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Theater als Gefahr

26.1.2013. Mit: Tanzverbot bei Hochzeit

Das Theater haben wir bisher mit Friedrich Schiller wohlwollend als sittliche Erziehungsanstalt betrachtet. Jedenfalls das ernste Theater. Ja sogar das Volkstheater hat mit vielen Stücken den Nationalgeist geprägt und ungezählten Menschen neue Gefühlswelten erschlossen. Auch gegen gute, anständige Unterhaltung bei Lustspielen haben wir nichts einzuwenden.

Doch ist inzwischen das gute Theater dem modernen, destruktiven gewichen, und nur selten sieht man Schauspiele, die jung und alt empfohlen werden können. Heute regiert rund um den Globus der Mist – mit wenigen Ausnahmen.

War es denn schon damals so, vor 100 und 200 Jahren? Hat damals schon ein zerstörerischer Zeitgeist die Gemüter verwirrt? Es scheint so. Verblüfft nahmen wir mehrere Stellen zur Kenntnis, die uns innerhalb weniger Tage beim Lesen aufgefallen sind, darunter die folgenden:

Henriette Freiin von Seckendorff-Gutend, in der evangelischen Kirche als „Mutter der Kranken und Schwermütigen“ bekannt, schrieb in ihren „Hausandachten“ (Brunnen-Verlag Gießen-Basel, 1953):

„Das möchten doch alle, besonders aber auch die Mütter, die hier sind, recht zu Herzen nehmen, damit sie es ihren Kindern nie gestatten, auf Bälle und ins Theater zu gehen. Da wird die Sinnlichkeit gereizt, die Seele vergiftet, und der Herr muß oft mit schweren Strafgerichten kommen, um solch ein irregeleitetes Kind wieder zurechtzubringen.“ (S. 214)

Henriette von Seckendorff schritt auch selbst zur Tat:

„Vor mehreren Jahren lebte in St. ein hübsches, sehr liebenswürdiges adeliges Fräulein im Hause einer frommen Dame, der sie nach dem Tode ihrer Altern zur Erziehung übergeben worden war. Eines Tages, als deren Pflegeschwester meine Betstunde besuchte, fragte ich nach besagtem Fräulein … Es hieß: Sie sei heute abend im Theater. Das ergriff mich sehr und erweckte in mir eine herzliche Teilnahme für das junge Mädchen, die so auf dem Irrweg war, daß ich den ganzen Abend und die ganze Nacht für sie beten mußte.

Am folgenden Morgen … Ich konnte unmöglich dem Drang meines Herzens widerstehen, eilte auf sie zu, faßte ihre Hand und redete sie ohne weiteres freundlich an …; ob sie denn auf dem breiten Wege, der zur Hölle führe, fortwandeln, dem Weltsinn weiterhuldigen wolle; was wohl ihre frommen verstorbenen Eltern dazu sagen würden? Sie möchte doch … umkehren … Auf diese Weise sprach ich auf offener Straße über eine halbe Stunde mit ihr … Sie kam (dann in mein Haus), zuletzt fast täglich in die Betstunden, ging nie mehr ins Theater … Nun ist sie verheiratet, ihrem Mann eine glaubensstarke Stütze und ihren Kindern eine gottesfürchtige, liebende Mutter.“ (Hausandacht zu Daniel 12, S. 155)

Auf katholischer Seite war die Einstellung nicht viel anders. So lesen wir in der Erzählung „Bauernkönig“ nach Reimmichl auf S. 199:

„Wo ist denn Fräulein Hedwig?“

„Sie ist fort zur Probe … am Verhungern … hat am Vorstadttheater eine Stelle als Chorsängerin angenommen.“

„Um Gottes willen, Herr Felber, Sie lassen Ihre Tochter zum Theater gehen?“

Was soll man da noch sagen, wenn man an das Fernsehen denkt, dem viele Eltern heute ihre Kinder ausliefern?! Apokalypse, Endzeitverwirrung.

Vergleiche auch die Geschichte des Hieronymus vom gekräuselten Haar der Jungfrau.

Wie streng früher die Sitten waren, möge der Leser aus folgender Begebenheit ersehen. Wir zitieren aus dem Büchlein von Arno Pagel: Ludwig Hofacker – Gottes Kraft in einem Schwachen, Verlag der Francke-Buchhandlung, Marburg an der Lahn, 1977, S. 52:

Pfarrer verbietet Musik und Tanz bei Hochzeit

Als Pfarrer von Rielingshausen (ab 1826) setzte der junge Pietist Ludwig Hofacker durch, dass nur noch stille christliche Hochzeiten gefeiert wurden. Einem Hochzeitspaar, das nicht auf Musik und Tanz nach der kirchlichen Zeremonie verzichten wollte, las er die Leviten in seiner Trauansprache:

Daß ihr von der Kirche aus sofort auf den Tanzboden gehen und viele Gemeindeglieder in euern Leichtsinn hineinziehen wollt, das könnt ihr offenbar nicht im Namen Jesu tun, welcher nicht von der Welt war. Euer Gewissen sagt euch, daß es sich hier um nichts, was ihm wohlgefällt, sondern um Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen handelt, also um den Geist der Welt, die im argen liegt, und womit man nur ihrem Fürsten einen Gefallen tut. Somit fangen die Eheleute ihren Ehestand im Namen des Satans an, und ihre Eltern, nebst dem Wirt und den Musikanten, ja samt allen, die an diesen Ausschweifungen teilnehmen, helfen ihnen dazu.

Ich erhebe hier als Zeuge des Herrn feierlich meine Hand wider euch und bezeuge, daß ihr an allem Ärgernis, an allen Verführungen, die in eurem Sündengewühl geschehen, ja an allem Jammer, der die Verführten in der Ewigkeit treffen wird, schuldig seid.

Diese Hand werde ich vor dem Richterstuhl eures Königs erheben und ihm sagen: Herr, ich habe es ihnen in deinem heiligen Namen gesagt, aber sie haben nicht gewollt, sondern haben dem Satan lieber Gehör gegeben als dir und deinem heiligen Evangelium.“

Die Gewissen waren erschüttert, Wirt und Brautleute hatten nur Schaden, nur wenige Paare gingen zum Tanz, schreibt Arno Pagel. „Fortan ging es bei Hochzeiten still und züchtig zu.“ (53)

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