ETIKA

LINKSLIBERALISMUS

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1.2.2004

49LL7

Die grünen Messiasse

Bahro - Messner - Langer - Marx

Langer-Messner-Bahros "innere Revolution"
Ein Plagiat - Gründung einer neuen Kultur - Falsche Helden - Des Igels Strategie

Wenn sich zwei Menschen streiten, dann geht das irgendwann einmal vorüber, spätestens wenn der eine von beiden allem Irdischen Lebewohl sagt. Wenn aber zwei Ideen aufeinanderprallen, dann kann es sein, daß sich noch nach Jahrhunderten die Menschen ihretwegen die Schädel einschlagen.

Während der einst so mächtige Napoleon aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit völlig verschwunden ist und es gar niemandem einfällt, für ihn etwa Gedenkfeiern abzuhalten, ist dies bei seinem unterlegenen Gegner Andreas Hofer noch heute der Fall. Denn letzterer lebte und starb für seine Ideale: die Treue zu Glaube und Heimat. Und diese Ideale sind heute in Tirol noch immer lebendig.

Es gibt Leute, denen die Ideale des Guten unbequem sind und die sich von ihnen gestört fühlen; diese Ideale stehen wohl ihrem Egoismus im Wege. Weil sie aber auf eine Rechtfertigung für ihr Streben nach anderen Zielen (Macht, Geld, Genuß) nicht verzichten wollen, verstecken sie sich hinter Scheinidealen, die sie sich selbst ausdenken. Mag sein, daß sie auf diese Weise auch einen Ersatz für die verlorene Geborgenheit suchen; das, was ihnen Halt geboten hat und bieten könnte (Gott, Familie, Heimat) haben sie vielleicht aus irgendwelchen Gründen von sich gestoßen.

Woran erkennt man die Ideale des Guten? An ihren Früchten. Alles ist positiv, schöpferisch, aufbauend: die Mutterliebe, die Liebe zum Nächsten, zu den Armen und Schwachen, die Gottesliebe.

Entscheidend ist, daß man etwas gibt, vielleicht sogar sich selber, und im Dienen, in der Hingabe an ein hohes Gut, denn Sinn seines Lebens findet.

Um Scheinideale handelt es sich, wenn das Ideelle nur als Vorwand für das Materielle hergenommen wird. Das ist meist dann der Fall, wenn jemand etwas beansprucht, fordert, etwas nehmen, aber von Verzicht und Opfer nichts wissen will. Die Früchte sind Unruhe und Unfrieden.

Und damit wären wir bei Marx, bei Bahro. Bei Marx, weil dieser ein ganzes Gedankengebäude aus Scheinidealen zusammengebaut hat, unter dem heute die halbe Menschheit leidet. Und bei Rudolf Bahro, weil dieser gemerkt hat, daß das alte Marxsche System (welches er im Grunde gutheißt) zu zerbröckeln beginnt, daß es nicht mehr attraktiv genug ist, um damit Menschen von heute zu ködern.

Wie aber sonst kann man der elften Feuerbach-These ("Es kömmt darauf an, die Welt zu verändern"), der sich die Linke nach wie vor verpflichtet fühlt, gerecht werden? Die alten Agitprop-Modelle haben ausgedient. Da kommt die "ökologische Welle" gerade recht. Und weil diese Masche nicht bei allen zieht, scheuen die Vertreter der Materialismus nicht einmal mehr davor zurück, bei den Gegnern Religion und Idealismus Anleihen aufzunehmen und Werte wie "Innerlichkeit" und "Liebe" mit linkem Etikett feilzubieten, ja sogar zur Abkehr vom Freund-Feind-Schema aufzurufen. Oder meinen sie es ernst, sollte tatsächlich ein Gesinnungswandel eingetreten sein?

Bei dem bestens besuchten politischen Kolloquium auf Schloß Maretsch in Bozen zum Thema "Für ein anderes Südtirol" sprachen Reinhold Messner, Alexander Langer und Matthias Abram nicht nur darüber, wie man "Unordnung" in das "erstarrte System" (sie argwöhnten "Bestrebungen zur Erreichung eines autoritären Einparteienstaates") hineinbringen könnte, sie gingen noch ein Dutzend Schritte weiter: Eine neue Kultur müsse aus dem Boden gestampft werden. Wie ein Machtwechsel auf allen Ebenen herbeigeführt werden könnte, dazu steuerte Rudolf Bahro Erkleckliches bei.

Neue Ideen sind bei der Jugend stets gefragt. Bahro hat sie offensichtlich. Wer ist dieser Mann? Ist er der "geniale Veränderer des Marxismus von innen her", wie ihn ein Teil der Presse vor und nach seiner "Abschiebung" aus der DDR gelobt hat? Oder ist er nur ein Trojanisches Pferd des Ostens? Oder nur eine gespaltene Seele auf der Suche nach Wahrheit?

