ETIKA

GEDICHTE

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28.2.2007

38LP33

Enrica von Handel-Mazzetti:
Ein Lied von den Kindern

im St. Antoniusblatt, Bozen, September 1946, Seite 162

Kannst du erfüllen eine Kinderbitte - schlag sie nicht ab!
Du stehst - ein König - in des Lebens Mitte mit Kron´ und Stab.
Des Volkes billige Wünsche zu gewähren, ist Fürstenziel.
Das Volk, das Kind muß vielerlei entbehren und wünscht so viel!

Und kannst du lösen eine Kindesfrage, ob groß, ob klein:
So sei die Antwort gleich dem Glockenschlage, wahr und rein.
Wenn du dem Manne statt der Wahrheit Trug verkündest, er kann´s durchschau´n.
Das Kind ist arglos. Wehe, wenn du sündigst auf sein Vertrau´n.

Kannst du mit Kindern Kinderfreuden teilen, o sel´ger Traum!
Heiß´ deiner Sorge düstre Rotte weilen am Waldessaum
Und tanze mit den Kleinen Ringelreihen in froher Rund´;
der Himmel mög´ ein Kinderherz dir leihen in dieser Stund´!

Und kannst du küssen eine Kinderzähre von Lid und Wang´,
Vergiß dein eignes Leid, das schwere, bis dir´s gelang!
O, wenn das Kind, getröstet durch dein Kosen, in´s Aug´ dir lacht,
So kühlt dir Balsam, süß wie Duft von Rosen, die Wunden sacht.

Ist Kindesunschuld dir in Hut gegeben, o hüte sie!
Mit keinem Hauch, mit keiner Wimper Beben betrübe sie!
Berühr´ den Schleier nicht, der Schuld und Mängel dem Kind entrückt.
Berühr´ die Einfalt nicht, die Gottes Engel und Gott entzückt!

Kannst du im Sturm ein Kindesherz gewinnen, mit Lust daran!
Laß plänkeln Elfen, Prinzen, Königinnen, die Zwerge voran!
Nun alle Weihnachtsengel vor zum Sturme mit dem Jesulein!
Schon weht, schon weht das Banner weiß´vom Turme: Die Burg ist dein!

Enrica von Handel-Mazzetti

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