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4.11.1999

51NB5

Ethik im Südtiroler Freiheitskampf

 

Uns liegt eine Besprechung des dreibändigen Werks "Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947 - 1969" von Prof. Rolf Steininger, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck vor. Der Historiker hat etwa 100.000 Seiten bisher nicht zugänglicher Dokumente aus verschiedenen Archiven in Wien, Rom, Bozen, London, Washington und New York ausgewertet, auf die die Experten gespannt sind.

Die Bozner Tageszeitung "Dolomiten" veröffentlichte mehrere Vorabdrucke aus dem bei Athesia, Bozen, verlegten Werk. Einem am 9. Juli 1999 erschienenen Artikel der Serie entnehmen wir folgende Passagen:

Steininger: "Neue Dimension des Terrors"
Nach dem Sommer 1964 erhielt der Terror eine neue Dimension: Die Aktionen richteten sich nicht mehr wie 1961 gegen Dinge, sondern direkt gegen Menschen. ... 1964 gab es "keine Kerschbaumers mehr", sondern "ganz andere Leute", schreibt Steininger im Kapitel "Attentate, Tote, Terror". Diese "anderen" sind laut Steininger jene "rechtsextremistischen Terroristen um Norbert Burger und Peter Kienesberger". Dazwischen standen die zwei bekanntesten nach Österreich geflüchteten "Aktivisten Georg Klotz und Luis Amplatz". Dazu kamen die vier "Pusterer Buam". Und - "wie wir heute wissen", so Steininger - Aktionen des italienischen Geheimdienstes. In all ihrer Verschiedenheit hatten sie ein gemeinsames Ziel: eine Einigung in der Südtirolfrage zu verhindern. - Soweit Steininger.

Differenzieren - der Wahrheit zuliebe!

Es muß in einer freien, demokratischen Gesellschaft möglich sein, über diese Aussagen und insbesondere den letzten Satz zu diskutieren. Unser Auftrag, nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu streben, veranlaßt uns, den Behauptungen des bundesdeutschen Professors Aussagen von Betroffenen, unabhängigen Autoren, Wissenschaftlern und Journalisten gegenüberzustellen. Es geht darum, zu differenzieren, um der Wahrheit möglichst nahezukommen. Darum sollten sich alle Seiten bemühen.

So hat beispielsweise BAS-Chef Dr. Norbert Burger uns gegenüber versichert, daß von seiten des Befreiungsausschusses Südtirol Attentate stets nur gegen Sachen durchgeführt wurden. Oberstes Gebot aller Aktivisten sei es gewesen, Menschenleben zu schonen.

Schwerlich hätten wir der Witwe von Luis Amplatz seinerzeit mit Blumen kondoliert, wenn uns bekannt gewesen wäre, daß es dem von einem Spitzel Ermordeten ums Töten gegangen wäre, wie jetzt angedeutet wird.

Mit Otto Scrinzi (siehe weiter unten) stellen wir die bedauernswerte Tendenz fest, daß Idealisten, die es damals ehrlich meinten und Gutes tun wollten, heute in Bausch und Bogen als Terroristen verdammt werden. Wenn es einzelne gegeben hat, die vor Gewalt gegen Personen nicht zurückschreckten, so waren sie absolute Ausnahmen.

Oberstes Ziel bei allen Aktionen war es, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu erregen, um einen Umschwung in der öffentlichen Meinung zugunsten der unterdrückten Südtiroler zu erzielen. Jeder Mord hätte diesbezüglich größten Schaden angerichtet, wie folgendes Beispiel deutlich macht:

Kienesberger zum Mord an dem Carabiniere Tiralongo

Peter Kienesberger äußerte in dem von seinem Zellengenossen Alois M. Euler mitverfaßten Buch "Sie nannten uns Terroristen - Freiheitskampf in Südtirol" (Südtirol Informations-Zentrum der Volksbewegung für Südtirol, Wien, 1971, 392 Seiten) diesebezüglich seine Besorgnis:

"Der Mord an dem Karabinieri Tiralongo am 4. September in Mühlwald im Pustertal gibt mir zu denken. Meine Freunde - ich bin davon überzeugt - haben mit diesem Toten nichts zu schaffen. Ob auch die Italiener davon überzeugt sind?