Kein Zweifel besteht darin, daß Bahro ein Meister seines Fachs ist: der politischen Strategie. Der ehemalige Chefdenker unter Honecker und heutige Universitätsprofessor in Bremen hat die Grünen in der Bundesrepublik Deutschland unter seine Fittiche genommen, und jetzt hat er seine bestechenden Gedanken, die anscheinend alle Probleme der Zeit zu lösen vermögen - von der Arbeitslosigkeit über die Umweltzerstörung bis zu den seelischen Nöten des Massenmenschen - auch nach Südtirol hineingetragen. Die Frage lautet: Wie neu sind seine Ideen?

Folgen wir den Grundlinien seines mit berauschendem Esprit dargebotenen Referats am Sonntagvormittag. Das Thema hieß: Wer kann die Apokalypse aufhalten? Bahro analysierte zunächst die Ursachen der Totalkrise der Menschheit. Mit dem Wort "Exterminismus" bezeichnete er ihren Hang zur Selbstzerstörung, die Tendenz zur Massenvernichtung. Bedrohung Nummer eins sei der atomare Holocaust; es folgten das Industriesystem des Westens, das im Osten nachgebaut werde, und das kapitalistische Antriebssystem. Die ökonomische Dynamik sei aber nicht die Endursache (was Karl Marx behauptet hat), sie sei vielmehr nur ein Mittel, mit dem die europäische Zivilisation ihre Herrschaft über andere durchgesetzt habe. Diese "europäische Kosmologie" beruhe auf dem Prinzip der Expansion (Ausdehnung, Machterweiterung). Während etwa China sich nach innen gewandt habe ("Reich der Mitte"), hätten die Europäer bis an die Grenzen der Erde und der Sterne expandiert (Cecil Rhodes: "Erst Afrika, dann der Weltraum").

Der Redner, der auch auf die damit zusammenhängenden Prinzipien der Konkurrenz sowie der Über- und Unterordnung verwies, zitierte dann Friedrich Engels, der in der Kombination von Germanentum und Christentum die Ursache des Expansionismus erblickt habe. In der Musik Beethovens, der Philosophie Fichtes komme dieser aggressive Expansionsgeist zum Ausdruck.

Gegen Raketen komme man nicht mit einer Antiraketenbewegung an, sagte Rudolf Bahro. Vielmehr sei die seelische Grundhaltung der Bevölkerung zu revidieren (Kulturrevolution). "Wenn die Zivilisation mörderisch und selbstvernichtend wird, müssen wir uns die Aufgabe stellen, aus der Expansionsphase - die um 600 begann, als die Franken die Römer beerbten - in die Kontraktion zu gehen." Sonst komme uns die Apokalypse zuvor. Auch wenn die Bombe nicht falle, so sei es die Biosphäre (Autoabgase), die uns fertig mache.

Der Redner lehnte jede Zuspitzung der alten Klassenkämpfe ab, weil das nur Energie raube. Er behauptete sogar, daß die Errungenschaften der Arbeiterschaft nur das "System" destabilisiert hätten; erst dadurch sei der Europäer zum Kolonialisten der Welt geworden. Da mit der herkömmlichen Politik, einem Machtkampf auf dem Boden des "Systems" wenig zu erreichen sei, müsse man die Strategie am anderen Pol ansetzen:

Es gelte, die kulturellen Strukturen zu ändern, eine neue Kultur zu gründen. Die Linken seien meistens noch negativ orientiert. "Wir zersetzen alles, was das herrschende System ist. Aber was strahlen wir aus?" Zwar müsse man weiter den Abwehrkampf führen (Proteste), aber gleichzeitig angesichts des Zerfalls der Gesellschaft über eine Massenbewegung, die alle anspricht, welche sich bedroht fühlen (Millionen Arbeitslose), einen Machtanteil erobern.

Wichtig sei, den Menschen eine Hoffnung hinzustellen, eine neue Grundordnung (nach Gramsci) zu geben, eine neue ökonomische Ordnung, die die seelischen Grundlagen eingebunden hat. Mit dem oben erwähnten Begriff Kontraktion (Zusammenziehung) meinte er auch mehr ökonomische Einfachheit (Einschränkung im Verbrauch). "Wir müssen eine Gesellschaft als Ziel ins Auge fassen, die in Volkskommunen organisiert ist." Das Neue! (Aber steht das nicht auch in Gaddafis "Grünem Büchlein?") Dazu gehöre, so Bahro weiter, daß man "den Weltmarkt von hundert auf eins" herunterbringe. Habe das Christentum eine Herrschaftskultur geschaffen, so müsse man nun auf kleine Gemeinwesen (höchstens 100 Mitglieder, Selbstversorgung) zurückgehen.

Was wir Menschen nötig hätten, könne - man höre - etwa in der Ordnung bestehen, wie sie in der Regel des Benedikt beschrieben sei. Im "Ora et labora" habe das erste Wort das Übergewicht, also der Umgang mit den inneren Kräften. Das sei nötig für die Fundierung, denn nur so könne man auch die ökonomische Übermacht gewinnen.

