ETIKA

FREUNDSCHAFT

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5.12.1999

41FR3

Über die wahre Freundschaft

Ludwig Rupalla

Aus: Unsere Fahne, Sodalen Korrespondenz für Studierende, IV. Jahrgang, 1. Heft,1. Oktober 1913, Seite 7f. Verlag: Wien IX/4, Lustkandlg. 41.

Und wärst Du dem ärmsten Bettler gleich:
Bleibt dir ein Freund, so bist du reich;
Und wer den höchsten Königsthron gewann
Und keinen Freund hat, ist ein armer Mann."

Bodenstedt

Es gibt wohl kein anderes Wort, das dem menschlichen Ohre süßer, angenehmer klänge, als das der Freundschaft. Von ihm haben die edlen Geister aller Zeiten so gerne geredet. Und wohl mit Recht, denn wie Friedge sagt:

"Ist die Freundschaft die heiligste der Gaben,
Nichts Heiligeres könnt nur ein Gott verleihn.
Sie würzt die Freudī und mildert jede Pein,
Und einen Freund kann jeder haben,
Der selbst versteht ein Freund zu sein!"

In der Tat ist die wahre Freundschaft ein köstlich Ding und wo man im gewöhnlichen Leben oder in der Geschichte zwei edelbefreundete Herzen findet, da empfindet man zugleich den Genuß reiner, heller Freude. Denn solche Freundschaft gleicht einer bunten Flamme, die leuchtet und zugleich ergötzt.

Aber leider; wie selten sind nicht die wahren Freundschaften! Und wenn man sie im wahren Sinne des Wortes sucht, so findet man unter Tausenden, ja Millionen, nur wenige und sehr wenige.

Die Menschen nennen nur gar oft Freundschaft das, was sie eher Bekanntschaft, oder besser Feindschaft nennen sollten, weil sie aus unreinen Beweggründen entspringt. -

Wie umkreisen die Menschen Dich nicht! Doch traue diesen Freunden nicht! Es sind Menschen von niedriger Denkungsart, Menschen, die nur der Sinnlichkeit dienen und Dich in den Abgrund des Lasters ziehen!

Die wahre Freundschaft ist ewig wie die Liebe. Und ist die wahre Liebe selten, so ist die wahre Freundschaft noch seltener.

"Ein Freundesherz ist ein so seltīner Schatz,
Die ganze Welt beut nicht dafür Ersatz;
Ein Kleinod istīs voll heilīger Wunderkraft,
Das nur bei festem Glauben Wunder schafft.
Doch jedes Zweifels Hauch trübt seinen Glanz,
Einmal zerbrochen, wirdīs nie wieder ganz."

Bodenstedt

Freundesliebe hat kein Verständnis für schimpfliche Selbstsucht; Freunde lieben einander herzlich, weil sie sich geistig verwandt fühlen und sich sozusagen gegenseitig in einander wiederfinden. Dieses heilige Gefühl kann nur entstehen, wenn die Achtung bereits vorausgegangen. Jede wahre Freundschaft muß auf Hochachtung beruhen, einer Tugend, die mit zarter Rücksicht zwischen Freunden die feinsten Grenzlinien zieht. Nur wen man achtet, den kann man wahrhaft lieben; und wen man wahrhaft liebt, der wird und bleibt uns Freund.

Zur wahren Freundschaft gehört auch die Treue. Treu ist, der sein Wort zu allen Zeiten und in allen Lagen des Lebens unbedingt hält. Einen wahren Freund vermag nichts in der Welt, kein Hohn, kein Spott, keine Todesstrafe selbst dazu bestimmen, seinem Freunde das Wort zu brechen. Aber wie wenige sind es, die solche Treue bewahren!

Viele nennen sich Freunde und schrecken vor jeder Kleinigkeit zurück. - "Was werden die anderen sagen? - Was werden sie von mir denken, wenn sie mich dies oder jenes tun sehen?" - Und doch versprachen sie immer treu zu bleiben. Wähle dir nie einen solchen zum Freunde; denn Du wirst Dich alsbald getäuscht sehen. Einer, der vielen allgemeiner Freund sein will, wird nie ein wahrer Freund, dem schenke Dein Vertrauen nicht, er ist desselben nicht würdig.

Die wahre Freundschaft hilft viel auf der Tugendbahn. Sie achtet vor allem auf das Glück, das Wohlergehen des Freundes, und wenn dieser einmal etwas ganz Törichtes oder Unerlaubtes fordern sollte, dann wird es ihm der Freund rundweg abschlagen; denn ohne Tugend kann die wahre Freundschaft nicht bestehen. Sie helfen sich gegenseitig in Bekämpfung ihrer Mängel und Fehler, sie sind gleichsam ein Spiegel.

Schon die wenigen Erörterungen zeigen uns, welch kostbares und seltenes Gut die wahre Freundschaft ist. Doch soll und darf der Gedanke niemand entmutigen zu sagen, daß das Streben nach der wahren Freundschaft, besonders uns Sodalen, die wir auf dem Weg der Tugend voranschreiten wollen und sollen, vergeblich sei.

Wer ernstlich bemüht ist, ein treuer, ehrenhafter, tugendhafter und liebevoller Mensch zu sein und beharrlich unter seinen Bekannten einen ihm ähnlichen sucht, der wird ihn finden; und wer ihn hat, der halte sich treu an ihn, denn Schöneres gibt es in der Welt nicht.

Wernsee, im Juli 1913

Ludwig Rupalla

 

 

 

 

 

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