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27.7.1997

38B1

FRANCISCO
UND DIE EHEKRISE

 Kurzgeschichte

 

Er hieß nicht nur Francisco, sondern er bemühte sich auch, dem großen Vorbild aus Assisi nachzueifern. Die Kindheit verbrachte er in einer jener kargen Gebirgslandschaften im Innern Spaniens, wo die Menschen bedürfnislos sind und hart gegen sich selbst, und wo die Seele des Volkes bis vor kurzem so fest im christlichen Glauben gegründet war wie der Fels in der Sierra. Das Schicksal verschlug Franciscos Familie nach Deutschland, wo der Vater Beschäftigung in einer Fabrik fand. Mit einiger Mühe schaffte der Gastarbeitersohn das Gymnasium, wo ihm ein Deutschlehrer den reichen Schatz der Literatur seiner neuen Heimat erschloß. Die vollkommene Beherrschung der deutschen Sprache ebnete Francisco den Weg zum Beruf des Journalisten.

*

Polizeikommissar Stürmer rief in der Redaktion an. "Francisco, ein Fall für dich. Komm schnell zur Schillerstraße. Eine Selbstmörderin. Sie will mit ihren zwei Kindern von einem Hochhaus springen. Meine Leute versuchen gerade, sie zu beruhigen."

Der Lokalredakteur Francisco hatte von Stürmer, mit dem er öfters nach Feierabend Fußball spielte, schon manchen wertvollen Tip bekommen. Er sandte ein Stoßgebet zum Himmel, packte Notizblock und Fotoapparat in seine Tasche, setzte sich auf den Redaktionsmotorroller und quälte sich durch das Verkehrsgewühl.

Schon von fern sah er einen Menschenauflauf. Hart am Dachrand eines zehnstöckigen Bürohauses, mit dem Rücken zum Abgrund, war eine Frau zu erkennen; an jeder Hand hielt sie ein Kind.

"Mein Gott", rief Francisco und lief ins Innere des Gebäudes. Vorbei am besetzten Fahrstuhl eilte er mit riesigen Sätzen durch das Treppenhaus. Eine Metalleiter führte durch eine Luke aufs Dach. Stürmer und mehrere seiner Kollegen standen in sechs oder sieben Meter Entfernung im Halbkreis um die verzweifelte Mutter. Ein Polizeipsychologe redete auf sie ein.

Die verhärmte Frau zählte knapp vierzig Jahre; ihre Haare waren leicht ergraut. Verkrampft hielt sie einen kleinen Jungen im Kindergartenalter und ein etwa achtjähriges Mädchen fest. Aus den Augen der Kinder sprach blankes Entsetzen, aus ihren Wangen war alles Blut gewichen. Niemand bewegte sich.

Stürmer winkte Francisco zu sich heran und raunte ihm zu: "Ihr Mann will sie verlassen und eine jüngere Freundin heiraten. Beide arbeiten in einem Büro im Haus gegenüber. Sie stehen dort unten auf der Straße. Die Frau will nicht, daß ihr Mann herkommt, aber sie wollte, daß er sie sieht, wenn sie mit den Kindern in den Tod springt damit er weiß, was er angerichtet hat. Bitte rede du mit ihr."

Der Kommissar gab dem Polizeipsychologen ein Zeichen, der - so gut er es konnte - kühl, sachlich, mit der Vernunft argumentiert hatte, was sich in diesen Momenten tiefster seelischer Erschütterung nicht unbedingt als das wirksamste Mittel erwies. Francisco ging einen Schritt auf die Frau zu, die den Neuankömmling teilnahmslos anblickte, und sagte in gedämpftem Ton:

"Sie haben doch einmal an Gott geglaubt. Ihr Mann ist bestimmt auch Christ. Und Ihre Kinder sind getauft und Kinder Gottes. Wir dürfen über unser Leben nicht selbst verfügen, es liegt in Gottes Hand. Im Namen Gottes, warten Sie - niemand von diesen Leuten hier tut Ihnen etwas -, bis ich mit Ihrem Mann geredet habe." Die verstörte Frau, die bei diesen Worten aufgehorcht hatte, nickte schwach.

