ETIKA

GEDICHTE

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28.12.1997

28LP3

Siehe, ich bin des Herrn Magd

 Karl Gerok

Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd;
mir geschehe, wie du gesagt hast. (Luk. 1. 38)

Noch wogt´s von Liliendüften
im stillen Betgemach,
noch hallt in goldnen Lüften
der Gruß des Engels nach,
noch kniet Maria schweigend
und sinnt, was er gesagt,
und spricht, vor Gott sich neigend:
Ich bin des Herren Magd.

Was will die Wunderkunde?
Ist´s Trübsal oder Glück?
Noch faßt sie nicht zur Stunde
ihr göttliches Geschick;
nur eines bleibt ihr stehen,
wieviel das Herz auch fragt,
sein Wille soll geschehen,
ich bin des Herren Magd.

O selig, so zu denken,
o selig, so zu tun;
er mag mein Schifflein lenken,
ich will im Schoß ihm ruhn;
sei´s Wonne, sei es Wehe,
was mir sein Bote sagt:
sein Wille nur geschehe,
ich bin des Herren Magd.

Wenn heut mit eitel Freude
sein Engel zu mir käm´
und brächt´ ein Brautgeschmeide,
ein fürstlich Diadem,
ein Glück, das nie zu hoffen
mein schüchtern Herz gewagt, —
ich spräche süß betroffen:
ich bin des Herren Magd.

Und wenn in meine Kammer
sein Trauerbote tritt
und bringt mir Leid und Jammer
und Kreuz und Tränen mit:
mein Mund soll stille schweigen,
ob auch das Herze klagt,
ich will dem Kreuz mich neigen,
ich bin des Herren Magd.

Weckt mich aus Kinderträumen
sein ernstes Vaterwort,
ruft aus vertrauten Räumen
mich in die Fremde fort:
ich will die Heimat lassen,
will froh und unverzagt
an seiner Hand ihn fassen,
ich bin des Herren Magd.

Soll still mein Lenz verfließen,
ich will zufrieden sein,
will meine Blumen gießen
im trauten Kämmerlein,
und ob nach meiner Klause
kein Mensch noch Engel fragt:
hab ich doch ihn im Hause,
ich bin des Herren Magd.

Stammt´ ich von königlichen Ahnen,
aus königlichem Blut:
Maria soll mich mahnen
an stillen, sanften Mut;
was helfen mir Juwelen,
Rubinen und Smaragd,
fehlt mir der Schmuck der Seelen?
Ich bin des Herren Magd.

Müßt´ ich als Magd mich mühen
um kärglichen Gewinst,
am niedern Ort verblühen
in fremdem Haus und Dienst;
ob nächtlich mit der Nadel
mein Finger wund sich plagt,
doch bleibt´s mein Erb´ und Adel:
ich bin des Herren Magd.

So sei mein Herz und Leben
in Wonne wie in Weh
nur Deinem Dienst ergeben,
o Vater in der Höh´!
Und wenn mein Grab einst grünet,
so sei mir´s nachgesagt:
sie hat getreu gedienet,
sie war des Herren Magd.

 

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