ETIKA

GESCHICHTE / Mittelalter

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7.12.1999

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Die Ritter als Marienverehrer

Aug. Kuffner

Aus stillen Klostermauern klang im frommen Mittelalter Mariens Lob hinaus in die deutschen Lande. Es sang eine Hroswitha ihr liebliches Marienleben und Hermann Contractus, Mönch auf der Reichenau, grüßte Maria zum erstenmale im Salve Regina als mater misericordia, vita, dulcedo et spes nostra. Der Prediger pries im hohen Münster der Jungfrau engelreines Erdenpilgern.

Der schlichte Bürger betete schon bei des Ave-Glöckleins Klang des Engels Gruß. Jeder Stand pflückte seine Blüten Maria zum duftigen Kranz. Sollten da nicht auch die Ritter, die Träger der Ideale des Mittelalters, der Frömmigkeit und des Heldensinns, zur Verherrlichung der reinsten Gottesbraut beigetragen haben? Auch sie weihten ihr Leben, ihre Lieder der hehrsten aller Frauen und adelten irdischen Frauendienst zur Minne unserer himmlischen Herrin. Doch nahm bei ihnen gemäß ihrem vielbewegten Leben die Marienverehrung einen mehr praktischen Charakter an.

Zogen die Ritter zum ernsten Kampfe ins Feld, so empfahlen sie sich Mariens mächtigem Schutz. "Maria, unsere Mutter!" mit diesem Rufe stürzten sie sich ins Schlachtengetümmel. Selbst wenn es bloß galt, im Turnier, im Speerbrechen und Lanzensplittern seine ritterliche Gewandtheit zu zeigen, vertrauten sie sich ihrer treuen Hut an.

Diesem festen Bauen auf der Himmelskönigin Beistand und der innigen Verbindung von Minnedienst und Marienverehrung verdankt jene merkwürdige Legende ihre Entstehung, die ein Mönch des Klosters Heisterbach uns überliefert:

Ein edler Ritter, namens Walter, zog mit seinen Knappen zu einem Turnier aus. Als sie an ein Kirchlein kamen, trat er ins Gotteshaus und ließ Marien zu Ehren eine Messe singen. Als er seinen Genossen, die inzwischen weitergezogen, nachreitet, kommen ihm schon Leute entgegen, die ihm von Walters Sieg im eben stattgefundenen Turnier melden. Voll Erstaunen erkennt nun dieser, daß die Gottesmutter den kleinen Dienst, den er ihr zu Ehren verrichtet, auf wunderbare Weise vergolten habe. Maria hat in seiner Abwesenheit für ihn gekämpft.

Als vom fernen Orient durchs christliche Abendland die Schreckenskunde von der Eroberung des heiligen Landes durch die Seldtschuken ging, da sammelten sich von allen Seiten der Ritter stolze Scharen, stimmten ein in den begeisterten Ruf, der durch ganz Europa hin erklang: "Gott will es!" und zogen fort von Heimat, Weib und Kind, um Jerusalem und Nazareth aus der Sarezenen Hände zu befreien.

Am Maria Himmelfahrtstag brach Gottfried von Bouillon mit seinem Heere auf; an Samstagen und an Festen der Himmelsfürstin begannen und vollführten fernerhin die Kreuzritter ihre Ruhmestaten Waren sie ermattet von der Sonne sengender Glut und umschwärmte sie der heidnische Feind auf flinken Rossen, so flehten sie zu Maria im Salve Regina, das damals schon allgemein bekannt war. Vom Morgenland brachten die Ritter manch liebliche Legende von der Gottesbraut stillem Leben und tiefem Leid, da sie ihren Sohn das Marterholz tragen und am Kreuze hangen sah, manche Kunde von Bethlehem und Nazareth, den heiligen Stätten, mit in die deutschen Heimatgaue.

Ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Marienkultus ist die Verehrung der Himmelskönigin durch die Deutsch-Ordens-Ritter. Die Ritter dieses Ordens nannte man geradezu "Ritter der hl. Jungfrau". Bei der Schwertleite sprach der Ordensmeister zum jungen Ritter: "Nimm hin dieses Schwert aus meiner Hand und kämpfe für Gott und das Land Marias!" Ihrer Patronin zu Ehren nannten sie die Hauptstadt ihres Landes Marienburg. Die herrlichen Liebfrauendome von Danzig, Elbing und Marienwerder künden uns noch heute von der Ritter inniger Verehrung zur reinsten aller Frauen.

Wem auch kämen nicht die Worte in den Sinn, die Ludwig der Bayer sprach, da er sterbend lag auf dem blumigen Anger bei Fürstenfeld: "Süße Königin, unsere Frau, sei bei meiner Scheidung!"

