ETIKA BIBLIOTHEK

JORDI MOTA

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EINER VON SO VIELEN

12.11.2001. Kurzgeschichte aus dem Alltag. Copyright Jordi Mota. Übersetzung Rainer Lechner

Meine Wohnung ist sechs Quadratmeter groß, mit einem äußerst langweiligen Grau gestrichen, und hat nur ein Fenster, 40 Zentimeter breit und 70 hoch, das überdies durch dicke Eisenstäbe geschützt ist, welche es noch verkleinern.

Wenn ich durch dieses Fenster schaue, kann ich in kurzer Entfernung eine weiß getünchte Mauer sehen, und wenn ich mich auf den Kopf stelle und nach oben blicke, kann ich ein paar Äste eines Baumes erkennen, der sich am anderen Ende der Umfassungsmauer befindet. Einmal von hundertmal sehe ich irgendein Vögelchen, das dort gerade sitzt und wenn es ins Innere der Wand aus Backsteinen schaut, klugerweise sogleich die Flucht ergreift. Ich habe keine Arbeit, keine Familie, keine Freunde und ... bin glücklich. Mehr noch, endlich bin ich wirklich glücklich.

Zelle, Käfig, Wohnung — der Name hat geringe Bedeutung. Ich bin in einem Zentrum für die Rehabilitation von Nervenkranken, das heißt in einem Irrenhaus; ich bin behaftet mit einer gutartigen Veränderung des emotionalen Gleichgewichts, und verschlimmernd kommen Angstzustände hinzu, die aber vorübergehen. Kurz gesagt, ich bin verrückt.

Früher sprach man von Sklaven, dann von Dienstmädchen und jetzt von Personal für häusliche Dienste; einst redeten wir vom Leuchtturmwärter — heute ist er ein technischer Ingenieur für maritime Signale. Was bedeuten schon die Namen!

Indessen werden jene, die mich lesen, denken, daß ich nicht so verrückt bin, wenn ich mir darüber im klaren bin. In Wirklichkeit bin ich auch gar nicht verrückt. Ich bin völlig geheilt, und mein Hauptproblem besteht darin, diese Tatsache vor den Ärzten zu verheimlichen, denn ich habe — jetzt ja — eine nervöse Angst vor dem Gedanken, dieses gesegnete Paradies verlassen zu müssen.

Die Welt erschreckt mich, schmettert mich nieder, ich habe Angst, wieder in ihre Hände zu fallen, wieder Teil ihres Räderwerks zu werden, wieder von tobsüchtigen Leuten umgeben zu sein, die nicht wissen, wohin sie so gehetzt rennen, und die besessen suchen — sie wissen selbst nicht was.

Meine Eltern waren von einer Alltäglichkeit, die zur Verzweiflung treibt. Wir lebten im dritten Stock über einer Fabrik, in der mein Vater arbeitete. Die Besitzer von Fabrik und Haus lebten im zweiten Stock. Wir zahlten Don José — so hieß der Besitzer — eine niedrige Miete, und er zahlte meinem Vater ein niedriges Gehalt für seine zwölf Stunden Arbeit. Jedesmal wenn meine Mutter meinen Vater an sein miserables Gehalt erinnerte, das er bezog, erwiderte er unveränderlich, daß gerade schlechte Zeiten für das Unternehmen herrschten und daß Don José noch viele Zahlungsrückstände hatte.

Und unabänderlich verließ mein Vater fünf Minuten vor sieben das Haus und kam um fünf nach zwei zurück, um wieder fünf vor drei zu beginnen und um fünf nach acht wieder da zu sein. Samstags arbeitete er bis vier Uhr, und er mußte am Nachmittag nicht noch einmal weg; diese wichtige soziale Errungenschaft wurde erreicht, als Don José sich ein Haus an der Küste kaufte, wo er dann seine Wochenenden verbrachte.

Sonntags badeten wir alle in einem strengen Turnus, danach nahmen wir am Gottesdienst teil, und wenn wir einige Male ausgingen — das war das einzige in unserem Leben, das nicht funktionierte wie eine Uhr — tranken wir einen Aperitif; dies geschah normalerweise in der ersten und zweiten Woche eines jeden Monats. Was sonntags immer gleich blieb, war der Weg zur Konditorei, um den Nachtisch zu beschaffen, und das war eine Sahnetorte, die ebenfalls immer gleich aussah.

