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Scheidung

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Hieronymus rechtfertigt zweite Ehe Fabiolas

20.10.2016

Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte historische, homiletische u dogmatische Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. Ludwig Schade, Religions- u. Oberlehrer in Rheinbach. Bibliothek der Kirchenväter. Verlag der Jos. Köselschen Buchhandlung, Kempten & München, 1914, S. 167-169
Der Übersetzer wurde am 11.10.1879 in Arnsberg/Oberpfalz geboren und starb am 3.7.1937. Er wirkte auch in Berlin.

Auf den Tod Fabiolas. An Oceanus. Epistula 77.
(Hilberg, Sancti Eusebii Hieronymi epistulae. Pars II, 37-49.)

(S. 167) 3. Ihre (Fabiolas) Verleumder werfen ihr vor, daß sie die erste Ehe verlassen hat und eine zweite eingegangen ist. Deshalb will ich vor allem die Angeklagte lossprechen und darnach ihre Bekehrung preisen. Ihr erster Gatte soll so lasterhaft gewesen sein, daß nicht einmal eine Dirne oder gemeine Sklavin es hätte aushalten können. Wenn ich das schildern wollte, dann würde ich die Dulderstärke einer Frau schmälern, welche lieber die Schuld des ehelichen Zwistes auf sich nehmen, als einen Teil ihres Körpers der Schande aussetzen und seine Laster aufdecken wollte. Nur soviel will ich sagen, als zur Rechtfertigung einer ehrbaren Matrone und Christin nötig ist. Der Herr schreibt vor, die Gattin dürfe nicht entlassen werden, ausgenommen wenn Ehebruch vorliegt; und nach der Entlassung müsse sie unverheiratet bleiben. (Matth. 5, 32; 19, 9.)

Was aber dem Manne befohlen wird, gilt folgerichtig auch für die Frau; denn es geht nicht an, daß die ehebrecherische Frau zu entlassen, der ehebrecherische Gatte zu behalten sei. Wenn sich jemand mit einer Buhlerin verbindet, so wird er ein Leib mit ihr (1 Kor. 6, 16). Daraus folgt:

(S. 168) „Wer sich mit einem Buhlen und unkeuschen Menschen verbindet, wird ein Leib mit ihm.“ Die Gesetze Christi sind eben anders wie die der Cäsaren; Papinianus (Aemilius Papinianus (140-212), der Jugendfreund des Septimius Severus, war einer der berühmtesten römischen Rechtsgelehrten.) gibt andere Vorschriften wie unser Paulus. In jenen werden für die Männer der Keuschheit Zügel gelockert. Nur gewalttätige Vergehen und Ehebruch werden verurteilt, sonst ist allenthalben die Befriedigung der bösen Lust in den Sündenhöhlen und mit Sklavinnen gestattet, gleich als ob der Stand, nicht der Wille die Schuld ausmache.

Bei uns aber ist das, was den Frauen nicht erlaubt ist, auch den Männern nicht gestattet. Gleiche Knechtschaft, gleiches Los! Sie hat also, wie man sagt, einen Wollüstling entlassen, einen Menschen, der dieses und jenes Verbrechens schuldig war; sie hat einen Mann entlassen, der – beinahe hätte ich es ausgeplaudert. Aber wenn es auch die Nachbarschaft öffentlich erzählte, die Gattin verriet es nicht.

Wenn man sie nun beschuldigt, daß sie nach Entlassung ihres Mannes nicht unverheiratet geblieben ist, so gebe ich ohne weiteres ihre Schuld zu. Doch möchte ich auf ihre Zwangslage hinweisen. „Besser ist es“, sagt der Apostel, „zu heiraten als zu brennen“. (1 Kor. 7, 9.) Sie war jung und konnte ihre Witwenschaft nicht bewahren. Sie verspürte ein anderes Gesetz in ihren Gliedern, welches dem Gesetze des Geistes widersprach (Röm. 7, 23.), und fühlte sich wie eine Gefesselte und Gefangene zum Eheleben hingezogen. Sie hielt es für besser, offen ihre Schwäche einzugestehen und das Mißliche einer beklagenswerten Verbindung auf sich zu nehmen, als den Ruhm zu genießen, nur einen einzigen Mann zu besitzen und dabei ein Leben der Unkeuschheit zu führen.