Wie wird die Presse reagieren - welche Vermutungen und Zweckmeldungen werden bemüht sein, den Verdacht auf uns Freiheitskämpfer zu lenken?

Der Tod Tiralongos liefert Vorwände, vergiftet das politische Klima, läßt Repressalien erwarten." (Seite 233)

Ein paar Seiten weiter wird das Geheimnis um den Täter gelüftet:

"4. September 1964 in Mühlwald im Passeier (Anm.: Druckfehler, richtig Pustertal) fällt ein einzelner Schuß. Er trifft den 25jährigen Karabinieri-Soldaten Vittorio Tiralongo, der tot auf der Straße liegen bleibt. - Als die Zeitungen 24 Stunden später "Vergeltungsmaßnahmen" fordern - der Mord wird dem Südtiroler Freiheitskampf angelastet - sind diese Maßnahmen bereits im vollen Gang.

Im Puster-, Ahrn- und Tauferertal kommt es zu insgesamt 600 Verhaftungen.

Unter diesen sechshundert Männern befindet sich auch ein Sizilianer, der mit dem Südtiroler Widerstand n i c h t s zu tun hat.

Der Mann gesteht später den Mord an Vittorio Tiralongo. - Mord aus Bruderliebe, Eifersucht und Haß gegen den Verführer der Schwester.

Am 5. September steht die Täterschaft so gut wie fest.

Die Behörden in Bozen aber verschweigen es.

Am 5. September v e r u r t e i l t Österreichs Außenminister Dr. Bruno Kreisky im österreichischen Rundfunk die "ruchlose Tat der Terroristen" und kündigt gegen sie eine Sondergesetzgebung an.

In den Tälern wird nach wie vor Jagd auf Menschen gemacht.

Die römische Abgeordnetenkammer tritt zu einer Trauersitzung zusammen, in der Bozener Neustadt kommt es anläßlich eines "Totengedenkens" für das Opfer Vittorio Tiralongo zu gewaltigen Demonstrationen gegen die Südtiroler Bevölkerung und den Südtiroler Widerstand. Österreich nennt es einen "Akt der Vernunft und der Generosität", daß Italien bevorstehende Expertengespräche in Genf nicht abgesagt hat.

Der tote Tiralongo ist ein toter Held, dessen die italienische Politik sich bedenkenlos bedient.

Die künstlich entfachte Bürgerkriegsstimmung, Verhaftungen und Ausschreitungen gehen auf das Konto eines allzu lebenslustigen Burschen, der einem sizilianischen Mädchen nahe getreten war, ohne es heiraten zu wollen. Der empörte Bruder rächte daraufhin die "Schande" seiner Schwester.

Diese Details wissen weder die Abgeordneten der römischen Kammer, noch Österreichs Außenminister.

Roms Innenminister aber, der es wissen muß, schweigt.

Das Militärkommando in Bozen, das es auch weiß, fühlt sich nicht verpflichtet, die Wahrheit an die Öffentlichkeit dringen zu lassen und die auf Menschenjagd befindlichen Einheiten zurückzurufen...." (Seite 240)

Über die Köpfe hinweg zielen!

Was erfahren wir zum Thema "Ethik im Südtiroler Befreiungskampf" sonst noch von Kienesberger?

Szene aus einem "Einsatz" in Rabenstein im Sarntal:

"Für mich wird es das erste Feuergefecht sein. Das Kräfteverhältnis Mann gegen Mann steht eins zu zehn. Unsere Vorteile sind die bessere Position und das freie Schußfeld. Der Auftrag ist eindeutig: Über die Köpfe hinweg.

Keine Verletzten - keine Opfer.

