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Sind weniger
schöne Frauen glücklicher? |
„Der Landsmann“, Bozen, Dezember 1923: Sind häßliche Frauen glücklicher? |
Häßliche Frauen, so schreibt Beryl Sage, sind
meistens feinnervig und phantasievoll. Diese Gabe hat ihnen die gütige Natur
verliehen, um sie für den Mangel äußerer Reize zu entschädigen.
Die Unschöne baut sich ein
Innenreich auf, in dem sie sich einrichtet, und obwohl sie Unvollkommenheit
genau kennt, überwindet sie doch immer siegreich die Hindernisse dank ihrer
charakterlichen Vorzüge.
Schönheit ist eine große Gabe für
jede Frau; sie öffnet ihr die Herzen, erleichtert ihr die Heirat, ebnet ihr
alle Wege. Dafür wird der nicht mit äußeren Reizen ausgestatteten der Kopf
nicht durch Eitelkeit und Schmeichelei verdreht.
Während sie einerseits ihr Gemüt
reich ausbildet, blickt sie andererseits aufmerksamer ins Leben, denn sie weiß,
daß ihr die gebratenen Tauben nicht in den Mund
fliegen, sondern daß sie sich ihr Glück, wenn sie es
besitzen will, selbst erringen muß. Sie wartet nicht
auf die Gnade des Mannes, der sie wie eine Märchenprinzessin in einen
Schmuckkasten setzen soll, sondern sie nimmt selbst den Kampf mit dem Leben
auf.
Diese Energie und Lebendigkeit
verleiht der Häßlichen einen Reiz und eine
Anziehungskraft, die die Schöne meistens nicht besitzt, da sie gewohnt ist,
untätig alles an sich herankommen zu lassen. Die Unschöne hat mehr Gelegenheit,
die menschliche Natur zu studieren, gewinnt einen tieferen Einblick in die Menschenseele
und weiß besser mit Männern umzugehen.
Sie empfängt gewiß
weniger Anträge als die Schöne, aber es genügt ihr, wenn sie einen Antrag
erhält, denn sie greift zu und wird meistens eine gute und glückliche
Ehefrau.
Der Mann aber, der eine Häßliche heiratet, handelt instinktiv richtig, denn er
ahnt, daß er bei ihr besser aufgehoben wird.
Zudem ist Schönheit nichts
absolut Feststehendes, sondern es gibt unendlich viele Spielarten des
Schönen, und kein Mädchen ist so häßlich, daß es nicht manchmal sehr vorteilhaft aussehen könnte.
Jede "Häßliche"
besitzt wenigstens eine Schönheit, mag es ihr Haar sein, oder ihr Auge oder
ihre Figur, und sie muß diesen Reiz nur genügend
hervorzukehren verstehen.
Anmerkung 1: Die letzte
Bemerkung haben in dieser Endzeit allzu viele zu wörtlich genommen, so daß das Ergebnis sich bei dieser regelrechten Inflation
wieder ins Gegenteil verkehrt, zumal es beim übrigen oft hapert.
Anmerkung 2: Die Zeitung „Der
Tiroler“ wurde in „Der Landsmann“ umbenannt, als die Faschisten im besetzten Südtirol
(Alto Adige) die Namen
Tirol und Tiroler verboten. Später hieß die Zeitung dann bis heute „Dolomiten“.