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40SL9 |
Städte: In der Steinwüste begraben |
Dank
an P. N. |
Landflucht ohne Ende
Ein Mahnwort von Franz Donat, Salzburg
Aus: "Die Volksseele", Wien, Nr. 74/1930
Der Traum, den fast jeder Städter den ganzen Winter hindurch
träumt, sind ein paar Wochen Ferien in der wundervollen ländlichen Einsamkeit,
auf den Bergen, in den Wäldern, an den Seen. Es scheint fast, als hätte der das
ganze Jahr hindurch in der Steinwüste besonders der Großstadt begrabene Mensch
keinen sehnlicheren Wunsch, als nur immer auf dem Lande zu leben. Wer ihm aber
dann zumuten wollte, überhaupt aufs Land zu ziehen, würde bald eines Besseren
belehrt werden. Der Städter will nicht dauern auf dem Lande wohnen, ausgenommen
etwa, er ist reicher Villenbesitzer, er liebt es nur als vorübergehenden
Ferienaufenthalt.
In eigenartiger und betrüblicher Übereinstimmung mit dieser
Sinnesart des in seiner ganzen Lebensführung auf die Bequemlichkeiten und
Vergnügungen des städtischen Lebens eingestellten Menschen steht die
unheilvolle Landflucht, die überall in zunehmendem Maße um sich greift. Soweit
wir unsere gegenwärtige Entwicklung in Europa zu überblicken vermögen, hat es
eine Landflucht immer gegeben. Denn sonst gäbe es ja keine Städte, weil sich,
wie die Statistik schon längst lehrt, die städtische Bevölkerung nicht aus
eigenem in ihrer Kopfzahl aufrecht zu erhalten vermag. Die Stadt lebt daher
bevölkerungstechnisch immer und überall vom Lande. Aber nicht der, wie wir
sagen dürfen, naturgemäße Zuzug vom Lande in die Stadt ist es, was jeden
aufmerksamen Beobachter in der innersten Seele ängstigen muß. Das Gefährliche
dieser Erscheinung liegt vielmehr in dem bedrohlichen Umfang, den die Landflucht
besonders in der jüngsten Zeit angenommen hat, so daß man sie mit nur ganz
wenig Übertreibung einen langsamen und unmerklichen Selbstmord der
Landbevölkerung nennen könnte.
Was ganz allgemein und in jeder Hinsicht gilt, gilt auch hier.
Ehevor man sich über irgend eine Tatsache in Klagen ergeht, ist man
verpflichtet, vor allem ihre Gründe aufzudecken. Auch die Landflucht hat
ihre wohlgemessenen und deutlich wahrnehmbaren Gründe. Gründe allerdings, die
teils wirtschaftlicher, teils sozialer, teils allgemeiner Natur sind, wirkliche
Gründe und Scheingründe, besonders auch Gründe, die ihre Wurzeln in gewissen
beklagenswerten Anschauungen liegen haben.
Das, was den Menschen wenigstens scheinbar zunächst in die Stadt
lockt, das ist die erhoffte Aussicht auf eine Verbesserung seiner
Lebensbedingungen. Er glaubt, vielfach nicht mit Unrecht, in der Stadt besser,
leichter und schneller vorwärts zu kommen. Er sieht vor allem eines seiner
sehnsüchtigst erwarteten Ziele, die Erlangung der vollen Selbständigkeit, in greifbare
Nähe gerückt. Zugleich damit sieht er durch die Abwanderung in die Stadt eine
Möglichkeit zu einer baldigen Verheiratung gegeben. Nicht selten ist es auch
die schwere Arbeit in den bäuerlichen Betrieben, der er durch eine bequemere
Stellung etwa in einer Fabrik, in einem Geschäft zu entgehen hofft.
