ETIKA

BIBLIOTHEK

http://www.etika.com
7.8.1997

48B2

FRANCISCO UND DIE POLITIK

 

 

Francisco begeisterte sich rasch für gute Ideen. Und er fand so viele davon. Als Sohn spanischer Gastarbeiter stand er zwischen zwei Völkern und wollte doch jedem angehören. Seine neue Heimat Deutschland liebte er über alles, die deutsche Literatur, Musik, Landschaft und Geschichte etwa so wie einst der Engländer Washington Irving seinem heißgeliebten Spanien mit den "Geschichten von der Alhambra" ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat.

Francisco befaßte sich schon auf der Schule mit der Teilung Deutschlands, empfand das Unrecht und trat mit ein paar Klassenkameraden in eine nationale Partei, die sich die Wiedervereinigung und die Neubesinnung auf die deutsche Kultur und Tradition aufs Panier geschrieben hatte.

Später auf der Universität kam er mit revolutionär gesinnten Studenten in Kontakt, entdeckte, daß sogar die Anarchisten wie der russische Graf Kropotkin idealistische Ziele verfolgten und im Grunde die Befreiung der Arbeiter von der Ausbeutung anstrebten, wenngleich mit gewaltsamen Methoden.

Und er fragte sich, wann denn nun Gewalt gerechtfertigt ist und wann nicht: wenn der sich demokratisch nennende Staat Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten einsetzt, die unangemeldet gegen die Atomkraft oder die Arbeitslosigkeit protestieren, oder wenn palästinensische Jugendliche Steine auf israelische Besatzungssoldaten werfen, oder wenn die baskische ETA Zivilgardisten beim Kirchgang vor den Augen ihrer Familie erschießt, oder wenn Kurden sich mit Gewehren gegen Türken zur Wehr setzen, aber gleichzeitig die christlichen Assyrer verfolgen.

Beim Studium der Volksbefreiungsbewegungen stieß Francisco auf Indien und Mahatma Gandhi, der sein großes Vorbild wurde. Die Methode der Gewaltlosigkeit (Satyagraha) überzeugte ihn, und als er eine Partei fand, die vorgab, die Ideen des Mahatma zu vertreten, schloß er sich ihr an. Doch bei dieser "grünen" Bewegung erging es ihm nicht anders wie bei den anderen politischen Gruppen, die er kennengelernt hatte: Enttäuschung folgte auf Enttäuschung, einmal über die Funktionäre, zum anderen über den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Immer wurden ein paar Idealisten von Geschäftemachern oder Fanatikern der Macht mißbraucht. Als seine neuen Genossen sich für die Abtreibung und Freigabe der Pornographie aussprachen, wandte sich der wirkliche Umweltschützer ab.

 

Es kam dann die Zeit, in der Francisco mit einer konservativen Partei sympathisierte, doch als diese vehement für Atomkraftwerke plädierte und bei ihrem Kongreß in K. unbekleidete Tänzerinnen vor den Delegierten auftreten ließ, war auch dieses Kapitel beendet. Zu den anderen etablierten Parteien mit ihrer Bevorzugung bestimmter Wählerschichten und ihren Skandalen und vielen schönen Worten, aber wenig Taten empfand er auch keine rechte Zuneigung, und so wurde er der Politik allmählich überdrüssig.

Die meisten Parteimitglieder, die er kannte, hatten einen begrenzten Horizont, der geprägt war durch Abstammung, Beruf, Einstellung des Vaters, Propaganda oder indirekte Beeinflussung durch die Medien. Keiner wollte das Ganze sehen, jeder starrte auf die eigenen Sorgen und Ansprüche. Begriffe wie Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit entpuppten sich als leere Schlagworte. Niemand wollte die eigenen Fehler und Vergehen eingestehen, doch jeder gab für alles immer anderen Leuten, Völkern, Rassen oder Klassen die Schuld.

Wie eine Erleuchtung kam es über ihn, als er beim Lesen der Lebensbeschreibung des hl. Franziskus von Assisi auf folgende Stelle stieß:

"Als er nun mit Harnisch, Pferden, Dienern und anderen Notwendigkeiten wohl versehen war, begab er sich auf die Reise nach Apulien, wo er einen Grafen antreffen wollte, der einer der vornehmsten Obristen war. Ihm wollte er sich unterstellen in der Hoffnung, bei ihm die Ehre eines ritterlichen Helden und Hauptmannes zu erlangen.

Aber gleich die erste Nacht nach seinem Verreisen hörte er die Stimme seines Herren, die zu ihm sprach: Franziskus, wer kann dir mehr Gutes tun, der Herr oder der Knecht, der Arme oder der Reiche? Er antwortete ohne allen Zweifel: der Herr und der Reiche. Die Stimme sprach weiter: Warum verläßt du dann den Herrn um des Knechtes willen? Franziskus antwortete (gleich wie Paulus): O Herr, was willst du, daß ich tun soll? Kehr um (spricht der Herr) in deine Stadt, denn das Gesicht, das du gehabt hast (Anm.: von einem Saal voller herrlicher Harnische mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes), bedeutet nicht weltliche, sondern geistliche Dinge...

Also wendet sich der veränderte Franziskus wieder seinem Vaterland ganz fröhlich und getrost zu, denn er hatte angefangen, inwendig in sich selbst die Freude zu empfinden, die den Seelen durch den wahren Gehorsam und die Übergebung seiner selbst geschenkt wird, ganz in der Hoffnung, die Göttliche Majestät werde ihm ihren Willen offenbaren. Franziskus wandte sich von den weltlichen Geschäften und Gesellschaften ab und begehrte, die göttliche Güte möge ihm das, was er tun solle, zu erkennen geben. ...und durch göttliche Inspiration erkannte er, daß ein geistliches Programm mit der Verachtung der Welt und die christliche Ritterschaft mit der Überwindung seiner selbst den Anfang nehmen müßte." (Nach einer Chronik von 1603, Bonaventura)

 

Francisco spürte: Hier ist der Schlüssel. Wie kann ich mir anmaßen, die Welt zu verändern, zu Protest und Revolution aufzurufen? Erst muß ich mich selbst ändern! Wenn ich einmal gelernt habe, mich selbst zu überwinden, einfach zu leben, den Nächsten zu lieben, die Spuren Gottes in der Schöpfung zu erkennen und den Sünder zuerst einmal mit den Augen der Barmherzigkeit anzusehen dann darf ich auch gegen das Böse in der Welt ankämpfen.

Francisco hat diesen schweren Weg begonnen den Weg der Demut und des Gehorsams gegenüber seinem neuen Herrn. Statt politische Parolen zu skandieren, stellt er sich bei jedem sozialen, ökologischen, ethnischen, familiären oder individuellen Problem, das ihm nahegeht, die entscheidende Frage: Wie kann ich hier das Böse mit Gutem überwinden? Und wenn er seine Ohnmacht fühlt, dann nimmt er Zuflucht zum Gebet: Herr, hilf! oder: Jesus Christus, hilf uns, rett uns!

 

Index 4 - - - - Retour ETIKA Start