ETIKA

Gemeinschaft/Gesellschaft

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1.1.2000

49LB41

Liberalismus und Globalisierung

Alain de Benoist

Der Liberalismus gründet auf dem Individualismus, und seine Verfechter sind der Ansicht, daß die individuellen Interessen dem allgemeinen Interesse, dem Gemeinwohl, niemals geopfert werden dürfen. Die Verwirklichung der liberalen Gesellschaft duldet also wedergemeinschaftliche Zugehörigkeiten noch kulturelle "Schlacken" und zielt auf die Abschaffung jeglicher sozialen Bindung und vor allem der Unterschiede ab.

Der ausgliedernde, entinstitutionalisierende Liberalismus will eigentlich dort erfolgreich sein, wo der Kommunismus gescheitert ist: Er will eine Welt ohne Grenzen schaffen, bewohnt von "neuen Menschen", die in erster Linie Konsumenten sind. Insofern ist die Globalisierung die logische Folge der offenen Gesellschaft.

Die Unterschiede machen aber zweifelsohne den Reichtum der Welt aus. Die Rückführung des Anderen auf den Gleichen durch die Abschaffung der Unterschiede, wie von den "universalistischen Antirassisten" praktiziert, führt letzten Endes zu den gleichen Ergebnissen wie der Rassismus, den sie bekämpfen. Dagegen vertritt de Benoist einen "differentialistischen Antirassismus".

"Man ist berechtigt, seine Verschiedenheit zu verteidigen, wenn man auch imstande ist, die der anderen zu verteidigen; das bedeutet, daß das Recht auf Verschiedenheit nicht instrumentalisiert werden darf, um die Anderen auszuschließen."

Die Identität der meisten westeuropäischen Völker ist nicht deshalb gefährdet, weil sich Ausländer auf ihrem Boden aufhalten und leben, sondern vielmehr weil ihre Identität bereits weitgehend aufgelöst ist - sagt de Benoist. Eine Identität fühle sich um so mehr bedroht, als sie sich bereits verwundbar, unsicher, ja überhaupt aufgelöst wisse. Deshalb sei sie nicht mehr fähig, auf einem fremden Beitrag aufzubauen, um ihn in ihre Wesensmerkmale einzubauen.

Im gegenwärtigen Klima gesellschaftlicher Anomie (Anm.: Gesetzlosigkeit) und weitverbreiteten Nihilismus haben die Verfechter der herrschenden Ideologie nichts mehr zu bieten als überholte Phrasen, die von den Medien zum Überdruß wiedergekäut und dogmatisiert werden. Das herrschende spätmoderne Denken hat sich in eine Gedankenpolizei verwandelt, hat eine Diktatur der öffentlichen Meinung geschaffen.

"Es wird nicht mehr diskutiert, man verurteilt; es wird nicht mehr argumentiert, man beschuldigt; es wird nicht mehr bewiesen, man zwingt auf."

Ein untrügerisches Zeichen dafür, daß die Moderne sich ihrem Ende nähert, daß sie am Ende ist. Die alten Trennungslinien "links/rechts" sind überholt, rechte/linke Politiker betreiben linke/rechte Politiken, pazifistische Grüne befürworten den Krieg vor unserer Haustür - alles ist im Umbruch, eine Umverteilung auf dem politischen Feld findet statt.

Euro-Kurier 1/2000 über das Buch von Alain de Benoist: Aufstand der Kulturen - Europäisches Manifest für das 21 Jahrhundert, Edition Junge Freiheit.

 

 

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