ETIKA

FERNSEHEN

http://www.etika.com
7.8.1997

40TV6

Die fernsehblinde Gesellschaft

 ETIKA-Dokumentation

 

Die fernsehblinde Gesellschaft
ignoriert die Warnungen in den Zeitungen

Die Opfer

Nichts lieber als täglich drei Stunden vor dem Bildschirm

Die Europäer verbringen durchschnittlich täglich drei Stunden und fünf Minuten vor dem Bildschirm. Dies ergab laut EG-Nachrichten eine Umfrage unter rund 10 000 Bürgern in 20 europäischen Ländern (APA/ADN, Dolomiten, Bozen, 15. 1. 1993). Bei Kindern bewegt sich die tägliche Fernsehnutzung im Durchschnitt auf zwei Stunden zu (laut Stiftung Lesen, dpa 23. 9. 93).

Aber schon viele Kinder im Grundschulalter verbringen mehr Zeit vor dem Fernsehapparat als in der Schule. Dies hat der Augsburger Erziehungswissenschaftler Prof. Werner Glogauer nachgewiesen (Dolomiten 3. 7. 93). Dasselbe gilt für die amerikanischen und die meisten anderen westeuropäischen, zum Beispiel die italienischen Kinder (Il Venerdi di Repubblica, Rom, 12. 3. 93). Etwa 20 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren sitzen jede Woche 40 Stunden und mehr vor dem Bildschirm. Ein Viertel der Grundschüler schaut Sendungen sogar bis Mitternacht und darüber hinaus an (dpa, Dolomiten 19. 3. 1993).

Fast die Hälfte der Sechs- bis Achtjährigen sieht schon vor dem morgendlichen Schulweg fern, ermittelte Universitätsprofessor Glogauer in einer

Studie. Laut Infratest sitzen 83 Prozent der Drei- bis Neunjährigen zwischen 18 und 20 Uhr vor der Flimmerkiste, in einer Zeit, in der sich laut Glogauer die Gewaltdarstellungen häufen. In einem Drittel der Kinderzimmer steht ein eigener Fernsehapparat (Dolomiten 3. 7. 93), der die Kinder natürlich auch noch mit krankmachenden Strahlen belastet.

52 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren zählen das Fernsehen zu einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Bei den Sieben- bis Zehnjährigen sind es schon 74 Prozent, und bei den Elf- bis 14jährigen ist das Fernsehen für 80 Prozent die beliebteste "Tätigkeit", das heißt, die Kinder werden in der Freizeit immer passiver. Schon mit 13 Jahren haben sie einen Fernsehkonsum wie die Erwachsenen (Untersuchung des Marktforschungsinstituts Integral im Auftrag des ORF, APA, Dolomiten 6. 2. 93). Und sie sind auch "versessen auf Erwachsenenprogramme" (Glogauer, Dolomiten 3. 7. 93).

Kinder zwischen sechs und 13 Jahren werden in Deutschland pro Tag mit durchschnittlich 30 Werbespots berieselt. Das ergab eine Untersuchung des Medienzentrums der Universität des Saarlandes (dpa, Dolomiten 8. 10. 1993).

 

Vier Zuschauertypen: Vom "Technologie-Idioten" zum "Hopping-Freak"

Was wird angeschaut? Fernsehzuschauer Typ A "informiert sich zu Tode", wird zum "Technologie-Idioten" (so der Medienphilosoph Neil Postman, Dolomiten 30. 6. 93). Er ist fasziniert von dem vielen Neuen, verfällt der Neu-Gier, wird unterhaltungssüchtig. Oft reizt gerade das Verbotene. So konsumieren bereits jüngere Kinder "zunehmend beschlagnahmte und indizierte Medien, also solche mit den extremsten Gewaltdarstellungen und pornographischen Inhalten" (Glogauer, Dolomiten, 19. 3. 93).

Das Phänomen hat globale Ausmaße, wie folgendes Kuriosum veranschaulichen mag: In der ägyptischen Nildeltastadt Damietta gefährdet das Fernsehen die florierende Möbelindustrie. Statt zu tischlern sitzen viele Arbeiter bis spät in die Nacht in Kaffeehäusern und Klubs vor der Glotze, seit bis zu 80 internationale Programme über die Bildschirme flimmern (Dolomiten 14. 6. 93; vgl. 14. 10. 93: "Am Wochenende zeigt sich Deutschland nackt").

Ein Schlaglicht auf den Geisteszustand der modernen Gesellschaft wirft folgende dpa-Meldung:

Jeder siebte Deutsche (14 Prozent) würde lieber auf die Ehefrau als auf den Fernsehapparat verzichten. (Dolomiten 12. 6. 93) Kommentar: Kollektiver Wahnsinn!

Typ B ist mit dem Gebotenen unzufrieden, aber unersättlich, hüpft von einem Kanal zum anderen, endet als "Hopping-Freak", der es "im Durchschnitt nie länger als 15 Minuten bei einem Sender aushält" (Prof. Horst Opaschewski vom Hamburger BAT-Freizeit-Forschungsinstitut, Dolomiten, 7.5.93).

Für den erschlafften Typ C dient das Fernsehen als unentbehrliche Geräuschkulisse, als "Bügelhintergrund" oder Schlafpille (Opaschowski).

Typ D ist der kritische Zuschauer. Er stellt das Gerät ab, wenn er merkt, daß er von den Fernsehmachern mißbraucht wird, und vielleicht ringt er sich sogar angesichts der nicht mehr zu stoppenden Sex- und Brutalitätswelle zu einem TV-Boykott durch, um mit anderen verantwortungsbewußten Zuschauern einen sauberen Bildschirm zu erzwingen.

