ETIKA

CHRONIK 1992/1993

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27.7.1998

50G93A

Das Pendel schlägt in Richtung Chaos aus. Beispiel Italien

Rainer Lechner im Reimmichl-Kalender 1994

Totentafel
1992
8. 10. Willy Brandt, 78, ehemaliger deutscher Bundeskanzler, SPD
23.10. Wilfried Haslauer, 65, Salzburger Altlandeshauptmann, ÖVP
7. 11. Alexander Dubcek, ehemaliger tschechoslowakischer KP-Chef und Reformpolitiker
13. 11. Karin Brandauer, 49, österreichische Filmregisseurin
14. 11. Ernst Happel, 66, österreichischer Fußballtrainer
5. 12. Otto König, 78, österreichischer Verhaltensforscher
7. 12. Johannes Leppich, 77, deutscher Jesuitenpater
17. 12. Günther Anders, 90, Schriftsteller

1993

6. 1. Erzherzogin Elisabeth, Prinzessin von und zu Liechtenstein, 71, jüngste Tochter von Kaiser Karl und Zita
6. 1. Rudolf Nurejew, 54, Ballettänzer
7. 2. Fritz Strassner, 73, bayerischer Rundfunksprecher und Volksschauspieler
25. 2. Eddie Constantine, 75, amerikanisch-französischer Filmschauspieler
1. 4. Don Juan von Bourbon-Battenberg, Graf von Barcelona, Vater von König Juan Carlos von Spanien
19. 4. Turgut Özal, 65, türkischer Staatspräsident
24. 4. Gustl Bayrhammer, 71, Schauspieler

Wie herrlich ist doch Gottes Schöpfung, und was haben wir Menschen daraus gemacht? Statt der Liebe lassen wir den Eigennutz regieren, und heute steht die Menschheit an einem kritischen Punkt. Vielleicht geben ihr endlich die Kriege und Hungersnöte, die Skandale der Korrupten und die Greueltaten der Gewaltverbrecher zu denken. Wann wohl nimmt sie die Vernunft und andere ethische Werte als Maßstab für ihr Handeln, sagt nein zu der unseligen Entwicklung in Politik und Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt, die letztlich auf eine Selbstzerstörung hinausläuft?

Im abgelaufenen Jahr ist beinahe alles, was schiefgehen konnte, schiefgegangen, behauptet das renommierte Londoner Institut für Strategische Studien. Es hat nichts mit Pessimismus zu tun, wenn die Forscher nüchtern feststellen: Im Jahre 1992/1993 ist das Pendel in Richtung Chaos ausgeschlagen.

Die Italiener werden das - wie viele andere Völker - nicht übertrieben finden. Sie sind aus .dem wirtschaftlichen Zwischenhoch, das den meisten ein beträchtliches Maß an Wohlstand verschafft hatte, in die rauhe Wirklichkeit zurückgerissen worden. Die Staatsverschuldung als Folge einer korrupten Politik hat alle eingeholt, und jedermann stöhnt unter der ständig wachsenden Steuerlast. Niemand weiß, wie es weitergehen soll. Das Vertrauen in die politische Klasse ist erschüttert .

Freilich hat alles eine gute und eine schlechte Seite, und die Aktion "saubere Hände" (mani pulite) läßt Hoffnung aufkommen, daß jene Kreise, welche die Bevölkerung jahrzehntelang ausgebeutet haben, abgelöst werden. Die Bürger warten auf das Neue, auf eine neue Staatsmoral, über die in den vergangenen Jahren im Parlament so heiß debattiert wurde. Es muß für jene, die selbst Milliarden an Schmiergeldern einsteckten und ihren Verwandten- und Freundesclans weitere Vermögen aus Steuergeldern zukommen ließen, ein einzigartiges Vergnügen gewesen sein, über die "moralische Frage" zu debattieren und sich anschließend wieder damit zu befassen, wie man noch mehr auf Kosten der Allgemeinheit zusammenraffen könnte.

Wen Italien nicht interessiert, lese unten weiter.