Wir haben Angst zu erzeugen -

Angst vor den Männern aus Südtirol, die jede Schandtat beantworten - ..." (Seiten 62 und 63)

Die Legende vom Pangermanismus

Weil Kienesberger wußte, was heutzutage das Schlimmste ist, was dem Südtiroler Befreiungskampf passieren kann, schrieb er im Vorwort:

"...will ich Legenden zerstören - gefährlichen Legendenbildungen entgegenwirken, etwa jener, die Freiheitskämpfer für Südtirol seien Pangermanisten, Neonazi, Werwolf-Fanatiker, Abenteurer und politische Desperados. Ich trete mit aller Entschiedenheit dagegen auf, daß es sich demnach um Menschen handelt, die ihren eigenen dunklen Absichten oder Trieben folgend, Gewalt mit Gegengewalt beantworten, ohne die Existenz des Einzelnen zu schonen - ohne der politisch-diplomatischen Entwicklung in und um Südtirol eine Chance zu geben." (7f.)

Ähnlich auf Seite 74:

"Die Männer des Befreiungsausschusses Südtirol sind weder engstirnige Parteianhänger nach dem österreichischen Proporzmodell, noch Revanchisten... Nazis sind sie nicht! - Wie könnten sie es sein, da Hitler es gewesen ist, der die Brennergrenze anerkannt hat, um seinem Freund Mussolini den "Stahlpakt" im Rahmen der "Achse" Berlin - Rom zu honorieren!"

Wir selbst haben die Erfahrung gemacht, daß sich wirkliche Nationalsozialisten - leider gibt es solche heute immer noch - stolz zu ihrer Gesinnung bekennen und dies nicht ableugnen. Sie sind freilich eher zu bedauern, sind sie doch Opfer einer politischen Krankheit oder richtiger gesagt, Sklaven von Dämonen, die im Nationalsozialismus nach teuflischer Art Gutes und Böses, Wahres und Falsches vermischten und die furchtbare Rassenideologie mit Hitlers Hilfe zu einer Massenhysterie werden ließen. Beten wir für die armen Verführten!

Zustimmung Österreichs zum Losschlagen

Geben wir nun einem Mann das Wort, der im Hintergrund "mitgemischt" hat und als einer der besten Kenner des Südtirolproblems gilt: Dr. Otto Scrinzi, Südtirol-Sprecher der FPÖ in den sechziger Jahren.

Er erinnert an das Testament von Luis Amplatz, Bozen-Gries, den auch der geschätzte Univ.-Prof. Felix Ermarcora 1984 als "Freiheitskämpfer" bezeichnet hat. Darin schildert Amplatz,

"daß die Führung der Südtiroler Freiheitskämpfer - Josef Kerschbaumer, Georg Klotz, Georg Pircher, Karl Tietscher - mit einflußreichen österreichischen Journalisten, Tiroler Landespolitikern, Außenminister Kreisky und dessen Staatssekretär sowie dem höchsten Tiroler Sicherheitsbeamten vor dem Losschlagen verhandelt und deren Zustimmung - keinesfalls aber eine Warnung oder ein Nein - erhalten hätten."

Otto Scrinzi gegen Einteilung in "Gute und "Böse"

Dies und auch den folgenden Abschnitt entnehmen wir der umfangreichen Dokumentation von Otto Scrinzi (Hrsg.): Chronik Südtirol 1959 - 1969, Von der Kolonie Alto Adige zur Autonomen Provinz Bozen, Mit Beiträgen von: Helmut Golowitsch, Richard v. Helly, Helmut Heuberger, Franz Klüber, Werner Pfeifenberger, Christian Plaickner, Walter Raming, Otto Scrinzi, Wilhelm Steidl. Chronik 1959 - 1969 Erhard Hartung, Peter Kienesberger, Leopold Stocker Verlag, Graz - Stuttgart, 1996, S. 9f.

