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ETIKA |
TUGENDEN |
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21SE3 |
Selbsterkenntnis
am Abend |
25.10.1997 – 30.12.2008 |
J. H. Campe: Robinson der Jüngere, II, 13.
Abend, Braunschweig 1913, S. 18ff.
Die letzte
Stunde des Abends wandte er zum Nachdenken über sich selbst an. Er setzte sich
nämlich entweder auf den Gipfel des Berges nieder, wo er das ganze sternbesäte
Himmelsgewölbe über sich hatte, oder er lustwandelte auch wohl in der
Abendkühle nach dem Strande zu. Dann pflegte er sich in Gedanken folgende
Fragen vorzulegen:
Wie hast du
diesen Tag nun wieder hingebracht? Bist du im Genusse
der Gaben Gottes, die dir heute wieder zuteil geworden sind, auch wohl des
großen Gebers derselben immer eingedenk gewesen? Hat dein Herz auch Liebe und
Dankbarkeit gegen ihn empfunden? Hast du ihm vertraut, wenn es dir übel ging?
Hast du seiner nicht vergessen, wenn du fröhlich warst? Hast du jeden bösen
Gedanken, der dir einfiel, jede böse Begierde, die in dir rege ward, auch
sogleich unterdrückt? Und hast du heute also wirklich im Guten zugenommen?
So oft nun
sein Herz auf diese und ähnliche Fragen mit einem freudigen Ja! antworten
konnte, o, wie war ihm dann so wohl! Und mit welcher Inbrunst sang er dann ein
Loblied zum Preise des großen Gottes, der ihm Segen und Kraft zum Gutestun verliehen hatte.
So oft er
aber Ursache fand, mit sich selbst nicht ganz zufrieden zu sein: o, wie
schmerzte es ihn dann, einen Tag seines Lebens verloren zu haben! Denn für verloren hielt er jeden Tag, an dem er etwas gedacht
oder getan hatte, was er am Abend mißbilligen mußte. Neben dem Striche, womit er einen solchen Tag
in seinen Kalenderbaum eingrub, pflegte er dann ein Kreuz zu machen, um sich
beim Anblicke desselben seines Unrechts zu erinnern und sich künftig desto mehr
in acht zu nehmen.
Seht, ihr lieben Kinder, so machte es Robinson, um täglich besser
und frömmer zu werden. Ist es euch nun auch ein wirklicher Ernst mit der
Besserung eurer Herzen, so rate ich euch, ihm darin nachzuahmen. Setzt gleichfalls,
so wie er, eine Abendstunde fest, um über eure Aufführung an dem jedesmal
verflossenen Tage im stillen nachzudenken; und findet sich´s, daß ihr etwas gedacht, geredet oder getan habt, was ihr vor
Gott und eurem eigenen Gewissen nicht gut heißen könnt, so schreibt es in ein kleines Büchlein, um euch von Zeit zu Zeit
wieder daran zu erinnern und vor jeder Wiederholung ebendesselben Fehlers euch
in acht zu nehmen. So werdet ihr gleich ihm von Tag zu Tag besser und also auch
von Tag zu Tag zufriedener und glücklicher werden.