ETIKA

ETHIK

www.etika.com

48K16

Journalisten ‒ Gewissen der Gesellschaft

5.2.2013

Am Schluss: Verantwortlicher Redakteur lebt immer in Angst

Mauro Anselmo, früherer Journalist bei „La Stampa“ und „Panorama“, ist ein Musterbeispiel für eine Gruppe von Menschen, die inmitten dieses düsteren Chaosnebels, der uns umgibt, für Klarheit und die Wahrheit kämpft und das Licht zum Vorschein bringt.

In seinem Beruf hat er so viele Höhen und Tiefen erforscht, dass es ihm gelungen ist, ein einzigartiges Buch zu schreiben: „Luigi Novarese: Lo spirito che cura il corpo“ (Edizioni CVS, Roma, 2011). Er ergründet darin genau wie seine Hauptperson die Geheimnisse eines Geschehens, das alle Menschen betrifft: das Leiden. Er berichtet nicht nur über Tatsachen, sondern geht weiter in ethischer Verantwortung, zeigt Lösungen auf, erhellt das Dunkle, hilft den Lesern, ihr Los zu bewältigen.

Es ist eine Mission, die der Journalist und Schriftsteller erfüllt. Denn er hat eine Vision – im Gegensatz zur Masse der Mitmenschen, die nur vor sich hin lebt, für sich allein, die glücklich ist, wenn sie konsumieren und die Lebensmittel verbrauchen darf und die sonst kaum Ideale hat. Diese Vision des Mauro Anselmo geht zurück auf den immer weiteren Horizont, der sich ihm in seiner Laufbahn erschlossen hat. Er ist klüger, feinfühliger, reifer, weise geworden als Journalist – wie so viele Berufskollegen und -kolleginnen – nicht alle, nicht die Schmocks, nicht die Meinungsmanipulierer im Dienst politischer, wirtschaftlicher oder gar obskurer Cliquen.

Es hat den Anschein, als ob heute die Journalisten die Hauptträger der Kultur sind als Vertreter des Guten, Edlen, Gerechten und Schönen. Die Mehrzahl der eigentlichen Kulturschaffenden, die Künstler, versagt im Hinblick auf die Aufgaben, die ihr zum Beispiel Friedrich Schiller gestellt hat. Journalisten sind es oftmals, welche die Schätze des Geistes heben und pflegen und unter die Menschen bringen, während ein beträchtlicher Teil der Künstler und Architekten Abfall produziert (man denke an die Übersetzung des Götzennamens Beelzebub, Belzebú = dio del letame = Gott des Mists).

Wer deckt Skandale auf, wer entlarvt das Böse in seiner mannigfachen Gestalt, wer überführt Verbrecher oft gegen die Zurückhaltung und Verbote staatlicher Behörden, wer prangert Ausbeuter, gnadenlose Investoren, Bankbetrüger an, obwohl noch kein endgültiges richterliches Urteil vorliegt und offiziell die idiotische Unschuldsvermutung gelten müsste?

Wer schützt die Bürger vor behördlicher Willkür und vor Kriminellen, wer die Schwachen vor den Starken, wer traut sich, ungerechte Richter zu kritisieren und die auf einmal so geschätzten Privacy-Gesetze gegenüber ausgekochten Verbrechern zu umgehen?

Meist sind es Journalisten, Diener der Wahrheit, denen Gott ihren Mut im Jenseits vergelten wird.

Es ist die schreibende Zunft, es sind die Redakteure und Korrespondenten und sonstigen Mitarbeiter der Zeitungen, die drei Viertel des Unrechts aufdecken. Viele Journalisten der Tagespresse sind zum Gewissen der Gesellschaft geworden, zur wirklichen Elite ihrer Nation. Trotz Drucks zählen sie zur weltweiten und dennoch kleinen Schar der Geistesmenschen, die sich die innere Unabhängigkeit bewahrt haben: zur Gemeinschaft der Freien.

Das Fernsehen ist nur zu einem Bruchteil an der Gestaltung einer schöneren, besseren Welt beteiligt. Und darin liegt das Übel. Die meisten Zeitgenossen erliegen der verführerischen Macht der Bilder, lassen sich faul berieseln (auch noch vom Blabla und destruktiver Musik im Radio), hören auf, selbst zu denken, und lassen sich von früh bis spät das oft dumme, total unwichtige Geschwätz der Politiker und zu Prominenten Gemachten in Talkshows und Nachrichtensendungen gefallen. Dies wird ihr Lohn dann auch im nächsten Leben sein: Langeweile und Passivität (siehe die ersten Gedichte unseres Zyklus „Nur eines schreckt den Bösewicht, im Internet unter etika.com).

Deshalb hier der Aufruf an Alle:

·       Werdet wach,

·       denkt selber,

·       lest Zeitung,

·       reduziert den Fernsehkonsum auf wenige ausgewählte Sendungen oder verzichtet ganz!

Ohne Zeitungen versinkt die Menschheit im Informationsstrudel. Sie geben Orientierung im Strom der Meinungen und Lügen. Sie bieten Lebenshilfe.

Journalisten, setzt euch für das Gute ein, für Hilfsbedürftige, für die Welt der Armen. Ihr könnt viele Anstöße geben, wie es – um nur ein kleines Beispiel zu nennen – Edith Runer in den „Dolomiten vom 19.1.2013 mit ihrer Sonderseite getan hat: „Zu Gast bei Buddhi Maya Sherpa und den Kindern des vom Alpenverein Südtirol betriebenen Patenschaftsprojekts in Nepal“.

Journalisten, liebt und verteidigt stets die Wahrheit!

Der Apostel Paulus wäre heute vielleicht Journalist.

R. L.

Verantwortlicher Redakteur lebt immer in Angst

In Gilbert Keith Chestertons Geschichte von der purpurfarbenen Perücke stoßen wir auf folgenden Satz, der ein Schlaglicht auf die Gefährlichkeit des Journalistenberufs wirft. Da ja alle Welt den ganzen Tag im Radio englische Musik hört (siehe den ausgezeichneten Leserbrief von Helmuth P. am 5.2.2013 in den „Dolomiten“: „RAI Sender Bozen: Keine deutschen Lieder“) und damit sicher gut Englisch kann, ersparen wir uns die Übersetzung ins Deutsche.

„It might truely be said of him (Mr Edward Nutt, the industrious editor of the Daily Reformer), as for many journalists in authority, that his most familiar emotion was one of continuous fear; fear of libel actions, fear of lost advertisements, fear of misprints, fear of the sack. His life was a series of distracted compromises between the proprietor of the paper who was a senile soap-boiler with three ineradicable mistakes in his mind, and the very able staff he had collected to run the paper; some of whom were brilliant and experienced …” (The Purple Wig. In: The Wisdom of Father Brown, 1913, Penguin Books, Harmondsworth, Middlesex, England, 1980, page 108)

La paura del redattore

Poteva dirsi di lui (Edward Nutt, redattore capo del quotidiano La Riforma), come di molti giornalisti autorevoli (maßgebliche, verantwortlich zeichnende), che il suo stato d´animo dominante era la paura: paura di querele per diffamazione, paura di pubblicità perdute, paura di errori di stampa, paura di licenziamento. La sua vita era una serie di disperati compromessi fra il proprietario del giornale, che era un rimbecillito industriale di sapone co n tre radicatissimi sbagli nella testa, e il competente personale di cui facevano parte alcuni uomini brillanti e capaci ... “(La parrucca purpurea, in: La saggezza di Padre Brown, Biblioteca Universale Rizzoli, Milano, 1986, pag. 141, traduzione di Beatrice Boffito Serra)

Index 4