Otto Scrinzi wendet sich in seinem Geleitwort besonders gegen Versuche, die Teilnehmer des Befreiungskampfes in "Gute" und "Böse" zu spalten. Wie 1809 sei es eine Erhebung der kleinen Leute gewesen, die sich auf göttliches Naturrecht beriefen, um gegen eine Staatsobrigkeit aufzustehen, der sie vorwarfen, ihre Volksgruppe kulturell vernichten und sozial benachteiligen zu wollen. Er zählt etliche Persönlichkeiten aus allen Bevölkerungskreisen in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland auf, die den Südtirolern helfen wollten, von Staatssekretär Franz Gschnitzer über Medienleute wie Gerd Bacher und Fritz Molden bis zu den Geowissenschaftlern Helmut Heuberger und Otto Schimpp. Zur Massenbewegung "Bergisel-Bund" um den Nordtiroler Landesarchivar Eduard Widmoser gehörten auch "Verschwörer" aus dem bäuerlichen und Handwerkermilieu sowie Bürger aus den Städten.

Scrinzi wörtlich:

"Sehr rasch konnte der Funke überschlagen und im gesamten deutschen Raum die latente Sympathie für die Südtiroler zu einer mächtigen politischen Bewegung aufflammen lassen. Rom steuerte dem entgegen, indem es der Welt die These vom deutschen "Pangermanismus" verkündete, der sich in Südtirol ein erstes Exerzierfeld gesetzt habe, um anschließend wieder ganz Europa in Brand setzen zu können. "Pangermanisten" waren sie nun alle und "nazisti" dazu. Zu einem "nazista" wurde der CV-Angehörige Otto Schimpp ebenso erklärt wie der Burschenschafter Norbert Burger. Eine gewaltige italienische Propagandamaschine hämmerte der Welt das Märchen von der Wiedergeburt des "nazismo" ein, und die Welt wollte es gerne glauben. (9)

... daher wurden nun auch die NATO-Geheimdienststrukturen einschließlich der deutschen Dienste gegen die Südtiroler und ihre Helfer mobilisiert. Zum Schluß standen die Verschwörer allein gegen die Welt, von allen verdächtigt, von allen verfolgt.

Heute haben sich die Dinge relativiert. Dem katholisch-bäuerlichen Teil der Bewegung wurde spät, aber doch eine zaghafte öffentliche Rehabilitierung zuteil... Je kleiner die Zahl der noch lebenden Freiheitskämpfer wird, desto stärker werden sie der Legendierung und der Einteilung in "Gute" und "Böse" unterworfen. ... Die "Guten" sind die katholisch orientierten Freiheitskämpfer, vor allem aus dem bäuerlichen Milieu, und die ehemaligen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Sie lehnten angeblich generell Gewalt gegen Personen und Blutvergießen ab. Die "Schlechten" sind die "Deutschnationalen", die angeblichen "Pangermanisten" und "Nazis". Sie eröffneten angeblich die neue Dimension des Kampfes, bei der es dann Tote gab.

Die Wirklichkeit war differenzierter: Der "gute" Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, Wolfgang Pfaundler, war ein Vertreter der Jagdkommandotaktik. "Der "gute" Georg Klotz und der "gute" Luis Amplatz setzten in der Folge der Ereignisse ihre Linie praktisch um. Sie waren keineswegs gewillt, sich gewaltfrei der Verhaftung und der Folter auszuliefern. Sie verteidigten sich daher mit der Waffe in der Hand zusammen mit dem "bösen", weil "deutschnationalen" Mitglied der Turnerjugend Peter Kienesberger gegen die zur Jagd auf sie angetretenen Militäreinheiten. Die "guten" Pusterer-Buben lieferten sich ebenfalls Feuergefechte mit der italienischen Armee. Die "guten" Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime Helmut Heuberger und Hans Dzugan waren bekennende Deutschnationale, letzterer sogar ein persönlicher Freund des "bösen" Norbert Burger. Kurt Welser, neben Sepp Kerschbaumer sicherlich eine Lichtgestalt des Widerstandes, wird heute zu den "Guten" gerechnet. ... (10)

