ETIKA

MUSIK, WIE SIE NICHT SEIN SOLL

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13.5.2002

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Aktuelles

 

Der Unfug der modernen Blasmusik.
Urlauber sind sehr enttäuscht, wenn die Südtiroler Musikkapellen bei Konzerten mit angeblich „qualitativ hochstehender“ Blasmusik Eindruck schinden wollen. Dies wurde uns erneut in Kastelruth und Seis bestätigt. Die disharmonischen Klänge (konfuse Rhythmen statt beschwingter Melodien), nur selten perfekt intoniert, lassen in der Mehrzahl der Zuhörer großen Ärger aufsteigen. Fremde erwarten sich von einer Südtiroler Musikkapelle in Tracht Volksmusik, die schönen, alten deutschen Weisen, Märsche, Operetten, gelegentlich auch etwas Folkloristisches aus anderen Kulturkreisen wie Rußland oder Spanien oder Südamerika, aber nicht den angloamerikanischen Eintopf, vor dem jede vernünftige Kreatur im Konzertsaal am liebsten Reißaus nähme. Aber solange die Dorfgemeinschaften die Launen der Kapellmeister hinnehmen und den ganzen Unfug noch mit Beifall belohnen, wird sich nichts ändern. Gegen Geschmacksverblödung ist ebenso wie gegen Dummheit leider noch kein Kraut gewachsen.

Denselben Betrug begeht der RAI-Sender Bozen mit seiner Rubrik „Musik aus Südtirol“. Da gibt es fast nichts, was nicht unter diesem Titel verkauft wird, von afrikanischen Buschtrommeln über Jazz bis zur Techno-Musik.

Was die Samstagabende betrifft, ist der Sender Bozen hingegen zu loben. Der volkstümliche Teil wurde trotz der katastrophalen Programmreform beibehalten, ja sogar verlängert. Wenn man früher um 21 Uhr die trostlos langweiligen einleitenden Töne der Sendung von Ado Sch. vernahm, wurde man sofort müde – jedenfalls ging es dem Berichterstatter so – und man drückte auf den Abschaltknopf. Jetzt freut man sich nach den Hörspielen – sogar Reimmichl ist wieder einmal an der Reihe - auf die flotten Melodien in der Sendung „Wie der Schnabel gewachsen ist“ mit den lustigen Sprüchen, die Dr. Friedrich Haider gesammelt hat und Koordinator Rudi Gamper gekonnt vorträgt. Am 1. Mai gab es außerdem köstlich explosive, ins Mark treffende Gedichte von Maridl Innerhofer. Da schämt sich jeder Politiker, der zugehört hat, einer zu sein. (13.5.2002)

Konzertante Blasmusik und Pflanzenschutz.
Warum wohl hat der Kapellmeister eines Frühjahrskonzerts mit dem Marsch „Gruß aus Wien“ von Robert Stolz – es hätte übrigens auch etwas von Roman Pola sein dürfen - abgeschlossen? Um den Eindruck zu verdecken, den die Kapelle mit den Werken zuvor erweckt hat. Und warum wohl wählte er als Zugaben zwei weitere zündende Märsche? Weil er sich im Unterbewußtsein schämte für die vorangegangenen Darbietungen. Quevedo hätte dies vielleicht zu folgendem Gedankengang verleitet: An dem Geblase disharmonischer Machwerke gefeierter Krachproduzenten der Gegenwart hätte das Höllenpersonal sicher eine größere Freude gehabt als das Publikum, das wegen der Leistungen der Musiker trotzdem höflich Beifall klatschte. Aber möglicherweise sind Aufzeichnungen solch moderner Blasmusik ohnehin zur Bestrafung der Verdammten vorgesehen. Uns tun nur die großen Pflanzen leid, die eine Gärtnerei offenbar in Unkenntnis des zu erwartenden Lärmpegels bereitwillig als Saalschmuck vor dem Podium aufgestellt hat. Pflanzen sind schließlich auch Lebewesen, und zwar recht sensible. Welch eine Pein muß die Stunde teilweise infernalischen Getöses für diese Geschöpfe Gottes gewesen sein! Menschen haben Hände und Finger, um sich – wie der Berichterstatter – die Ohren zuzuhalten, Pflanzen nicht. So können wir als Naturfreunde das Konzert leider nicht mit dem Mantel des Schweigens zudecken. Man soll freilich nicht verallgemeinern. Auch Hornochsen gehören ins Reich der Natur, und einer von ihnen brüllte nach einem Tanz eigentlich säugetierfeindlicher Vampire sogar „Bravo“. Schade für die jungen und alten Musiker, die mit Begeisterung dabei sind und mit dem Ungarischen Tanz Nr. 6 von Johannes Brahms zeigten, was sie können. Warum meinen sie denn, sich dem Diktat der Moderne unterordnen zu müssen? Es wäre doch so leicht, den Zuhörern mit herzerquickenden Melodien eine Freude zu machen – zum Glück gibt es noch kleine Gruppen - , anstatt mit einem Trommelfeuer schräger Rhythmen Gehör und musikalisches Empfinden zu zertrümmern! Das Publikum ärgern will sicher keiner der braven Musikanten. Warum tun sie es dann aber? Man kann doch bei solchen Konzerten nicht mehr von Volksmusik sprechen, da handelt es sich um eine Nachäffung der Großstadtszene. Der destruktive Multikulti-Ungeist hat inzwischen leider auch schon von vielen Jugendmusikschulen Besitz ergriffen. (Entschärfte Fassung, frühere ungültig, 26.3.2002)

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