ETIKA 21GW8

TUGENDEN

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3.6.2001

Girolamo Savonarola

Von der Verachtung der Welt

DE CONTEMPTU MUNDI 1472-75. Nicht aus dem Original übersetzt von R. L.

Ein teilweise schwer übersetzbarer und mystischer Text

Was tun wir? Warum zögern wir, o meine Seele, nur um uns vergeblich abzumühen? Sehet: Personen ohne Bildung und Wissen erheben sich, Männer und Mädchen, und rauben (erobern) den Himmel. Wir indessen, mit all unserer Gelehrsamkeit, o weh!, wir versinken in der Hölle, während unsere Herzen sich in eitlen Gedanken verlieren. Wir halten uns für weise, während wir in Wirklichkeit töricht sind.

 

Und schaut, Bauern und Frauen lehren uns mehr mit dem Beispiel als mit Worten die Verachtung der menschlichen Dinge und die endgültige Nachfolge Christi. Wir sind die Törichten, die nichtigen Dingen dieser Erde hinterherlaufen, während wir die anderen belehren, wie sie zu fliehen seien; wir preisen die ewige Gnade, selbst aber folgen wir vergänglichen Gütern.

 

Unterdessen fliehen die Jungen, schon die kleinsten, die Welt mit all ihrer Begehrlichkeit, wohl wissend, dass die weltlichen Dinge vorübergehend sind. Und wir fahren in dieser Weise fort, dass wir Epikuräern und Schweinen gleichen; wir streiten über die äußerlichen Tugenden, aber im Innern bewerten wir nach der Lehre der Zyniker die physischen Genüsse als höchstes Gut. Ach, was tue ich da? Warum zögere ich? Weil ich unschlüssig bin? Wirst du nicht gewahr, dass die Welt voller Unrat, Frevelhaftigkeit und Ungerechtigkeit ist? Bemerkst du nicht die Blindheit und Starrköpfigkeit der Leute? Was erwartest du, meine Seele?

 

Stehe auf, schäme dich nicht, vom Vorbild der Kinder und Frauen zu lernen, ahme ihr Beispiel nach. Steh auf, zusammen mit den Kleinen „flieh, ach, die grausamen Lande, fliehe den feindlichen Strand“, fliehe das Land von Sodom und Gomorrha, Ägypten und den Pharao; fliehe dieses elende Pack von Hochmütigen, die der Ideale beraubte Jugend, das hässliche Greisenalter, die ehrsüchtige Armut. Hier loben alle die Laster und verlachen die Tugend.

 

Wenn einer sich der Erziehung und Philosophie widmet, ist er ein Phantast; wenn er keusch in Demut lebt, ist er ein Dummkopf; wenn er fromm ist, wird er als widerwärtig angesehen; wenn er gerecht sein will, hält man ihn für grausam; wenn er an Gott glaubt und auf ihn vertraut, gilt er als unwissend; wenn er nur in Christus seine Hoffnung setzt, wird er von allen verhöhnt; wenn er die Nächstenliebe übt, ist er ein Schwächling.

 

Jener indessen, der die Armen, Witwen und Waisen um ihre Güter bringt, ist ein schlauer Fuchs; weise ist, wer danach trachtet, immer mehr Geld anzuhäufen; geachtet wird der, der imstande ist, mit dem größeren Scharfsinn leere Worte kunstvoll auszudrücken.

 

Kein Mann ist, wer es versteht, in unglücklichen Herzen die unflätigsten, gröbsten und schrecklichsten Flüche auszumerzen, wer nicht tötet, wer keine Revolten anzettelt und Streit provoziert. Die unterdrückten Armen heulen mit Seufzen und Wehklagen und werden nicht gehört. Die Witwen und die Waisen schreien, werden aber vernachlässigt, werden mit jeder Art Armut beschwert, während sich die verhärteten Herzen nicht zum Mitleid rühren lassen. (Die Mächtigen) befleißigen sich, mit allen Kunstgriffen die Güter anderer zu rauben; jene Toren strengen sich an, das zusammenzutragen, was sie den Erben lassen müssen.

 

Alles ist voller Ruchlosigkeit, Wucher, Raub, unanständiger und frevelhafter Lästerungen, Vergewaltigungen, Ehebrüche, Sodomie und Unzüchtigkeit; voller Morde und Neid; voller Ehrsucht und Hochmut; voller Heuchelei und Lüge. Alles fließt über vor Frevel und Ungerechtigkeit.