Wenn nur diese Gründe allein maßgebend wären, hätten wir weniger
Recht, über die Landflucht zu klagen. Aber mit ihnen verbinden sich vielfach
andere, ja in vielen Fällen sind es nur diese anderen, die den jungen Menschen
vom Lande in die Stadt rufen. Zu Hause fühlt er sich beengt. Nicht nur die
Augen seiner Eltern und Bekannten umwachen ihn mit treuer Sorgfalt, sondern das
ganze Dorf, das sich ja als eine Einheit fühlt, schaut auf das Tun und Treiben
des einzelnen. In der Stadt taucht die Persönlichkeit viel mehr unter und wird
ein kleiner, unbeträchtlicher, wenig beobachteter Teil der großen Masse.
Die für viele so heilsame elterliche Kontrolle hört dort ganz auf
und weicht einer gewissen Ungebundenheit, um die sich die Umgebung wenig
kümmert. Wie viele fühlen sich nur deshalb in die Stadt gezogen, weil ihnen
dort, wenigstens wie sie glauben, alle Vergnügungen offen stehen, dort winkt
ein freies und ungezügeltes Genußleben, nicht nur Theater und Kino und andere
Vergnügungen aller Art, sondern noch viel Schlimmeres, freiester Umgang mit
jedermann, Liebschaften, Gasthausleben, Spiel und Trunk.
Die erschreckenden Nachteile, die die Landflucht in jenem
ungesunden Umfange, den sie heute angenommen hat, aufweist, sind so deutlich
erkennbar, daß es fast ein Überfluß scheinen könnte, darüber eingehender zu
sprechen. Reden wir gar nicht von der Entblößung des Landes von Arbeitskräften
und von den bitteren wirtschaftlichen Folgen, die diese eine Tatsache mit sich zieht.
Kaum irgend eine andere Begleiterscheinung unseres Lebens nimmt
auf das furchtbare Umsichgreifen der Arbeitslosigkeit einen so
bestimmenden Einfluß, als gerade diese Proletarisierung unserer einstmals
ländlichen Bevölkerung durch die Landflucht. Mit welch furchtbaren täglichen
Opfern müssen so viele ihre Voreiligkeit bezahlen, daß sie, von schönen
Trugbildern gelockt, in die Stadt zogen, in der festen Meinung, dort den
goldenen Boden zu finden, den ihnen die ländliche Berufsarbeit nicht zu geben
vermochte. Wie viele sehen sich schon nach kurzer Zeit ohne Arbeit, ohne Brot,
ohne Verdienst, hilflos in der Fremde der Stadt, die ihre anfänglichen
Versprechungen nur allzu bald mit schwersten Enttäuschungen eingelöst hat! Die würgende
Wohnungsnot hätte wohl kaum je einen solchen Umfang angenommen, hätten sich
die scharen derer, die aus dem Lande in die Stadt zogen, zur rechten Zeit klar
und offen über ihr Vorhaben Rechenschaft gegeben. Wenn ihnen dann die Augen
aufgehen, ist es meistens schon zu spät. Teils aus Scham, teils aus
Bequemlichkeit ziehen sie es vor, in der Stadt zu bleiben, da sie nicht mehr
den Mut haben, ihr Leben noch einmal umzugestalten.
Die wirtschaftliche Not, der ein leider nicht geringer Teil der ländlichen
Arbeitskräfte in der Stadt anheimfällt, ist aber nur die eine Schattenseite.
Sie wird oft noch verdunkelt durch das betrübliche Bild, das sich in religiöser
und sittlicher Hinsicht ergibt. Wenn heute in den großen Industriezentren eine
so gewaltige Anzahl von Männern und Frauen ohne Gott, ohne Religion und
Glauben, ohne sittliche Grundsätze dahinvegetiert, so bedenke man, daß ein
ganz erheblicher Prozentsatz davon vor zehn oder zwanzig Jahren noch auf dem
Lande lebte. Sicher ein ganz beträchtlicher Teil davon kam ganz anders in die
Stadt, als er heute lebt und denkt. Der Moloch Stadt hat eben ihr Bestes,
ihre Überzeugung, dahingerafft. Die Versuchungen, die die Stadt ausströmt, sind
ganz gewaltig.