Der Gipfel in Bahros Ausführungen bestand darin, daß er zur Schaffung einer sozialen Struktur aufrief, die auf Zuwendung und Liebe statt auf Haß gegründet sei, auf Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Er selbst wolle in den nächsten Jahren beitragen, die Voraussetzungen für die Neugründung einer Kultur zu schaffen, die von der Mehrheit der Bevölkerung (die 60 Prozent der CSU-Wähler in Bayern nicht ausgeschlossen) angenommen werden könnte. Innen im Menschen sei die Stelle, wo er wartet, erlöst zu werden, sagte der Messias aus Ostberlin. Vom alten Politikmuster sei also abzugehen, um eilends die eigene Umgestaltung in Angriff zu nehmen.

Soweit Bahro. Wer die Geschichte kennt, die urchristlichen Gemeinschaften, die Theorien eines Campanella ("Sonnenstaat"), des Thomas Morus ("Utopia") und des anarchistischen Fürsten Kropotkin, die Expermente Gandhis, der Roten Khmer und der modernen christlichen Erneuerungsbewegungen (Loppiano), der weiß, wieviel Altes, wieviel Gutes und Schlechtes, wieviel Verführerisch-Gefährliches in diesem Potpourri des Rudolf Bahro vermengt ist. Die Welle des einfachen Lebens, des Konsumverzichts als Alternative zur Wohlstandsgesellschaft ist spätestens seit dem Franziskusjahr "in" - eine Verlockung auch für Ideologen.

Das von Bahro vorgelegte Gerüst kleidete Reinhold Messner, der mehr als "normales soziales Wesen" denn als Bergsteiger angesehen werde möchte, mit Ratschlägen für den Alltag aus. Erstens solle sich jeder selbst verändern; die innere Revolution sei am wichtigsten. Klischees wie links und rechts müßten aufgelöst werden, Feindbilder seien abzubauen, man solle mit allen reden, auch den politisch Andersdenkenden. (Noch am Freitag hatte er der Südtiroler Volkspartei "Faschismus" vorgeworfen - ein rascher Gesinnungswandel!) Das Gebot der Stunde seien Phantasie und Kreativität. Er plädierte für Bürgerinitiativen, für Treffpunkte in jedem Dorf, für mehr Zivilcourage und kündigte die Herausgabe eines politischen Lesebuches an. Vor allem gelte es, selbst alternative Lebensformen zu entwickeln: "Warum nicht in Form einer Bauernkommune im Schnalstal auf den Finailhöfen?"

Ähnlich versöhnlich gesimmt war Alexander Langer, Chefideologe der neuen Linken Südtirols (Anm.: und Ex-Ideologe von "Lotta Continua"). Verrostete politische Scharniere gehören in die Schublade, meinte er. Was unter dem von ihm befürworteten "Prozeß der Öffnung" in Wirklichkeit zu verstehen ist, machte er mit dem Märchen der Gebrüder Grimm deutlich: Der Igel kann den Wettlauf mit dem Hasen nur gewinnen, wenn er ihn "auf eine andere Ebene verlagert, wo es der Gegner nicht erwartet". Auch Langer warnte vor einer "Überfixiertheit" auf die Politik: "Wir müssen unsere Kräfte als geistige Minderheit ensetzen, so daß die Mehrheit nicht daran vorbeikann."

Kurzum: Die geistigen Grundlagen Südtirols sollen auf die "sanfte Tour" aus den Angeln gehoben werden. So gewandt auch Messner und Langer um den Konsens mit allen gesellschaftlichen Kräften warben, so deutlich kam in anderen Beträgen dieses Kolloquiums zum Vorschein, daß im "anderen Südtirol" - das brillante Referat Matthias Abrams sprach Bände - das seitherige Südtirol keinen Platz hat. Kein Platz für den "Vieh- und Weinhändler" Andreas Hofer und die anderen "falschen Helden" Josef Mayr-Nusser und Kanonikus Michael Gamper, kein Platz mehr für die Kassianprozession ("zuviel im Murmeln alter Formeln unterdrücktes Elend"), "zuviel Gebenedeites, Abgestorbenes", kein Platz für das von "Egozentrik und Nationalismus" geprägte "Tirol isch lei oans". Entlarvend die weiteren Sätze Abrams: "Die Wühl- und Grabarbeit ist voranzutreiben." "Der linken Schwinge des immerhin roten Adlers muß nachgeholfen werden." "Wir werden klar machen, daß wir mit Südtirol noch anderes im Schilde führen." "Ganz im Sinne der elften Feuerbach-These soll es zu Taten kommen."

Daß die Zukunft der neuen Linken gehört, ob sie sich nun links oder grün oder alternativ nennt, davon zeigten sich die Redner überzeugt. Denn die Probleme, welche die Menschheit in der Tat bedrohen, sind ungelöst, und niemand packt sie an: die schleichenden Umweltkatastrophen, die Kriegsgefahren, die Auflösung der festgefügten Ordnungen. Alles das, was die jetzt Verantwortlichen nicht unternehmen, ist Wasser auf die Mühlen jener, die nicht diese Probleme lösen wollen, sondern die mit Hilfe dieser Probleme ihrerseits die Macht über die anderen ergreifen wollen. Das ewige Spiel der Politik. Aber diesmal mit neuen Ideen - die allerdings so neu auch wieder nicht sind.

le, Dolomiten, 28. 6. 1983

Franziskus und Messner Abgründe am Nanga Parbat

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