, als vielmehr festschreiben will, daß wir „es“ aus eigener Kraft schaffen sollen (S. 24).

Die Diskussion über Gott und seine Verneinung kreist nach ihren Angaben derzeit um die Themen Tod, Schmerz, Ungerechtigkeit und das unnütze Leiden (S. 29 und 30). Als weitere solcher Knoten fügt sie dann die Sünde und die Freiheit des Menschen hinzu (S. 35).

Wären doch die heutigen Christen so belesen wie die Atheisten! Von Spinoza (Deus sive natura) über Gottfried Keller (Gott ist überall) und Don Giovanni (der die Hölle herausfordert) spannen die Autoren den Bogen bis zu Nietzsche (Wer hat Gott getötet?), Goethe (Mensch liefert sich Mephisto aus), Robespierre (wenn es keinen Gott gäbe, so wäre es dennoch für den Bürger gut, an ihn zu glauben) und den Religionsfeinden Feuerbach und Marx.

Noble Gedanken entwickelt Leopardi, vermeint aber immer, ohne Gott auskommen zu können. In „La ginestra“ soll der Mensch das rechte Maß zwischen Hochmut und Demut einhalten. Dem, was ihn bedroht, soll er ins Gesicht sehen, und als Abwehr eine „menschliche Konföderation“ bilden. (S. 66) Aber so etwas schlägt auch der evangelische Theologe Albert Schweitzer vor mit seiner „Bruderschaft der vom Schmerz Gezeichneten“.

Vergessen wir nicht die Russen. In der Sowjetunion entstanden 1923 die ersten atheistischen Zeitungen. Die erste hieß „Bezbojnik“ – Die ohne Gott. Russen sind Extremisten, und die Position der Bolschewisten hat schon Dostojewskijs Romanfigur Kirillow vorweggenommen, indem er sich selbst zum Gott erklärte und beschloß, sich selbst umzubringen („Die Dämonen“) . Dostojewskij stellte damit klar, daß der Atheismus zum Nihilismus führt und daß dieser unerträglich ist, denn Kirillows Beispiel würde ja zu einem Massenselbstmord führen.

Nun kommen wir zu den Modernen. Angesichts der wenig überzeugenden alten Theorien versuchen manche, einen halben Gott an die Wand zu zaubern. So Ernst Bloch. Dieser erkennt an, daß die Religionen in sich einen Keim der Hoffnung tragen und uns anspornen, die Welt besser zu machen – und uns, denn wir sind noch nicht das, was wir sein sollen. So taucht bei Bloch auf einmal die Sehnsucht aller nach einem künftigen Vaterland auf. Damit stiehlt er den Christen die halbe Wahrheit: die Hoffnung auf den Himmel, leugnet aber die andere: die Verdammung in die Hölle. Bodei skizziert die Haltung Blochs folgendermaßen:

L´ateo è il miglior cristiano, perché ha rinunciato ai premi e alle punizioni, ma non ha rinunciato all´essenza della religiosità, che consiste nel trasformare il mondo a partire da se stessi. (p. 73)

Der Atheist ist der bessere Christ, weil er auf die Belohnungen und Strafen verzichtet hat, aber er hat nicht verzichtet auf das Wesentliche der Religiosität, die darin besteht, die Welt (allein) von sich aus  umzuformen

Also die übliche Verkürzung und Verdrehung des Evangeliums, die wir auch seit dem II. Vatikanischen Konzil bei der Kirche und den modernen Päpsten finden.