Der einzelne wird von der Masse zermalmt. Nur stärkere und gefestigter Naturen vermögen dauernd Widerstand
zu leisten, wenn vielleicht die ganze nunmehrige Umgebung anderer Gesinnung
ist. Oft dauert es nicht lange und bisher brave und überzeugte christliche
Arbeiter segeln, ohne daß sie vielleicht selbst genau des Umschwunges gewahr
geworden sind, der mit ihnen allmählich vor sich gegangen ist, in vollkommen
sozialdemokratischem Fahrwasser dahin.
Die Gepflogenheiten des Dorfes, sich wenigstens an den
allgemeinsten religiösen Übungen zu beteiligen, ist in die Ferne gerückt. Bald
empfindet man den Ausfall der sonntäglichen Messe, des Sakramentenempfanges,
der Zugehörigkeit zu christlichen Vereinen überhaupt nicht mehr. Mancher findet
sich wohl auch nicht zurecht, hat keinen Freund und Berater zur Seite, ist zu
schwerfällig, sich einen zu suchen, sieht sich ganz auf sich allein gestellt
und hat dann keinen Halt mehr denen gegenüber, die sich zufällig oder aus
Berechnung seiner annehmen.
Wie lange kann es naturgemäß dauern, bis auch er ein Spielball der
Leidenschaften ist, denen sich alle anderen verschrieben zu haben scheinen.
Welch furchtbare Erfahrungen macht zum Beispiel so manches
Dienstmädchen, das in allzu großer Vertrauensseligkeit eine Stelle annahm,
die ihm zum Schein vielleicht glänzende Bedingungen einräumte, bis es mit
Schrecken erkennen muß, daß vielleicht nur mehr wenige Schritte es von dem
Lasterleben trennen, das sich ihm mit schrecklicher Gewalt aufdrängt!
Wie viele mögen lange gekämpft haben, ehe sie das Letzte von sich
warfen, das letzte, heilige Erbgut ihrer ländlichen Vergangenheit, die letzte
Bitte der beschwörenden, treubesorgten Mutter, die letzte Erinnerung an eine
reine Kindheit.
Das Ende sind, ach wie oft, die furchtbaren Krankheiten,
materielles Elend, schmählichste Sklaverei in den Ketten des Lasters und ein
vorzeitiger Tod. Denn so mancher, der freventlich Hand
an sein eigenes Leben gelegt hat, ist nichts anderes als ein Opfer der
unseligen Landflucht.
*
Die Schäden der Landflucht ernstlich beklagen, heißt aber, sie
auch ernstlich bekämpfen zu wollen. Von selbst werden die Dinge nicht
anders, sondern sie werden auch weiterhin jenen Lauf nehmen, den sie bisher
genommen haben. Muß uns denn nicht das einfachste christliche Mitleid mit
Gewalt dazu drängen, den Ungezählten, die alljährlich in der Stadt ihrem
körperlichen und sittlichen Untergang entgegengehen, alle jene Hilfe angedeihen
zu lassen, die wir ihnen bieten können? Ein wirksamer Kampf gegen die
Landflucht ist aber nur dann möglich, wenn wir alle unsere Kräfte anspannen, um
deren Ursachen zu beseitigen.
Verschließen wir daher vor allem unsere Augen nicht vor allen
jenen Mißständen kleinerer und größerer Art, unter denen die unteren
Schichten der ländlichen Bevölkerung, vor allem also die arbeitende und
dienenden Klasse, zu leiden haben. Haben wir nicht das furchtbare Beispiel
vor uns, wie sich die industrielle Bevölkerung, die eigentliche Arbeiterschaft,
von den christlichen Grundsätzen abgewandt hat? Wenn nicht alle Zeichen trügen,
so haben wir vielleicht in ein oder zwei Jahrzehnten denselben Kampf um die
Seele des Arbeiters auch auf dem Lande. Man redet so gerne - die Verhältnisse
sind allerdings überall ein wenig verschieden - von der Schönheit des alten
patriarchalischen Verhältnisses zwischen Bauern und Dienstboten und will oft
nicht glauben, daß sie sich vielfach nicht mehr so halten lassen wie bisher,
weil die ganze Zeitlage eine andere Richtung genommen hat.
