|
ETIKA |
GESCHICHTEN |
www.etika.com |
|
38LC23 |
Marie von
Ebner-Eschenbach: Besessen |
|
Ein Jüngling hatte ein schönes, treues Liebchen,
strebte aber der Gunst einer Göttin nach. Diese wies ihn ab und sagte:
"Wie kannst du glauben, daß ich mich
einem Menschen huldreich erweisen werde, dessen Herz ich teilen müßte mit einem
irdischen Weibe?"
Da verstieß er seine Geliebte, rief die Göttin
wieder an und fragte: "Wirst du mich belohnen für das Opfer, das ich dir
gebracht habe?"
"Schon deshalb nicht, weil du Lohn
erwartest", erwiderte sie. "Ein Recht auf mich läßt sich nie und
durch nichts erwerben."
"Ich spreche auch nicht von
Recht", versetzte der Jüngling, "ich flehe um deine Gnade".
Die Göttin ließ ihr heiteres Lachen
erschallen: "Behilf dich einstweilen ohne sie. Du hast genug andere Güter;
du hast teure Eltern, Geschwister, Freunde, ein schmuckes Heim, Reichtum,
Jugend, Gesundheit."
Nun verschenkte er alles, was er besaß,
nahm auf Nimmerwiedersehen Abschied von den Seinen und folgte der Göttin nach -
aus weiter, weiter Entfernung.
Weil er nichts anderes mehr zu opfern hatte,
opferte er ihr den Schlaf seiner Nächte und das Rot seiner Wangen, wachte und
sang vor den Altären der Unsterblichen, verkündete ihren Ruhm und rief die Welt
zum Zeugen seiner Anbetung und seiner ringenden Qual.
Aber seine Lobpreisungen und seine Klagen
blieben ohne Widerhall, denn die Göttin hatte die Lippen, denen sie
entströmten, nicht geküßt. Das Alter kam, zehrte an seiner Kraft, bleichte ihm
die Locken; seine Sehnsucht blieb jung und heiß, und sie, deren Schrei die Ruhe
des Himmels stört, zwang die Unsterbliche einmal wieder zu ihrem treuesten
Diener herab.
Er warf sich ihr zu Füßen und flehte:
"E i n e n freundlichen Blick gewähre
mir, ein holdes Lächeln, damit mein Leben nicht ganz verloren sei!"
"War es verloren, ist´s meine
Schuld?" fragte sie. "Warum wandelst du auf meinen Spuren? - Wann
rief ich dich? - Laß ab von meinem Dienste, unberufener Knecht!"
Zürnend schritt sie hinweg, und er stand
auf und folgte ihr.