Im Sommer vertauschten wir die Routine des Winters mit jener der heißen Jahreszeit und gingen zum Strand, natürlich zur selben Stunde wie die anderen, und mit allen anderen kehrten wir auch zurück. Auf dem Sand sitzend aßen wir einige zähe Brötchen, die mit Rührei und Sand belegt waren, und tranken Brauselimonade — ein in unserer Familie wenig üblicher Luxus, den es nur im Sommer gab; zu Hause mischten wir die Brauselimonade mit Wein und in den letzten Jahren mit Bier.

Meine Mutter verrichtete gelegentlich einige Arbeiten im Hause, wenn der Nachbar von der Wohnung darüber, der heimlich eine Weberwerkstatt betrieb, Arbeit übrig hatte. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, arbeiten zu gehen, und sie pflegte zu sagen, daß dies ein Luxus war, den sich nur die Reichen leisten konnten.

Sie waren ein glückliches Ehepaar; sie hatten nichts, worüber sie sich hätten streiten sollen. Die Wahrheit ist, daß sie überhaupt nichts hatten, und obgleich ich irgendwann einmal meine Mutter zu meinem Vater sagen hörte, daß er sie mit einer anderen betrügen würde — zur Unterstützung ihres Vorwurfs, daß er an jenem Tag erst 20 Minuten nach acht heimgekommen war — gab es äußerst wenige Möglichkeiten für meinen Vater, meine Mutter zu betrügen oder überhaupt eine Frau auch nur von ferne zu sehen.

In der Fabrik arbeiteten keine Frauen, und wir wohnten in einem Arbeiterviertel, wo nur verheiratete Männer mit eifersüchtigen Ehemännern wohnten, die höchstwahrscheinlich ihre Frauen verpflichtet hätten, wie die Araberinnen einen Schleier zu tragen, wenn das Gesetz eine solche Praxis nicht untersagt hätte.

Ständig dankten sie Gott für das, was sie besaßen: Gesundheit, gesunde Kinder und wenig mehr. Sie waren höchst zufrieden mit ihrem Schicksal und sparten die ganze Woche über, um am Sonntag eine Spende in beträchtlicher Höhe für die Armen abgeben zu können, obgleich wir uns zu jenen gesellen konnten, die am Glück den kleinsten Anteil hatten.

Ich verabscheute dieses Leben. Ich wollte konkrete Dinge haben wie Geld und nicht abstrakte wie Gesundheit. Die Gesundheit kam meiner Meinung nach schon mit dem Leben. Dies schien mir logisch: Wenn Gott uns so kompliziert geschaffen hat, mußte er es in einer Weise tun, daß wir funktionierten; die Gesundheit kam wie Kopf oder Füße mit dem Rest, mit dem Ganzen, und es gab nichts, wofür man hätte danken müssen.

Meine Eltern wollten, daß ich studierte, und so erwarb ich den Befähigungstitel eines Industriezeichners. Obwohl ich hoch hinaus wollte, sah ich mich gezwungen, in der Firma meines Vaters mit Don José zu arbeiten, der mich zum Eintritt überredete, indem er davon sprach, wie gern er meinen Vater und meine Mutter hatte, und wie sehr er sich freuen würde, wenn ich mit ihm zusammenarbeitete.

Ich heiratete. Meine Braut — wie konnte es anders sein — war aus demselben Viertel. Auch ihre Eltern, die so bescheiden lebten wie die meinen, hatten sich angestrengt, damit sie einen Beruf erlernen konnte, und sie war Krankenschwester geworden. Sie hatte ein wenig in ihrem Metier gearbeitet, was sie dann aber aufgab, als wir heirateten und unser erstes Kind bekamen. Bald gesellte sich ein zweites und sogar ein drittes hinzu. Wir lebten bescheiden, und obwohl wir nicht stritten, waren wir mit unserem Schicksal nicht zufrieden.

Eines Tages sagte mir meine Frau, daß es so nicht weitergehen könne und daß sie arbeiten wolle, um zum Unterhalt der Familie beizutragen, damit wir besser leben könnten und auch noch etwas vom Leben hätten, solange wir jung seien. Die Idee erschien mir prächtig. Ich hatte ihr derartiges auch schon einmal nahegelegt, obwohl in der Familie, aus der ich kam, ganz andere Vorstellungen herrschten: Eine Frau arbeiten schicken, das dünkte ihr so, als ob man sie für ein Bordell angemeldet hätte, wo sie sich den Lebensunterhalt mit ihrem Körper verdienen mußte.