 

Die Tugenden sind also Laster geworden und die Laster Tugenden. Was soll man noch hinzufügen? Es gibt niemanden mehr, der das Gute tut. Die verheerenden Regenfälle, die Erdbeben, Hagel und Stürme rufen sie zur Bekehrung auf und sie hören nicht; die Überschwemmungen, die Krankheiten, die tödlichen Fieber, die Hungersnöte – doch sie hören nicht; ein feindliches, freches Heer ist im Anmarsch, die fromme Predigt der Diener des Herrn ermahnt sie und schließlich rüttelt sie alle das Gewissen auf, aber sie bleiben taub gegenüber jeder Warnung.

 

O Blinde, urteilt über euch selbst; gebt gut acht, dass dies nicht der letzte Tag ist. Warum also, meine Seele, zauderst du noch? Erhebe dich und lauf, fliehe Ägypten und den Pharao, dessen Herz sich verhärtet hat gegen den Herrn, und loben wir mit Israel den Herrn: Du bist fürwahr herrlich und groß, hast Roß und Reiter (das heißt den Teufel und die Sünde) ins Meer gestürzt. Du, Herr, bist meine Stärke und mein Lob und bist mein Heiland geworden. Dies ist mein Gott und ihm werde ich die Ehre geben; er ist der Gott meines Vaters, ihn werde ich lobpreisen. Der Herr ist wie ein unbesiegter Krieger, seine Kraft ist allmächtig. Er kippte die Kutschen des Pharaos und seines Heeres ins Meer (das heißt die dem Geist widerstrebende Triebkraft und ihre unvernünftigen Handlungen). Seine ausgewählten Truppen ertranken im Roten Meer. Die Abgründe verschlangen sie; sie fielen in die Tiefe wie ein Stein.

 

Deine Rechte, Herr, hat sich als groß und stark erwiesen; sie durchbohrte den Gegner, und in der überreichen Herrlichkeit deiner Macht hast du meine Feinde niedergeschlagen (das heißt nicht die meinen, denn ohne Dich bin ich schwach und könnte keinen Widerstand leisten; so dass nicht ich gesiegt habe, sondern Du).

 

Du hast Deinen Zorn offenbart, der sie wie abgestorbene Blätter zerstreut hat; in der geballten Kraft Deiner Wut sammelten sich die Wasser (Deine Gnade, die in mir ist), wurden zu einer Welle, die vorbeischwappt (die Gnade), und inmitten des Meeres öffneten sich Abgründe (das heißt der Überfluß – die Überfülle? - der Gnade.

 

Der Feind sagte:

„Ich werde ihm überall folgen und werde ihn fassen (das heißt der Teufel aufgrund meiner Sünden trotz der Gnade), werde die Kriegsbeute teilen (?), meine Genugtuung wird vollkommen sein, ich werde mein Schwert herausziehen, meine Hand wird ihn töten.“

 

Stattdessen erhob sich Dein Atem und siehe, das Meer (die Gnade) hat sie versenkt wie Blei in den hinzufließenden Wassern (im Überfluß der Gnade).

 

Wer unter den Mächtigen ist Dir gleich? Wer ist Dir ähnlich in der tatkräftigen, schrecklichen, jedes Lobes werten Heiligkeit, die zu jedem wunderbaren Unternehmen fähig ist? Dir genügt es, die Hand auszustrecken, und die Erde hat sie (Anm: die Feinde) verschlungen. Du warst der Heerführer zu dem Land, das verheißen war dem Volk (mir), das Du erlöst hast und das Du mit Deiner Macht zur heiligen Wohnstätte gebracht hast (in der Glaubensentscheidung).

 

Die erzürnten Völker erhoben sich (die Verwandten, die Freunde), die Fürsten von Edom (jene, die mich der Inquisition unterzogen) mussten Enttäuschungen hinnehmen bis zum Verdruß.

 

Die Furcht (das heißt sie fürchten Dich darin) möge von ihnen Besitz ergreifen und so falle die Angst auf sie aufgrund Deiner Macht; mögen sie unbeweglich werden wie der Stein, bis Dein Volk (ich), das Dir seit jeher angehört, zum anderen Ufer (zum religiösen Status) vorgestoßen ist.

 

Du wirst es einführen und sesshaft machen auf dem Gebirge Deines Erbes, in Deiner sicheren Wohnstätte, die Du, Herr, erbaut hast in Deinem Heiligtum, das Deine Hände zur Festung ausgebaut haben.

 

Der Herr wird in Ewigkeit herrschen. Auch ich. Jetzt erlaube, o Herr, dass Dein Diener in Frieden gehe, gemäß Deinem Wort; damit meine Augen Dein Heil sehen, das Du bereitet hast und das alle Völker erblicken werden; das Licht, damit Du offenbart werdest vor allen Völkerschaften; die Herrlichkeit Deines Volkes, Israel. Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, von dem alle Gnaden ausgehen. Amen.

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