ETIKA

HUMOR

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28.2.2007

38HU11

Marie von Ebner-Eschenbach:
Ohne Vorschule

Gesammelte Schriften, Berlin 1905, s. 132f.

Ein Töpfer hatte zwei faule Söhne, die das väterliche Handwerk durchaus nicht erlernen wollten. Sein Nachbar, ein Schuster, dem er sein Leid klagte, tröstete ihn: „Schickt sie mir. Vielleicht haben sie zu meinem Handwerk mehr Lust als zu dem Euern.“

Der Töpfer folgte diesem Rate; aber seine faulen Söhne sträubten sich auch gegen den Unterricht, den sie beim Schuster und ebenso bei einem Sattler, einem Schneider, einem Schlosser, einem Glaser nehmen sollten, zu denen sie nach und nach in die Lehre kamen. Sie hielten es nirgends aus; sie blieben dabei: "Wir wollen keinen anderen Beruf ergreifen, als einen, zu dem man nichts zu lernen braucht."

Endlich sagte der Vater in seiner Verzweiflung: „Auf dem Dorfe finde ich nimmermehr, was ihnen paßt, ich will mich in der Stadt umsehen.“

Er ging mit seinen beiden Söhnen und kam bald darauf allein zurück.

„Habt Ihr sie untergebracht?“ fragten die Nachbarn, und er antwortete: „Ja wohl.“ – „Und in welcher Art? Was ist das für ein Beruf, zu dem man nichts zu lernen braucht? Doch wenigstens einer, der Euch ein großes Anlagekapital wird gekostet haben?“

„Je nun,“ erwiderte der Töpfer, „meinem Peter habe ich Papier, Federn und Tinte kaufen, und meinem Paul einen schwarzen Anzug machen lassen müssen. Der Peter ist nämlich Schriftsteller, und der Paul Landtagsabgeordneter geworden.“

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