Stärker als alle Unterschiede aber war das Gemeinsame, das sie im Kampf für Südtirols Rechte verband. ... Ein weiteres Beispiel für ein sachunkundiges Auseinanderdividieren ist das Buch von Friedl Volgger: "Mit Südtirol am Scheideweg", Innsbruck 1984. "Das Werk dieser Männer der ersten Stunde wurde allerdings später in ein schiefes Licht gerückt." Später hätten sich nämlich "Rechtsextremisten" aus Österreich und Deutschland eingeschaltet, die nun keine Rücksicht mehr auf Menschenleben genommen hätten. Sie hätten aus dem Hinterhalt auf Finanzer und Carabinieri geschossen und Sprengstoff in Züge gelegt. Nun, heute weiß man, daß der Sprengstoff in die Züge von italienischen Agenten wie Joosten und in bewohnte italienische Häuser von italienischen Agenten wie Kranzer gelegt wurde.

Volgger ist hier das Studium der italienischen parlamentarischen Untersuchungsberichte der Senatoren Boato und Bertoldi zu empfehlen. ... Auf die italienischen Soldaten aber schossen vor allem Georg Klotz aus dem Passeier, Luis Amplatz aus Bozen-Gries und die "Pusterer Buben" aus dem Pustertal. Auch sie waren "Männer der ersten Stunde, gehörten sie doch zum Gründerkreis des BAS. Sind das vielleicht die von Volgger beschimpften '"'Rechtsextremisten" aus Deutschland und Österreich?

Von Jahr zu Jahr werden der ehemaligen Freiheitskämpfer weniger. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem kein Beteiligter sich mehr gegen Darstellungen wehren kann, die von Leuten stammen, die selbst nicht dabei waren, aber gerne ihre eigene Interpretation zum tagespolitischen Hausgebrauch verbreiten möchten." (Soweit Scrinzi auf Seite 11.)

Treffsichere Schützen

Da sind wir doch den soeben Genannten eine kleine Ehrenrettung schuld. Ganz gewiß waren sie keine Meuchelmörder, die aus dem Hinterhalt auf den ahnungslosen Feind schossen. Wir können uns nur vorstellen, daß sie nach der Entdeckung durch italienische Soldaten im Feuergefecht auf diese geschossen haben.

Dazu eine kleine Begebenheit: Wenige Jahre vor seinem Tod gab uns Georg Klotz in seinem Exil, der Köhlerhütte am Ruetzbach - zwischen Europabrücke und Stubaital - eine Probe seiner Schießkunst. Es war ungefähr um 8 Uhr früh. Er legte den Karabiner an und traf auf 100 bis 200 Meter Entfernung die Spitze der Stange eines Zeltes, in dem eine Ortsgruppe der Jungen Union (Nachwuchsorganisation der CDU) nächtigte. Das war ein Schreck in der Morgenstunde. Die geschockten Buben reisten überstürzt ab. - Würde der treffsichere Georg Klotz tatsächlich in all jenen Jahren auf italienische Soldaten geschossen haben - es hätte Hunderte Tote gegeben.

Trauer um jedes Opfer 

Damit sind wir bei den bedauernswerten Opfern der "Jahre des Terrorismus". Wir trauern um jeden Menschen, der damals sein Leben lassen mußte, ganz gleich, ob deutschsprachiger Südtiroler oder Italiener. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, und wir alle sind Brüder und Schwestern, Kinder eines Vaters, ob Italiener oder Deutsche, Rote oder Braune oder Schwarze oder Gelbe oder Weiße. Vor allem sind wir Christen, und wenn wir Christen verschiedener Völker nicht imstande sind, friedlich zusammenzuleben, wer dann?

