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Die grünen Messiasse |
Bahro - Messner - Langer - Marx |
Langer-Messner-Bahros "innere Revolution"
Ein Plagiat - Gründung einer neuen Kultur - Falsche Helden - Des Igels
Strategie
Wenn sich zwei Menschen streiten, dann geht das irgendwann einmal
vorüber, spätestens wenn der eine von beiden allem Irdischen Lebewohl sagt.
Wenn aber zwei Ideen aufeinanderprallen, dann kann es sein, daß sich noch nach
Jahrhunderten die Menschen ihretwegen die Schädel einschlagen.
Während der einst so mächtige Napoleon aus dem Bewußtsein der
Öffentlichkeit völlig verschwunden ist und es gar niemandem einfällt, für ihn
etwa Gedenkfeiern abzuhalten, ist dies bei seinem unterlegenen Gegner Andreas Hofer noch heute der Fall. Denn letzterer lebte und starb für seine Ideale: die Treue zu Glaube und Heimat. Und diese Ideale sind heute in Tirol noch immer lebendig.
Es gibt Leute, denen die Ideale des Guten unbequem sind und die
sich von ihnen gestört fühlen; diese Ideale stehen wohl ihrem Egoismus im Wege.
Weil sie aber auf eine Rechtfertigung für ihr Streben nach anderen Zielen
(Macht, Geld, Genuß) nicht verzichten wollen, verstecken sie sich hinter
Scheinidealen, die sie sich selbst ausdenken. Mag sein, daß sie auf diese Weise
auch einen Ersatz für die verlorene Geborgenheit suchen; das, was ihnen Halt
geboten hat und bieten könnte (Gott, Familie, Heimat) haben sie vielleicht aus
irgendwelchen Gründen von sich gestoßen.
Woran erkennt man die Ideale des Guten? An ihren Früchten.
Alles ist positiv, schöpferisch, aufbauend: die Mutterliebe, die Liebe zum
Nächsten, zu den Armen und Schwachen, die Gottesliebe.
Entscheidend ist, daß man etwas gibt, vielleicht sogar sich selber, und im Dienen, in der Hingabe an
ein hohes Gut, denn Sinn seines Lebens findet.
Um Scheinideale handelt es sich, wenn das Ideelle nur als
Vorwand für das Materielle hergenommen wird. Das ist meist dann der Fall, wenn
jemand etwas beansprucht, fordert, etwas nehmen, aber von Verzicht und Opfer nichts wissen will. Die Früchte sind
Unruhe und Unfrieden.
Und damit wären wir bei Marx, bei Bahro. Bei Marx, weil dieser ein
ganzes Gedankengebäude aus Scheinidealen zusammengebaut hat, unter dem heute
die halbe Menschheit leidet. Und bei Rudolf Bahro, weil dieser gemerkt hat, daß
das alte Marxsche System (welches er im Grunde gutheißt) zu zerbröckeln
beginnt, daß es nicht mehr attraktiv genug ist, um damit Menschen von heute zu
ködern.
Wie aber sonst kann man der elften Feuerbach-These ("Es kömmt
darauf an, die Welt zu verändern"), der sich die Linke nach wie vor
verpflichtet fühlt, gerecht werden? Die alten Agitprop-Modelle haben
ausgedient. Da kommt die "ökologische Welle" gerade recht. Und weil
diese Masche nicht bei allen zieht, scheuen die Vertreter der Materialismus
nicht einmal mehr davor zurück, bei den Gegnern Religion und Idealismus
Anleihen aufzunehmen und Werte wie "Innerlichkeit" und
"Liebe" mit linkem Etikett feilzubieten, ja sogar zur Abkehr vom
Freund-Feind-Schema aufzurufen. Oder meinen sie es ernst, sollte tatsächlich
ein Gesinnungswandel eingetreten sein?