Zum Kern der Botschaft Remo Bodeis: Er überschreibt dies Kapitel „Nel mondo adulto“ (In der Erwachsenenwelt). Neben Jean-Paul Sartre (siehe Teil I) und Hölderlin (Gott hat seinen Blick woandershin gerichtet und der Himmel ist leer, S. 80) zitiert er Albert Camus:

Se Dio esiste, tutto dipende da lui, e noi non possiamo niente contro la sua volontà. Se non esiste tutto dipende da noi.“ (Il mito di Sisifo, cit. 77)

Camus übersieht geflissentlich, daß Gott uns als Seinen geliebten Kindern den freien Willen gegeben hat. Daß Gott also auf Seinen Willen verzichtet hat, damit wir uns aufgrund der Erfahrungen unseres Lebens dazu durchringen, unseren Willen mit Seinem zu vereinigen, nach den bitteren Erfahrungen des Gott-Verlassens und -Vergessens zu Ihm zurückzukehren und uns mit Ihm zu versöhnen. Aber Bodei nutzt die Unterlassung von Camus aus, um auf diesem Satz „Wenn Gott nicht existiert, hängt alles von uns ab“ sein eigenes Gedankengebäude aufzubauen.

Mit Elie Wiesel unternimmt er einen Abstecher nach Auschwitz: „Dio e Birkenau non vanno insieme“ – „Gott und Birkenau passen nicht zusammen“. Vielleicht doch. Man frage den orthodoxen Rabbiner Ovadia Joseph über die Ursachen der Shoah. Wir als Christen dürfen in den heutigen Zeiten nicht mehr an den Juden Matthäus erinnern...

… Wiesel verwirft die bisher gegebenen theologischen Antworten und erzählt die Geschichte zweier vor den Augen der Mutter enthaupteten Kinder, die er aus einem Buch von Ilja Ehrenburg entnommen hat.

Nel Libro nero, l´antologia di Ilya Ehrenburg e Vassily Grossmann sulla destruzione degli ebrei russi durante l´occupazione, si può leggere la storia di una madre ebrea, in qualche posto dell´Ucrainia, i cui due bambini furono decapitati davanti ai suoi occhi. (p. 79)

Als Deutschem steht es mir zu, daran zu erinnern, daß es Ilja Ehrenburg war, der die Soldaten der Roten Armee 1945 dazu aufgefordert hat, die deutschen Frauen zu vergewaltigen. Also ein düsterer Hintergrund von allseitiger Schuld. Gott wird sie beim Jüngsten Gericht wie mit der Waage zumessen.

Bodei zieht mit Wiesel folgenden Schluß: Gott ist nicht allmächtig. Gott leidet mit uns. Gott ist der Ermordete. Gott ist das Opfer. Gabriella Caramore fragt Bodei nach dem Mitleid Gottes, der entweder nicht helfen kann oder dem es nicht gelingt, seine Barmherzigkeit zu zeigen (oder wir sind nicht imstande, sie zu erkennen). Bodei meint: „Es ist eine Frage, die ohne Antwort bleibt“, sieht aber bei dem jüdischen Philosophen Levinas „eine Art Spirale“ bezüglich dieser Frage. Laut Levinas ist es nötig, daß wir alle tröstenden Bilder Gottes zerstören, um uns für die Begegnung mit dem andern öffnen zu können. Die Italiener Benedetto Croce und Gramsci gehen noch weiter: Sie laden die Menschen ein, die Transzendenz, das Übersinnliche, zu verlassen. Laut Croce zielen die Wünsche der Menschen nur auf Dinge, die sie in ihrem Leben selbst kennengelernt haben.

Bodei stochert weiter im Nebel, wenn er an den rex tremendae maiestatis des protestantischen Theologen Barth erinnert sowie an den Gott der biblischen Tradition, der sich verbirgt. Worauf er die übereinstimmende Erkenntnis der Kirchenväter von Augustinus an bis zu Luther, Pascal und Kierkegaard erwähnt, daß Gott nicht auf ein menschliches Maß zurückgeführt werden kann (non é riducibile all´umano). Laut Augustinus ist Gott in uns als interior intimo meo und über uns als superior summo meo. Alles ganz richtig, ebenso die Behauptung Pascals „Vere tu es Deus absconditus. Dio si è voluto nascondere. Se non ci fosse nessuna oscurità, l´uomo non sentirebbe la propria miseria.” (S. 85) Ohne die Dunkelheit würde der Mensch das eigene Elend nicht spüren. Und wenn es kein Licht gäbe, hätte er keine Hoffnung auf Rettung. (Pensieri, Torino 1962,  – Gedanken)

