ETIKA

Mahatma Gandhi

www.etika.com
31.1.2008

48B5A

Die Non-Violenz

Young India, 9. 3. 1920

Mahatma Gandhi
Jung Indien
Aufsätze aus den Jahren 1919 bis 1922
Auswahl von Romain Rolland und Madeleine Rolland
Einleitung von John Haynes Holmes
Copyright 1924 Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig
Für die Übersetzung verantwortlich: Emil Roniger
S. 39 - 40

Wie primitiv denken und verhalten sich doch – nicht nur in Afghanistan - die Amerikaner und Europäer gegenüber dem Inder Gandhi, dessen erhabene, ins Christentum mündende Ideen der Menschheit die Zukunft weisen!

Wer „non-violent“ sein will, darf dem nicht zürnen, der ihn beleidigt. Darf ihm nichts Böses wünschen. Muß ihm Gutes wünschen. Darf ihm nicht fluchen. Muß jede Bosheit ruhig hinnehmen, die sein Verfolger gegen ihn anwendet. So bedeutet Non-Violenz völlige Harmlosigkeit.

Völlige Non-Violenz ist völlige Abwesenheit von Übelwollen gegen alles, was lebt. Sie umfasst auch das untermenschliche Leben und schließt schädliche Insekten und wilde Tiere nicht aus. Sie sind nicht geschaffen worden, um unsere Zerstörungswut zu nähren. Wenn wir die Absichten unseres Schöpfers kennten, würden wir ihnen innerhalb seiner Schöpfung die richtige Stelle anweisen. (Anmerkung etika.com: Hier muß auch die Diskussion der Christen und Tierfreunde beginnen, doch wir haben uns leider mit der stumpfsinnigen Denkweise, dem Geschwätz und den Untaten der „Großen“ einer aus den Fugen geratenen Welt herumzuschlagen, statt für den wirklichen Fortschritt zu wirken, mit Jordi Mota, Rohit Vyasmaan, Friedrich Landa usw., im Sinne von Paulus, Franziskus, Albert Schweitzer usw.)

Non-Violenz ist also in ihrer Anwendung Wohlwollen gegenüber allem Leben gegenüber. Sie ist reine Liebe. Ich finde sie in den Schriften der Hindu, in der Bibel und im Koran.

Non-Violenz ist ein Zustand der Vollkommenheit. Sie ist ein Ziel, zu dem sich die Menschheit naturgemäß, wenn auch unbewusst, hinbewegt. Der Mensch wird nicht göttlich, wenn er dazu gelangt, Schuldlosigkeit zu verkörpern. Vielleicht wird er dann erst wahrhaft Mensch. So wie wir jetzt sind, sind wir zum Teil Mensch, zum Teil Tier, und in unserer Unwissenheit und Anmaßung (besonders die Amerikaner, man lese genussvoll Joachim Fernaus ungeheuer scharfes Buch: „Halleluja“ - Die Geschichte der USA, Goldmann Verlag München)  behaupten wir, den Zweck unserer Art treu zu erfüllen, wenn wir dem Schlag mit dem Gegenschlag antworten und dazu den nötigen Zorn kochen lassen.

Wir geben vor, zu glauben, dass Wiedervergeltung das Gesetz unseres Daseins ist, während wir doch in den heiligen Schriften finden, dass Wiedervergeltung nie vorgeschrieben, immer nur gestattet ist. Wiedervergeltung ist die Gesinnung, die peinliche Austragung des Falles verlangt.

Selbstüberwindung ist vorgeschrieben. Selbstüberwindung ist das Gesetz unseres Daseins. Höchste Vollkommenheit ist nicht zu erreichen ohne höchste Selbstüberwindung. Leiden wird also zum Wahrzeichen des menschlichen Geschlechts.

Und immer weicht das Ziel vor uns zurück. Je größer der Fortschritt, um so größer die Erkenntnis unseres Unwertes. Die Genugtuung liegt im Streben, nicht im Erreichen. Höchstes Streben ist höchster Sieg.

Und wenn ich auch besser denn je erkenne, wie fern ich dem Ziele noch bin, bleibt doch das Gesetz vollkommener Liebe für mich das Gesetz meines Daseins. Und jeder Fehltritt soll mein Streben stärker anspornen.

Mahatma Gandhi, Jung-Indien, 9. 3. 1920

Index 4