Journalisten bringen die Wahrheit ans Licht

Noch liegt keine endgültige Bilanz vor. Denn in den vergangenen Jahren haben Südtiroler Journalisten, um nur Hanskarl Peterlini und Christoph Franceschini zu nennen, haarsträubende Tatsachen ans Tageslicht gezerrt, daß sich der biedere Normalbürger nur wundern kann. So mancher "Erfolg" oder "Terrorakt", der den Südtiroler Freiheitskämpfern zugeschrieben wurde, ist in Wirklichkeit von Geheimdienstlern aller Schattierungen verübt worden. Dabei sind wiederum die italienischen Geheimdienstleute mehrfach zu Unrecht verdächtigt worden, denn manche Attentate wurden von Agenten ausländischer Spionageorganisationen verübt, die ebenfalls Südtirol als Exerzier- und Testfeld nutzten.

Bei der Aufdeckung der Wahrheit haben sich italienische Zeitungen allergrößte Verdienste erworben. Ohne Scheu vor Staatsgeheimnissen enthüllten sie bis in die jüngste Zeit hinein seitenlang Details, die die höchsten Stellen in größte Verlegenheit stürzten. Man geht nicht fehl in der Behauptung, daß die italienischen Journalisten die mutigsten und besten der Welt sind. Wir nennen hier nur den "Corriere della Sera", Mailand, und "La Repubblica", Rom.

Das Mailänder Blatt "Il Giorno" schlachtet der rührige Wiener Publizist und Gründer der Volksbewegung für Südtirol, Robert H. Drechsler, in seinem Buch "Georg Klotz - Der Schicksalsweg des Südtiroler Schützenmajors 1919 - 1976" (Südtirol- Informations-Zentrum, Wien, 1976, 300 Seiten) aus. Da lesen wir auf den Seiten 236 und folgende:

1975: Die Zeitung "Giorno" recherchierte. Folgende interessante Begebenheiten hinsichtlich des Wirkens des italienischen Armee-Geheimdienstes SID im Zusammenhang mit Südtirol werden bekannt: Fest steht, daß trotz des "Freibriefes" zu Folterungen, begangen 1961 an wehrlosen Südtiroler politischen Gefangenen, und unbeschadet der Auszeichnungen für Folterer durch General de Lorenzo sowie trotz der Stationierung von Zehntausenden von Besatzungssoldaten in Südtirol der Südtiroler Widerstand nicht endgültig gebrochen werden konnte. Deshalb wurde 1964 der SID beauftragt, die Führung des "Befreiungsausschusses Südtirol" (BAS) auszuschalten, die Mitkämpfer zu isolieren und die Lauterkeit des Wollens dieser Gruppierung in Zweifel zu ziehen. (Nach Univ.-Prof. Dr. Franz Klüber hat es dabei keine Niederträchtigkeit gegeben,, die nicht an Südtiroler Freiheitskämpfern praktiziert worden wäre.) Folgende "Aktionen" gehen zu Lasten des SID:

"Giorno" verweist unter anderem auf die Perfektion der "Anschläge" im Südtiroler Grenzgebiet und vertritt den Standpunkt, daß dies ohne Mithilfe des SID nicht möglich gewesen wäre..." (Soweit Drechsler)

Die "007" schöpfen oft aus trüben Quellen

Unumgänglich ist ein Exkurs zur Rolle der Geheimdienste und zu Informationen, die in "geheimen" oder "vertraulichen" Dokumenten von Regierungen und Geheimdiensten entdeckt werden:

Angaben von Geheimdiensten sind stets mit äußerster Vorsicht aufzunehmen. Diese Organisationen bestehen ja nicht nur aus "edlen", von Vaterlandsliebe geprägten Profis in Filmmanier, sondern beziehen ihre Informationen vielfach auf krummen Wegen aus dubiosen Quellen.

