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48B1

FRANCISCO UND DER KUSS

7.8.1997 – 19.9.2010
Wahre Geschichten

Polizisten und Soldaten hatten den Touristen aus Europa vor dem Gang in die Slums von Lima gewarnt. "Man wird Sie überfallen und ausrauben! Lassen Sie wenigstens den Fotoapparat nicht sehen!", sagte man ihm in der Avenida 28 de Julio. Doch Francisco hatte ein Ziel, und er ging weiter auf der langen Straße, die sich allmählich belebte. Er kam an eine Kreuzung, überquerte sie und suchte nach der richtigen Hausnummer; nur wenige Gebäude hatten eine solche.

Ohne daß er etwas davon ahnte, überschritt er auf einmal die unsichtbare Grenze, welche den Beginn der Zone von "Desperados" und "Descamisados", von Verzweifelten, "Hemdlosen", markiert. Dort hausen die Ärmsten der Armen. Sie besitzen nichts, nur dieses Gebiet, und verteidigen es mit Zähnen und Klauen. Kinder-, Jugend- und sonstige Banden kämpfen ums nackte Überleben. Jeder Eindringling in ihr Reich wird als willkommene Beute betrachtet.

Die Gefahr lag in der Luft, nur noch Sekunden dauerte es bis zum Überfall auf den "Gringo" — und alle wußten es, nur Francisco nicht.

Da, in einer plötzlichen Anwandlung von Sympathie und Mitleid stießen die Straßenhändler und -händlerinnen, an deren Ständen er eben vorbeigegangen war, laute Schreckensrufe aus:

"Kehr um, Fremder, schnell, lauf um dein Leben!"

Francisco zögerte einen Augenblick, rannte dann aber zur Kreuzung zurück. Und merkwürdigerweise fiel sein Blick auf die Inschrift des Hauses, das er suchte: "Misioneras de la Caridad". Er stand unmittelbar vor der Niederlassung von Mutter Teresas Missionarinnen der Nächstenliebe. Hausnummer 2821.

Nach dem Klingeln dauerte es lange, bis sich die Tür öffnete und eine Schwester mit indischen Gesichtszügen erschien.

"Ich bin Tourist und möchte einen Tag helfen."

"Kommen Sie morgen vormittag um 8 Uhr."

Am nächsten Tag wurde Francisco eingelassen. Er wurde einem Helfer zugeteilt und hatte mit diesem zusammen einem Dutzend alter Männer, die in den kahlen Räumen des Erdgeschosses geschlafen hatten, bei der Morgentoilette behilflich zu sein. Die Schlafanzüge waren auszuziehen und zerlumpte Hosen und Jacken anzuziehen. Ein Mann mußte rasiert werden, ein anderer war dankbar, weil der Fremde aus Europa ihm half, seinen vorsintflutlichen Rollstuhl zu reparieren, indem er die Tuchfetzen, welche die Gummireifen ersetzten, neu um die Räder wickelte. Wie schön war hernach die Rundfahrt durch den kleinen Innenhof im Nieselregen, der zu dieser Jahreszeit die Pazifikküste einnebelte.

Die Prüfung als wahrer Samariter stand Francisco aber noch bevor. Mit dem etwa 30jährigen peruanischen Helfer, den er ob seiner Geschicklichkeit und Einsatzfreude bewunderte, trat er in ein Zimmer, in dem es entsetzlich stank. In einem der zwei Betten lag ein Häufchen Mensch — aber mehr Häufchen als Mensch. Die Augen waren geschlossen, wohl weil sie das eigene Elend nicht ertragen konnten. Aus der Kehle ragte ein Metallröhrchen, über und über mit Eiter und Blut bedeckt, die zur Seite hinabrannen.

Francisco war nicht imstande hinzusehen, als Alfredo alles säuberte. Der Ekel war stärker. Danach wurde der Oberkörper des Alten gewaschen, wobei auch der gutmütige Bettnachbar eifrig half, der froh war, von solchem Unglück verschont zu sein. Nur mit großer Mühe gelang es den dreien, den röchelnden Schwerkranken, der heute oder morgen oder übermorgen sterben konnte, umzudrehen. Die ganze Hinterseite war offen. Doch nun konnte sich Francisco überwinden, und er war stolz, als der Erbarmenswerte endlich in einem sauberen Schlafanzug auf einem weißen Laken dalag.

Nach der Rückreise erinnerte er sich an eine Szene aus dem Leben des Franziskus von Assisi:

Als Franziskus eines Tages auf dem Feld bei Assisi ritt, begegnete ihm ein armer, aussätziger Mensch, an dessen furchtbarem Aussehen er keinen geringen Verdruß und Abscheu hatte. Als er aber an sein Vorhaben dachte, zur Vollkommenheit zu gelangen, und daß er sich selbst überwinden müßte, um ein Ritter Christi zu sein, stieg er von dem Pferd, lief zu dem Aussätzigen, umarmte ihn, küßte ihn und reichte ihm das Almosen.