Was wird aus den Fernsehkindern? Sie verkümmern oder verrohen

"85,5 Prozent der Kinder werden vom Fernsehen in Sprache, Verhalten oder beim Spiel beeinflußt." Das Fernsehen wird von vielen Eltern als Babysitter benutzt, denn Kinder mit ihren eigenen Ansprüchen werden für viele Eltern zu einem "ärgerlichen Unfall", der "ihre Ruhe stört und die täglichen Probleme vermehrt". (CENSIS-Untersuchung, AGI, Rom, 27. 8. 93) So wird die TV-Welt für das Kind "der Ort der Suche nach den Gefühlen, Emotionen" (Il Venerdì di Repubblica, Rom, 12. 3. 93), die ihm die Eltern dank der eigenen geistigen Armut oder auch aus Zeitnot nicht verschaffen. Das Fernsehen wird zum wichtigsten Gefährten des Kindes (Il Venerdì 12. 3. 1993).

Die Konsequenzen sind absehbar. Die Kinder können die Millionen Eindrücke nicht verarbeiten, werden abgestumpft, verlieren die Fähigkeit zum Mitleid, zur Liebe. Sie "verarmen: an Gefühl, Phantasie, Zweifeln, der Entdeckungslust, und sie werden dick, still, verlieren die Freude am Erzählen" (Walter Veltroni, Il Venerdì 12. 3. 1993). Der Reihe nach:

Folge Nr. 1: Das vom Bildschirm gefesselte Kind verkümmert körperlich

Es bekommt zum Beispiel Haltungsschäden (Dolomiten 19. 3. 93). Besonders kleine Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren haben "das tiefe Bedürfnis, Energie freizusetzen", denn sie sind Energiebündel, "Energiefabriken", müssen laufen, springen, schreien, Sachen anstellen (Anna Oliverio Ferraris). Sie brauchen "aktive Spiele, die nicht nur, wie das Fernsehen, zum Zeitvertreib oder zur Zerstreuung dienen, sondern die wirklich unterhalten und die ihnen das Gefühl des Ausgefülltseins geben". Also: "So viel wie möglich im Freien sein, spielen, forschen, in Kontakt mit der Natur kommen. Keinesfalls dürfen sie lange unbeweglich vor dem TV-Gerät sitzen." Sonst werden sie abhängig vom Bildschirm und den Personen, die darauf erscheinen, werden "passive Filter für die Auswahl von anderen", werden "hypnotisiert von den Bildern".

Noch ein Nachteil: Bei Fernsehkindern werden die motorischen und muskulären Fähigkeiten, welche zu den Grundlagen auch für die künftigen geistigen Tätigkeiten dienen, nicht richtig ausgebildet. Dies begründet im einzelnen die Psychologiedozentin Anna Oliverio Ferraris in dem Artikel "Unnütz und schädlich sind die vor dem Fernsehgerät verbrachten Stunden - Von drei bis sechs Jahren ist das Spielen im Freien die einzige Schule des Lebens" (veröffentlicht in "Il Messaggero", Rom, 12. 6. 93).

Allein der Bewegungsmangel im Alter von sieben bis zehn Jahren führt zu aggressivem Verhalten, sagt Glogauer; es seien Schädigungen des Bewegungsapparates, Augenschwäche und Stoffwechselstörungen zu befürchten. Das Epilepsiezentrum in Bethel bei Bielefeld befürchtet epilepsieartige Anfälle nach übermäßigem TV-Konsum, da die Photosensibilität bei Kindern stärker ausgeprägt sei als bei Erwachsenen. (Dolomiten 3. 7. 93)

Folge Nr. 2: Das TV-Kind verkümmert geistig

"In einer anscheinend verrückt gewordenen Welt sind die ersten Opfer die Kinder." Dieser Satz stammt nicht von uns, sondern steht so in einer Meldung des Mailänder "Corriere della Sera" (20. 9. 93). Er bezieht sich auf eine schockierende Untersuchung in Großbritannien, wonach "ein Kind von vieren mehr oder weniger geisteskrank ist" die Folge des Schulstreß, der vor dem Fernseher oder mit Videospielen verbrachten Stunden und des Schmerzes über das Auseinanderbrechen der Beziehungen zwischen den Eltern.

Eine "Idiotenkultur" (so der US-Journalist Carl Bernstein) breitet sich aus, und sogar der SPD-Medienexperte Peter Glotz sieht eine "Spirale von Zynismus, Gewalt und Obszönität" auf die Öffentlichkeit zukommen; er spricht von einer systematischen Herabsetzung der Tabu- und Hemmschwellen mit abstumpfendem Effekt (Literarische Beilage in den Dolomiten, 12. 6. 93).

"Kinder haben damit uneingeschränkten Anteil an allen Niedrigkeiten, Gemeinheiten, Gelüsten, psychischen Abnormitäten und Verbrechen der Erwachsenenwelt" (Glogauer, Dolomiten 3. 7. 1993).

Das Fernsehen ist aber auch das große "schwarze Loch", das vieles Positive vom Erdboden verschluckt. "Werte wie Treue, Keuschheit, Gebet, Demut werden abgelehnt oder vergessen oder als Überbleibsel der Vergangenheit abgetan", kritisiert die Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica und sieht dahinter zu Recht das Wirken des Teufels (la Repubblica 30. 4. 93). Bestimmte TV-Programme schaffen ihrer Ansicht nach "eine Kultur, die für den Glauben und das sittliche Leben vor allem der jungen Menschen schädlich ist".

Die ganze Umwelt der Kinder ist schon vergiftet. Gerade das Fernsehen "tötet die Gewissen, beleidigt die Gefühle und untergräbt die Einheit der Familie", stellt in erfreulicher Klarheit der Päpstliche Rat für die soziale Kommunikation fest und prangert an: zuviel Gewalt, der die Kinder wehrlos ausgeliefert sind, zuviel Pornographie, zuviele Botschaften, "die das Konzept der Geschlechtlichkeit als heiliger und liebevoller Begegnung innerhalb der Ehe zerstören" (la Repubblica 3. 6. 93).

Viele Kinder lesen im Alter von sechs bis zehn Jahren "nie oder nur ganz selten in einem Buch" (Glogauer, Dolomiten 19.3.93).