Die Säulen des Regimes sind gefallen, darunter die DC, der PSI, Andreotti, Craxi. Wenn auch ein Teil der von der Justiz als korrupt bezeichneten Personen unschuldig sein dürfte, so hatten doch alle italienischen Parteien in ihren Reihen verantwortungslose Elemente, die jede Gelegenheit nutzten, ihre Machtstellung auszunutzen. Sie ließen sich "schmieren" oder verlangten schamlos von Bürgern, Firmen und Organisationen Erpressungsgelder.

In diesem einen Jahr hat sich so viel auf dem Stiefel verändert wie zuvor in Jahrzehnten nicht.

Der ganz große Wirbel begann im Februar 1993, als die Justiz gegen immer mehr Minister der Regierung des Sozialisten Giuliano Amato ermittelte. Es war die Presse, die unerschrocken allen die Augen öffnete und jedermann klarmachte, daß die Italiener "über Jahrzehnte hinweg von einer perfekt organisierten, bis an die Staatsspitze gelangten Diebesbande regiert" wurden, welche nur daran gedacht habe, sich zu bereichern, und die zu diesem Zweck sogar die Verbrecherorganisationen der Mafia benutzt und toleriert habe (so Eugenio Scalfari in der "Repubblica"). Die Behauptung der katholischen Zeitschrift "Civiltà dell´Amore", daß in den vergangenen Jahren mindestens 16.000 Milliarden Lire an Schmiergeldern die Hänge gewechselt haben, dürfte entschieden zu tief gegriffen sein. Die Namensliste der zumeist von "reuigen" Schmiergeldzahlern und auch Mafiosi angeprangerten Übeltäter liest sich wie das Register eines Buches über die Nachkriegsgeschichte.

Der Korruption bezichtigte Spitzenpolitiker (einige der wichtigsten Namen in alphabetischer Reihenfolge):

Salvo Andò, früherer Verteidigungsminister, PSI, Schulbauaffäre in Sizilien;

Giulio Andreotti, 74 Jahre alt, DC, der bekannteste und mächtigste Politiker Italiens, wird von der Staatsanwaltschaft Palermo der Komplizenschaft mit der Mafia beschuldigt; die Mafiabosse Tommaso Buscetta und Francesco Marino Mannoia beschuldigten ihn, über alle wichtigen kriminellen Aktionen informiert gewesen zu sein; und ganz haarsträubend: er soll auch den Auftrag zum Mord an dem Journalisten Mino Pecorelli gegeben haben, der angeblich gedroht hatte, die politischen Auftraggeber des Mordes an dem entführten DC-Politiker Aldo Moro preiszugeben; Andreotti soll in Palermo an einem Treffen mit dem Superboß von Cosa Nostra, Totò Riina, und dem im März 1992 ermordeten DC-Europaparlamentarier Salvo Lima teilgenommen haben; soll ferner über Giuseppe Ciarrapico dem PSDI eine illegale Spende von 250 Millionen Lire zukommen haben lassen — man ahnt die Vetterleswirtschaft im Parlament; der siebenmalige Regierungschef verzichtete auf seine Immunität;

Antonio Cariglia, PSDI-Präsident;

Severino Citaristi, ehemaliger DC-Verwaltungssekretär, soll Unternehmer erpreßt haben;

Bettino Craxi, `PSI-Chef, soll unter anderem Bestechungsgelder vom Olivetti-Konzern entgegengenommen haben;

Francesco De Lorenzo, Gesundheitsminister, DC, stets um Einsparungen auf Kosten der Kranken bemüht, aber noch eifriger beim Kassieren von Bestechungsgeldern für eine Anti-Aids-Kampagne und für Gefälligkeiten in seinem Wahlkreis Neapel; von 25 Pharmaunternehmen soll er unter anderem für die Erhöhung von Arzneimittelpreisen vier Milliarden Lire Schmiergelder eingesteckt haben;

Gianni De Michelis, PSI, Exaußenminister, soll sich als Arbeitsminister der Erpressung im Zusammenhang mit Schmiergeldzahlungen für den Kauf von Immobilien schuldig gemacht haben;

