ETIKA 50AF401

AFRIKA

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9.4.2001

Afrika-Missionar P. Gerhard Knühl

Afrika eine Chance geben

Kommentar


Für viele Regierungen und Weltorganisationen gilt Afrika als der verlorene
Kontinent. Kriege, innere Auseinandersetzungen und sehr schlechte
Wirtschaftsdaten haben den schwarzen Kontinent international gesehen
isoliert. Etwa 20 Staaten sind von gewaltsamen Krisen und Kriegen betroffen,
die eine friedliche, wirtschaftliche Entwicklung sehr stark behindern. Am
Welthandel ist Afrika nur mit 1,5 % beteiligt und das hauptsächlich mit
seinen Rohstoffen, die von den "Global Player's" rücksichtslos ausgebeutet
werden.
Nachdem es nur wenige Staaten geschafft haben, wirtschaftlich gesehen
hochzukommen, sind die Wirtschaftsprognosen für die Zukunft nicht
besonders günstig. Neben Mauritius und den Seychellen haben noch ca. 5
Konvergenzstaaten, dazu zählen z.B. Botswana, Südafrika, Gabun und Ghana,
gewisse Chancen. -

Nach der Aufbruchstimmung in den sechziger- und siebziger Jahren ist eine
Gebermüdigkeit und Interesselosigkeit eingetreten. Manche Experten sprechen
vom Faß ohne Boden, wo alle Hilfe zerfließt und in dunklen Kanälen
verschwindet. Der Kontinent wird nicht nur von westlichen
Kapitalgesellschaften, sondern auch von den eigenen, afrikanischen Eliten
rücksichtslos ausgeplündert.

Allein der Abacha-Clan soll mehr als 2
Milliarden Dollar im Ausland gebunkert haben. Und die Witwe des Präsidenten
ist immer noch dabei, Geld auf kriminellen Wegen ins sichere Europa zu
schleusen. Warum haben so wenig afrikanische Führer Verständnis und Mitleid
mit ihrer eigenen, verarmten Bevölkerung? Wird der eigene Staat nur als
"Selbstbedienungsladen" angesehen?

Es ist und bleibt ein Skandal, daß 75%
aller Afrikaner weniger als 2 Dollar am Tag verdienen.
Man würde sich es
sicherlich zu leicht machen, die Hauptschuld an der Armutsmisere den
Geberländern zuzuschieben. Für die allermeisten Länder muß gesagt werden,
daß die eigenen Regierungseliten versagt und eine positive Entwicklung
blockiert haben. Eine verantwortliche Politik in Afrika muß sich an der
Lösung der Armutsfrage messen lassen. Sie ist und bleibt vorrangig und nicht
irgendwelche Mammut-Projekte von Despoten, die als Wirtschaftsruinen irgendwo
im Busch ungenutzt dahindämmern oder Protzprojekte westlicher Regierungen.

Ø     Die Strukturanpassungsmaßnahmen von Weltbank und IWF haben in den Ländern,
die sich den Bedingungen unterworfen haben, die Inflationsrate unter 10 %
gedrückt, doch gingen diese Maßnahmen hauptsächlich auf Kosten der Armen und
Unterprivilegierten. Die Reichen haben längst Ihre Gelder in Europa, Amerika
oder dem vorderen Orient angelegt.

Erst gegen Ende seiner Amtszeit hat
Präsident Clinton die Lösung der Armutsfrage ins Gespräch gebracht mit dem
Hinweis, daß sich die Lage bis 2015 bessern werde. Ernst zu nehmende
Wirtschaftsexperten sprechen von 30 bis 50 Jahren, allerdings nur im Rahmen
einer friedlichen Entwicklung. Afrika muß sich wandeln und tiefgehend
verändern, um bessere Daten und Perspektiven zu bekommen.

Kriege und Krisen müssen als ersten Schritt hin für eine bessere Entwicklung
abgebaut werden. Die Geberstaaten und NGO's dürfen nicht mehr nach dem
Gießkannenprinzip ihre Gelder fließen lassen, sondern müssen sich in den
jeweiligen Entwicklungsplan eines jeden Landes einbringen, der von
Wirtschaftsexperten und Verwaltungsfachleuten erstellt werden muß. Ämter und
Verwaltungsposten müssen denen gegeben werden, die kompetent sind, und nicht
an solche, die auf Grund  verwandtschaftlicher Beziehungen  hochgehievt
werden. Es muß also ein Umdenken und ein Strukturwandel in der Administration
von oben nach unten stattfinden.

Investoren werden nur in einem Land
investieren, in dem gewisse Sicherheiten und positive Grundstrukturen gegeben
sind. Kleinindustrien können sich nur entwickeln, wenn ein Staat einigermaßen
geordnet ist.- Die Wachtumsraten der afrikanischen Staaten liegen im Schnitt
zwischen 4% und 5%. Es müßten 7% sein, um voranzukommen. Die Lebenserwartung
ist um 10 Jahre gestiegen, wobei HIV manchen Staaten ein Strich durch die
Rechnung macht, weil die vitalste und arbeitsfähigste Bevölkerung an der
Seuche wegstirbt. Von daher ist die Debatte um billigere Präparate gegen die
HIV-Seuche für eine Reihe von Staaten überlebenswichtig.