Bei dem bestens besuchten politischen Kolloquium auf Schloß
Maretsch in Bozen zum Thema "Für ein anderes Südtirol" sprachen
Reinhold Messner, Alexander Langer und Matthias Abram nicht nur darüber, wie
man "Unordnung" in das "erstarrte System" (sie argwöhnten "Bestrebungen
zur Erreichung eines autoritären Einparteienstaates") hineinbringen
könnte, sie gingen noch ein Dutzend Schritte weiter: Eine neue Kultur müsse aus
dem Boden gestampft werden. Wie ein Machtwechsel auf allen Ebenen herbeigeführt
werden könnte, dazu steuerte Rudolf Bahro Erkleckliches bei.
Neue Ideen sind bei der Jugend stets gefragt. Bahro hat sie
offensichtlich. Wer ist dieser Mann? Ist er der "geniale Veränderer des
Marxismus von innen her", wie ihn ein Teil der Presse vor und nach seiner
"Abschiebung" aus der DDR gelobt hat? Oder ist er nur ein
Trojanisches Pferd des Ostens? Oder nur eine gespaltene Seele auf der Suche
nach Wahrheit?
Kein Zweifel besteht darin, daß Bahro ein Meister seines Fachs
ist: der politischen Strategie. Der ehemalige Chefdenker unter Honecker und
heutige Universitätsprofessor in Bremen hat die Grünen in der
Bundesrepublik Deutschland unter seine Fittiche genommen, und jetzt hat er
seine bestechenden Gedanken, die anscheinend alle Probleme der Zeit zu lösen
vermögen - von der Arbeitslosigkeit über die Umweltzerstörung bis zu den
seelischen Nöten des Massenmenschen - auch nach Südtirol hineingetragen. Die
Frage lautet: Wie neu sind seine Ideen?
Folgen wir den Grundlinien seines mit berauschendem Esprit
dargebotenen Referats am Sonntagvormittag. Das Thema hieß: Wer kann die Apokalypse aufhalten? Bahro analysierte zunächst die Ursachen der Totalkrise der
Menschheit. Mit dem Wort "Exterminismus" bezeichnete er ihren Hang
zur Selbstzerstörung, die Tendenz zur Massenvernichtung. Bedrohung Nummer eins
sei der atomare Holocaust; es folgten das Industriesystem des Westens, das im
Osten nachgebaut werde, und das kapitalistische Antriebssystem. Die ökonomische
Dynamik sei aber nicht die Endursache (was Karl Marx behauptet hat), sie sei
vielmehr nur ein Mittel, mit dem die europäische Zivilisation ihre Herrschaft
über andere durchgesetzt habe. Diese "europäische Kosmologie" beruhe
auf dem Prinzip der Expansion (Ausdehnung, Machterweiterung). Während etwa
China sich nach innen gewandt habe ("Reich der Mitte"), hätten die
Europäer bis an die Grenzen der Erde und der Sterne expandiert (Cecil Rhodes:
"Erst Afrika, dann der Weltraum").
Der Redner, der auch auf die damit zusammenhängenden Prinzipien
der Konkurrenz sowie der Über- und Unterordnung verwies, zitierte dann
Friedrich Engels, der in der Kombination von Germanentum und Christentum die
Ursache des Expansionismus erblickt habe. In der Musik Beethovens, der
Philosophie Fichtes komme dieser aggressive Expansionsgeist zum Ausdruck.
Gegen Raketen komme man nicht mit einer Antiraketenbewegung an,
sagte Rudolf Bahro. Vielmehr sei die seelische Grundhaltung der Bevölkerung zu
revidieren (Kulturrevolution). "Wenn die Zivilisation mörderisch und selbstvernichtend
wird, müssen wir uns die Aufgabe stellen, aus der Expansionsphase - die um 600
begann, als die Franken die Römer beerbten - in die Kontraktion zu gehen."
Sonst komme uns die Apokalypse zuvor. Auch wenn die Bombe nicht falle, so sei es die Biosphäre (Autoabgase),
die uns fertig mache.
