ETIKA

STADT- LAND

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28.9.2002

40SL9

Städte: In der Steinwüste begraben

Dank an P. N.

 

Landflucht ohne Ende
Ein Mahnwort von Franz Donat, Salzburg
Aus: "Die Volksseele", Wien, Nr. 74/1930

Der Traum, den fast jeder Städter den ganzen Winter hindurch träumt, sind ein paar Wochen Ferien in der wundervollen ländlichen Einsamkeit, auf den Bergen, in den Wäldern, an den Seen. Es scheint fast, als hätte der das ganze Jahr hindurch in der Steinwüste besonders der Großstadt begrabene Mensch keinen sehnlicheren Wunsch, als nur immer auf dem Lande zu leben. Wer ihm aber dann zumuten wollte, überhaupt aufs Land zu ziehen, würde bald eines Besseren belehrt werden. Der Städter will nicht dauern auf dem Lande wohnen, ausgenommen etwa, er ist reicher Villenbesitzer, er liebt es nur als vorübergehenden Ferienaufenthalt.

In eigenartiger und betrüblicher Übereinstimmung mit dieser Sinnesart des in seiner ganzen Lebensführung auf die Bequemlichkeiten und Vergnügungen des städtischen Lebens eingestellten Menschen steht die unheilvolle Landflucht, die überall in zunehmendem Maße um sich greift. Soweit wir unsere gegenwärtige Entwicklung in Europa zu überblicken vermögen, hat es eine Landflucht immer gegeben. Denn sonst gäbe es ja keine Städte, weil sich, wie die Statistik schon längst lehrt, die städtische Bevölkerung nicht aus eigenem in ihrer Kopfzahl aufrecht zu erhalten vermag. Die Stadt lebt daher bevölkerungstechnisch immer und überall vom Lande. Aber nicht der, wie wir sagen dürfen, naturgemäße Zuzug vom Lande in die Stadt ist es, was jeden aufmerksamen Beobachter in der innersten Seele ängstigen muß. Das Gefährliche dieser Erscheinung liegt vielmehr in dem bedrohlichen Umfang, den die Landflucht besonders in der jüngsten Zeit angenommen hat, so daß man sie mit nur ganz wenig Übertreibung einen langsamen und unmerklichen Selbstmord der Landbevölkerung nennen könnte.

Was ganz allgemein und in jeder Hinsicht gilt, gilt auch hier. Ehevor man sich über irgend eine Tatsache in Klagen ergeht, ist man verpflichtet, vor allem ihre Gründe aufzudecken. Auch die Landflucht hat ihre wohlgemessenen und deutlich wahrnehmbaren Gründe. Gründe allerdings, die teils wirtschaftlicher, teils sozialer, teils allgemeiner Natur sind, wirkliche Gründe und Scheingründe, besonders auch Gründe, die ihre Wurzeln in gewissen beklagenswerten Anschauungen liegen haben.

Das, was den Menschen wenigstens scheinbar zunächst in die Stadt lockt, das ist die erhoffte Aussicht auf eine Verbesserung seiner Lebensbedingungen. Er glaubt, vielfach nicht mit Unrecht, in der Stadt besser, leichter und schneller vorwärts zu kommen. Er sieht vor allem eines seiner sehnsüchtigst erwarteten Ziele, die Erlangung der vollen Selbständigkeit, in greifbare Nähe gerückt. Zugleich damit sieht er durch die Abwanderung in die Stadt eine Möglichkeit zu einer baldigen Verheiratung gegeben. Nicht selten ist es auch die schwere Arbeit in den bäuerlichen Betrieben, der er durch eine bequemere Stellung etwa in einer Fabrik, in einem Geschäft zu entgehen hofft.