Dafür halten sie die Fernseh-Scheinwelt für Wahrheit, können bald nicht mehr unterscheiden zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Gerade Buben und Mädchen zwischen vier und neun Jahren wissen häufig nicht, ob es sich bei der gezeigten Gewalt um eine reale oder fiktive Darstellung handelt (Studie des Münchner Instituts "Jugend Film Fernsehen", Dolomiten 24.9.93). Unbestreitbar ist die Faszination, die von Gewalt am Bildschirm ausgeht (so der Medienexperte Jo Groebel, APA 18.6.93). Viele junge Zuschauer zögen den "Lieblingsfeind" dem Freund vor, suchten gleichsam den "angenehmen Nervenkitzel". Der Faktor Abschreckung komme durch das "inflationäre Angebot an Gewaltdarstellungen" im Fernsehen nicht mehr zum Tragen.

Das Fernsehen übt eine magische Kraft aus: Der Sinn für die Realität kann verlorengehen und dafür ein Gefühl der eigenen Allmacht entstehen, die man sofort ausprobieren will (Giorgio Bertone in Il Secolo XIX, 21. 3. 93). Bei besonders packenden Streifen wie dem Horrorfilm "It" von Stephen King werden Kinder allerdings von etwas ganz anderem ergriffen, nämlich von "Angst und Verwirrung", wie die in Italien von Psychologen gesteuerte Aktion "Video Help" zutagebrachte; 627 000 Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren und 1,585 Millionen Schüler zwischen acht und 14 Jahren hatten diesen Film gesehen (Corriere della Sera, 28.3.93).

Schlechte Noten und Versagensängste wurzeln oft im übermäßigen Fernsehen (Glogauer, Dolomiten 3. 7. 93)

Nur am Rande sei erwähnt, daß sogar Dokumentarfilme gelegentlich gefälscht werden. Ein Himalayafilm enthielt 60 gestellte und gefälschte Szenen. Es wurden angebliche Fußmärsche dokumentiert, obwohl das TV-Team mit dem Hubschrauber unterwegs war. Eine von den Fernsehleuten ausgelöste Sandlawine wurde als Naturereignis ausgegeben (Dolomiten 4. 2. 93).

 

Folge Nr. 3: Das Fernsehen macht Kinder aggressiv

Das aggressive Verhalten bei Kindern und Jugendlichen nimmt zu. Diese Tendenz bestätigten Psychiater auf dem 42. Deutschen Ärztekongreß in Berlin. Gewalt im Fernsehen sei eindeutig aufpeitschend und keineswegs entlastend, betonte Prof.Gerhardt Nissen von der Universität Würzburg auf demselben Kongreß (dpa, Dolomiten 5. 6. 93). Der Kinder- und Jugendpsychiater Warnke ergänzte, vor allem die Väter destruktiver Kinder seien selbst aggressiv (dpa 4. 6. 93).

3000 Studien aus den vergangenen 40 Jahren kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß das Fernsehen einen schädlichen Einfluß auf Kinder und Jugendliche ausübt und zu einem wesentlichen Teil zum Anstieg der Kriminalitätsrate beiträgt (dpa-Korrespondentin Christine Biegler, Dolomiten 5. 8. 93).

Es gibt einen "erstaunlichen Konsens in der Wissenschaft", daß Gewaltdarstellungen "mit einem Wirkungsrisiko verbunden" sind (Prof. Jo Groebl von der Universität Utrecht, dpa 25. 3. 93).

In den USA sehen Kinder und Jugendliche im Durchschnitt jeden Tag 16 Gewalttaten auf dem Bildschirm (dpa, Dolomiten 5. 8. 93). Im Alter von 18 Jahren haben sie laut American Medical Association 200 000 Gewaltakte und 40 000 TV-Morde miterlebt, wie Justizministerin Janet Reno mitteilte (Dolomiten 22. 10. 1993).

"70 Tote täglich im Fernsehen sind ein furchterregendes Beispiel für Kinder", meint der Vorsitzende des hessischen Elternverbandes, Wilhelm Lutz. Schon seit langem beobachten Lehrer die "Montagshysterie" der - völlig überforderten - Kinder, die die am Wochenende gesehenen Gewaltszenen nachspielen. Als hauptsächliche Ursache für die Zunahme der Gewalt an Schulen nennen Lehrer und Psychologen freilich fast übereinstimmend die "schlechte Verfassung der Familien" (Dolomiten, 5. 2. 93). Daraus resultieren dann eine Vereinsamung der Kinder und zuviel unkontrollierter Fernsehkonsum (Dolomiten, 15. 6. 93).

Schon Vier- bis Fünfjährige werden, abgestumpft Gewalttätigkeiten gegenüber, immer gleichgültiger; dies zeigen Studien (Glogauer, Dolomiten 3. 7. 93). Österreichs Jugendministerin Maria Rauch-Kallat geht sogar noch weiter zurück: "US-Studien zeigen, daß Kinder bereits im Alter zwischen ein und drei Jahren durch Gewalt auf dem Bildschirm geprägt werden." (APA, Dolomiten 5. 6. 93)

 

Wen wundert es da, daß Angriffslust und Gewalt bereits in den Kindergärten immer stärker um sich greifen? Dies ergab eine Umfrage in den Kindergärten von Westfalen und Lippe. Nach Professor Wolfgang Gernert sind "waghalsige Mutproben mit Rasierklingen" ebenso beliebt wie "Selbstmordversuche durch Tabletten". Für die zunehmende Verrohung machte Landesjugendamtsleiter Gernert auch das Fernsehen "mit seinen blutrünstigen Programmen" verantwortlich. (dpa 2. 6. 93). Schon die Drei- bis Sechsjährigen ahmen die Filmhelden vom Trickfilm über Rambo bis zum Horrorstreifen nach. Als typisches Problemkind von heute gilt der "kleine Tyrann", dem keine Grenzen gesetzt sind und der ein Nein nicht hinnehmen kann. (Dolomiten 15. 6. 93)

Die Kinder bekämen Verhaltensmuster vorgeführt, die sie dann selbst erproben wollten. Die Entwicklung eines eigenen Rechts- und Schuldbewußtseins werde behindert, beklagt der ärztliche Hartmannbund, der ebenfalls "erhebliche psychische Schäden" bei Kindern und Jugendlichen aufgrund von Gewalt und Sex im Fernsehen konstatiert (Dolomiten 7. 4. 93).

