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ETIKA
21GW8 |
TUGENDEN |
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Girolamo
Savonarola |
Von
der Verachtung der Welt |
DE CONTEMPTU MUNDI 1472-75. Nicht aus dem
Original übersetzt von R. L. |
Ein
teilweise schwer übersetzbarer und mystischer Text
Was tun wir? Warum zögern wir, o meine Seele, nur um uns
vergeblich abzumühen? Sehet: Personen ohne Bildung und Wissen erheben sich,
Männer und Mädchen, und rauben (erobern) den Himmel. Wir indessen, mit all
unserer Gelehrsamkeit, o weh!, wir versinken in der Hölle, während unsere
Herzen sich in eitlen Gedanken verlieren. Wir halten uns für weise, während
wir in Wirklichkeit töricht sind.
Und schaut, Bauern und Frauen lehren uns mehr mit dem
Beispiel als mit Worten die Verachtung der menschlichen Dinge und die
endgültige Nachfolge Christi. Wir sind die Törichten, die nichtigen Dingen
dieser Erde hinterherlaufen, während wir die anderen belehren, wie sie zu
fliehen seien; wir preisen die ewige Gnade, selbst aber folgen wir
vergänglichen Gütern.
Unterdessen fliehen die Jungen, schon die kleinsten, die
Welt mit all ihrer Begehrlichkeit, wohl wissend, dass die weltlichen Dinge
vorübergehend sind. Und wir fahren in dieser Weise fort, dass wir Epikuräern und
Schweinen gleichen; wir streiten über die äußerlichen Tugenden, aber im
Innern bewerten wir nach der Lehre der Zyniker die physischen Genüsse als
höchstes Gut. Ach, was tue ich da? Warum zögere ich? Weil ich unschlüssig
bin? Wirst du nicht gewahr, dass die Welt voller Unrat, Frevelhaftigkeit und
Ungerechtigkeit ist? Bemerkst du nicht die Blindheit und Starrköpfigkeit der
Leute? Was erwartest du, meine Seele?
Stehe auf, schäme dich nicht, vom Vorbild der Kinder und
Frauen zu lernen, ahme ihr Beispiel nach. Steh auf, zusammen mit den Kleinen
„flieh, ach, die grausamen Lande, fliehe den feindlichen Strand“, fliehe das
Land von Sodom und Gomorrha, Ägypten und den Pharao; fliehe dieses elende Pack
von Hochmütigen, die der Ideale beraubte Jugend, das hässliche Greisenalter,
die ehrsüchtige Armut. Hier loben alle die Laster und verlachen die Tugend.
Wenn einer sich der Erziehung und Philosophie widmet, ist
er ein Phantast; wenn er keusch in Demut lebt, ist er ein Dummkopf; wenn er
fromm ist, wird er als widerwärtig angesehen; wenn er gerecht sein will, hält
man ihn für grausam; wenn er an Gott glaubt und auf ihn vertraut, gilt er als unwissend;
wenn er nur in Christus seine Hoffnung setzt, wird er von allen verhöhnt; wenn
er die Nächstenliebe übt, ist er ein Schwächling.
Jener indessen, der die Armen, Witwen und Waisen um ihre Güter bringt, ist ein schlauer Fuchs; weise ist, wer danach trachtet, immer mehr Geld anzuhäufen; geachtet wird der, der imstande ist, mit dem größeren Scharfsinn leere Worte kunstvoll auszudrücken.
Kein Mann ist, wer es versteht, in unglücklichen Herzen die
unflätigsten, gröbsten und schrecklichsten Flüche auszumerzen, wer nicht tötet,
wer keine Revolten anzettelt und Streit provoziert. Die unterdrückten Armen
heulen mit Seufzen und Wehklagen und werden nicht gehört. Die Witwen und die
Waisen schreien, werden aber vernachlässigt, werden mit jeder Art Armut
beschwert, während sich die verhärteten Herzen nicht zum Mitleid rühren lassen.
(Die Mächtigen) befleißigen sich, mit allen Kunstgriffen die Güter anderer zu
rauben; jene Toren strengen sich an, das zusammenzutragen, was sie den Erben
lassen müssen.
Alles ist voller Ruchlosigkeit, Wucher, Raub, unanständiger und frevelhafter Lästerungen, Vergewaltigungen, Ehebrüche, Sodomie und Unzüchtigkeit; voller Morde und Neid; voller Ehrsucht und Hochmut; voller Heuchelei und Lüge. Alles fließt über vor Frevel und Ungerechtigkeit.
