ETIKA

GEDICHTE

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28.12.1997

34ACP3

Das Liedlein vom Kirschbaum

Nach. Joh. Peter Hebel

 Zum Frühling sagt der liebe Gott:
"Geh, deck dem Wurm auch seinen Tisch!"
Gleich treibt der Kirschbaum Laub um Laub,
viel tausend Blätter, grün und frisch.

Das Würmchen ist im Ei erwacht;
es schlief in seinem Winterhaus;
es streckt sich, sperrt sein Mäulchen auf
und reibt die blöden Augen aus.

Und darauf hatīs mit stillem Zahn
an seinen Blätterchen genagt.
Es sagt: "Man kann nicht weg davon.
Was solch Gemüsīmir doch behagt!"

Und wieder sagt der liebe Gott:
"Deck jetzt dem Bienchen seinen Tisch!"
Da treibt der Kirschbaum Blütīan Blütī,
viel tausend Blüten, weiß und frisch.

Und īs Bienchen sieht es in der Frühī
im Morgenschein und fliegt heran
und denkt: "Das wird mein Kaffee sein.
Was ist das kostbar Porzellan!

Wie sind die Täßchen rein gespült!"
Es streckt sein Züngelchen hinein,
es trinkt und sagt: "Wie schmeckt das süß!
Da muß der Zucker wohlfeil sein."

Zum Sommer sagt der liebe Gott:
"Geh, deckī dem Spatz auch seinen Tisch!"
Da treibt der Kirschbaum Frucht an Frucht,
viel tausend Kirschen, rot und frisch.

Und Spätzchen sagt: "Istīs so gemeint?
Ich setzī mich hin, ich habī Appītit;
das gibt mir Kraft in Mark und Bein,
stärkt mir die Stimmī zu neuem Lied."

Da sagt zum Herbst der liebe Gott:
"Räum fort! Sie haben abgespeist." —
Drauf hat die Bergluft kühl geweht,
und īs hat ein bissel Reif geeist.

Die Blätter werden gelb und rot,
eins nach dem anderen fällt schon ab,
und was vom Boden stieg hinauf,
zum Boden muß es auch herab.

Zum Winter sagt der liebe Gott:
"Jetzt deckī, was übrig ist, mir zu!"
Da streut der Winter Flocken drauf.
Nun danket Gott und geht zur Ruh!
 

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