ETIKA

P. Werenfried van Straaten

www.etika.com/
22.2.2004

 

Wo Gott weint

Der Höhepunkt von ETIKA

48B47D

Arme, kleine Rosemarie

Psycho-Schock!
Kann dein Leben verändern!

P. Werenfried van Straaten
Wo Gott weint
© Georg Bitter Verlag, Recklinghausen, 1969
Alle Rechte vorbehalten
Der Verlag ist seit 1997 bankrott und nicht mehr existent

Mit freundlicher Abdruckgenehmigung von Kirche in Not, Marek Zurowski, 20.2.2004, 14.07 h
http://www.kirche-in-not.org

Arme kleine Rosemarie

 

Sicher geborgen in Gottes Hand hat auch Schwester Rosemarie ihren langen Weg zurückgelegt, der meinen Weg zweimal kreuzte.

 

Zum zweitenmal geschah es auf einer Fähre in Indien, auf der Platz für einen Lastkraftwagen, zwei Jeeps und eine anscheinend unbegrenzte Zahl von Menschen war. Die Passagiere mußten sich alle an Backbord aufstellen, um das Schiff möglichst gut im Gleichgewicht zu halten. Nach langem Warten durfte unser Jeep an Bord. Um uns drängte sich eine bunte Menge: halbnackte, zum primitiven Bhil-Stamm gehörende Männer, bärtige Sikhs, verstümmelte Berufsbettler, ausgemergelte Kinder und bronzehäutige Frauen in den bunten indischen Saris mit blinkenden Ringen an Knöcheln und Handgelenken und einem Goldkügelchen am schmalen Nasenflügel. Es dauerte noch eine Viertelstunde, bevor aus einer Luke ein Sikh mit weißem Turban auftauchte und anfing, mit einer Petroleumbüchse Wasser aus dem Schiffsraum zu schöpfen. Das war das Zeichen für die Abfahrt, wobei die vollzählige Mannschaft dazu verpflichtet war, ins gelb graue Wasser zu springen, um unser Schiff flottzumachen.

 

Die Überfahrt war etwas heikel. Da stieg aus dem anderen Jeep eine junge deutsche Schwester, die unterwegs war, um Proviant für ihr Waisenhaus zu besorgen. Wir kamen ins Plaudern, und sie stellte sich als Schwester Rosemarie vor. Als ich meinen Namen nannte, versuchte sie vergebens ihre Erregung zu verbergen. Ich versprach ihr, am nächsten Tag das Waisenhaus zu besuchen. Diesem Besuch ist es zu verdanken, daß folgende Geschichte in dieses Buch aufgenommen ist.

 

Vor neunzehn Jahren hatte einer meiner Freunde während einer Deutschlandreise ein kleines Flüchtlingsmädchen in einem Durchgangslager fotografiert. Er hatte auch mit der Mutter, einer aus Breslau gebürtigen Kriegerwitwe, gesprochen. Das Mädchen hatte als einziges ihrer Kinder die Vertreibung aus Schlesien überlebt. Er schickte mir das Bild und legte auch die Lageranschrift der Mutter bei mit der Bitte, etwas für diese Leute zu tun. Es war in der Zeit, als ich in Flandern Speck für die hungernden Deutschen sammelte.

 

Der Gesichtsausdruck des Kindes ging mir so zu Herzen, daß ich darüber einen Aufsatz schrieb mit dem Titel »Arme kleine Rosemarie«. An die Mutter sandte ich ein Paket mit Speck, Kleidern und dazu Schokolade und eine kleine Puppe für das Kind. Hinzu fügte ich das Foto und die deutsche Übersetzung meines Aufsatzes. Darauf erhielt ich ein Dankschreiben. Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihnen gehört, bis ich in Indien das Waisenhaus und die junge deutsche Schwester besuchte.

 

Das Waisenhaus war nicht viel mehr als ein Sammelsurium von kläglichen Hütten und Baracken um ein baufälliges Steinhaus herum. Zum Komplex gehört auch eine Schule, in der die Kinder außer Kochen und Nähen wenigstens ihren Namen und ihr Geburtsdatum schreiben lernen. Ohne das werden sie niemals wählen dürfen und auf Lebenszeit rechtlos bleiben. Das Spital, das die Schwestern neben dem Waisenhaus gebaut haben - »Gott hat's bezahlt«, sagte Schwester Rosemarie - ist nicht nur für Kinder, sondern für alle da. Im letzten Jahr wurden 17 000 Kranke kostenlos behandelt. Da es beinahe kein Personal gibt, werden die Kranken von ihren Angehörigen gepflegt, die mit ihren Kindern oft wochenlang in oder bei dem Spital leben.

 

Die Geschichte dieses Unternehmens authentischer Nächstenliebe erzählte mir Schwester Rosemarie. Als die Schwestern hier eintrafen, fanden sie neun elternlose Flüchtlingskinder aus Pakistan. Heute sind es über fünfhundert, aber »wir haben keine Zeit, sie jeden Tag nachzuzählen«.