Afrika muß Abschied nehmen von seinen Diktaturen und offen sein für die
Demokratie, die nicht unbedingt nach klassisch-westlichem Muster
ausgerichtet sein muß.  Warum sollte es nicht einen afrikanischen Weg der
Demokratie geben, der die Eigenbedürfnisse besser erfüllt, als das
griechisch-europäische Muster?

Im Bildungswesen und an den afrikanischen
Universitäten sind in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht
worden, so daß viele Nationen eigene Experten haben, die allerdings wegen
schlechter Entwicklungsmöglichkeiten und schmalem Verdienst in den Westen
abwandern und so für immer für den afrikanischen Kontinent verloren sind.
Dieser "Brain-Drain" muß gestoppt werden, denn die eigenen Experten und
Wissenschaftler werden in Afrika unbedingt gebraucht. Es wäre falsch für die
Zukunft, immer wieder auf die noch teureren "weißen Experten" zu setzen.

Die Empfängerhaltung von Entwicklungshilfe muß ein auslaufendes Modell sein
und sollte durch Eigenverantwortung und Eigenplanung ersetzt werden. Ein
Staat, der für seine Verwaltung nur auf Entwicklungshilfe setzt, wird ewig am
"Tropf" hängen bleiben und hat keine Zukunftsperspektiven.

Um sich entwickeln zu können, braucht Afrika stabile Staaten. Eine aktive  
Friedensschulung muß im Unterricht an den Schulen und in den Vorlesungen an
den Universitäten gefördert werden . Das tief verwurzelte Stammesdenken und
die Korruption müssen  auf allen Ebenen als Übel und hinderlich für die
Entwicklung gebrandmarkt werden. Hierfür bedarf es freier Medien, die das
Recht haben zu kritisieren und Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. Der
Strukturwandel muß also alle Ebenen der afrikanischen Gesellschaften
umfassen, dazu gehört ein Umdenken und neues Verhalten dem Staat gegenüber.-
In Staaten, die durch Kriege und Stammesgegensätze gespalten sind, muß ein
Versöhnungsprozess einsetzen, damit die erfahrenen Traumata  geheilt werden
können, dazu gehört das Eingestehen eigener Schuld und der echte Wille, sich
zu versöhnen.

Damit Afrika zur Ruhe und Entwicklung kommt, müssen alle
ausländischen Mächte, die sich auf dem Territorium eines anderen Staates
völkerrechtswidrig befinden, sich endgültig zurückziehen. Ausbeuterischen
Firmen z. B. Holzfirmen und Ölgesellschaften, die ohne Rücksicht auf  Mensch
und die Natur, ihre Geschäfte betreiben, muß das Handwerk gelegt werden.
Waffen- und Drogenhandel, sowie Diamanten- und Goldschmuggel müssen aktiv
bekämpft werden. Menschenrechtsverletzungen
intern und international stärker
verfolgt und angekreidet werden. Eine eigenständige Justiz muß gefördert
werden, damit derjenige, der das Gesetz bricht, auch bestraft wird.-

Den zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und Organisationen muß beim
Strukturwandel noch größere Kompetenz zugesprochen werden. Von daher haben
die Gewerkschaften, Studentenvereinigungen, Menschenrechtsgruppen,
freie Medien, Kirchen und NGO's eine enorme Bedeutung bei der Umsetzung des
Strukturwandels. Das neo-koloniale Afrika darf nicht weiter Tummelplatz
fremder, ausbeuterischer  Mächte bleiben. Es muß befreit werden von allen
Mächten, die  eine sinnvollen Entwicklung und Demokratisierung behindern.  Es
gibt Konflikte, die sich in Afrika über Jahrzehnte hinziehen z.B. im Sudan,
Kongo, Angola, Rwanda, Burundi, Algerien und Somalia.

Die internationale Gemeinschaft hat es durch die UNO nicht geschafft,
in diesen Staaten Frieden zu stiften.
Haben da nicht auch die freiheitlich-demokratischen Staaten
versagt, die immer wieder durch Waffenhandel, Entsendung von Truppen und
starker, wirtschaftlicher Einmischung den Friedensprozeß behindern?

Schuld an der Misere tragen aber auch die westlichen Medien, die über Afrika nur am
Rand und mit negativer Schlagseite berichten. Jeder kleine Vorfall im Kosovo
und in Israel wird dokumentiert und kommentiert.

Ø     Zur gleichen Zeit können Tausende in Afrika an Hunger sterben und unsere Medien schweigen sich aus.

Aus dem verlorenen, ausgebeuteten und vernachlässigten Kontinent muß durch
innere Wandlung ein Kontinente der Hoffnung werden.

Es muß im Interesse der Weltgemeinschaft liegen, daß ganz Afrika endlich
befriedet wird und sich  weiterentwickeln kann.

Obwohl der Kongo-Konflikt
schon seit Jahren anhält, ist es der UNO erst jetzt gelungen, einige Soldaten
aus Südamerika nach Goma zu schicken; ob diese zögerliche Haltung wirklich
der richtige Weg zur Befriedung des Landes ist, muß bezweifelt werden. Afrika
braucht konkrete Entscheidungen und Lösungen, damit seine Bewohner hoffen und
auf eine bessere Zukunft blicken können.

P Gerhard Knühl Afr.M.

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