II

Sie begann zu arbeiten. Sie hatte einen etwas seltsamen Stundenplan, mit achtstündigen Turnussen in einem Hospital, die einmal morgens, dann nachmittags und schließlich nachts abzuleisten waren. Zuerst wollten wir weiterleben wie bisher, aber bald stellten wir fest, daß das mit der Arbeit zwar viele Vorteile, aber auch einige — wenige — Nachteile hatte.

Wir mußten unsere Kinder, die alle ganz klein waren, in einen Kinderhort bringen; sahen uns nach einem Omnibusdienst um, mit dem sie hin und her gelangten; fingen an, vorgekochtes Essen zu kaufen, gewöhnten uns an Dosen, das Essen in Restaurants, telefonische Bestellungen von Pizzas und die Beauftragung von Babysittern.

Meine Frau begann außerdem, mit Leuten zu verkehren, die ein höheres Niveau als wir hatten. Und, müde vom Arbeiten, wollten wir, wie geplant, das Leben genießen, solange wir jung waren. Tatsache ist, daß wir, seit meine Frau arbeitete, weniger Geld hatten als vorher. Wir hatten ein höheres Einkommen, gaben aber auch viel mehr aus.

So sah ich mich gezwungen, eine neue Arbeit zu suchen. Ich hatte im Nu Erfolg. Und zwar bei einer modernen, in Expansion begriffenen Firma, dem Gegenteil von jener des Don José. Das Gehalt fiel praktisch doppelt so hoch aus. Ich hatte eine flexible Arbeitszeit, konnte zwischen sieben und acht Uhr anfangen und am Abend zwischen sechs und sieben gehen.

Ich verfügte über 31 Werktage Urlaub — statt der gewohnten 20 — plus zwei Tage bezahlten Urlaub für persönliche Angelegenheiten und weitere drei Tage unbezahlt. Und da wir jeden Tag zehn Minuten länger arbeiteten, hatten wir im Jahr Anrecht auf drei Urlaubs-"Brücken", welche der Betriebsrat festlegte. Auf der anderen Seite verringerten die Ausfälle bei Krankheit, sobald es mehr als sechs Tage waren, in starkem Maße die Anwesenheitszulage, die einen erheblichen Teil des Lohns ausmachte.

All dies war für mich wie ein Erwachen zum Leben. Der Wechsel allerdings erheischte neue Ausgaben. Wir besaßen kein Auto. Als meine Frau in diesen komplizierten Schichten zu arbeiten begann, brauchte sie eines. Wir benutzten das meines Vaters, das sehr alt war und fast ans Antike grenzte, es aber nicht erreichte, denn sonst hätte es wieder Wert gehabt. Jetzt benötigte auch ich ein Auto; wir mußten uns zumindest eines kaufen.

Meine Frau beklagte sich ständig, daß der Wagen meines Vaters einem Al-Capone-Film entstammen könnte und daß wir einen neuen kaufen müßten. Ich fand den Wagen ganz annehmbar; als allerdings meine Frau es für selbstverständlich erachtete, daß das neue Auto, das wir kaufen würden, für sie wäre, wurde mir klar, daß ich mich mit dem alten Gefährt meines Vaters zwischen Exzentrizität und Armut bewegen würde.

In Wirklichkeit hätten wir zwei Autos kaufen müssen, aber dies hätte bedeutet, daß wir Geld ausgeben müßten, das wir noch gar nicht verdient hatten; dabei fiel besonders ins Gewicht, daß ich beim Empfang meines ersten Lohns gewahr wurde, daß 30 Prozent für Steuern einbehalten worden waren; daran war ich in der Firma Don Josés nicht gewöhnt, denn dieser zahlte dem Fiskus keinen Pfifferling.

Eines unserer Kinder ging noch in den Kinderhort, die anderen besuchten bereits die Schule. Das verkomplizierte die Dinge gewaltig. Ich arbeitete in der Vorstadt, meine Frau hatte wechselnde Schichten und die drei Kinder verschiedene Stundenpläne.

Der mittelgroße Sprößling ging montags, dienstags und freitags nach dem Unterricht schwimmen, denn der Arzt hatte dazu geraten; am Mittwoch nahm er Nachhilfestunden in Rechnen, weil er in diesem Fach schwach war; donnerstags war die Schule eine Stunde früher zu Ende. Der älteste Junge widmete sich dienstags und donnerstags fernöstlichen Kampfsportarten, und am Freitag nahm er an einem Musikkurs teil.