Ciriaco De Mita, ehemaliger Ministerpräsident und DC-Sekretär; ihm wird Erpressung im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1980 vorgeworfen; soll Bauunternehmer im Tausch gegen die Zuweisung staatlicher Zuschüsse dazu gezwungen haben, von ihm empfohlene Personen einzustellen;

Arnaldo Forlani, ehemaliger DC-Sekretär, soll im Zusammenhang mit der ANAS-Affäre einen Verstoß gegen das Gesetz über die Parteienfinanzierung begangen haben;

Gianni Fontana, früherer Landwirtschaftsminister, DC;

Antonio Gava, Fraktionschef der DC im Senat und Exinnenminister, Neapolitaner, soll die Interessen der Camorra vertreten haben, Verfahren wegen Hehlerei im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1980;

Giovanni Goria, Finanzminister, DC (einer der Väter der unzählige Kleinbetriebe ruinierenden "Minimum tax"), der Erpressung bei der Gewährung von EG-Hilfen beschuldigt;

Aristide Gunnella, Exregionenminister, PRI, soll bei einem Staudammprojekt in Sizilien 130 Millionen Lire kassiert haben;

Giusy La Ganga, Sozialist, soll Unternehmer erpreßt haben;

PRI-Chef Giorgio La Malfa: Der Sekretär des Postministers Mammì, Davide Giacalone, behauptete, La Malfa soll von Schmiergeldern, die über das Postministerium an die Republikaner geflossen seien, gewußt haben;

Claudio Martelli, früherer sozialistischer Justizminister; gegen ihn laufen Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Banco Ambrosiano; er soll auch von einer Transaktion von gestohlenen Wertpapieren im Wert von 300 Milliarden Lire in die Schweiz zumindest gewußt haben; (Martelli ist übrigens verantwortlich für die Einwanderung von Hunderttausenden Nordafrikanern, denen weder Arbeit noch Unterkunft geboten wurden und von denen viele ihr Leben mit dem Drogenhandel fristen; bekannt auch als Vorkämpfer für die Straffreiheit bei Rauschgiftgenuß);

Oscar Mammì, PRI, ehemaliger Postminister, begünstigte das Privatfernseh-Imperium von Berlusconi, der Hehlerei bezichtigt;

Rino Nicolosi, früherer Präsident der Region Sizilien, Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Bauaufträgen;

Paolo Cirino Pomicino, DC, der schon früher verschrieene Exhaushaltsminister aus Neapel, bekannt wegen seines fürstlichen Lebensstils, soll unter anderem Schmiergelder für den Ausbau des Hafens von Manfredonia kassiert haben;

Giovanni Prandini, DC, vergab als ehemaliger Minister für öffentliche Arbeiten und Vorsitzender des ANAS-Verwaltungsrates Milliardenaufträge an Straßenbaufirmen, die regelmäßig Schmiergelder zahlten;

Franco Reviglio, Exhaushaltsminister, PSI;

Vittorio Sbardella, einflußreicher römischer DC-Politiker;

Enzo Scotti, Exaußenminister, DC;

Claudio Signorile, PSI;

Valdo Spini, Umweltminister, PSI, Ermittlungen wegen Amtsmißbrauchs im Zusammenhang mit der Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten ins Hungerland Albanien

Claudio Vitalone, ehemaliger Minister, DC;

Stand der Ermittlungen Mitte Juli 1993: Laut "Il Messaggero" ermittelte die Justiz gegen jeden sechsten Parlamentarier wegen Korruption und Amtsmißbrauchs, nämlich gegen 151 von 956 Kammerabgeordneten und Senatoren. Im einzelnen betroffen: neun Volksvertreter des PSDI (von 19), 49 PSI-Mandatare (34 Prozent der sozialistischen Mannschaft), 74 Democristiani (von 318, dies entspricht 23 Prozent). Unter den Beschuldigten anderer Parteien befanden sich auch fünf Parlamentarier des exkommunistischen PDS und einer der Lega.

