ETIKA

FRAUEN

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1.3.2007

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Sind weniger schöne Frauen glücklicher?

„Der Landsmann“, Bozen, Dezember 1923: Sind häßliche Frauen glücklicher?

Häßliche Frauen, so schreibt Beryl Sage, sind meistens feinnervig und phantasievoll. Diese Gabe hat ihnen die gütige Natur verliehen, um sie für den Mangel äußerer Reize zu entschädigen.

Die Unschöne baut sich ein Innenreich auf, in dem sie sich einrichtet, und obwohl sie Unvollkommenheit genau kennt, überwindet sie doch immer siegreich die Hindernisse dank ihrer charakterlichen Vorzüge.

Schönheit ist eine große Gabe für jede Frau; sie öffnet ihr die Herzen, erleichtert ihr die Heirat, ebnet ihr alle Wege. Dafür wird der nicht mit äußeren Reizen ausgestatteten der Kopf nicht durch Eitelkeit und Schmeichelei verdreht.

Während sie einerseits ihr Gemüt reich ausbildet, blickt sie andererseits aufmerksamer ins Leben, denn sie weiß, daß ihr die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen, sondern daß sie sich ihr Glück, wenn sie es besitzen will, selbst erringen muß. Sie wartet nicht auf die Gnade des Mannes, der sie wie eine Märchenprinzessin in einen Schmuckkasten setzen soll, sondern sie nimmt selbst den Kampf mit dem Leben auf.

Diese Energie und Lebendigkeit verleiht der Häßlichen einen Reiz und eine Anziehungskraft, die die Schöne meistens nicht besitzt, da sie gewohnt ist, untätig alles an sich herankommen zu lassen. Die Unschöne hat mehr Gelegenheit, die menschliche Natur zu studieren, gewinnt einen tieferen Einblick in die Menschenseele und weiß besser mit Männern umzugehen.

Sie empfängt gewiß weniger Anträge als die Schöne, aber es genügt ihr, wenn sie einen Antrag erhält, denn sie greift zu und wird meistens eine gute und glückliche Ehefrau.

Der Mann aber, der eine Häßliche heiratet, handelt instinktiv richtig, denn er ahnt, daß er bei ihr besser aufgehoben wird.

Zudem ist Schönheit nichts absolut Feststehendes, sondern es gibt unendlich viele Spielarten des Schönen, und kein Mädchen ist so häßlich, daß es nicht manchmal sehr vorteilhaft aussehen könnte.

Jede "Häßliche" besitzt wenigstens eine Schönheit, mag es ihr Haar sein, oder ihr Auge oder ihre Figur, und sie muß diesen Reiz nur genügend hervorzukehren verstehen.

Anmerkung 1: Die letzte Bemerkung haben in dieser Endzeit allzu viele zu wörtlich genommen, so daß das Ergebnis sich bei dieser regelrechten Inflation wieder ins Gegenteil verkehrt, zumal es beim übrigen oft hapert.

Anmerkung 2: Die Zeitung „Der Tiroler“ wurde in „Der Landsmann“ umbenannt, als die Faschisten im besetzten Südtirol (Alto Adige) die Namen Tirol und Tiroler verboten. Später hieß die Zeitung dann bis heute „Dolomiten“.

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