Derselbe Apostel will, daß junge Witwen heiraten, Kinder gebären und keine Gelegenheit zu üblen Nachreden geben möchten. (1 Tim. 5, 14) Und weiterhin führt er auch aus, warum er dies wünscht: „Denn schon

(S.169) einige haben sich umgewandt, dem Satan zu“. (1 Tim. 5, 15.) So hat auch Fabiola, die einesteils in der Überzeugung lebte, daß sie ihren Gatten mit Recht entlassen habe, und andernteils nicht bekannt war mit der Strenge des Evangeliums, welches den christlichen Frauen jeden Vorwand, zu Lebzeiten des Mannes zu heiraten, ausräumt, aus Unvorsichtigkeit eine Verwundung durch den Teufel erlitten, während sie vielen anderen ausgewichen ist.

4. Doch es hat wenig Zweck, mich bei Dingen aufzuhalten, die vergessen und vergeben sind, und eine Entschuldigung für eine Verschuldung zu suchen, für welche sie selbst öffentlich Buße getan hat. Was man kaum für möglich gehalten hätte, ist eingetreten. Nach dem Tode ihres zweiten Mannes ging sie in sich, und zu einer Zeit, wo leichtsinnige Witwen, die das Joch der Knechtschaft abgelegt haben, sich freier bewegen, die Bäder besuchen, auf den Straßen herumschweifen und mit koketten Blicken um sich werfen, zog sie ein Bußgewand an, um öffentlich ihren Fehler einzugestehen. Vor den Blicken der ganzen Stadt Rom stellte sie sich am Tage vor Ostern in der Basilika des Lateranus, der durch das Schwert des Kaisers niedergemacht worden war (Tac. Annal. XV, 60.), in der Reihe der Büßenden auf. Der Bischof, die Priester und das ganze Volk weinten mit ihr, wie sie mit aufgelöstem Haar, bleichem Antlitz und schmucklosen Händen ihren Nacken demütig beugte. Welche Sünden sollten durch solche Tränen nicht abgewaschen werden? Welche veraltete Flecken sollten durch eine solche tiefe Reue nicht beseitigt werden? Petrus hat die dreifache Verleugnung durch ein dreifaches Bekenntnis wieder gut gemacht (Joh. 21, 15f.) …

(S. 172) Sie saß auf glühenden Kohlen, diese brachten ihr Hilfe. Sie zerschlug ihr Angesicht, mit dem sie ihrem zweiten Manne gefallen hatte; sie haßte die Edelsteine, konnte keine leinenen Gewänder mehr sehen und floh den Schmuck. Ihr Schmerz war so groß, als ob sie einen Ehebruch begangen hätte. Wenngleich sie nur eine einzige Wunde zu heilen wünschte, so bediente sie sich doch vieler Arzneien.

…Angesichts der ganzen Kirche wurde ihr die Wiederaufnahme zuteil, und was tat sie dann? … Ihr ganzes Besitztum, über das sie zu verfügen hatte – es war ihrer Herkunft entsprechend sehr groß – bot sie um billiges Geld zum Verkauf aus. Nachdem sie es veräußert hatte, bestimmte sie den Erlös für die Armen. Zuerst errichtete sie ein Krankenhaus… Welches Kloster ist nicht durch ihre Unterstützung erhalten worden? Welchen Nackten und Kranken haben nicht Fabiolas Kleider bedeckt? An wem offenbarte sie nicht sofort und schleunigst ihre Bereitwilligkeit, wenn er ihrer bedurfte? … Wallfahrt nach Jerusalem …

Lieber eine Ehe annullieren als Haß bis ans Lebensende - ETIKA 15OE8 Ehescheidung - Index 3 Familie