Seit am 17. Februar 1992 in Mailand Mario Chiesa festgenommen wurde, sind etwa 5000 Personen vernommen worden. Gegen 880

wurde ermittelt, 315 wurden verhaftet, von diesen befanden sich Ende Juli noch 20 in Haft.

Auch Wirtschaftsmagnaten und sonstige Repräsentanten des öffentlichen Lebens mußten wegen Schmiergeldzahlungen vor den Kadi:

Claudio Burlando, PDS-Bürgermeister von Genua, wegen Betrugs im Zusammenhang mit den überhöhten Kosten eines Tunnels für die Kolumbusfeiern,

Corrado Carnevale, Vorsitzender der ersten Strafkammer des Kassationsgerichtshofes; er hatte 400 Gerichtsurteile zum Teil wegen geringfügiger Formfehler annulliert und etlichen Mafiabossen zur Freiheit verholfen;

Paolo Berlusconi soll "tangenti" an die lombardische DC gezahlt haben; sein Bruder Silvio ist Herrscher über das Privatfernsehen, Chef des Fininvest-Imperiums von 12.000 Milliarden Lire und Präsident des AC Mailand und hat wie kein anderer vom Mammi`-Gesetz profitiert. Sein rechter Arm Fedele Confalonieri, Geschäftsführer von Fininvest Comunicazioni, soll in den letzten acht Jahren pro Wahlkampf 15 Milliarden Lire Spenden an DC, PSI, PDS, MSI, PRI und PLI gezahlt haben;

Gabriele Cagliari, ENI-Präsident, begeht Selbstmord in Untersuchungshaft; es ist der neunte Selbstmord wegen "tangentopoli";

Giuseppe Ciarrapico, Finanzier und Expräsident des AS Rom, soll unter anderem Mittelsmann für die Zahlung von einer Milliarde Lire an die DC gewesen sein;

Carlo De Benedetti, Chef des Olivetti-Konzerns und Mehrheitsaktionär des Verlags "Espresso-Repubblica", begab sich zum Mailänder Starrichter Antonio Di Pietro, um zu gestehen, daß er zehn Milliarden "tangenti" an Giuseppe Lo Moro von der Telefongesellschaft ASST gezahlt hat.

Mariano Del Papa, Generaldirektor der Staatsstraßenverwaltung ANAS, und die früheren Generaldirektoren Antonio Crespi und Marando Mancini; mindestens 20 Jahre lang hat ein Kartell von etwa 200 Firmen die Kassen von DC, PSI, PSDI, PRI und PDS mit Schmiergeldern gefüllt, um in den Genuß der Milliardenaufträge zu kommen.

Corrado Ferlaino, Bauunternehmer und Fußballpräsident von Neapel;

Raul Gardini, Exchef des Ferruzzi-Konzerns, dem auch Montedison gehört;

Giuseppe Garofano, "Hüter der 1000 Geheimnisse des Hauses Ferruzzi" und Expräsident von Montedison, wird nach fast einjähriger Flucht festgenommen; steht unter anderem im Verdacht, der DC 250 Millionen Lire "geschenkt" zu haben;

Giorgio Garuzzo, Fiat-Generaldirektor, soll für die Lieferung von Autobussen an die Mailänder Verkehrsgesellschaft eine Milliarde Lire Schmiergeld gezahlt haben;

Silvano Larini, PSI-Architekt und Vertrauter Craxis; auf seinen Namen war ein Konto bei der Schweizer Bankenunion ausgestellt, auf das schon 1981 der später in London erhängt aufgefundene Banco-Ambrosiano-Präsident Roberto Calvi sieben Millionen Dollar eingezahlt hatte;

Salvatore Ligresti, Bauunternehmer;

Francesco Paolo Mattioli, Fiat-Finanzdirektor;

Antonio Mosconi, Geschäftsführer der Versicherungsgesellschaft Toro;

Franco Nobili, Präsident des IRI, verhaftet, zahlte als Präsident der Cogefar für Bauarbeiten an Stromzentralen und für die römische U-Bahn an DC und PSI;

Giampiero Pesenti, Unternehmer;

Pio Pigorini, Snam-Chef, verhaftet;

Renato Pollini, PCI-Schatzmeister, Zusammenhang mit der Vergabe von Bauaufträgen der Eisenbahn;

Cesare Romiti, Fiat-Geschäftsführer;

Giuseppe Santoro, ehemaliger Botschafter, fehlgeleitete Albanienhilfe;

Raffaele Santoro, Agip-Chef, verhaftet.