Wenn nur diese Gründe allein maßgebend wären, hätten wir weniger Recht, über die Landflucht zu klagen. Aber mit ihnen verbinden sich vielfach andere, ja in vielen Fällen sind es nur diese anderen, die den jungen Menschen vom Lande in die Stadt rufen. Zu Hause fühlt er sich beengt. Nicht nur die Augen seiner Eltern und Bekannten umwachen ihn mit treuer Sorgfalt, sondern das ganze Dorf, das sich ja als eine Einheit fühlt, schaut auf das Tun und Treiben des einzelnen. In der Stadt taucht die Persönlichkeit viel mehr unter und wird ein kleiner, unbeträchtlicher, wenig beobachteter Teil der großen Masse.

Die für viele so heilsame elterliche Kontrolle hört dort ganz auf und weicht einer gewissen Ungebundenheit, um die sich die Umgebung wenig kümmert. Wie viele fühlen sich nur deshalb in die Stadt gezogen, weil ihnen dort, wenigstens wie sie glauben, alle Vergnügungen offen stehen, dort winkt ein freies und ungezügeltes Genußleben, nicht nur Theater und Kino und andere Vergnügungen aller Art, sondern noch viel Schlimmeres, freiester Umgang mit jedermann, Liebschaften, Gasthausleben, Spiel und Trunk.

Die erschreckenden Nachteile, die die Landflucht in jenem ungesunden Umfange, den sie heute angenommen hat, aufweist, sind so deutlich erkennbar, daß es fast ein Überfluß scheinen könnte, darüber eingehender zu sprechen. Reden wir gar nicht von der Entblößung des Landes von Arbeitskräften und von den bitteren wirtschaftlichen Folgen, die diese eine Tatsache mit sich zieht.

Kaum irgend eine andere Begleiterscheinung unseres Lebens nimmt auf das furchtbare Umsichgreifen der Arbeitslosigkeit einen so bestimmenden Einfluß, als gerade diese Proletarisierung unserer einstmals ländlichen Bevölkerung durch die Landflucht. Mit welch furchtbaren täglichen Opfern müssen so viele ihre Voreiligkeit bezahlen, daß sie, von schönen Trugbildern gelockt, in die Stadt zogen, in der festen Meinung, dort den goldenen Boden zu finden, den ihnen die ländliche Berufsarbeit nicht zu geben vermochte. Wie viele sehen sich schon nach kurzer Zeit ohne Arbeit, ohne Brot, ohne Verdienst, hilflos in der Fremde der Stadt, die ihre anfänglichen Versprechungen nur allzu bald mit schwersten Enttäuschungen eingelöst hat! Die würgende Wohnungsnot hätte wohl kaum je einen solchen Umfang angenommen, hätten sich die scharen derer, die aus dem Lande in die Stadt zogen, zur rechten Zeit klar und offen über ihr Vorhaben Rechenschaft gegeben. Wenn ihnen dann die Augen aufgehen, ist es meistens schon zu spät. Teils aus Scham, teils aus Bequemlichkeit ziehen sie es vor, in der Stadt zu bleiben, da sie nicht mehr den Mut haben, ihr Leben noch einmal umzugestalten.

Die wirtschaftliche Not, der ein leider nicht geringer Teil der ländlichen Arbeitskräfte in der Stadt anheimfällt, ist aber nur die eine Schattenseite. Sie wird oft noch verdunkelt durch das betrübliche Bild, das sich in religiöser und sittlicher Hinsicht ergibt. Wenn heute in den großen Industriezentren eine so gewaltige Anzahl von Männern und Frauen ohne Gott, ohne Religion und Glauben, ohne sittliche Grundsätze dahinvegetiert, so bedenke man, daß ein ganz erheblicher Prozentsatz davon vor zehn oder zwanzig Jahren noch auf dem Lande lebte. Sicher ein ganz beträchtlicher Teil davon kam ganz anders in die Stadt, als er heute lebt und denkt. Der Moloch Stadt hat eben ihr Bestes, ihre Überzeugung, dahingerafft. Die Versuchungen, die die Stadt ausströmt, sind ganz gewaltig.