Nun steuert Bodei seine zentrale Idee an mithilfe des französischen Philosophen Ricoeur (Religione, ateismo e fede, nel volume: Il conflitto delle interpretazioni, Jaca Book, Milano 1982, cit. P. 86):

„L´ateismo non esaurisce il suo significato nella negazione e nella distruzione della religione, ma esso libera l´orizzonte per qualchecosa d´altro, per una fede suscettibile di essere chiamata una fede post-religiosa”.

Die Katze ist aus dem Sack. Ein nachreligiöser Glaube ohne Christus, dank Atheismus. Ein Luftschloß der Intellektuellen.

Auf die Führung eines Vaters wollen die beiden verzichten, denn sie wollen nicht ewig minderjährig bleiben. Nun der Kernsatz des ganzen Problems, warum es den Unglauben gibt:

L´ateismo, si può dire, rende l´uomo maggiorenne, perché gli toglie quella paura che è data dall´idea che Dio, da un lato, punisce le mie intenzioni e mi fa venire il senso di colpa, mentre, dall´alto lato, mi premia se io mi comporto bene. Questa è la condizione tipica dell´infanzia. (p. 86)

Der Unglaube ist hier entlarvt als die Flucht vor der Angst, welche die Vorstellung von dem strafenden Gott in dem auslöst, der sündigt. Diese Furcht und gleichzeitig die Hoffnung auf Belohnung für Wohlverhalten werden als typische Haltung der Kindheit bezeichnet.

Matthäus 18, 2. Jesus rief ein Kind zu sich, und stellte das mitten unter sie, 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, daß ihr euch umkehret, und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers. Zehnte Auflage. Stuttgart. Privilegierte Württembergische Bibelanstalt. 1897)

Auf den Einwand Caramores, Ricoeur verwerfe die Beziehung zu Gott nicht ganz, erwidert Bodei: Gott werde bei Ricoeur ein Symbol unserer Abhängigkeit, unserer Abhängigkeit von einer Welt und einer auch transzendenten Realität, in die wir hineingestellt sind.

Wir wissen nicht, wieweit der heute vergötterte evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer noch gegangen ist, nachdem er gesagt hatte (aus dem Italienischen rückübersetzt):

Gott läßt uns wissen, daß wir als Menschen leben müssen, die fähig sind, ein Leben ohne Gott zu meistern. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt. (Resistenza e resa, a c. di A. Gallas, Queriniana, Brescia 1996, cit. da Bodei 87 e 88)

Es scheint, als ob auch Bonhoeffer wie die heutigen Päpste das Evangelium verkürzt, denn er will nicht von Gott in der Schwäche reden und nicht in Beziehung auf den Tod und die Schuld. (S. 88)

Dieser „testo stupefacente“ präsentiert laut Verfasser eine Religiosität, die ohne Gott auskommt (obwohl Bonhoeffer die Existenz Gottes nicht leugnet). Und gerade so etwas schwebt Bodei als Zukunftsmodell vor.

Da Gott ein lebendiger Gott ist, wird er selbst die Antwort darauf geben. Er spricht durch Taten, Urteile, Strafen und Belohnungen.

Bodei versteigt sich zu der kuriosen Behauptung, daß gerade die Abwesenheit Gottes die Möglichkeit eröffne, daß sich das Göttliche mehr offenbare. Nach der Verabschiedung Gottes betäubt er sein schlechtes Gewissen, indem er an das Verantwortungsbewußtsein aller appelliert. Infolge der Machtlosigkeit Gottes müßten wir – eine Minderheit von Christen und eine Mehrheit von Agnostikern und Atheisten – selbst handeln und unsere Passivität aufgeben mitsamt der Vorstellung, daß Gott alles erledigt, wenn wir uns nur seinen Geboten beugen. Es handle sich aber um einen „schwierigen Glauben“, räumt Bodei ein.