Die Tugenden sind also Laster geworden und die
Laster Tugenden. Was soll man noch hinzufügen? Es gibt niemanden mehr,
der das Gute tut. Die verheerenden Regenfälle, die Erdbeben, Hagel und
Stürme rufen sie zur Bekehrung auf und sie hören nicht; die Überschwemmungen,
die Krankheiten, die tödlichen Fieber, die Hungersnöte – doch sie hören nicht;
ein feindliches, freches Heer ist im Anmarsch, die fromme Predigt der Diener
des Herrn ermahnt sie und schließlich rüttelt sie alle das Gewissen auf, aber
sie bleiben taub gegenüber jeder Warnung.
O Blinde, urteilt über euch selbst; gebt gut acht, dass
dies nicht der letzte Tag ist. Warum also, meine Seele,
zauderst du noch? Erhebe dich und lauf, fliehe Ägypten und den Pharao, dessen
Herz sich verhärtet hat gegen den Herrn, und loben wir mit Israel den Herrn: Du
bist fürwahr herrlich und groß, hast Roß und Reiter (das heißt den Teufel und
die Sünde) ins Meer gestürzt. Du, Herr, bist
meine Stärke und mein Lob und bist mein Heiland geworden. Dies ist
mein Gott und ihm werde ich die Ehre geben; er ist der Gott meines Vaters, ihn
werde ich lobpreisen. Der Herr ist wie ein unbesiegter Krieger, seine Kraft ist
allmächtig. Er kippte die Kutschen des Pharaos und seines Heeres ins Meer (das
heißt die dem Geist widerstrebende Triebkraft und ihre unvernünftigen
Handlungen). Seine ausgewählten Truppen ertranken im Roten Meer. Die Abgründe
verschlangen sie; sie fielen in die Tiefe wie ein Stein.
Deine Rechte, Herr, hat sich als groß und stark erwiesen;
sie durchbohrte den Gegner, und in der überreichen Herrlichkeit deiner Macht
hast du meine Feinde niedergeschlagen (das heißt nicht die meinen, denn ohne Dich
bin ich schwach und könnte keinen Widerstand leisten; so dass nicht ich gesiegt
habe, sondern Du).
Du hast Deinen Zorn offenbart, der sie wie abgestorbene
Blätter zerstreut hat; in der geballten Kraft Deiner Wut sammelten sich die
Wasser (Deine Gnade, die in mir ist), wurden zu einer Welle, die vorbeischwappt
(die Gnade), und inmitten des Meeres öffneten sich Abgründe (das heißt der
Überfluß – die Überfülle? - der Gnade.
Der Feind sagte:
„Ich werde ihm überall folgen und
werde ihn fassen (das heißt der Teufel aufgrund meiner Sünden trotz der Gnade),
werde die Kriegsbeute teilen (?), meine Genugtuung wird vollkommen sein,
ich werde mein Schwert herausziehen, meine Hand wird ihn töten.“
Stattdessen erhob sich Dein Atem und siehe, das Meer (die
Gnade) hat sie versenkt wie Blei in den hinzufließenden Wassern (im Überfluß
der Gnade).
Wer unter den Mächtigen ist Dir gleich? Wer ist Dir ähnlich
in der tatkräftigen, schrecklichen, jedes Lobes werten Heiligkeit, die zu jedem
wunderbaren Unternehmen fähig ist? Dir genügt es, die Hand auszustrecken, und
die Erde hat sie (Anm: die Feinde) verschlungen. Du warst der Heerführer
zu dem Land, das verheißen war dem Volk (mir), das Du erlöst hast und das Du
mit Deiner Macht zur heiligen Wohnstätte gebracht hast (in der
Glaubensentscheidung).
Die erzürnten Völker erhoben sich (die Verwandten, die
Freunde), die Fürsten von Edom (jene, die mich der Inquisition unterzogen) mussten
Enttäuschungen hinnehmen bis zum Verdruß.
Die Furcht (das heißt sie fürchten Dich darin) möge von ihnen Besitz ergreifen und so falle die Angst auf sie aufgrund Deiner Macht; mögen sie unbeweglich werden wie der Stein, bis Dein Volk (ich), das Dir seit jeher angehört, zum anderen Ufer (zum religiösen Status) vorgestoßen ist.
Du wirst es einführen und sesshaft machen auf dem Gebirge
Deines Erbes, in Deiner sicheren Wohnstätte, die Du, Herr, erbaut hast in
Deinem Heiligtum, das Deine Hände zur Festung ausgebaut haben.
Der Herr wird in Ewigkeit herrschen. Auch ich. Jetzt
erlaube, o Herr, dass Dein Diener in Frieden gehe, gemäß Deinem Wort; damit
meine Augen Dein Heil sehen, das Du bereitet hast und das alle Völker erblicken
werden; das Licht, damit Du offenbart werdest vor allen Völkerschaften; die
Herrlichkeit Deines Volkes, Israel. Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem
Heiligen Geist, von dem alle Gnaden ausgehen. Amen.