Der Redner lehnte jede Zuspitzung der alten Klassenkämpfe ab, weil
das nur Energie raube. Er behauptete sogar, daß die Errungenschaften der
Arbeiterschaft nur das "System" destabilisiert hätten; erst dadurch
sei der Europäer zum Kolonialisten der Welt geworden. Da mit der herkömmlichen
Politik, einem Machtkampf auf dem Boden des "Systems" wenig zu
erreichen sei, müsse man die Strategie am anderen Pol ansetzen:
Es gelte, die kulturellen Strukturen zu ändern, eine neue Kultur zu gründen. Die Linken seien
meistens noch negativ orientiert. "Wir zersetzen alles,
was das herrschende System ist. Aber was strahlen
wir aus?" Zwar müsse man weiter den Abwehrkampf führen (Proteste), aber
gleichzeitig angesichts des Zerfalls der Gesellschaft über eine Massenbewegung,
die alle anspricht, welche sich bedroht fühlen (Millionen Arbeitslose), einen
Machtanteil erobern.
Wichtig sei, den Menschen eine Hoffnung hinzustellen, eine neue
Grundordnung (nach Gramsci) zu geben, eine neue ökonomische
Ordnung, die die seelischen Grundlagen eingebunden hat. Mit dem oben erwähnten Begriff Kontraktion (Zusammenziehung)
meinte er auch mehr ökonomische Einfachheit (Einschränkung im Verbrauch).
"Wir müssen eine Gesellschaft als Ziel ins Auge fassen, die in Volkskommunen organisiert ist." Das Neue!
(Aber steht das nicht auch in Gaddafis "Grünem Büchlein?") Dazu
gehöre, so Bahro weiter, daß man "den Weltmarkt von hundert auf eins"
herunterbringe. Habe das Christentum eine Herrschaftskultur geschaffen, so
müsse man nun auf kleine Gemeinwesen (höchstens 100 Mitglieder,
Selbstversorgung) zurückgehen.
Was wir Menschen nötig hätten, könne - man höre - etwa in der
Ordnung bestehen, wie sie in der Regel des Benedikt beschrieben sei. Im
"Ora et labora" habe das erste Wort das Übergewicht, also der Umgang
mit den inneren Kräften. Das sei nötig für die Fundierung, denn nur so könne
man auch die ökonomische Übermacht gewinnen.
Der Gipfel in Bahros Ausführungen bestand darin, daß er zur
Schaffung einer sozialen Struktur aufrief, die auf Zuwendung und Liebe statt
auf Haß gegründet sei, auf Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Er selbst
wolle in den nächsten Jahren beitragen, die Voraussetzungen für die Neugründung
einer Kultur zu schaffen, die von der Mehrheit der Bevölkerung (die 60 Prozent
der CSU-Wähler in Bayern nicht ausgeschlossen) angenommen werden könnte. Innen im Menschen sei die Stelle, wo er wartet, erlöst zu werden,
sagte der Messias aus Ostberlin. Vom alten
Politikmuster sei also abzugehen, um eilends die eigene Umgestaltung in Angriff
zu nehmen.
Soweit Bahro. Wer die Geschichte kennt, die urchristlichen
Gemeinschaften, die Theorien eines Campanella ("Sonnenstaat"), des
Thomas Morus ("Utopia") und des anarchistischen Fürsten Kropotkin,
die Expermente Gandhis, der Roten Khmer und der modernen christlichen
Erneuerungsbewegungen (Loppiano), der weiß, wieviel Altes, wieviel Gutes und
Schlechtes, wieviel Verführerisch-Gefährliches in diesem Potpourri des Rudolf
Bahro vermengt ist. Die Welle des einfachen Lebens, des Konsumverzichts als
Alternative zur Wohlstandsgesellschaft ist spätestens seit dem Franziskusjahr
"in" - eine Verlockung auch für Ideologen.