Der Drang nach Selbständigkeit ist heute auch in der ländlichen
Bevölkerung ganz anders, viel mächtiger als bisher. Dürfen wir immer ruhig
zusehen, daß so mancher Knecht, so manche Magd zeitlebens keine Möglichkeit
sieht, eine eigene Familie zu gründen, außer sie kehren dem Lande den rücken
und ziehen in die Stadt? Wie viele würden kaum je den Gedanken fassen, die
Heimat zu verlassen, wenn diese Heimat ihnen auch gewisse Menschenrechte
einräumte, für die die gegenwärtige Wirtschaftsordnung oft noch keinen Platz zu
haben scheint. Man sage nicht, dies sei einfach unmöglich, dies wäre nur mit
einer Umkehrung und so tiefgreifenden Veränderung der ländlichen
Wirtschaftsformen möglich, daß jeder Versuch einfach scheitern müßte. Wollen
wir es wirklich dem Gegner überlassen, hier Bedingungen zu schaffen, die man
dann notgedrungen annehmen muß? Das Studium dieser Frage, die nicht so leicht
gelöst werden wird und die vor allem auch nicht von heute auf morgen gelöst
werden kann (Anmerkung: man denke daran, wie rasch im Dritten Reich alles
vor sich ging), ist zumindest ebenso wichtig als etwa verschiedene Zweige
des katholischen Vereinslebens. Es wird Sache der berufenen Kreise sein, diesen
Erwägungen das Ohr nicht zu verschließen. ...
Daß daneben auch die verschiedenen anderen Vorkehrungen nicht
fehlen dürfen, ist selbstverständlich. Beratende, wohlgemeinte Belehrung
darf nicht mangeln. Es ist besser, einem unerfahrenen Mädchen in aller
Offenheit die Augen zu öffnen, ls es gleichmütig vielleicht seinem Verderben
entgegenziehen zu lassen. Unseren ländlichen Vereinsorganisationen bietet sich
hier ein verdienstvolles Feld der Tätigkeit. Und wenn schon der eine oder die
einzelne sich nicht halten läßt, so lasse man sie wenigstens nicht schutzlos
ziehen. Es wird immer Leute geben, die sich von ihren Vorhaben nicht mehr
abbringen lassen. Aber selbst dann noch ergeben sich Möglichkeiten, wenigstens
die schwersten Schäden der Landflucht in manchem auszugleichen. Gewiß kann der
Seelsorger, der Vereinspräses manchem Scheidenden noch ein gutes mahnendes Wort
in die Stadt mitgeben.
Wichtiger als Worte sind allerdings Taten. Wenn immer möglich,
suche man eine Gelegenheit, sie schon von allem Anfang an mit den katholischen Vereinen
in den Städten in Verbindung zu bringen. Man gebe ihnen Adresse dieser Vereine,
oder noch besser, wenn es möglich ist, man verständige die betreffenden
Vereinsleitungen mit der Bitte, sich der Neuangekommenen liebreich und helfend
anzunehmen. Oft, vielleicht sogar meistens, entscheidet die erste Zeit des
städtischen Aufenthaltes für die ganze Zukunft. Gelingt es, sie über diesen
schwersten Zeitpunkt ungefährdet hinwegzubringen, sind sie vielleicht für immer
gewonnen. Ist ein gewisser Zufluß aus dem Lande in die Stadt unaufhaltbar, so
soll er wenigstens dazu dienen, den Kern der christlichen Bevölkerung in den
Städten zu verstärken...
Meditation: Heute, sieben Jahrzehnte später, bringen Fernsehen und
Computer die Laster der Städte in fast jedes Haus. Die Folgen: Die Familien
zersplittern, das Dunkle bemächtigt sich der Seelen, Durcheinander und Wahnsinn
allerorten.