Ein ganzes System ist zusammengebrochen. Über Italiens Erster Republik wurden schon die Grabreden gehalten wurden. Und so mancher Prominente lernte bereits hautnah die Zustände in den Gefängnissen kennen, wo übrigens jeder dritte Häftling drogenabhängig und 7,5 Prozent der Insassen HIV-positiv sind.

Mit der Wahlrechtsreform schaufelten sich etliche der Parteien ihr eigenes Grab. Nachdem nämlich die Mehrheit des Volkes bei acht Referenden am 18. April 1993 ja sagte und damit auch für die Einführung des Mehrheitswahlrechtes für den Senat stimmte, verabschiedete das Parlament eine Wahlreform, die für die meisten kleinen Parteien das Aus bedeutet. Und klein sind nun alle außer dem PDS und der Lega des lombardischen Populisten Umberto Bossi, der jetzt bei allen Regional- und Kommunalwahlen Triumphe feiert und Parlamentsneuwahlen fordert, bevor die Konkurrenten sich wieder aufrappeln. Parteichef Mino Martinazzoli ist es nicht gelungen, die DC zusammenhalten; Mario Segni und Rosy Bindi suchten neue Wege. Einen totalen Kollaps erlebte der PSI. Nach der Ära des Craxismus sollte der Gewerkschaftler Giorgio Benvenuto das Ruder noch einmal herumreißen; stattdessen warf er das Handtuch; Ottaviano Del Turco wurde sein Nachfolger.

Im Amt des Regierungschefs folgte am 29. April 1993 Notenbankchef Carlo Azeglio Ciampi auf Giuliano Amato; das neue Kabinett war erst am 5. Mai komplett. Seine große Aufgabe: den Verfall der Lira aufzuhalten und die ungeheure Staatsverschuldung in Höhe von 1,7 Billiarden Lire in den Griff zu bekommen; 1994 soll gar die Schallgrenze von zwei Billiarden oder zwei Millionen Milliarden Lire durchbrochen werden.

Der weitere Abbau des Sozialstaates, womit schon der Sozialist Amato begonnen hatte, scheint unaufhaltsam; geplant ist nun auch noch eine faktische Halbierung der meisten Renten. Die Steuerbelastung ist für viele Bürger und Firmen seit dem letzten Jahr ohnehin schon unerträglich. Ein radikaler Schnitt bei unnützen Staatsausgaben, zum Beispiel Privilegien, läßt leider noch immer auf sich warten.

Während einerseits dem Fiskus von den "Profis" unter den Hinterziehern jedes Jahr 270.000 Milliarden Lire verschwiegen werden, reizte das Finanzministerium im vergangenen Jahr die Masse der braven Steuerzahler mit den verschiedensten Schikanen bis aufs Blut. Wegen der ungerechten "Minimum tax" mußten viele Tausende Kleinbetriebe aufgeben; deren Steuern gehen dem Staat dadurch verloren, und viele Betroffene beanspruchen nun Arbeitslosengeld. Gegen das unverständlich abgefaßte Formblatt "740" zur Einkommensteuererklärung gab es eine regelrechte Revolte, und sogar Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro, der ruhende Pol des Staatswesens, sprach von einer Zumutung; jeder an der Ausarbeitung beteiligte Minister schob die Schuld auf andere.