25 Prozent der in Großstädten lebenden Jungen sehen Videofilme mit den extremsten Gewaltdarstellungen und pornographischen Inhalten. Nicht erstaunlich ist, daß diejenigen Kinder sich am aggressivsten verhalten, "welche die gewalttätigsten Medien konsumieren" (Glogauer, Dolomiten 19. 3. 93). Ironisch kommentiert das Blatt Il Secolo XIX, Genua: "Ein Ungeheuer ist im Haus - Aber nein, es ist nur das Fernsehen".

Um ein "mittleres Erregungsniveau" zu halten, suchen die Fernsehzuschauer nach neuen Reizen, werden auf der Suche nach Sensationen von "so etwas wie Angstlust" getrieben, berichtet der Medienwissenschaftler Prof. Peter Winterhoff-Spurk (laut der Hamburger Programmzeitschrift "TV Movie", Dolomiten 13. 3. 93). Dies bestätigte der als "Leichenzähler" bekannte Medienfachmann Jo Groebel, der sich übrigens gegen eine Pauschalierung des Gewaltbegriffs wandte. Groebel äußerte die Überzeugung, Gewalt im Fernsehen führe bei den TV-Konsumenten im Kindes- und Jugendalter zu einem Gewöhnungseffekt, der sie wie Drogensüchtige nach immer stärkeren Dosen verlangen lasse. Die Spirale könnte dann so enden wie folgt:

In Massa hat ein 13jähriger Bub seine Großmutter (72) totgeschlagen, nachdem er sie schon oft verprügelt hatte. Dem ansonsten unauffälligen Kind gefielen die Gewaltstreifen, und es imitierte seine negativen TV-"Helden". (Corriere della Sera, 23. 7. 93).

Folge Nr. 4: Kinder werden Opfer der TV-Imitationstäter

Immer wieder kann man lesen, daß Mordszenen nachgespielt werden, und zwar nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen: z. B. ein Fall in Großbritannien aufgrund des Films "Fighting Mad" mit Hollywoodstar Peter Fonda (Dolomiten 13. 3. 93) und ein Mord unter den Schauspielern selbst in der brasilienischen Serie "Mit Körper und Seele" (dpa 11. 2. 93). Prof. Glogauer fand in den Akten der Staatsanwaltschaften vier Morde, vier Tötungsversuche, 28 überwiegend schwere Körperverletzungen, sieben Sexualdelikte, ferner Hausfriedensbrüche, Grabschändungen, Verkehrsdelikte und Einbrüche, "die eindeutig auf Medieneinwirkungen zurückzuführen sind" (Dolomiten 3. 7. 93).

In Thailand hat ein achtjähriger Bub seinen gleichaltrigen Freund mit der Pistole seines Vaters erschossen, nachdem die Kinder einen Action-Film mit vielen Gewaltszenen angeschaut hatten (dpa, Dolomiten 20. 1. 93).

Tödlich endete für die neunjährige Christina Johnson aus Pittsburgh (US-Bundesstaat Pennsylvania) das Nachspielen einer Erhängungsszene aus einem Horrorfilm. Wie im Film "Friedhof der Kuscheltiere" schlang sie sich im Keller ihres Elternhauses im Beisein ihrer Geschwister (5 und 6 Jahre alt) eine Hundeleine um den Hals. (Dolomiten 23. 2. 93).

Nach einem Fernsehkrimi führte ein Zwölfjähriger in Havixbeck im Münsterland zwei Spielkameraden in Abwesenheit seiner Eltern die Waffen seines Vaters vor. Unabsichtlich tötete er dabei seinen ein Jahr jüngeren Freund durch einen Schuß ins Herz (Dolomiten 4. 5. 93).

Ein sechsjähriger Bub tötete im ostslowakischen Pecovska Nova Ves einen siebenjährigen Spielgefährten mit dem Messer, nachdem er ein Gewaltvideo gesehen hatte. (Dolomiten 5. 5. 93)

"Bringt mich nicht um!", flehte der 16jährige Andre Sarvis die beiden Jugendlichen an, die ihn auf dem Parkplatz in die Enge getrieben hatten. Seine Rufe vor der Schule im New Yorker Stadtteil Brooklyn verhallten ungehört. Die beiden wollten seine Lederjacke. Er wurde von hinten erschossen beim Versuch, seinen Angreifern zu entkommen. Jeden Tag bringen nach einer Schätzung des Justizministeriums 100 000 Schüler Waffen in den Unterricht mit. Sachverständige machen die routinemäßige Darstellung von tödlicher Gewalt in Kino und Fernsehen für die Terrorwelle an den US-Schulen mit verantwortlich. (Dolomiten 12. 6. 93).

Noch erschreckender ist: Es werden sogar Verbrechen für die Kamera inszeniert. "Dies belegen meist südamerikanische Videos, die echte Morde und Vergewaltigungen zeigten" (Angaben deutscher Medienwissenschaftler in "TV Movie" laut Dolomiten 13.3.93).

Die Düsseldorfer Gerichtsmedizinerin Elisabeth Trube-Becker geht davon aus, daß jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder fünfte bis siebte Junge Opfer körperlicher und sexueller Gewalt ist (dpa, Dolomiten 11. 9. 92). In Österreich wird jedes sechste Mädchen Opfer von sexuellen Attacken durch Familienmitglieder, schätzt die Psychologin Waltraud Brandlmaier (Austria Presse-Agentur, Dolomiten 28. 5. 93). Für Italien gibt das Institut Censis die sicher zu niedrig geschätzte Zahl von 20.000 Kindern an, die jährlich Opfer von Gewaltakten werden (AGI, 27. 8. 93).