Francisco flog die Treppe hinunter, jeweils fünf Stufen auf einmal nehmend. Auf der Straße erkundigte er sich bei einem Uniformierten, der vom Streifenwagen aus die Sprechfunkverbindung hielt, nach dem Ehemann. Dieser, zirka 45 Jahre alt, stand verlegen neben einer flotten Mittzwanzigerin unter den Schaulustigen. Beide zogen nervös an Zigaretten.

Francisco stellte sich nicht vor, sagte nur: "Ich war gerade bei Ihrer Frau. Ich zweifle nicht daran, daß sie ernst macht. Wenn Sie ihr Leben retten wollen und das Ihrer Kinder, dann besinnen Sie sich, jetzt! Kehren sie um!"

Und zu beiden gewandt: "Trennen Sie sich voneinander!"

"Was geht das Sie an?", fuhr ihn der Mann an.

"Mischen Sie sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten", erwiderte ebenso schroff die Frau.

Francisco sah dem Mann direkt in die Augen: "Denken sie an die Kinder! Erinnern sie sich daran, was Sie Ihrer Frau am Hochzeitstag versprochen haben: sie ein Leben lang treu in Ehren zu halten. Wenn sie das nicht tun", hörte der Mann die Stimme des Fremden in schneidender Schärfe, "wird Ihr ganzes Leben verpfuscht sein. Glücklich werden Sie nie mehr sein können, Sie nicht und" - Francisco drehte den Kopf zu der nach der neusten Mode gekleideten, stark geschminkten Frau, - "Sie auch nicht. Das Gewissen würde Ihnen keine Ruhe lassen. Bestimmt haben Sie von Franziskus von Assisi gehört. Als er mit einem ähnlichen Fall konfrontiert wurde, ließ er dem Betreffenden ungefähr folgendes ausrichten, was auch für Sie gilt: ,Ich sage Ihnen anstelle des Herrn, jetzt ist die Zeit der Barmherzigkeit, hernach aber wird die Zeit der Gerechtigkeit kommen. Deshalb bitte ich Sie durch die Wunden des gekreuzigten Christus, daß Sie sich danach richten, damit Sie mit Ihrer Familie künftig in Frieden und Gottesfurcht leben."

Etwas an diesen ungewohnten Worten rührte offenbar an das Innere der beiden. Ein Anflug von Schamröte huschte über ihre Gesichter.

"Bringen Sie mich zu meiner Frau", stieß der Mann hervor.

Francisco führte ihn zum Lift, der diesmal frei war, und fuhr mit ihm nach oben. Er spürte, welcher Gefühlssturm in seinem Gegenüber tobte.

Erwartungsvoll traten die Polizeibeamten auf dem Dach zur Seite.

Der Mann näherte sich zögernd und unsicher seiner Gattin und den Kindern, die ihn wie ein Wesen aus einer fremden Welt anstarrten. Ein paar Schritte vor ihnen blieb er stehen. Lange schwieg er, blickte beschämt zu Boden. Dann, leise und für die anderen kaum vernehmbar, kamen Worte von seinen Lippen. "Ich gehöre zu euch. Verzeih mir, Annemarie. Verzeiht mir, Kinder."

Und er ergriff die Hand der Frau, der er Treue gelobt hatte, und zog sie samt den Kindern vom tödlichen Abgrund weg. Erschöpft brach sie in seinen Armen zusammen. Ihr Gesicht drückte so unsagbar vieles aus: eine Welt des Schmerzes, aber auch Hoffnung und Liebe.

Kommissar Stürmer nahm das geschockte Mädchen auf den Arm, einer seiner Kollegen den kleinen Jungen.

Francisco sprach heimlich einen Segen über die Familie, die sich wieder gefunden hatte.

In dieser Situation Fotos zu machen - das brachte er nicht übers Herz.

Und so stand am nächsten Tag nur eine dürftige Meldung im Tagblatt:

 

"Eine 36jährige Hausfrau, die sich gestern nachmittag mit ihren beiden Kindern im Alter von neun und fünf Jahren aus noch nicht geklärten Gründen von einem Hochhaus in die Tiefe stürzen wollte, konnte von der Polizei in letzter Minute davon abgehalten werden. Wegen des Zwischenfalls mußte die Schillerstraße eine Stunde lang für den Verkehr gesperrt werden."

 

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