In Panzer und Stahlhemd, das Schwert in der nervigen Rechten, verherrlichten so die einen der tapferen Degen unsere Bannerherrin, andere, die auch der Feder kundig waren, schrieben Mariens Lob nieder in Worten und Liedern, ein Zeichen, daß ihr Herz in zarter Liebe zur erhabenen Frau schlug.

Schon Hartmann von Aue, der Sänger der ritterlichen Tugenden, singt in sinnigen, lieblichen Versen Mariens Lob. Nur eine Stelle aus seinem Lobgesang auf Maria und Christus:

Du rosenbluot, du liljenblat,
du künegîn in der hoêhsten stat
du herzeliep für allez leit
du fröude in rehter bitterkeit
dir sei geseit,
gesungen lop und êre.

Des lebenden gotes zelle was
din lîp vil saeldenbaêre;
reht als der sunne durch das glas
kan dringen, süezer unde baz
dranc ane haz
ze dir Krist der gewaêre.

Auch Reinmar der Alte, der Lehrer und Vorläufer Walthers von der Vogelweide, preist sie als Mutter und Magd im Kampfe gegen die Versuchungen. Wohl alle ritterlichen Sänger der Marienminne überragt Konrad von Würzburg. Mit immer neuen Wendungen, neuen Bildern und Gleichnissen aus Natur und Bibel, erhebt er Mariens Güte, Mariens strahlende Herrlichkeit. Er singt:

Du heller, trauter Morgenstern,
Der ob den Wogen strahlet,
In Lauterkeit sich malet
Dein Herz, das nie von Schuld bezwungen.
Du blühender Lilienstengel,
Du Veilchenduft im Märzen,
Du Licht von allen Kerzen,
Du aller Gemmen Edelstein,
Du Wandelblüte schön und rein
Vom Sündenreife nie errafft.
Du hohe Kaiserin,
Dein Haupt voll Anmut glänzet,
Das Gott dir selbst bekränzet
Mit einem lichten Kranze.

Goldene Schmiede hat man seinen großen Lobgesang auf die hl. Jungfrau genannt nach dem Wunsche des Dichters, daß er mitten in seinem Herzen Gedichte von Gold schmelzen und seiner Zunge Hammer möchte schwingen können zum Preise dieser hehrsten Frau.

Ein anderer Mariensänger ist Walther von Rheinau, ein Mitglied des Deutsch-Ordens. Zwar erreicht er in seinem Marienleben nicht sein Vorbild Konrad von Würzburg; gleichwohl zeugt der Inhalt von gleicher Tiefe und Innigkeit der Empfindung.

Wir haben gesehen, daß die Ritter, Männer voll Kraft und Mut, ergraut in den Waffen, Maria, unsere Himmelskönigin, eifrig verehrten. Sie rechneten es sich zur Ehre, der erhabensten aller Frauen treu und unentwegt zu dienen. Gewiß, Maria hat sie zu sich genommen und sie zu Rittern ihres himmlischen Hofstaates geschlagen. Längst jedoch ist das mittelalterliche Rittertum mit seiner Herrlichkeit entschwunden; ein neues, geistiges Rittertum ist erblüht. Wir Sodalen haben einst in heiliger Stunde zum Lilienbanner der reinsten Gottesbraut geschworen. Unter ihrer Fahne wollen wir treu und stark kämpfen für die Ideale unserer Jugend. Maria wird uns zum Siege führen, wenn wir nie von ihr lassen. Nein, liebe Sodalen! Nie wollen wir von ihr weichen, dies geloben wir aufs neue mit dem Rufe: "Mutter, ewig, ja ewig Dein!"

Aus: Unsere Fahne, Sodalen Korrespondenz für Studierende, IV. Jahrgang, 1. Heft,1. Oktober 1913, Seite 4 - 6. Verlag: Wien IX/4, Lustkandlg. 41. Herausgegeben von der Zentralstelle für Mar. Kongregationen, redigiert von Albert M. Boegle S. J. Wien, IX/4, Canisiusgasse 16.

Hätte nur der Krieg nicht alles zunichte gemacht! Sprache und Inhalt dieses Aufsatzes sind uns völlig ungewohnt, aber vielleicht gerade deshalb einmal interessant. Jedenfalls sieht man, wie weit der geistige Abstand ist zwischen dem Anfang und dem Ende dieses Jahrhunderts - größer als der zwischen Mittelalter und 1913.

Vergleiche die Geschichte der Ritter von Aragonien (Zeugnisse auf der Burg von Alcañiz, Calatravos), die "Mönche und Soldaten" (monjes y soldados) waren. Darüber später mehr.

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