Viele der Ausführungen Bodeis sind Bruchstücke einer uneinheitlichen Weltanschauung;  aus den verschiedenen Systemen (ob Freud, Pascal, Leopardi oder Kafka, ist ihm gleich) sucht er sich das eine oder andere „Zuckerle“ heraus. Dankenswerterweise schließt er im Wissen um sein Nichtwissen mit Jeremia 17, 5-11 (S. 97). Doch zwiespältig wie immer stellt er dessen  Feststellung in Frage: „Maledetto l´uomo che confida nell´uomo - Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt“. Insgesamt bleibt sein Opus ein Flickwerk, wie das vieler anderer Philosophen, und führt nicht weiter, sondern in eine Sackgasse.

Dem stellen wir nun Kernpunkte der christlichen Weltanschauung gegenüber, entnommen aus den Belehrungen des russisch-orthodoxen Staretz Sossima. Und steigen damit in die Tiefe der Herzen und in die Höhe des endlosen Horizonts.

Staretz Sossima: Du bist schuld

F. M. Dostojewskij: Die Brüder Karamasoff. Sechstes Buch. III. Aus den Gesprächen und Belehrungen des Staretz Sossima. Aus dem Russischen übertragen von E. K. Rahsin. Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin und Darmstadt, 1958

Seite 428: Jener Jüngling, der mein Bruder war, bat die Vöglein um Verzeihung: das mag auf den ersten Blick sinnlos erscheinen, ist aber doch richtig, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich, an einer Stelle rührst du es an, und am anderen Ende der Welt wird es gespürt und hallt es wider. … Alles ist wie ein Weltmeer … Dann würdest du auch zu den Vöglein beten, gequält von allumfassender Liebe, wie in einer Begeisterung, und würdest darum bitten, daß sie dir deine Sünde verzeihen.

429 Meine Freunde, bittet Gott um Frohmut. Seid frohgemut wie die Kinder, wie die Vöglein des Himmels. Und auch die Sündhaftigkeit der Menschen soll euch nicht irremachen in eurem Tun, fürchtet nicht, sie könnte euer Wirken auslöschen (Anmerkung: Aufgepaßt, liebe Leser!) und es sich nicht vollenden lassen. Sagt nicht: „Stark ist die Macht der Sünde, stark ist die Macht der Gottlosigkeit, stark ist die schlechte Umgebung, wir aber stehen allein und sind machtlos …“ Kinder, laßt solch eine Verzagtheit fern von euch sein!

Hier gibt es nur eine Rettung für dich: nimm dich und mache gerade dich verantwortlich für alle Menschensünde. Ja, Freund, es ist doch wahrhaftig so, wenn du dich nur aufrichtig für alles und für alle verantwortlich machst, so wirst du auch sogleich einsehen, daß es sich tatsächlich so verhält und daß gerade du für alle und alles schuldig bist.

Wenn du aber die Schuld an deiner eigenen Trägheit und deiner eigenen Machtlosigkeit auf die anderen Menschen abwälzt, wirst du bei teuflischem Stolze enden und wider Gott murren. Über den teuflischen Stolz aber denke ich so: es ist schwer für uns auf Erden, ihn immer zu erkennen, und darum ist es so leicht, sich zu irren und ihm zu verfallen, dabei aber noch zu glauben, daß wir etwas Großes und Gutes vollbringen.