Der einzelne wird von der Masse zermalmt. Nur stärkere und gefestigter Naturen vermögen dauernd Widerstand zu leisten, wenn vielleicht die ganze nunmehrige Umgebung anderer Gesinnung ist. Oft dauert es nicht lange und bisher brave und überzeugte christliche Arbeiter segeln, ohne daß sie vielleicht selbst genau des Umschwunges gewahr geworden sind, der mit ihnen allmählich vor sich gegangen ist, in vollkommen sozialdemokratischem Fahrwasser dahin.

Die Gepflogenheiten des Dorfes, sich wenigstens an den allgemeinsten religiösen Übungen zu beteiligen, ist in die Ferne gerückt. Bald empfindet man den Ausfall der sonntäglichen Messe, des Sakramentenempfanges, der Zugehörigkeit zu christlichen Vereinen überhaupt nicht mehr. Mancher findet sich wohl auch nicht zurecht, hat keinen Freund und Berater zur Seite, ist zu schwerfällig, sich einen zu suchen, sieht sich ganz auf sich allein gestellt und hat dann keinen Halt mehr denen gegenüber, die sich zufällig oder aus Berechnung seiner annehmen.

Wie lange kann es naturgemäß dauern, bis auch er ein Spielball der Leidenschaften ist, denen sich alle anderen verschrieben zu haben scheinen.

Welch furchtbare Erfahrungen macht zum Beispiel so manches Dienstmädchen, das in allzu großer Vertrauensseligkeit eine Stelle annahm, die ihm zum Schein vielleicht glänzende Bedingungen einräumte, bis es mit Schrecken erkennen muß, daß vielleicht nur mehr wenige Schritte es von dem Lasterleben trennen, das sich ihm mit schrecklicher Gewalt aufdrängt!

Wie viele mögen lange gekämpft haben, ehe sie das Letzte von sich warfen, das letzte, heilige Erbgut ihrer ländlichen Vergangenheit, die letzte Bitte der beschwörenden, treubesorgten Mutter, die letzte Erinnerung an eine reine Kindheit.

Das Ende sind, ach wie oft, die furchtbaren Krankheiten, materielles Elend, schmählichste Sklaverei in den Ketten des Lasters und ein vorzeitiger Tod. Denn so mancher, der freventlich Hand an sein eigenes Leben gelegt hat, ist nichts anderes als ein Opfer der unseligen Landflucht.

*

Die Schäden der Landflucht ernstlich beklagen, heißt aber, sie auch ernstlich bekämpfen zu wollen. Von selbst werden die Dinge nicht anders, sondern sie werden auch weiterhin jenen Lauf nehmen, den sie bisher genommen haben. Muß uns denn nicht das einfachste christliche Mitleid mit Gewalt dazu drängen, den Ungezählten, die alljährlich in der Stadt ihrem körperlichen und sittlichen Untergang entgegengehen, alle jene Hilfe angedeihen zu lassen, die wir ihnen bieten können? Ein wirksamer Kampf gegen die Landflucht ist aber nur dann möglich, wenn wir alle unsere Kräfte anspannen, um deren Ursachen zu beseitigen.

Verschließen wir daher vor allem unsere Augen nicht vor allen jenen Mißständen kleinerer und größerer Art, unter denen die unteren Schichten der ländlichen Bevölkerung, vor allem also die arbeitende und dienenden Klasse, zu leiden haben. Haben wir nicht das furchtbare Beispiel vor uns, wie sich die industrielle Bevölkerung, die eigentliche Arbeiterschaft, von den christlichen Grundsätzen abgewandt hat? Wenn nicht alle Zeichen trügen, so haben wir vielleicht in ein oder zwei Jahrzehnten denselben Kampf um die Seele des Arbeiters auch auf dem Lande. Man redet so gerne - die Verhältnisse sind allerdings überall ein wenig verschieden - von der Schönheit des alten patriarchalischen Verhältnisses zwischen Bauern und Dienstboten und will oft nicht glauben, daß sie sich vielfach nicht mehr so halten lassen wie bisher, weil die ganze Zeitlage eine andere Richtung genommen hat.

