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38LC39 |
Glück bewahrter
Unschuld! |
Von einem deutschen Jesuiten in Nord-Amerika |
Es war an einem Herbstmorgen des
Jahres 189..., als ein Zug durch die nordamerikanische Landschaft dahinbrauste.
Dichter Nebel lagerte noch über dem Talgrunde, durch das er eben seinen flüchtigen
Lauf nahm. Im Osten, über den nebelschweren Bäumen, stand bleich und trübe die
Morgensonne und ihre Strahlen vermochten nur schwer den grauen Nebelflor zu
durchdringen.
Schon bog der Zug um eine scharfe
Kurve an der Mündung des Tales, da ertönte ein schriller Warnungspfiff, die
Bremsen der Räder knirschten, ein jäher Ruck flog durch alle Wägen. Zu spät!
Das Schrecklichste ist bereits
geschehen. Infolge des dichten, heftigen Nebels hat ein Zusammenstoß
stattgefunden. Da liegt nun ein großer Trümmerhaufen, der traurige Rest zweier
Züge, die eben noch so stolz und kraftvoll dahinsausten und allem zu trotzen
schienen.
Wimmern und Stöhnen und
flehentliche Hilferufe ertönen allenthalben. Diejenigen, die unversehrt
geblieben oder nur leichte Verletzungen erlitten, sind dienstbereit zur Stelle.
Auch kommt Hilfe von der nahe gelegenen Station, einem Landdörfchen. Nur mit
großer Mühe nimmt man die Toten und Schwerverletzten aus dem Trümmerhaufen
hervor und bettet sie vorläufig auf die feuchte Erde. Eine gar lange Reihe
unglücklicher Opfer liegt bereits da und immer noch legt man neue hinzu. Manche
hat der Todesengel schon heimgeholt. Andere stöhnen herzzerreißend infolge
schwerer Verletzungen.
Ein Priester ist da und spendet
Trost und Hilfe denen, die danach verlangen. Er kommt auch zu einem etwa
14jährigen Knaben, der auffällig ruhig daliegt, die Augen geschlossen, die
Hände auf der Brust gefaltet, ein Bild des Friedens inmitten der Stätte des
Todes.
Kein Wimmern kann ihm der Schmerz
erpressen, der in seiner tödlich gequetschten Brust ruht. Eigentümlich berührt
beugt sich der Priester über den Knaben, der trotz seines jugendlichen Alters
so trefflich zu leiden verstand.
"Wünschest du geistlichen
Beistand?" fragte der Priester.
"Hochwürden", versetzte
mit matter Stimme der Knabe, "heute morgen noch habe ich die hl. Kommunion
empfangen. Da Herz-Jesu-Freitag war, fuhr ich zur benachbarten Kirche. Auf dem
Rückweg ereilte mich das Unglück."
"Beängstigt dich denn nichts
im Angesicht des Todes?"
Da bedeckte eine matte Röte die
bleichen Züge des Knaben.
"Hochwürden",
hauchte die sterbende Stimme, "ich habe nie in meinem Leben die Unschuld
verletzt."
Tief gerührt eilte der Priester
weiter, andern Sterbenden den letzten Beistand zu erteilen.
Feierlich aber lag der sterbende
Engel da. Sein Angesicht war immer blasser. Doch seine Züge umspielte ein so
zartes, seliges Lächeln, das erinnert an jene glückliche Heimat dort oben, wo
weder Trauer noch Schmerz zu finden ist.
Im Osten war unterdessen die Sonne
höher und höher gestiegen. Ihre goldenen Strahlen legten sich wie verklärend
auf den sterbenden Dulder, wie Morgengruß zu ewigem Glück, wie Frührot zu
himmlischer Verklärung.
Aus: Unsere Fahne, Sodalen Korrespondenz für Studierende, IV. Jahrgang,
1. Heft,1. Oktober 1913, Seite 23. Verlag: Wien IX/4, Lustkandlg. 41.
Herausgegeben von der Zentralstelle für Mar. Kongregationen, redigiert von
Albert M. Boegle S. J. Wien, IX/4, Canisiusgasse 16.