Bei verschiedenen Anlässen vergaßen wir die vereinbarten Stunden und Zeiten, und unsere Kinder blieben weinend und ungetröstet allein in ihren Schulen. Dies verursachte unangenehme Diskussionen mit meiner Gemahlin, die zwar immer von "meinen Kindern" zu sprechen pflegte, wenn sie aber Geld von mir verlangte, sagte, es sei für "deine Söhne".

Der erste Urlaub kam. Meiner Frau standen nur 22 Tage zu. Da sie als letzte eingetreten war, wurde ihr die Wahl zwischen den Monaten Februar und November anheimgestellt. Ich meinerseits hatte Anrecht auf 18 (?) Tage, von denen ich zehn fortlaufend im August zu nehmen hatte und den Rest im ersten Halbjahr.

Meine Eltern waren ein wenig müde von ihrer Tätigkeit als Großeltern, die jene der Eltern, des Kindermädchens, Kochs und Kellners einschloß. Außerdem: Taxifahrer und Wäscherin, Krankenschwester und Kinderpflegerin, Lehrerin und Putzfrau und was weiß ich noch für Berufe übten meine Mutter und mein Vater abwechselnd und schichtweise aus, ohne dabei einen zu vernachlässigen.

Das konnte nicht so weitergehen. Wir arbeiteten einen komplizierten Kalender aus, der die Dinge vereinfachen sollte. Darin legten wir fest, wer die Kinder zur Schule bringen sollte, wer sie holen mußte, wer die verschiedenen Mittagessen zuzubereiten hatte, und so weiter. Das funktionierte zwei Tage lang gut; am dritten wurde dann eines der Kinder krank, und wir mußten den Plan abändern. Danach mußte ich zu einer Messe in eine andere Stadt, und zuletzt tauschte meine Frau mit einer Kollegin, die Verwandten aufwarten wollte, die von auswärts gekommen waren.

Wenn ich so darüber nachdachte, kam es mir vor, als ob meine Frau ihren Turnusdienst nie erfüllte, und ich begann, Verdacht zu schöpfen, besonders als auch ich einige Extraarbeiten erfand, um mit einer sympathischen Kollegin abends zum Essen gehen zu können. Ich hatte zuvor nie verstehen können, daß sich die Frauen zu Hause langweilen könnten. Wo ich mich langweilte, das war die Arbeit, aber jetzt fing ich an, es zu verstehen.

In meiner Firma gab es eine Legion von vergnügungssüchtigen Frauen aller Farben und Parfümgerüche, Witwen, Geschiedene, Verheiratete, getrennt Lebende, solche, die mit jemandem zusammenlebten, Ledige und sogar eine Waise. Ich hatte die Gelegenheit vor mir und das Motiv und fiel, ja ich fiel.

Da dachte ich auf einmal, daß die gesellschaftliche Organisation der Generation meiner Eltern gar nicht so unsinnig war. Wie konnte irgendjemand zum Ehebrecher werden, wenn er einen festen Stundenplan hatte, im Fabriksgebäude wohnte und wenn die Frauen nicht arbeiteten? Das Durcheinander bei der Zeiteinteilung, das wir jetzt hatten, war so groß, daß es sehr leicht schien, die Gelegenheiten zu suchen. Mir wurde bewußt, daß meine Frau dasselbe tat wie ich, aber ich konnte ihr nicht etwas ins Gesicht schleudern, was ich selbst tat, und obwohl es mir in ihrem Fall viel tadelnswerter vorkam wie im meinigen, mußte ich schweigen. Sie dachte wahrscheinlich ebenso über mich.

Einmal, als wir uns auf dem Flur des Hauses begegneten, sagte sie mir, daß sie sich scheiden lassen wolle. Ich hatte keine Zeit zu reden. Zwei Ecken weiter wartete Lucia auf mich, eine schöne Geschiedene, die ganz in der Nähe wohnte und die ich zur Arbeit begleitete. Ich sagte meiner Frau, daß ich darüber nachdenken würde, vergaß es aber.

Zusammen mit der Einkommensteuererklärung ließ mich meine Frau verschiedene Papiere unterschreiben, darunter eines, in dem ich mich verpflichtete, ihr ein Vermögen zu zahlen, und in dem ich mich des Ehebruchs für schuldig erklärte.