Als er nun wieder zu Roß gesessen und sich nach dem Armen umgesehen, konnte er ihn auf der weiten Heide nicht mehr erblicken. Daher sagte er voller Schrecken und Freude Gott, dem Allmächtigen, Lob und Dank. Durch sein stetes Gebet, Seufzen und Weinen hatte er erlangt, daß seine Begehren erhört wurden.

Und als er einmal gar eifrig im Gebet war, erschien ihm der gekreuzigte Christus. Dessen Aussehen erweichte seine Seele durch Mitleid dermaßen und durchdrang seine Glieder mit den Schmerzen der Marter des Erlösers, daß er sich hernach, sooft ihm die Erscheinung des Leidens Christi in den Sinn kam, mit Mühe von Weinen und Seufzen (so hat er kurz vor seinem Absterben selbst erzählt) enthalten konnte. Franziskus, der Mann Gottes, empfand durch diese Erscheinung, wie die Worte Christi in sein Herz eingedruckt wurden: Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Er ward zu selber Stund angetan mit dem Geist der Liebe Gottes, der Armut, Geduld, Demütigkeit und Andacht..." (Cronicken der mindern Brüder, Konstanz 1604)

Francisco, das Kind des 20. Jahrhunderts, vermochte die erbauliche Chronik aus dem Mittelalter nicht weiterzulesen. "Wieviel fehlt mir doch noch, um wirklich Christ zu sein!", dachte er sich.

Und er grämte sich wegen des Kusses, den er dem Todkranken in Limas Elendsviertel nicht gegeben hatte.

Der kleine Schuhputzer von Cuzco

Ein kleiner Schuhputzer kommt in einer Straße der peruanischen Andenstadt Cuzco auf uns zu. Seine Kleider sind zerrissen, an manchen Stellen geflickt. Mit traurigem, insgeheim hoffendem Blick bettelt er um Arbeit. Leider müssen wir ihn enttäuschen. Unsere Turnschuhe brauchen weder Creme noch Bürste. Die Hoffnung in seinem Blick erlischt; schicksalsergeben wendet er sich von uns ab.

Plötzlich erinnere ich mich, daß ich noch Kekse in meiner Tasche habe. Ich nehme sie heraus, drehe mich zum Knaben um und halte ihm lächelnd und fragend die Kekse hin. Er versteht, seine Augen leuchten auf wie zwei Sterne. Sein Stühlchen stellt er auf den Boden und setzt sich hin, mitten im Gedränge des Stadtlebens.

Der Bub vergißt alles um sich, und langsam, beinahe andächtig knabbert er die ganz gewöhnlichen Kekse. Fröhlich setzen auch wir unseren Weg fort und danken Gott für dieses Geschenk des Teilens und Freude-schenken-Dürfens.

(erzählt von W. K.)

Der Obdachlose von Bottrop

Ich nutze eine geschenkte Zeit, um mich im vorweihnachtlichen Getriebe ein wenig umzusehen. Im Ausschankladen einer Kaffeefirma trinke ich ein Glas Tee. Wie ich da so stehe, kommt ein Obdachloser und stellt sich zu dem älteren Herrn am Nebentischchen. Die beiden kommen ins Gespräch, und ich bemerke den Unwillen der Damen neben und hinter mir. So einen Menschen wollen sie nicht in ihrer Nähe haben. Dieser hat ein Stutenbrot in der Hand und berichtet laut, daß man ihm in der Stadt einen Zehnmarkschein geschenkt habe und daß er sich nun ein Essen leisten könne.

Der Obdachlose ist freundlich, lächelt ab und zu zu mir herüber, und ich lächle zurück. Warum sollte ich einem offenen Menschen das Lachen wehren? Die Dame neben mir zeigt mit ihrem Gehabe, daß sie für dieses stille Einvernehmen mit einer angenommenen Kreatur keinerlei Verständnis hat, und schaut mich vorwurfsvoll an.

Ich lasse mich nicht beirren. Dieser Mensch bringt mit seiner stillen Freude ein Adventslicht in die Herzen der Umstehenden — so sie es zulassen. Er zeigt ihnen, daß es so etwas wie Leben im Eigentlichen, in der Annahme der göttlichen Wahrheit und Daseinsberechtigung gibt.

Nachdenklich verlasse ich das Geschäft und höre hinter mir ein freundliches "Aufwiedersehen". Was wollen wir Menschen denn mehr?

(© Gerda Jaekel, Autorin/Liedermacherin, Bottrop)

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