Das von Bahro vorgelegte Gerüst kleidete Reinhold Messner,
der mehr als "normales soziales Wesen" denn als Bergsteiger angesehen
werde möchte, mit Ratschlägen für den Alltag aus. Erstens solle sich jeder
selbst verändern; die innere Revolution sei am wichtigsten. Klischees wie links
und rechts müßten aufgelöst werden, Feindbilder seien abzubauen, man solle mit
allen reden, auch den politisch Andersdenkenden. (Noch am Freitag hatte er der
Südtiroler Volkspartei "Faschismus" vorgeworfen - ein rascher
Gesinnungswandel!) Das Gebot der Stunde seien Phantasie und Kreativität. Er
plädierte für Bürgerinitiativen, für Treffpunkte in jedem Dorf, für mehr
Zivilcourage und kündigte die Herausgabe eines politischen Lesebuches an. Vor
allem gelte es, selbst alternative Lebensformen zu entwickeln: "Warum
nicht in Form einer Bauernkommune im Schnalstal auf den Finailhöfen?"
Ähnlich versöhnlich gesimmt war Alexander Langer,
Chefideologe der neuen Linken Südtirols (Anm.: und
Ex-Ideologe von "Lotta Continua"). Verrostete
politische Scharniere gehören in die Schublade, meinte er. Was unter dem von
ihm befürworteten "Prozeß der Öffnung" in Wirklichkeit zu verstehen
ist, machte er mit dem Märchen der Gebrüder Grimm deutlich: Der Igel kann den
Wettlauf mit dem Hasen nur gewinnen, wenn er ihn "auf eine andere Ebene
verlagert, wo es der Gegner nicht erwartet". Auch Langer warnte vor einer
"Überfixiertheit" auf die Politik: "Wir müssen unsere Kräfte als
geistige Minderheit ensetzen, so daß die Mehrheit nicht daran vorbeikann."
Kurzum: Die geistigen Grundlagen Südtirols sollen auf die
"sanfte Tour" aus den Angeln gehoben werden. So gewandt auch Messner
und Langer um den Konsens mit allen gesellschaftlichen Kräften warben, so
deutlich kam in anderen Beträgen dieses Kolloquiums zum Vorschein, daß im
"anderen Südtirol" - das brillante Referat Matthias Abrams sprach
Bände - das seitherige Südtirol keinen Platz hat. Kein Platz für den
"Vieh- und Weinhändler" Andreas Hofer und die anderen "falschen
Helden" Josef Mayr-Nusser und Kanonikus Michael Gamper, kein Platz mehr
für die Kassianprozession ("zuviel im Murmeln alter Formeln unterdrücktes Elend"),
"zuviel Gebenedeites, Abgestorbenes", kein Platz für das von
"Egozentrik und Nationalismus" geprägte "Tirol isch lei
oans". Entlarvend die weiteren Sätze Abrams: "Die Wühl- und
Grabarbeit ist voranzutreiben." "Der linken Schwinge des immerhin
roten Adlers muß nachgeholfen werden." "Wir werden klar machen, daß
wir mit Südtirol noch anderes im Schilde führen." "Ganz im Sinne der
elften Feuerbach-These soll es zu Taten kommen."
Daß die Zukunft der neuen Linken gehört, ob sie sich nun links
oder grün oder alternativ nennt, davon zeigten sich die Redner überzeugt. Denn
die Probleme, welche die Menschheit in der Tat bedrohen, sind ungelöst, und
niemand packt sie an: die schleichenden Umweltkatastrophen, die Kriegsgefahren,
die Auflösung der festgefügten Ordnungen. Alles das, was die jetzt
Verantwortlichen nicht unternehmen, ist Wasser auf die Mühlen jener, die nicht
diese Probleme lösen wollen, sondern die mit Hilfe dieser
Probleme ihrerseits die Macht über die anderen ergreifen wollen. Das ewige Spiel der Politik. Aber diesmal mit
neuen Ideen - die allerdings so neu auch wieder nicht sind.
le, Dolomiten, 28. 6.
1983