Ich sagte es meinem Anwalt, und wir klagten uns, prozessierten, legten Berufung ein, und ich wurde verurteilt. Es war nicht gerecht, aber es war so.

Mir sprach man die Kinder für Mittwoch und Freitag zu, und für das erste und dritte Wochenende eines jeden Monats. Ich sagte zum zweiten meiner Söhne, er solle seine Schwimmstunden von Mittwoch auf Donnerstag verschieben; dies führte zu einer gewaltigen Auseinandersetzung mit meiner Frau. Wir sprachen nicht, wir brüllten.

Unsere Kinder nutzten die Lage weidlich aus: "Mama läßt mich dies tun", "Mama hat mir jenes gekauft", "Mit Mama gehen wir da und dorthin". Ich hegte Zweifel, ob das alles stimmte, hatte aber keine Zeit, es zu überprüfen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen und auszugeben. Ich suchte eine Wohnung, die so ähnlich war wie die, die wir gehabt hatten, und ich kaufte dieselben Möbel bei demselben Tischler, damit alles so würde wie vorher und ich mich nicht an ein neues Heim gewöhnen müßte.

III

Ich begann mein Leben als Halb-Ehemann, ohne damit fertig zu werden. Immer hatte ich bei meinen Eltern gelebt und danach bei meiner Frau, und ich wußte nicht, wie ich allein zurechtkommen sollte.

Ich mußte sparen, und das versuchte ich auf jede Weise. Zwischen sieben und acht fing ich zu arbeiten an; vorher frühstückte ich in einer Bar. Schließlich kam ich darauf, daß dasselbe Frühstück in derselben Bar zwischen neun und zehn Uhr nur die Hälfte kostete. Die Ersparnis machte nicht viel aus, aber ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, betrogen zu werden, wenn ich zwischen sieben und acht frühstückte. Frühstückte ich hingegen zwischen neun und zehn Uhr, fühlte ich mich selbst als Betrüger.

Manchmal begann ich früher als sonst mit der Arbeit, und dann konnte ich ungefähr um zehn Uhr dem Büro entfliehen, um das Frühstück nachzuholen. Aber das brachte wieder die Unannehmlichkeit mit sich, daß in der gleichen Bar zwischen eins und zwei Uhr ein sehr billiges Menü angeboten wurde. Wenn ich aber so spät frühstückte, konnte ich nicht so früh ein Mittagessen einnehmen, und ich mußte in ein viel teureres Restaurant gehen, eine Pizzeria, in der es ebenfalls ein Menü gab; in diesem war fast immer irgendeine Pizza enthalten. Mir schmeckte die billigste Art von Pizza am besten, aber wenn im Menü eine Pizza mit Lachs vorgesehen war, konnte man nicht jene mit Käse zu demselben Preis erhalten; wenn man jene mit Käse wollte, war der doppelte Preis zu berappen.

Als ich einmal nach Bordeaux fahren wollte, um Verwandte zu besuchen, bot mir das Reisebüro einen preisgünstigen Ausflug nach Paris an. Ich vermochte nicht zu begreifen, warum eine Reise nach Bordeaux dreimal so teuer ist wie eine nach Paris oder London.

"Das kommt daher, weil es nicht in den Urlaubsprogrammen aufgeführt wird."

"Aber ich will nach Bordeaux!"

"Dann müssen Sie mehr zahlen. Es ist ein Luxus."

"Bordeaux ist kein Luxus."

"Und doch ist es Luxus."

"Es ist keiner."

"Doch."

"Nein."... Aber es war nichts zu machen.

Unser ganzes Leben war programmiert. Wir konnten fast nie wählen. Wenn wir mit der Bahn verreisen wollten, mußten wir zwei Tage lang die Tarife studieren, die Ermäßigungen für Gruppen, "drittes Alter", Jugendliche, Abonnements, Hin- und Rückfahrt, Kilometerzahl, günstige Tage, kinderreiche Familien und tausend anderes mehr. Niemand löste eine Fahrkarte, alle hatten Sonderausweise, Fahrscheinhefte, Büchlein in verschiedenen Farben... und nur einige wenige zahlten den normalen Tarif.

Wenn man unabhängig sein wollte, mußte man sehr reich sein, und ich war es nicht, und so endete es stets damit, daß ich zu dem Zeitpunkt und zu dem Ziel reiste, welche die Behörden bestimmt hatten, und da ich zum "zweiten Alter" gehörte, das zahlt und keinen Rabatt erhält, kam ich persönlich kaum in den Genuß von Vergünstigungen.