Tatsache ist, daß in Italien über 100 Steuern eingehoben werden, von denen sieben 94 Prozent der Einnahmen liefern. Die anderen sind nach den Worten des SVP-Kammerabgeordneten Michl Ebner nur dazu da, "die Leute zu schikanieren". Überhaupt begeht der Fiskus einen grundlegenden Denkfehler, wie Hugo Daniel Stoffella im "Wirtschaftskurier" erläuterte: "Denn neben den unzähligen Steuern, die dem Staat mehr kosten als sie einbringen, wird als größte Melkkuh das Einkommen herangezogen. Das Einkommen wird zu stark besteuert. Dies nimmt den Anreiz, mehr zu arbeiten, um mehr zu verdienen und zu investieren. Eine solche Entwicklung bremst aber die Wirtschaft."

Anscheinend sind solche Überlegungen gewissen Kreisen gleichgültig, die nur darauf bedacht sind, so rasch wie möglich so viel Geld wie möglich aus dem dummen Steuerzahler herauszupressen. Denn sie haben ganz andere Absichten als das Steuergeld wieder zum Nutzen des Volkes zu verwenden. Sie brauchen es für sich selbst und ihre dunklen Machenschaften. Für die Gesellschaft bedrohlich ist, daß nicht nur Mafiosi an den Zapfhähnen der Fässer mit den Steuermilliarden sitzen, sondern daß Männer wie der P2-Chef Licio Gelli im Hintergrund die Fäden ziehen und versuchen, durch Subversion die in Jahrzehnten mühsam aufgebaute Demokratie zu schwächen. Wie Mafia und Teile der geheimen Freimaurerlogen, zu denen Tausende Anwälte, Richter, Politiker, hohe Polizeibeamte und Carabinierioffiziere sowie Geheimdienstler gehören, Hand in Hand arbeiten, das hat der mutige Staatsanwalt von Palmi, Agostino Cordova, aufgedeckt. Er bezeichnete die Freimaurer als eine "Superpartei", die ihr Netz überall dort gespannt habe, wo es um öffentlichen Einfluß gehe. Ein Beispiel brachte der "Corriere della Sera" am 16. Juli 1993 mit seiner Schlagzeile ",Herr Richter, ich bin Freimaurer´ — Freigesprochen". Eine Minderheit von Leuten hält eisern zusammen, um sich auf Kosten der Mehrheit alles leisten zu können.


Der "Rest" des Weltgeschehens in Kurzfassung:

Weltweit werden 30 Kriege registriert. 100 Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Kriegen und Hunger. Der Friedensnobelpreis 1992 wird Rigoberta Menchu aus Guatemala zugesprochen.

Im grausamen Krieg um Bosnien erreichen die Serben ihr Kriegsziel. Das Land wird zerschlagen und unter Serben, Kroaten und Moslems aufgeteilt, natürlich nicht gerecht, sondern entsprechend den militärischen Erfolgen. Unbeschreibliche Greueltaten werden oft unter den Augen der UN-"Blauhelme" an Zivilisten verübt. Von den 140.000 Toten sind 16.000 Kinder. 2,5 Millionen Menschen sind bisher vertrieben worden.

Die Tschechoslowakei hört nach 74 Jahren zu existieren auf. Tschechen und Slowaken gehen getrennte Wege.

Rußlands Präsident Boris Jelzin kämpft verzweifelt gegen den wirtschaftlichen Zerfall. Unterzeichnet mit US-Präsident George Bush den START-II-Vertrag, wonach in den nächsten zehn Jahren 14.000 Atomsprengköpfe vernichtet werden sollen.

Deutschland wird von der Wirtschaftskrise erfaßt. Staatsverschuldung: 1,5 Billionen Mark (1,3 Billiarden oder 1,3 Millionen Milliarden Lire). Die DM bröckelt. Das Asylrecht wird eingeschränkt. Ausländerfeindlichkeit greift um sich, wohl mit eine Folge der Angst junger Menschen vor Arbeitslosigkeit. Der unselige Rassismus flackert wieder auf. Brandanschläge auf Wohnhäuser von Türken - die ersten unschuldigen Opfer sind in Mölln eine Frau und zwei Mädchen - und Asylantenheime. Rücktritte: Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann, SPD-Chef und Kanzlerkandidat Björn Engholm, IG-Metall-Vorsitzender Franz Steinkühler, Bayerns Ministerpräsident Max Streibl (Nachfolger Edmund Stoiber). Innenminister Rudolf Seiters geht nach der Affäre um den Tod von RAF-Mitglied Wolfgang Grams in Bad Kleinen; bei seiner Festnahme war ein Beamter der Antiterroreinheit GSG-9 erschossen worden, danach wurde Grams erschossen aufgefunden. Der Grünenpolitiker Gerd Bastian erschießt Petra Kelly und sich selber. Raupeninvasion.

