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Rosegger für Lösbarkeit der Ehe

17.10.2007

Ein Schatzkästlein des Wahren und Guten:
Peter Rosegger: Heimgärtners Tagebuch
Staackmann Verlag, Leipzig, 1913

Peter Rosegger (1843-1918), von manchen der deutsche Tolstoj genannt – er war aber weniger radikal, viel vernünftiger und menschlicher , wäre es wert, wenn seine Werke neu aufgelegt würden. Er hat eine Unmenge Gutes geschrieben, wie auch Tolstoj; der übrigens eine Woche vor seinem Tod geflohen ist – auch vor seiner Frau, und in einer Bahnstation, umlagert von Militär und Journalisten, gestorben ist (darüber gibt es ein Buch und ein Hörspiel). Über Tolstoj urteilte Rosegger ausführlich und ausgewogen in seinem Buch „Heimgärtners Tagebuch“, Verlag von L. Staackmann, Leipzig, 1913, auf den Seiten 310 – 314.  Nachstehende Texte Roseggers entnehmen wir demselben Band, S. 28f

Heute auf einer Fahrt ins Mürztal (Anmerkung: ebenfalls dort spielt die erschütternde Tierschutzgeschichte „Sieben Jahre vor dem Höllentor“) erzählte mir jemand, daß er mit seinem Pfarrer in Konflikt gekommen sei. Zuerst habe der Pfarrer gesagt: Wenn der Mensch einen Irrtum begangen hat und er sieht es ein, so soll er ihn nach allen Kräften gutmachen. Sagte darauf er:

„Herr Pfarrer, deshalb bin ich eben da. Ich habe einen großen Irrtum begangen, den größten in meinem Leben, daß ich diese Person geheiratet habe. Alle beide sind wir unglücklich, sie und ich, in der Zeit und vielleicht auch in der Ewigkeit, denn wir verstehen uns nicht, leben in Unfrieden mitsammen, nicht einmal die Treue können wir einander halten. Wir passen nicht zusammen, deshalb wollen wir den schweren Irrtum gutmachen und uns scheiden lassen.“

„Was nicht noch!“ fuhr der Pfarrer auf, „sind Sie auch so ein Bock?“

„Und Sie, Herr Pfarrer, sollen uns helfen, den Irrtum gutzumachen.“

Darauf der Seelsorger:

„Ehescheidung?! Gehen’s lassen S’ mich aus. Unsinn!“

Volksabstimmung für ein neues Gesetz zur Lösbarkeit der Ehe. Ich habe heute auch unterschrieben – zaudernd und zögernd. Aber endlich hat die Überzeugung ihr Recht verlangt.

Es spricht so viel Ideales für die Unlösbarkeit der Ehe; eine goldene Hochzeit hat etwas so Rührendes und man kennt manches Ehepaar, das nach schweren, jahrelangen Stürmen miteinander zufrieden und glücklich geworden ist. Nicht aus Gewohnheit allein. Die gemeinsamen Freuden und Leiden haben ihre Herzen allmählich geläutert, aus reizbaren Liebesleuten sind treue Freunde geworden. Viele Stürme, die nachweisbar sich besonders im dritten Jahre der Ehe zu erheben pflegen, können wohl überdauert werden. Dann folgen friedliche Jahre. –

Und doch! Die allgemeinere Erfahrung, die Vernunft spricht schrecklich laut: Die Ehe muß löslich sein! Nicht leicht, nicht sobald es dem Ehepaare gerade einfällt – aber im schlimmsten und letzten Falle muß sie löslich sein.

Gewiß, schon die Kinder und ihr Schicksal werden in den allermeisten Fällen die Eltern bestimmen, beisammen zu bleiben, obschon man Fälle weiß, da eine uneinige, unsittliche Elternehe den Kindern zum Verderben wird. –

Und dann muß die Möglichkeit vorhanden sein, daß die Getrennten, Geschiedenen sich wieder verheiraten können. Schauen wir auf die Länder hin, wo es so ist. In den meisten Fällen bleiben die ersten Ehepaare auf lebelang zusammen, und es gibt bei den Protestanten auch goldene Hochzeiten.

Aber schon die Möglichkeit der Lösung läßt das schwere Band erträglicher erscheinen und ein freiwilliges Sicheinanderopfern führt inniger zusammen, als ein erzwungenes.

Wo Eheleute sich aber doch trennen müssen und andere Verbindungen eingehen, da ist’s im schlimmsten Falle nicht schlechter, zumeist aber weit besser, als die sündenstrotzende Hölle in einer unglücklichen und unlöslichen Ehe. –

Sollte das Gesetz für Lösbarkeit der Ehe bei uns nicht durchgehen, dann kämen gute Zeiten für die Los-von-Rom-Bewegung. Dann würden viele vor Verheiratung das Protestantisch-Werden für eine kluge Vorsicht halten.

Anmerkung:

Ähnlich Francisco de Quevedo in seinen „Träumen“:

„…y al fin, conocí que un mal casado tiene en su mujer toda la herramienta necesaria para la muerte, y ellos y ellas a veces el infierno portátil” (tragbar, Reise-, Hand-)

Don Francisco de Quevedo y Villegas: Los Sueños. Las Zahurdas (Schweineställe) de Plutón. Editorial Ebro. Zaragoza, 1974. S. 35

Gebet:

Allmächtiger Gott, löse das Problem jener Unglücklichen, die den falschen Partner geheiratet haben, auf barmherzige und gerechte Weise – für das irdische Leben und das Jenseits! Erbarme Dich schnell jener, die ihre Not und Einsamkeit nicht mehr ertragen! Herr, eile, ihnen zu helfen!

 

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