Der Drang nach Selbständigkeit ist heute auch in der ländlichen Bevölkerung ganz anders, viel mächtiger als bisher. Dürfen wir immer ruhig zusehen, daß so mancher Knecht, so manche Magd zeitlebens keine Möglichkeit sieht, eine eigene Familie zu gründen, außer sie kehren dem Lande den rücken und ziehen in die Stadt? Wie viele würden kaum je den Gedanken fassen, die Heimat zu verlassen, wenn diese Heimat ihnen auch gewisse Menschenrechte einräumte, für die die gegenwärtige Wirtschaftsordnung oft noch keinen Platz zu haben scheint. Man sage nicht, dies sei einfach unmöglich, dies wäre nur mit einer Umkehrung und so tiefgreifenden Veränderung der ländlichen Wirtschaftsformen möglich, daß jeder Versuch einfach scheitern müßte. Wollen wir es wirklich dem Gegner überlassen, hier Bedingungen zu schaffen, die man dann notgedrungen annehmen muß? Das Studium dieser Frage, die nicht so leicht gelöst werden wird und die vor allem auch nicht von heute auf morgen gelöst werden kann (Anmerkung: man denke daran, wie rasch im Dritten Reich alles vor sich ging), ist zumindest ebenso wichtig als etwa verschiedene Zweige des katholischen Vereinslebens. Es wird Sache der berufenen Kreise sein, diesen Erwägungen das Ohr nicht zu verschließen. ...

Daß daneben auch die verschiedenen anderen Vorkehrungen nicht fehlen dürfen, ist selbstverständlich. Beratende, wohlgemeinte Belehrung darf nicht mangeln. Es ist besser, einem unerfahrenen Mädchen in aller Offenheit die Augen zu öffnen, ls es gleichmütig vielleicht seinem Verderben entgegenziehen zu lassen. Unseren ländlichen Vereinsorganisationen bietet sich hier ein verdienstvolles Feld der Tätigkeit. Und wenn schon der eine oder die einzelne sich nicht halten läßt, so lasse man sie wenigstens nicht schutzlos ziehen. Es wird immer Leute geben, die sich von ihren Vorhaben nicht mehr abbringen lassen. Aber selbst dann noch ergeben sich Möglichkeiten, wenigstens die schwersten Schäden der Landflucht in manchem auszugleichen. Gewiß kann der Seelsorger, der Vereinspräses manchem Scheidenden noch ein gutes mahnendes Wort in die Stadt mitgeben.

Wichtiger als Worte sind allerdings Taten. Wenn immer möglich, suche man eine Gelegenheit, sie schon von allem Anfang an mit den katholischen Vereinen in den Städten in Verbindung zu bringen. Man gebe ihnen Adresse dieser Vereine, oder noch besser, wenn es möglich ist, man verständige die betreffenden Vereinsleitungen mit der Bitte, sich der Neuangekommenen liebreich und helfend anzunehmen. Oft, vielleicht sogar meistens, entscheidet die erste Zeit des städtischen Aufenthaltes für die ganze Zukunft. Gelingt es, sie über diesen schwersten Zeitpunkt ungefährdet hinwegzubringen, sind sie vielleicht für immer gewonnen. Ist ein gewisser Zufluß aus dem Lande in die Stadt unaufhaltbar, so soll er wenigstens dazu dienen, den Kern der christlichen Bevölkerung in den Städten zu verstärken...

Meditation: Heute, sieben Jahrzehnte später, bringen Fernsehen und Computer die Laster der Städte in fast jedes Haus. Die Folgen: Die Familien zersplittern, das Dunkle bemächtigt sich der Seelen, Durcheinander und Wahnsinn allerorten.

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