Die Täter

Bekommen Fernsehverantwortliche allmählich ein schlechtes Gewissen?

Die klarsten Worte fand der Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Udo Reiter. Er erklärte, nach der Einführung der Privatsender sei das Fernsehen eine "wirkungsvolle Abstumpfungs- und Verblödungsmaschinerie" geworden. Indizierte Filme dürften nicht gesendet, Verstöße müßten sanktioniert werden (dpa, Dolomiten 1. 3. 93).

Die Aufsichtsgremien von ZDF, SRG und ORF haben auf ihrer Jahrestagung in Velden die Kommerzsender kritisiert, weil diese "oftmals mit einer exzessiven Darstellung von Gewalt und Obszönität Profite zu machen versuchen". Diese "Trivialisierung und Boulevardisierung" brächten "Gefahren für die moderne demokratische Kulturgesellschaft". Deshalb sollten die mit Gebühren finanzierten Radio- und Fernsehunternehmen in ihren Programmen "mit hohem Niveau und mit ethischer Verantwortung den allgemeinen Verflachungstendenzen entgegenwirken" (APA, 4. 7. 93). Kommentar: Ein Blick auf das tägliche Angebot auch der öffentlich-rechtlichen Anstalten zeigt: Es waren nur leere Worte - wie immer.

Die ARD hat Gewalt und Sex im Fernsehen den Kampf angesagt: "Die ARD wird mit ihren Programmen tagtäglich gegen die Verblödung antreten", sagte der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Jobst Plog bei einer Tagung der ARD-Intendanten in Hannover. (Dolomiten 3. 2. 93) Dieselbe Augenauswischerei! Recht aber hat der Intendant mit dem folgenden Satz: "Es mutet besonders heuchlerisch an, wenn jene Politiker, die das Kommerzfernsehen nicht schnell genug einführen konnten, nun so tun, als habe niemand diese Entwicklung vorhersehen können." Eine "Attacke" des CDU/CSU-Vorsitzen-den Wolfgang Schäuble, "der da sagt, unser

Programm unterscheide sich nicht mehr von dem der kommerziellen Konkurrenz", wird von Plog zurückgewiesen. Der Zuschauer wird sich selbst seinen Reim darauf machen.

Sehr schön hört sich folgender APA-Bericht (vom 18. 6. 93) an: Gegen die "Spirale von Zynismus, Gewalt und Obszönität" im Fernsehen, so ORF-Generalintendant Gerd Bacher, verordnet sich der ORF ein Programm mit insgesamt zehn Grundsätzen. Diese Richtlinien seien ein "verbindlicher Leitfaden" für die gesamte Programmarbeit im Radio und Fernsehen, erklärte Bacher bei einem Symposium in Graz. Gegen Gewalt im Fernsehen hatte die "Kleine Zeitung" nach einer Initiative der steirischen Volksschule Hitzendorf Anfang März eine Unterschriftenaktion gestartet. Bisher langten exakt 193.724 Unterschriften ein. Soweit der Agenturbericht. Was die ORF-Programmacher von diesen Grundsätzen und den 193.724 Unterzeichnern halten, das beweisen sie tagtäglich, indem sie an der Schraube Zynismus - Gewalt - Obszönität bedenkenlos weiterdrehen. Bacher hatte die genannte Spirale schon früher als gesellschaftlich "lebensgefährlich" (Dolomiten 17. 2. 93) angeprangert.

Die unverfrorenste Stellungnahme bei dem Symposium in Graz kam von dem Geschäftsführer von "Pro 7", einem deutschen Privatsender: "Gewalt im deutschen Privatfernsehen ist seit zwei Jahren abnehmend. Das Vorabendprogramm zählt mittlerweile zu den familienfreundlichsten der Welt, auch im Hauptabendprogramm geht der Trend weg von der Gewalt", sagte Georg Kofler. Von einem "ungehemmten Fernsehkult" könne keine Rede sein, 43 Prozent der 14- bis 19jährigen würden überhaupt nicht fernsehen, fügte der Pro-7-Mann hinzu.

Die Politiker schieben - wie üblich wortreich - die Schuld auf andere

"Wenn schon Eineinhalbjährige vor der Glotze sitzen", könne auch der beste Innenminister nichts ausrichten, "dann muß die Mutter den Stecker ziehen", sagte einer der verantwortlichen Politiker, der deutsche Bundesinnenminister Manfred Kanther, CDU. Häufig laufe ihm "ein kalter Schauer über den Rücken", wenn er in das Angebot der Privatsender hineinschaue. ("Dolomiten", Bozen, 10. 9. 1993). Ein Bundesinnenminister hat sehr wohl Einfluß auf die in Deutschland ausgestrahlten Sendungen, wer denn sonst, etwa der Minister für Landwirtschaft und Forsten in Sachsen-Anhalt?

Die SPD-Fraktion unternahm im Bundestag einen Vorstoß, um Minderjährige vor pornographi-

schen Programmen aus EG-Nachbarländern zu schützen.(dpa 4. 3. 93) Soll sie erst einmal die in Deutschland produzierte Pornographie abstellen!

Der Rechtsausschuß des Bundestages will intensiv über die juristischen Möglichkeiten zur Eindämmung von Gewaltdarstellungen im Fernsehen diskutieren. Dies kündigte sein Vorsitzender Horst Eylmann (CDU) in Bonn an. Eylmann betonte, diese Debatte werde sich nicht durch den Zensurvorwurf aus den Fernsehanstalten unterbinden lassen. Wer von Zensur spreche, müsse daran erinnert werden, daß die Pressefreiheit ihre Schranken in den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Jugend findet (dpa 4. 3. 93). Gut geredet! Und nun bitte T a t e n s t a t t W o r t e !