Ich mußte mir ein Auto kaufen. Das alte Gerümpel meines Vaters machte mich zum Gespött meiner weiblichen "Freundschaften". Ich mußte mir einen Wagen kaufen, der meines Status in der Gesellschaft würdig war, aber ich rang mich nicht dazu durch, es zu tun. Ich sah im Fernsehen, wie sie an Hinz und Kunz Hunderte von Autos verschenkten. In den verschiedenen Wettbewerben traten die Teilnehmer auf, als ob sie beim Einkaufen wären. Es spielte keine Rolle, ob man ihnen Reisen zu anderen Sternen anbot, Gold und Schmuck, Kleinflugzeuge oder Kunstwerke, alle baten um das Auto, ohne Rücksicht auf Marke oder Farbe. Das Auto, das Auto, alle wollten das Auto.

Warum sollte nicht auch ich ein Auto gewinnen? Immerhin hatten sie im letzten Quiz einen Teilnehmer nach Flüssen in Spanien gefragt, und er hatte nur den Ebro zu nennen gewußt, und trotzdem hatte er das wertvolle Auto mit nach Hause nehmen dürfen.

So begann auch ich, der nie gespielt hatte, bei allen Spielen und Wettbewerben mitzumachen. Das war — meines Erachtens — die leichteste Art, den Sieg davonzutragen. Ich kaufte eine Fernsehprogrammierung und ließ alle Wettbewerbe heraussuchen. Es war kompliziert, die Regeln und Sendezeiten herauszufinden. Um an dem einen Wettbewerb teilnehmen zu können, mußte man Etiketten von Schinken einsenden, bei einem anderen waren es Joghurtbecher, für einen dritten mußte man eine Zeitschrift erwerben, in der der Teilnahmeschein eingedruckt war, für einen vierten war es notwendig, einige Postkarten abzuschicken, beim fünften mußte man einige Kästchen ankreuzen, beim sechsten mußte man Fehler finden, beim siebten ein paar Fragen beantworten...

Ich hatte die Wohnung voll mit Zeitschriften, Schinken und Joghurt, und außerdem setzte ich bei Pferderennen, spielte mit beim Fußballtoto, Lotto und sonstigen Gewinnspielen aller Art, die "Spiel und gewinn!", "Gewinn immer!" und so ähnlich hießen.

Einige gaben die Glückszahlen beziehungsweise die Namen der Gewinner am Montag bekannt, andere am Samstag, einige wurden in der einen Kette von TV-Sendern veröffentlicht und andere in einer anderen Kette. Da man bei den einen zu Hause angerufen wurde und andere Veranstalter verlangten, daß man bei jeder einzelnen Sendung zusah, beschloß ich, möglichst viele Stunden im Haus zu verbringen, bis ich irgendeinen Preis gewonnen hätte. Nur an wenigen Tagen ging ich aus, um Bingo oder im Kasino zu spielen. Während des Frühstücks und Mittagessens im Gasthaus vergaß ich nie, die Spielautomaten zu bedienen. Ich kaufte mir sogar einen Spielautomaten, um einen im Haus zu haben und seine Funktionsweise zu studieren.

Nichts, nie nichts. Es war nicht möglich. Zur Nervosität vor der Bekanntgabe der Loszahlen oder Gewinner gesellte sich jene, die aufgrund der ständigen Programmwechsel entstand, denn fast immer wurden verschiedene Wettbewerbe gleichzeitig in verschiedenen Fernsehstationen ausgestrahlt. Wenn der eine Sender einen Zeichentrickfilm brachte, waren in allen Sendern Zeichentrickfilme zu sehen; wenn Spielfilme, dann Spielfilme; wenn Nachrichten, Nachrichten, und natürlich, wenn Quizsendungen gezeigt wurden, gab es Quizsendungen zur gleichen Stunde auf allen Kanälen.

Immer wieder ließ ich alle Sender Revue passieren. Gelegentlich interessierte mich eine Serie, doch da war ich voll Nervosität, ob ich nicht etwas auf einem anderen Kanal versäumen würde. Schaltete ich dann um, fesselte vielleicht ein Fußballspiel meine Aufmerksamkeit. Beim nächsten Wechsel des Programms war der Wettbewerb schon zu Ende, und ich wußte nicht, ob ich unter den Gewinnern war. Aber für diese Möglichkeit hatte ich vorgesorgt und ließ zwei Programme auf Video aufnehmen, damit mir nichts entginge. Es gab sechs Fernsehkanäle, und ich versuchte das, was mich interessierte, auswendig zu lernen. "Nur der Kanal 2 und 4, auf 1, 3 und 6 kommt nichts, was von Belang wäre", aber mein Finger drückte immer wieder alle Tasten wie auf eigene Rechnung.

