ETIKA

GESCHICHTEN

www.etika.com
6.12.1999 – 28.2.2007

38LC39

Glück bewahrter Unschuld!

Von einem deutschen Jesuiten in Nord-Amerika

Es war an einem Herbstmorgen des Jahres 189..., als ein Zug durch die nordamerikanische Landschaft dahinbrauste. Dichter Nebel lagerte noch über dem Talgrunde, durch das er eben seinen flüchtigen Lauf nahm. Im Osten, über den nebelschweren Bäumen, stand bleich und trübe die Morgensonne und ihre Strahlen vermochten nur schwer den grauen Nebelflor zu durchdringen.

Schon bog der Zug um eine scharfe Kurve an der Mündung des Tales, da ertönte ein schriller Warnungspfiff, die Bremsen der Räder knirschten, ein jäher Ruck flog durch alle Wägen. Zu spät!

Das Schrecklichste ist bereits geschehen. Infolge des dichten, heftigen Nebels hat ein Zusammenstoß stattgefunden. Da liegt nun ein großer Trümmerhaufen, der traurige Rest zweier Züge, die eben noch so stolz und kraftvoll dahinsausten und allem zu trotzen schienen.

Wimmern und Stöhnen und flehentliche Hilferufe ertönen allenthalben. Diejenigen, die unversehrt geblieben oder nur leichte Verletzungen erlitten, sind dienstbereit zur Stelle. Auch kommt Hilfe von der nahe gelegenen Station, einem Landdörfchen. Nur mit großer Mühe nimmt man die Toten und Schwerverletzten aus dem Trümmerhaufen hervor und bettet sie vorläufig auf die feuchte Erde. Eine gar lange Reihe unglücklicher Opfer liegt bereits da und immer noch legt man neue hinzu. Manche hat der Todesengel schon heimgeholt. Andere stöhnen herzzerreißend infolge schwerer Verletzungen.

Ein Priester ist da und spendet Trost und Hilfe denen, die danach verlangen. Er kommt auch zu einem etwa 14jährigen Knaben, der auffällig ruhig daliegt, die Augen geschlossen, die Hände auf der Brust gefaltet, ein Bild des Friedens inmitten der Stätte des Todes.

Kein Wimmern kann ihm der Schmerz erpressen, der in seiner tödlich gequetschten Brust ruht. Eigentümlich berührt beugt sich der Priester über den Knaben, der trotz seines jugendlichen Alters so trefflich zu leiden verstand.

"Wünschest du geistlichen Beistand?" fragte der Priester.

"Hochwürden", versetzte mit matter Stimme der Knabe, "heute morgen noch habe ich die hl. Kommunion empfangen. Da Herz-Jesu-Freitag war, fuhr ich zur benachbarten Kirche. Auf dem Rückweg ereilte mich das Unglück."

"Beängstigt dich denn nichts im Angesicht des Todes?"

Da bedeckte eine matte Röte die bleichen Züge des Knaben.

"Hochwürden", hauchte die sterbende Stimme, "ich habe nie in meinem Leben die Unschuld verletzt."

Tief gerührt eilte der Priester weiter, andern Sterbenden den letzten Beistand zu erteilen.

Feierlich aber lag der sterbende Engel da. Sein Angesicht war immer blasser. Doch seine Züge umspielte ein so zartes, seliges Lächeln, das erinnert an jene glückliche Heimat dort oben, wo weder Trauer noch Schmerz zu finden ist.

Im Osten war unterdessen die Sonne höher und höher gestiegen. Ihre goldenen Strahlen legten sich wie verklärend auf den sterbenden Dulder, wie Morgengruß zu ewigem Glück, wie Frührot zu himmlischer Verklärung.

Aus: Unsere Fahne, Sodalen Korrespondenz für Studierende, IV. Jahrgang, 1. Heft,1. Oktober 1913, Seite 23. Verlag: Wien IX/4, Lustkandlg. 41. Herausgegeben von der Zentralstelle für Mar. Kongregationen, redigiert von Albert M. Boegle S. J. Wien, IX/4, Canisiusgasse 16.

Index 38 - Index 3