 

Die Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer "wollen jetzt gegen Gewalt im Fernsehen mobil machen" (eine typische Formulierung zur Beruhigung der Öffentlichkeit). Sie äußerten sich besorgt über Sendungen, welche die Menschenwürde verletzen können, sowie über die Ausstrahlung pornographischer Sendungen in Europa (Dolomiten 26. 3. 93).

Die Parlamentarische Staatssekretärin Cornelia Yzer vom Jugendministerium forderte, vor allem die privaten TV-Sender besser zu überwachen. Wenn Bußgeldandrohungen von bis zu 500.000 Mark nichts bewirkten, müsse auch der Lizenzentzug entzogen werden (Dolomiten 2. 7. 93). Es ist ein Witz, wenn ein Minister oder Staatssekretär so etwas fordert. Er sitzt ja in der Regierung, soll er eben dafür sorgen, daß solche Bußgelder endlich verhängt, daß Lizenzen entzogen und nicht wieder an dieselben Verbrecher vergeben werden! Ein Jugendministerium hat die Pflicht, die Einhaltung der Jugendschutzgesetze bei den zuständigen Aufsichtsgremien des Rundfunks, den Landesmedienanstalten und dergleichen durchzusetzen.

Der medienpolitische Sprecher der Union, Bernd Neumann, appellierte an Fernsehveranstalter und Produzenten, sich bei der Darstellung von Gewalt und Sexualität im Fernsehen einer "freiwilligen Selbstbeschränkung" zu unterwerfen (dpa 9. 2. 93). Wenn der Appell nichts gefruchtet hat - und er hat nichts gefruchtet, wie aus der Ablehnung dieses Vorschlags durch den stellvertretenden ZDF-Programmdirektor Heinz Ungureit deutlich wird (dpa 25. 3. 93), muß Neumann den Begriff "freiwillige Selbstbeschränkung" durch "Zensur" ersetzen, wenn er wirklich etwas erreichen und glaubwürdig bleiben will.

Politikerinnen der Bonner Parteien haben der Gewalt im Fernsehen den Kampf angesagt. Haben Sie, verehrter Leser bzw. Zuschauer, etwas davon bemerkt? Nicht? Dann vernehmen Sie wenigstens, welch löbliche Ab- und vernünftige Einsichten die Damen hatten: Die stellvertretende SPD-Fraktions-

vorsitzende Herta Däubler-Gmelin zur "Bild am Sonntag": "Ein normaler Jugendlicher hat bis zu seinem 18. Geburtstag an die 20 000 Gewalttaten, Morde und Verbrechen angesehen." Sie sprach sich für ein Verbot der unterbrechenden Werbung aus, da diese zu immer "grausameren Szenen" führe, um die Zuschauer am Bildschirm zu halten.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): "Die Abstumpfung unserer Kinder gegenüber den Leiden anderer ist bestürzend. Ich bin überzeugt, daß Primitiv-Gewaltprogramme im Fernsehen ebenso wie Schundstreifen auf Video dafür verantwortlich sind."

Bundesfrauenministerin Angela Merkel (CDU) erklärte, die Privatsender seien Spitzenreiter bei der Herabwürdigung von Frauen in Sexfilmen (dpa, Dolomiten 1. 3. 93). Sie erwägt, die Ausstrahlung jugendgefährdender Filme im Fernsehen generell zu verbieten (Dolomiten 7. 5. 93). Wenn allein diese Politikerinnen handeln würden statt reden, wäre viel gewonnen. Es wird so viel über die Gefahren von Pornographie und Gewalt im Fernsehen geredet, bis es die Leute nicht mehr hören können. Dann ist alles z e r - r e d e t und es geschieht nichts - wie beim Umweltschutz.

Die Rolle eines Kasperl kommt in diesem Spiel der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zu: Nach Meinung von Joachim von Gottberg, Vertreter der Landesjugendbehörden bei der FSK, hat Gewalt im Fernsehen nicht zugenommen. Im Gegenteil: "Nicht zuletzt durch die Änderung von Programmstrukturen nehmen derartige Darstellungen seit etwa einem Jahr quantitativ ab." (dpa 25. 3. 93) Wer Augen hat zu sehen, der sehe.

Nachdem sich die öffentliche Kritik" an Sex und Gewalt im Programm verstärkt hat, droht der US-Kongreß mit staatlichen Kontrollmaßnahmen, wenn sich die Industrie nicht freiwillig zur Selbstbeschränkung verpflichtet. (Dolomiten 5. 8. 93). Er droht und droht und droht . . ., und die "sex and crime"-Welle läuft und läuft und läuft . . .

Der Mammon braucht teleabhängige Konsumenten

Geld regiert die Medienwelt, stellt Prof. Glogauer fest. Der tägliche Blick in die Programmzeitschriften beweist es: Mord und Totschlag auf allen Kanälen! Dazwischen viel Werbung. Der Direktor der Bremischen Landesmedienanstalt, Wolfgang Schneider: "Die massierte TV-Werbung schafft bei Kindern eine Vorstellungswelt, in der der Konsum an erster Stelle steht." (Dolomiten 3. 7. 93)

Das Fernsehen widmet den Kindern immer mehr Raum. Dahinter steckt zum Teil die Werbung, die "in einer satten Gesellschaft neue Konsumenten braucht". "Von klein an muß" das Fernsehen "seine Teleabhängigen zum Konsum erziehen". (Il Secolo XIX, 21. 3. 93)

Dies ist keinesfalls bloße Theorie. Nahrungsmittelherstellern ist es zum Beispiel mit Hilfe des Fernsehens gelungen, das Eßverhalten von Kindern zu ändern. Die in den Werbesendungen offerierten Erzeugnisse machen nämlich in zunehmenden Maß einen Großteil ihrer Ernährung aus. Da die Werbespots für süße und fettreiche Ernährung jene für gutes Essen bei weitem übersteigen, essen sie einer britischen Verbraucherstudie zufolge auch lieber süß und fett (Dolomiten 10. 2. 93). Eine "TV-Massenpsychose" (Waerland-Monatshefte 1/1977) hat die Bevölkerung ergriffen.