Deshalb: Traut nicht jedem Geheimdienstbericht, jeder Regierungsdokumentation, jeder Erklärung eines Armeesprechers!
Menschen - Helden - Fanatiker

Etwas Psychologisches:

Auch Freiheitskämpfer sind sozusagen nur Menschen, keine unfehlbaren Helden. Das muß man sogar von Andreas Hofer sagen. Er ließ sich nach dreifachem - mit Gelübden erflehten - Sieg am Bergisel von Fanatikern zu einer vierten Schlacht mit düsteren Erfolgsaussichten hinreißen - mit dem bekannten unguten Ende zu Mantua.

So haben auch Freiheitskämpfer geirrt, sind übers Ziel hinausgeschossen, haben Unrecht getan, Mitmenschen Leid zugefügt. Und vielleicht waren tatsächlich Leute dabei, die sich als Erben der Nationalsozialisten fühlten und nicht aus Mitleid mit den Unterdrückten und aus Empörung über das Landsleuten angetane Unrecht aktiv wurden, sondern im Wahn, das großdeutsche Reich wieder herstellen zu müssen. Wenn es solche gab, dann waren es einzelne Verirrte und Verwirrte.

Aus Notwehr oder Mitleid

Hier ein weiterer Exkurs zum Thema Extremisten: Warum wird ein Mensch Extremist, Freiheitskämpfer, Terrorist? Entweder weil die Gesellschaft oder der Staat ihn und seine Gemeinschaft in eine Ausnahmesituation drängt (Andreas Hofer, Sepp Kerschbaumer usw.) oder weil er sich über ein Unrecht, das anderen angetan wird, empört - im Grunde ein Akt des Mitleids. Durch Taten will er Unterdrückten zu ihrem Recht verhelfen (zum Beispiel den Ibos in Biafra) und setzt, getrieben von einem starken Gerechtigkeitssinn, sogar sein Leben für dieses Ziel ein. Daran, wie er kämpft, erkennt man, ob es sich um einen Freiheitskämpfer oder um einen Terroristen handelt. Man hüte sich davor, alle Extremisten über einen Kamm zu scheren. Den Idealisten sollte man ihren Idealismus jedenfalls nicht absprechen. Freilich gibt es auch Fanatiker, die von einer fixen Idee, vielleicht sogar vom Bösen besessen sind und Freude haben am Zerstören oder gar Töten, am Terror.

Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie

Was tut die Gesellschaft mit Extremisten? Die Diktatur vernichtet sie, wie sie alle ihre Gegner und alle Mißliebigen verfolgt und "beiseiteschafft". Die Demokratie? Nun, sie erhebt den Anspruch, anders zu sein als die Diktatur. Sie verfolgt ihre Gegner also nicht und bringt sie nicht um, sondern läßt sie leben und agieren - bis zu einem bestimmten Grad. Dahinter steht eine weise Erkenntnis: Es schadet mehr als es nützt, Extremisten von vornherein und für immer auszugrenzen.

Ausgrenzung macht erst recht virulent
Ein Münchner Politikwissenschaftler hat vor einem Vierteljahrhundert davor gewarnt, Gesellschaftsgruppen mit extrem scheinenden Ansichten und Forderungen nicht ernst zu nehmen, sondern sofort juristisch zu verfolgen, in der Öffentlichkeit als Verrückte oder Verbrecher darzustellen. Denn dadurch solidarisieren sich auch Leute, die berechtigte Anliegen haben, aber nirgends Gehör finden (damals waren es Vertriebene), mit politischen Rattenfängern. Manche Idealisten werden in den Untergrund getrieben. Das revolutionäre Potential, das in ihnen steckt, wird virulent. Viele Tote wären der Welt erspart geblieben, wenn die Erkenntnis jenes Wissenschaftlers akzeptiert worden wäre. Es gibt nur diese eine Erde, und wir alle müssen versuchen, miteinander zu leben, ohne dem anderen Gewalt anzutun. Ende des Exkurses.