Manchmal ging ich in die Küche, um etwas zu essen zu holen. Ich hatte Dosen aller Größen und Farben, aber jede Dose brauchte einen anderen Öffner oder hatte ihr eigenes Öffnungssystem. Im Haushalt meiner Mutter löste man mit einem Dosenöffner alles, aber jetzt war es anders. Wenn ich einen Beutel Kartoffelchips aufmachen wollte, was passierte? Nach vergeblichen Bemühungen, weil ich nervös war und mir den Film, der gerade lief, nicht entgehen lassen wollte, platzte die Tüte zum Schluß, und die Kartoffelchips fielen auf den Boden; wenn ich versuchte, einen Joghurtbecher zu öffnen, schüttete ich den Inhalt über die Hose; wenn es sich um Milch in einer Tetrapackung handelte, ergoß sie sich über den Tisch; wenn die Dose einen Ring hatte, mit dem man sie öffnen konnte, hatte ich nach fruchtlosen Bemühungen zum Schluß meist den Ring in der Hand, und die Dose war noch immer geschlossen. Zuweilen rammte ich voll Verzweiflung die Schere oder ein Messer in die Dosen, als ob ich sie ermorden wollte, und zerrte ihren Inhalt durch unregelmäßige Öffnungen an der Oberfläche heraus, obgleich in der Regel die größeren Stücke innen steckten und dieses Manöver behinderten, und alles spritzte nach allen Seiten.

Und jeden Tag neue Verpackungssysteme. Die Rollen mit Toilettenpapier wurden von mir zerrissen, weil ich das erste Blatt suchte, desgleichen die Rollen mit Zellophan. Ich duschte bei offener Tür, um die Sendungen mit den Preisausschreiben verfolgen zu können, sah mir zwei Filme gleichzeitig an und gelegentlich einen dritten im Video, bei dem ich die weniger spannenden Stellen rascher laufen ließ. Ich sah ohne Ausnahme etwas von jedem Fernsehprogramm, was noch schlimmer wurde an den Tagen, an denen meine Söhne da waren, die ihre eigenen Vorlieben hatten, vor denen meine Ansprüche kapitulieren mußten.

All das, und dann noch die verschiedenen Stundenpläne, meine beruflichen Verpflichtungen, die Besuche bei meinem Vater, meiner Frau, meiner Geliebten...

In mir entstand ein Zustand äußerster Gereiztheit, ich grunzte, brüllte, heulte, tobte, brummte, schrie, bis es eines Tages an die Tür klopfte. Ich öffnete:

"Was wollen Sie?"

"Sie."

Und ohne daß ein Wort fiel, brachten sie mich weg. Ich weiß nicht, ob es meine Eltern, Söhne, Frau, Geliebte, Vorgesetzte oder Nachbarn gewesen waren, die die Irrenanstalt verständigt hatten, sicher ist nur, daß ich mich dort befand.

IV

Ich hatte nichts zu tun. Ich zählte die Sekunden: "eins mississippi", "zwei mississippi", "drei mississippi"... Niemand unterbrach mich. Jede Minute hatte 60 Sekunden, jede Stunde 60 Minuten, jeder Tag 24 Stunden, jeder Monat 30 Tage, jedes Jahr zwölf Monate. Alles war so einfach. Ich fing nicht an, jemandem zu fehlen, und niemand fing an, mir zu fehlen. Endlich war ich ein menschliches Wesen. Ich konnte von vorn anfangen.

Ich konnte meine kleine und langweilige Wohnung mit einem Haus mitten in einem Tannenwald vertauschen, ich konnte mir eine Frau suchen, die im Haus bleiben möchte, und eine einfache Arbeit, mit normaler Arbeitszeit und normalem Lohn, aber... konnte ich? Würde ich nicht wieder ins Unglück gerissen werden? Dieses Risiko konnte ich nicht auf mich nehmen, und die Wahrheit ist, daß ich keine Eile hatte...