 

Wer steckt hinter den TV-Umerziehern?

"Christa Meves, die bekannte Schriftstellerin, vermutet, daß manche Akteure des Fernsehens ganz bewußt "der alten Moral den Garaus machen" möchten, daß sie die Zuschauer von den überlieferten Sittengeboten, von der christlich-abendländischen Tugendlehre, die sie als überholt, als "fortschrittsbehindernd" ansehen, befreien wollen. Die Zuschauer sollten auf eine völlig neue, selbstherrliche Selbstbestimmung in allen Bereichen des Lebens hingeführt werden. Eine völlige "Umerziehung" auf eine neue Moral hin (oder eben Unmoral) wäre da beabsichtigt, meint Christa Meves. Eine "lockere" Mentalität wird da gefördert, die Haltung des Protestes und der Kritik gegenüber übergeordneten Institutionen, sei es die Schule oder die Kirche, seien es die Eltern oder andere aus beruflichen Gründen Vorgesetzte.

Das Hauptziel der so ausgerichteten "fortschrittlichen" Umerziehungsprogramme (vielfach auch im Dienste bestimmter Parteien) ist nicht zuletzt die Zerstörung der Sexualmoral und der Familie.

Die Folgen sind schlimmster Art. Der Hinweis auf die "100.000 unmündigen Scheidungswaisen, die wir bereits jetzt jährlich hierzulande produzieren", scheint da im Text auf . . .

Man staunt wohl auch über die Staaten und die maßgebenden Institutionen, die es in passiv-lässigster Art zulassen, daß niveaulos-schlimmste Programme und Filme dem vielfach leider oft auch sehr unmündig-unkritischen Publikum geboten werden. Auch fragt man sich manchmal, über welchen Bildungsgrad, über welche ethische Einstellung und Haltung gerade die Film- und Fernsehleute verfügen. Wer die Moral, die Bildung und religiöse Haltung des Volkes zerstört und zersetzt, leistet ihm einen sehr schlechten Dienst. Auch kann man sehr darüber staunen, daß man dieses Thema "Negative Folgen des Fernsehens" von seiten zuständiger, verantwortlicher Stellen nicht ernster nimmt und kaum Warnungen ausspricht." (Soweit die Kritik des Schulmannes Hermann Eichbichler in seiner Literarischen Beilage der Dolomiten vom 6. 3. 93.)

 

Die Fakten geben Meves und Eichbichler recht. "USA: Boom des Schmutz-Fernsehens - Immer verrücktere und perversere Gäste erobern die Talk-shows", titelte der "Corriere della Sera" (26. 5. 93). Er zählt einige der neuen Stars auf: Sherrol Miller, zehnte Ehefrau (für vier Tage) eines bigamistischen Homosexuellen; Sabrina Aset, bisexuell, hat 2686 Männer "gekannt"; Impotente; sado-masochistische Herrschernaturen usw. Diese Talk-Shows namens "Oprah", "Sonia Live" oder "Geraldo" werden zum Frühstück oder am frühen Nachmittag ausgestrahlt. Viele der Akteure, so der Soziologe Pat Priest, "hoffen, über den kleinen Schirm ihren Perversionen eine Rechtfertigung zu verschaffen".

Aber noch sind wir der oben gestellten Frage nicht auf den Grund gegangen. Wir brauchen dazu die Bibel oder auch die Theologen. Sie kennen ihn näher, diesen "Feind", der die "Unversehrtheit der jungen Menschen und der Familien bedroht, und zwar mit jedem Tag mehr", und der mit einem "Bombardement von Botschaften" über das komplexe System der Massenmedien, obenan das Fernsehen, "die moralischen Prinzipien unterminiert" (la Repubblica am 5. 6. 93 über eine Ansprache von Papst Johannes Paul II.). Wenn der vielgerühmte Kardinal Martini von Mailand - dort hat auch Medienmogul Silvio Berlusconi den Sitz seines einflußreichen TV-Konzerns "Fininvest" errichtet - das Fernsehen tatsächlich einmal gesegnet hat, wie Showmaster Pippo Baudo behauptete, so hat dies jedenfalls bis zum heutigen Tag keine spürbaren Auswirkungen gehabt.

Mit dem Fernsehen ist es jenen dunklen Kräften, welche über die Schaffung eines Chaos die Weltherrschaft erringen wollen, bereits gelungen, ein heilloses Durcheinander anzurichten, dessen Kennzeichen folgende sind: Auflösung der gottgegebenen Ordnungen (Familien, Völker) und Begriffsverwirrung bezüglich gut und böse. (Francisco: Kinder retten die Welt - Aktionsbuch zum Schutz der Schwächsten, ETIKA 1991, S. 30)

Wer sind nun die dunklen Kräfte, wer ist der Feind? Wir haben es beim Fernsehen, was die erwähnten grausamen und pornographischen Szenen angeht, mit den Helfershelfern des Bösen und letztlich mit den "Herren der Welt" zu tun, "die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel" (Epheser 6,12). Der vatikanische Exorzist Pater Gabriele Amorth erklärte in einem RAI-Interview: "Der Teufel ist äußerst intelligent. Einmal hat er mir auch gesagt, daß er es gewesen ist, der das Fernsehen erfunden hat." Dies behaupten nicht wir, dies meldete die Agentur AGI (1. 12. 1992), und wir geben es ohne Kommentar wieder.

Jeder kennt das Gleichnis vom Unkraut in der Bibel. Jesus Christus deutet es wie folgt in Matthäus 13: "37: Der Menschensohn ist es, der den guten Samen sät. 38. Der Acker ist die Welt. Der gute Same, das sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. 39. Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. 40. Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird es auch am Ende der Welt sein. 41. Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, 42. und werden sie in den Feuerofen werfen; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen."

...und wir?