Aber auch viele der stärksten Gefühle und Regungen unserer Natur können wir auf Erden vorderhand nicht begreifen, nur lasse dich auch dadurch nicht verführen und denke nicht, daß dies dir gleichviel worin zur Rechtfertigung dienen könnte, denn der ewige Richter verlangt von dir nur das, was du hättest einsehen können, nicht aber das, was darüber hinausging. …

Auf Erden aber ist es wahrlich so, als irrten wir nur umher, und hätten wir nicht das teuerste Vorbild in der Gestalt Christi, so würden wir uns gänzlich verirren und zugrunde gehen, wie das Menschengeschlecht vor der Sintflut. Vieles auf Erden ist uns verborgen, als Ersatz dafür aber wird uns ein geheimnisvolles Gefühl zuteil von unserer pulsierenden Verbindung mit einer anderen Welt, einer erhabenen und höheren Welt, und auch die Wurzeln unserer Gedanken und Gefühle sind nicht hier, sondern in anderen Welten. Deshalb sagen ja auch die Philosophen, daß das Wesen der Dinge hier auf Erden nicht zu erfassen sei.

430 Wirke unermüdlich.

431 Glaube bis ans Ende, selbst wenn es geschehen sollte, daß alle Welt abtrünnig würde …

… du wirst begreifen, daß du auch selber schuldig bist, denn du hättest ja den Missetätern leuchten können, sei es auch nur als einzig Sündenloser, und hast es nicht getan. Wenn du aber so geleuchtet hättest, dann hättest du mit deinem Licht auch anderen den Weg erhellt, und jener, der die Missetat beging, würde sie bei deinem Licht vielleicht gar nicht begangen haben.

Soweit der Staretz Sossima. Seine Ausführungen über die Hölle, mit denen die Niederschrift Alexei Fjodorowitsch Karamasoffs endet, im Höllen-Abc.

Fazit

 

·        Wer sündigt, das heißt, wer sich gegen Gottes Gebote vergeht, (zer)stört die Ordnung.

·        Die Folgen: Er selbst leidet, Gott leidet, andere leiden.

·        Wer bereut und Wiedergutmachung leistet, stellt die Ordnung wieder her.

·        Wer die warnende Stimme aus seinem Innern überhört, verdoppelt seine Sünde und vermehrt das Übel in der Welt.

·        Der Egoismus schlägt Gott tot, denn bei der Wahl: Ich oder Gott, siegt das Ego.

·        Die schützende Barriere der Gebote Gottes fällt weg: Der Sünder taumelt ins Durcheinander, verliert die Orientierung, wird Beute seiner Süchte oder der Dämonen.

 

Niemand auf Erden ist vollkommen. Auch in der Bibel finden sich Fehler und Widersprüche. Der Glaube besteht darin: trotzdem glauben an das, was als wahr erkannt wird.

Der Staretz Sossima warnt vor Rachegefühlen, vergißt aber, daß die Gesellschaft, um Schwache zu schützen, die Bösen strafen oder zumindest abhalten muß, Anderen Böses anzutun.

 

·        Wir Menschen wirken täglich mit an unserem Heil und am Heil anderer, an unserem Unheil und am Unheil anderer.

·        Das Übel als Leid und Böses läßt sich mit einer verborgenen und der kommenden göttlichen Gerechtigkeit erklären, mit dem Gleichnis vom Reichen und dem armen Lazarus, aber nicht mit den einseitigen modernistischen Gedankenkonstruktionen eines Rousseau („Profession de foi du vicaire savoyard“) oder Ratzinger („Deus est caritas“).

·        Gott straft und belohnt in diesem Leben und/oder im Jenseits: in Fegefeuer, Hölle und Himmel.

·        Uns ist niemand bekannt, der eine andere logische Erklärung für das Böse und das Leid im Weltgeschehen vorweisen kann.

AIHS 4.6.2006 www.etika.com

 

Vergleiche: Die mit Gott – Märtyrer mit geheimer Kraftquelle, aus dem Zweiten Buch des Werkes von Joseph von Görres: Die christliche Mystik. 1836.

„Um viel und wirksam helfen zu können, muß auch ich durch die Schule der Leiden hindurch, muß den Kalvarienberg ersteigen, um das Kreuz der anderen tragen zu können.“
(Dr. Gabriel Busch, O.S.B., Blandine hilft, 1982, S. 61)

 

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