 

Gestern lagen fünf Findelkinder vor der Tür. Heute brachte jemand ein sechsjähriges Mädchen, das er unlängst gefunden und in der Absicht, es zu vermieten, mit nach Hause genommen hatte. Leider war das Kind krank und somit für ihn wertlos geworden. So brachte er es zu den Schwestern. Wahrscheinlich wird es nach seiner Genesung in die Abteilung der kleinen Haushälterinnen übernommen. Dort sind sechs- bis neunjährige Mädchen aus den ärmsten Familien.

 

Die Eltern sind nicht imstande, ihre Kinder zu ernähren und überlassen sie deswegen - oft unter Tränen - einem Kinderaufkäufer. Sonst würden die Kleinen ja doch sterben. Aber der Leidensweg, der ihnen dann bevorsteht, ist grausamer als der Tod. Die meisten werden als Dienstmädchen vermietet an Familien, die sie solange ausbeuten oder gar mißhandeln, bis sie davonlaufen.

 

Aus bitterer Not kommen sie auf die schlechte Bahn. Viele werden vom Herrn oder vom Sohn des Hauses vergewaltigt. Wenn sie schwanger sind, werden sie auf die Straße gesetzt. Andere wieder werden für die Kinderprostitution mißbraucht, die hier wegen des Aberglaubens, daß Geschlechtskrankheiten durch den Verkehr mit einem unberührten Kind geheilt werden, weithin verbreitet ist.

 

Wenn diese seelisch und körperlich zerstörten Mädchen schließlich in die Abteilung der kleinen Haushälterinnen geraten, stehen die Schwestern vor Problemen, die nicht von Ärzten oder durch Erziehungsmethoden, sondern nur - und hier macht Schwester Rosemarie eine Geste in Richtung der ärmlichen Kapelle - nur von Ihm gelöst werden können. . .

 

Sie begleitet mich durch die dürftigen »Pavillons« dieses ergreifenden Kinderparadieses. Wir sehen ein pechschwarzes Baby, das von zehn jubelnden Knirpsen umringt ist. »Er kann schon trinken! Er kann schon sitzen!« klingt es begeistert. Lächelnd erklärt mir die Schwester, daß der Kleine in einem Eisenbahnwaggon zurückgelassen wurde und erst seit einer Woche hier sei. Die Kinder sind in ihn vernarrt.

 

Schwester Rosemarie scheint jedes Kind persönlich zu kennen:

 

Dieses blinde Mädchen mit den Blumen im Haar ist eine Mohammedanerin. Heute feiern die Moslems ein großes Fest; deswegen haben die anderen Kinder es mit Blumen geschmückt. Es war wie ein Fleischkloß, als es hier eingeliefert wurde. Jetzt ist es der Mittelpunkt für die Liebe der anderen. Darum wird es leben. . .

 

Das Baby dort drüben ist am Strand gefunden worden, gerade bevor die Flut begann. . .

 

Dieser goldige Bub hier hat noch zwei Schwesterchen; die Mutter ist verhungert und den Vater kennen wir nicht. . .

 

Dieser Krauskopf hat aussätzige Eltern. Die Angehörigen haben ihn in einem Krankenhaus zurückgelassen. Dort hat er drei Jahre unter den Betten gelebt, ohne daß es jemandem aufgefallen wäre...

 

Dieser Säugling wog nur zwei Pfund, als er vor einem Monat im Mülleimer gefunden wurde. Jetzt wiegt er schon fünf. Der wird leben...

 

Und jenes ganz kleine Mädchen dort drüben ist schon sechs Jahre alt und spielte mit dem Leichnam seiner Mutter, als es gefunden wurde. . .«

 

So geht es weiter. Jedes Kind spielt die Hauptrolle in der scheußlichen Tragödie seines eigenen jungen Lebens. Fünfhundert Tragödien. Und in jede dieser Tragödien sind zehn, dreißig, fünfzig andere Menschen verwickelt. Tausende von leidenden Menschen, Geschöpfen Gottes, deren Elend mir durch den knappen Kommentar dieser jungen Schwester Rosemarie schlagartig und glashart offenbar wurde. Sie sei erst zwei Jahre in Indien, erzählte mir ihre Oberin, aber stundenweit im Umkreis werde sie der »Engel der Liebe« genannt.

 

Tief beeindruckt nahm ich Abschied. Da bat mich Schwester Rosemarie um meinen Segen und gab mir einen Briefumschlag. Darin fand ich später das schon längst vergessene Bild des Flüchtlingsmädchens aus Breslau und den kurzen Aufsatz, den ich vor neunzehn Jahren der Mutter zugeschickt hatte. Auf einer Karte schrieb sie dazu, daß die Puppe und die Schokolade für sie die ersten Beweise der Güte Gottes gewesen wären und daß sie ihre Berufung dem Trost der Ostpriesterhilfe und meinem Aufsatz zu verdanken hätte. Darum habe sie bei ihrem Eintritt ins Kloster auch den Namen Rosemarie angenommen.

 

Zu Ehren Gottes, der sich meiner armseligen Worte bedienen wollte, um aus einem kleinen Flüchtlingsmädchen eine Heldin der Nächstenliebe zu machen, folgt hier mein alter Aufsatz über die arme kleine Rosemarie. . .