Ich habe keine Eile. Ich weiß, daß ich hier herauskomme, sobald ich will, und unterdessen befasse ich mich damit, den wahren Wert der Dinge zu erkennen. Ein Baum, etwas so Einfaches wie ein Baum, ist ein echter Traum für mich. In Zeitschriften sehe ich Burgen, Felswände, Hirsche, Hunde, Kinder, Wälder, Seen, Kathedralen, alle sind jetzt für mich Schätze, Schätze, die ich aufsuchen kann, wenn ich hier weggehe, aber... wann werde ich mich entscheiden?

Vielleicht wenn die Welt sich ändert, wenn die Menschen gewahr werden, daß sie eingeschlossen in der großen Welt leben, daß nicht ich eingesperrt bin, sondern daß sie es sind.

Die Gitter meiner Zelle verhindern nicht, daß ich dort bin, sie verhindern, daß sie hier sind. Oft denke ich an das anspruchslose, primitive Leben meiner Eltern. War es wirklich primitiv oder war es einfach das Leben selbst?

Wenn ich ins Kino ging, waren mir immer einige unveränderliche Stereotypen aufgefallen. Wenn die Polizei an den Ort des Verbrechens kam, barg man gerade die Leiche, stellte eine Bahre ab, und der Inspektor hob den Zipfel eines Leintuchs, um ins Gesicht des Toten zu blicken, das man aber nicht sah; immer fand sich ein freier Parkplatz vor einem Gebäude, in das jemand ging, aber wenn jemand einmal in ein Parkhaus mußte, waren ein Mord, eine Schießerei oder eine Verfolgungsjagd garantiert; in den Filmen duschen sich die Frauen unendlich mal häufiger als die Männer, und so weiter.

Wir haben uns oder man hat uns an einige Gemeinplätze gewöhnt, die wir in unsere Lebensauffassung übernommen haben. Wir wollen Formen, Schemata, Sitten, Traditionen abschaffen, ohne uns darüber Rechenschaft zu geben, was das Leben ist. Wir predigen die Gleichheit, aber wir wollen anders sein als unsere Großeltern oder Ururgroßeltern; doch in Wirklichkeit sind wir gleich. Die neuen Formeln funktionieren nicht, und zwar nicht, weil sie neu sind, sondern weil sie keine sind.

In der Vergangenheit versuchten die Menschen ebenfalls, aus dieser "Eintönigkeit" zu fliehen — bis sie lernten, sie zu schätzen,

·         sich Rechenschaft zu geben, daß das beste nicht ist, Geld zu verdienen, sondern es nicht zu brauchen;

·         das beste ist, nicht mehrere kleine Lieben zu haben, sondern eine große;

·         das wichtige ist nicht, nach großen Dingen zu streben, sondern die kleinen zu schätzen zu wissen;

·         daß die Kinder nicht die beste Schule wollen, sondern den besten Vater;

·         daß die Kinder nicht Dienstboten, Haushälterinnen, Betreuer oder Köchinnen benötigen, sondern die Mutter;

·         und wenn es auch als Rückschritt gilt, im Gebirge zu leben, mit den eigenen Kindern und der Frau, einfache Arbeiten zu verrichten und sonntags zum Gottesdienst zu gehen, so können wir es nichtsdestotrotz versuchen.

Ich meinerseits wage nicht, von hier wegzugehen, weil ich Angst habe, vom Strudel fortgerissen zu werden, von dem rasenden Rhythmus einer Welt, die mit höchster Geschwindigkeit — dem Nichts zusteuert.

Vielleicht wird sich eines Tages irgendeines meiner Kinder an mich erinnern, oder ein Nachbar, vielleicht meine Frau oder die Arbeitskollegen, oder wenigstens mein Wellensittich.

An jenem Tag werde ich mich entscheiden, mit dem zu gehen, der mich holt, aber... werden sie einen Moment Zeit finden, um an mich zu denken? Ich habe die Momente gefunden, um an sie zu denken.

*

etika.com: Statt eines Nachworts ein paar Stellen aus dem 3. Buch, 34. Kapitel, des Buches von der Nachfolge Christi: Wenn du, mein Gott, da bist, ist alles lieblich und süß; bist du fern, dann ist alles bitter und ekelhaft. Du machst das Herz still und schaffst großen Frieden und festliche Freude. Ohne dich kann uns nichts auf die Dauer gefallen. und wer an dir keinen Geschmack findet, was soll dem Freude schaffen?

Spanischer Text - - - Index 4