Was sollen w i r tun? Uns auf die richtige Seite stellen. Den Furcht und Begierde und Verderben bringenden Bildern das Wort Gottes gegenüberstellen. Alles ist so einfach: Man lese Epheser 5: "2. Lebt in der Liebe. 5. Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch - das sind Götzendiener - erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes. 6. Laßt euch von niemandem verführen mit leeren Worten, denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. 7. Habt darum nichts mit ihnen gemein! 8. Lebt als Kinder des Lichts! 9. Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. 10. Prüft, was dem Herrn gefällt, 11. und h a b t n i c h t s g e m e i n mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. 15. Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise. 16. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse. 17. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der W i l l e d e s H e r r n ist."

Der Wille Gottes ist, daß wir an das Wohl der Schwächsten, der Kinder, denken. "Warum sind die Kinder heute so zappelig, so nervös? Weil sie nicht in Ruhe aufwachsen können. Sie werden erregt von all diesen schrecklichen Monsterfiguren, die sie als Spielzeug haben und die andrerseits von morgens bis abends in Trickfilmen auf unzähligen Fernsehkanälen gezeigt werden. Man muß zurückkehren zu den einfachen und kreativen Spielen von früher." (So der Laienchrist Fafà zur RAI, AGI 1. 12. 1992.)

Verantwortlich für die Kinder sind die Eltern. Sollen sie auf die anderen hoffen? Das scheint derzeit sinnlos, denn die anderen hoffen auf sie. Der Papst hat die Familien aufgerufen, "moralischen Druck auf die großen Produktionszentren" (der TV-Industrie) auszuüben (la Repubblica, 5. 6. 93). "Die Eltern müßten Druck ausüben", fordert auch die Kulturstiftung Lesen (dpa 23. 9. 93). Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Schmidt ermahnt die Eltern, sie dürften das Fernsehen nicht "tagtäglich zur Kinderbewahranstalt degenerieren" lassen (Dolomiten 2. 7. 93).

Wir alle, vor allem die Familien, "haben das Recht, daß wir nicht zu Hause von pornographischem Material angegriffen werden, das das Familienleben durcheinanderbringen könnte", stellt Erzbischof John Foley, Präsident der vatikanischen Rates für die soziale Kommunikation, klar und ermahnt die TV-Gestalter, "ihre Gastgeber auch nicht mit sadistischer Gewalt oder Angriffen auf ihre religiösen Überzeugungen oder ihre ethnische Identität zu beleidigen" (AGI 2. 6. 93).

Wozu raten konkret die Experten? Eltern sollten nach Ansicht der Medienprofessorin Marianne Grewe-Partsch gemeinsam mit ihren Kindern fernsehen, um sie vor Gewaltdarstellungen zu schützen (in "Nachrichten Parität", dpa 24. 6. 93). Auch der Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologen, Lothar Hellfritsch, forderte, daß Eltern und

Lehrer über Gewalt im Fernsehen mit Kindern und Jugendlichen reden. (dpa 23. 4. 93) Gegen die zweite Stellungnahme ist sicher nichts einzuwenden, aber ist die erste Forderung nicht utopisch und wider die Vernunft? Sind doch drei von vier Zuschauern wenigstens in den USA gegen Brutalität im Fernsehen, und immerhin 59 Prozent fühlen sich von der TV-Gewalt "persönlich belästigt" (Dolomiten, 25. 3. 93). Und da sollen diese selbst von der TV-Gewalt geschockten Erwachsenen noch stundenlang neben ihren Sprößlingen ausharren und sich denselben negativen Einflüssen aussetzen, die sie selber nicht verkraften?!

Weitere Alternativen: Experten rechnen damit, daß spätestens in zwei Jahren TV-Geräte mit eingebauten Mikrochips auf den Markt kommen, die Sex- und Gewaltfilme mit Hilfe von elektronischen Signalen aussortieren und auf Wunsch blockieren können. (Dolomiten 15. 7. 93) Solange können wir nicht warten. Unsere Kinder werden heute und morgen und übermorgen verdorben von gewissenlosen Medienverbrechern, und die dreiste Werbung wird sich gewiß nicht blockieren lassen.

Viel bleibt nicht mehr übrig: Boykottmaßnahmen in verschiedenen Abstufungen. Eltern und Großeltern, die zu Sex und Pornographie im Fernsehen schweigen, stimmen zu und machen sich mitschuldig vor Gott und den Kindern. In welche Richtung wir denken sollten, können wir von Mahatma Gandhi lernen: Als Gandhi wegen eines Fernglases immer Streit mit einem Freund hatte, mit dem er gerade übers Meer fuhr, machte er der Versklavung durch den wertvollen Gegenstand dadurch ein Ende, daß er den Fernstecher in hohem Bogen ins Meer warf. "Ethik der Zerstörung" nannte er das.

In Altdorf und Nürnberg bildete sich eine Elterninitiative, die keine Produkte von Firmen mehr kaufen, die im Umfeld von Sex- und Brutalofilmen werben. (dpa, Dolomiten 3. 7. 93) Man kann auch Unterschriften sammeln oder einen Tag in der Woche das Fernsehgerät ausgeschaltet lassen (Corriere della Sera 28. 3. 93). Natürlich ist dies besser als nichts, jedenfalls hundertmal besser als das idiotische Bemühen von 40 Prozent der Eltern, ihren in der Schule versagenden Kindern mit oft suchterregenden Medikamenten wieder auf die Sprünge zu helfen (diese Zahl nannte der Fachverband Freier Einrichtungen in der Suchtarbeit, dpa, Dolomiten 3. 7. 93).

Die Aktionsgruppe ETIKA ist skeptisch, mit halben Maßnahmen die Kinder vor der Verrohung ret-ten zu können. Deshalb ruft sie Familien mit kleinen und Schulkindern zu einem totalen Fernsehboykott auf. Freilich muß dieses Vakuum dann ausgefüllt werden, denn "es gibt nichts, was die magische oder dämonische Kraft des Fernsehens mehr stärkt als die Langeweile und die Dummheit all dessen, was nicht das Fernsehen ist" (Giorgio Bertone, Il secolo XIX, 21. 3. 93).

 

 

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