 

Rosemarie, ich bin dir nie begegnet, denn ich kenne dich ja nur von dem traurigen Bild, das mir zugeschickt worden ist. Aber ich weiß, daß du in einem Lager lebst, und deshalb verstehe ich schon, warum du so aussiehst wie eine welke Blume, die eigentlich am besten rasch abgepflückt werden sollte. Ich bin auch mal in einem Lager gewesen. Nicht als Flüchtling und nicht, um wochenlang dort in einer Baracke zu hausen. Nein, ich war nur auf Besuch da. Um mir alles anzuschauen. Um Zigaretten und Pralinen auszuteilen. Um vergebens nach einem Trostwort zu suchen. Um letzten Endes bloß ein paar Hände zu drücken und nachher mutlos wieder wegzugehen.

 

Ich habe es ehrlich versucht, dort etwas Gutes zu tun. Ich habe für die Flüchtlinge eine Ansprache gehalten. Ich weiß nicht, ob sie jemandem geholfen hat. Aber bei Friedhilde hat nichts geholfen, obwohl ich ihr eine ganze Stunde zugeredet habe. Ja, ich habe mein Möglichstes versucht, aber ich habe sie nicht überzeugen können. Sie blieb genauso verzweifelt wie zuvor. Und am nächsten Morgen war sie tot. Durchgeschnittene Pulsadern. Selbstmord.

 

So war es, als ich dieses Lager besuchte. Und den Rest kann ich mir schon vorstellen. Das Stehlen und den Zank. Das brutale Leben in den Familienbaracken, bei Tag und bei Nacht. Die Betten übereinander und nebeneinander und hintereinander. Überall Betten. Mit Jungen und Mädchen, Männern, Frauen und Kindern. Ins Treiben geratenen Menschen, entwurzelten, ohne Boden und ohne Familie, entmenscht und zu knurrenden Hungertieren degradiert, die greifen und fressen, was sie unter die Krallen bekommen.

 

Annemarie, wie alt bist du? Sieben Jahre? Das ist viel zu jung für die Hölle. Natürlich ist der Schimmer des Staunens in deinen Augen erloschen, denn es gibt nichts, das du noch nicht weißt. Alles hast du schon kennenlernen müssen, des Glanzes beraubt, ohne Geheimnis, schamlos und brutal.

 

Wo ist dein Vater? Ist er bei einer Schlägerei im Lager ermordet worden wie die Väter - zwei pro Woche - im Valkalager bei Nürnberg? Oder ist er in Rußland vermißt? Gefallen? Gefangen in Sibirien? Von der Mutter fortgegangen? Gestorben?

 

Heidemarie, wenn du einen tapferen und starken und lieben Vater hättest, dann würdest du jetzt doch nicht so tief traurig im Flur dieser Holzbaracke stehen müssen! Dann würde er dich schon auf seine Schultern nehmen, um dich mit großen Schritten, sich aufbäumend und singend, von hier wegzutragen. . . in ein schmuckes Häuschen mit roten Dachziegeln und blauem Rauch über dem Schornstein und mit einem schneeweißen Bettchen zum Schlafen. . .

 

Und deine Mutti? Oder hast du bloß noch eine Großmutter? Oder eine alte Tante? Vielleicht hast du doch eine eigene Mutter, aber sie weint immer und ist krank vor Heimweh. Ist ihre Stimme vielleicht roh geworden und flucht sie gegen die Männer? Oder hat sie dich geschlagen, weil du sie hinter der verschlissenen Decke bei ihrem Freund, zu dem du »Onkel« sagen mußt, gestört hast? Marie-Luise, sei ihr nicht böse, denn sie ist noch ärmer als du selbst.

 

Rosemarie, Marie-Luise, Annemarie, Heidemarie. . . ich weiß nicht einmal, wie du heißt. Ich habe dich nur so genannt, weil ich alle Rosas, Hildes, Annies und all die vielen anderen kleinen Mädchen in den Flüchtlingslagern der Schmerzensmutter anvertrauen möchte, der reinen Jungfrau Maria, die weiß, warum du so traurig bist. Denn auch sie mußte einmal mit ihrem Kinde auf die Flucht gehen und liebt darum mit einer alles verstehenden Mutterliebe die Lagerkinder und auch dich.

 

·        Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für Rosemarie und für uns Sünder und für die frevelhafte Welt, die auf Kosten der Seelen dieser unschuldigen Kinder um Einflußsphären und Rohstoffe kämpft.

 

·        Und laß uns diesen Kleinen kein Ärgernis mehr geben, sondern nach besten Kräften das Unheil durch Gerechtigkeit und Liebe wiedergutmachen.

 

·        Damit Gott in Seinem gerechten Zorn uns nicht verfluche. Amen.

 

Von Breslau bis nach Indien und von Rosemarie bis zu Rosemarie. . . so weit und noch weiter reicht die Kraft der Liebe, die die Tränen Jesu trocknen will.

Kommentar von ETIKA: Weint, weint über eure Sünden!

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