Österreich: Obmannstellvertreterin Heide Schmidt verläßt mit vier Nationalratsabgeordneten die FPÖ und gründet "Liberales Forum". Regierungsunabhängige Organisationen (NGOs) sind nur Zaungäste bei UN-Menschenrechtskonferenz in Wien.

Schweizer lehnen bei Volksabstimmung Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ab.

Europa: Viele Illusionen schwinden nach dem Inkrafttreten des EG-Binnenmarkts am 1. Jänner 1993. Die Rezession gefährdet die Europäische Währungsunion: 17 Millionen EG-Bürger sind ohne Arbeit. Das Höfesterben geht weiter. Die EG-Regierungen verlieren zeitweilig die Kontrolle über das Währungssystem an die internationalen Spekulanten.

57 Prozent der Dänen sagen zum für sie abgeänderten EG-Vertrag ja.

Auch die Franzosen stimmen mit 51,5 Prozent für die Europäische Union. Der Neogaullist Edouard Balladur wird neuer Premier. Der frühere sozialistische Premier Pierre Beregovoy erschießt sich.

Andorra wird souverän.

Großbritannien: Kronprinz Charles und Diana trennen sich.

Die Türkei setzt ihren blutigen Kampf gegen die Kurden fort; die PKK verübt Anschläge auf Hotels. Tansu Ciller wird Regierungschefin.

Irak: Die USA, Großbritannien und Frankreich greifen im Jänner 1993 mit Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern "Tomahawk" Luftabwehrstellungen und eine Atomanlage an. Im Juni wird bei einem weiteren US-Raketenangriff die Geheimdienstzentrale in Bagdad zerstört.

In weiten Teilen Afrikas herrschen Chaos und Gewalt, vom Sudan bis Südafrika, von Ruanda über Zaire bis Liberia. In Somalia gelingt es den UN-Truppen nicht, für Frieden zu sorgen. Die USA konzentrieren sich darauf, den ihnen unbequemen Rebellenchef Mohammed Farah Aidid zu bekämpfen, wobei es auch Massaker unter unschuldigen Zivilisten gibt. Nur die Italiener haben den Mut, den Sinn dieser "Hilfsaktionen" in Frage zu stellen. Auch mehrere italienische Soldaten kommen bei Feuergefechten in Mogadischu um.

Auf Sri Lanka sprengt sich ein Terrorist zusammen mit dem Präsidenten Ranasinghe Premadasa in die Luft.

Auf den indonesischen Inseln Flores und Babi sterben rund 3000 Menschen bei einem Erdbeben.

Zuletzt ein Sprung über den Pazifik. Brasiliens Präsident Fernando Collor de Mello wird gestürzt. Vor Haiti ertrinken bei einem Fährunglück 1800 Menschen.

Während in Kanada eine Frau, Kim Campbell, Ministerpräsident Brian Mulroney ablöst, zieht in den USA Bill Clinton (46) als 42. Präsident ins Weiße Haus ein. Attentate unter anderem auf das World Trade Center in New York, das Ende einer Sekte in Waco (72 Tote, darunter 17 Kinder, bei Flammeninferno nach Belagerung), ein von Florida bis Maine fegender Blizzard sowie Überschwemmungen des Mississippi und Missouri halten die Amerikaner in Atem.


Jede der Chroniken der Jahre 1982/83 bis heute ist gegen Ersatz der Fotokopier- und Portokosten erhältlich.

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