Gewalt gegen Sachen

Die Südtiroler Freiheitskämpfer waren fast ausnahmslos Idealisten. Sie litten schwer unter der Unterdrückung ihrer Volksgruppe. Sie griffen erst dann zu den Waffen, als sie keinen anderen Ausweg mehr sahen. Sie wandten Gewalt gegen Sachen an, um die Weltöffentlichkeit auf die Unterdrückung aufmerksam zu machen. Sie vermieden weitestgehend Gewalt gegen Personen. Viele Freiheitskämpfer waren vom christlichen Geist geprägt, allen voran Sepp Kerschbaumer aus Frangart.

Viele Menschen in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland litten mit den Südtirolern und halfen, so gut sie konnten, mit Hilfssendungen, Besuchen und Geld, manche (bekannte und unbekannte) Helfer auch mit Aktionen. Heute ernten sie ebenso Undank wie jene Südtiroler, die sich für ihre Heimat und die Freiheit ihrer Kinder aufgeopfert haben. Ohne das Opfer Sepp Kerschbaumers usw. gäbe es die heutige Autonomie mit ihrem friedlichen Zusammenleben kaum, was Politiker bestätigt haben. Viele Aktionen der sechziger Jahre waren ein verzweifelter Aufschrei gegen die Unterdrückung, ein Akt der Notwehr, keine Aggression.

Der anerkannte Historiker Othmar Parteli gibt in dem umfangreichen Werk "Geschichte des Landes Tirols", Band 4/1 (Athesia Bozen 1988)

"eine Erklärung dafür, daß die Südtiroler zu Mitteln der Gewalt griffen - um auf dem Hintergrund der italienischen Politik der Bajonette die Weltöffentlichkeit auf das Problem Südtirol aufmerksam zu machen. In den folgenden Monaten (1959) nahm die Häufigkeit der Anschläge sehr rasch zu. Dabei war es so, daß die Art dieser Gewaltanwendung trotz des ihrem Wesen immanent anhaftenden Negativcharakters von Anfang an fast ausnahmslos auf das eine Ziel orientiert war, lediglich technische Einrichtungen der italienischen Fremdherrschaft zu treffen." (597f.)

Der Geist jener Zeit mit ihrem schweren Ringen und Leid - es ging nicht nur ums Volk, sondern auch um die eigene Familie, um Beruf und persönliche Zukunft und nicht zuletzt um Gottes Gebote - spricht aus dem Bericht, den der Journalist Franz Berger mit begnadeter Feder über die Beerdigung von Jörg Klotz verfaßt hat. Er ist in den "Dolomiten", im "Volksboten" und in "Freiheit für Südtirol" abgedruckt.

Versuch einer Humanisierung des Guerrillakampfes

Ethisch ist der Südtiroler Befreiungskampf der 60er Jahre damit als Zwischenstufe anzusehen zwischen den Volksaufständen der Tiroler und Spanier gegen Napoleon und dem gewaltlosen Befreiungskampf der Inder unter Gandhi. Verwandt ist er mit den Guerrillabewegungen beispielsweise in Südamerika, Kurdistan oder Tibet, stellt aber den teilweise gelungenen Versuch einer Humanisierung des Guerrillakampfes dar. Nichts gemein hat er mit dem Terror der baskischen ETA und der nordirischen IRA gegen unschuldige Zivilisten. Hier besteht ein himmelweiter Unterschied.

Georg Klotz: Menschlich bleiben - das hilft!

Geben wir Georg Klotz das Schlußwort:

"Menschlich bleiben - trotzdem - das hilft! Menschlich bleiben - das ist verdammt schwer - viel schwerer als dreinschlagen..." (Robert H. Drechsler: Georg Klotz, Wien 1976, S. 287)

Ohne Versöhnung keine friedliche Zukunft

Ohne gegenseitiges Verstehen, Verzeihen, Wiedergutmachen, Verzicht auf physische und psychische Gewalt, kurzum ohne Versöhnung keine friedliche Zukunft!

Das gilt für das Zusammenleben in der Familie, Gemeinschaft und Gesellschaft wie für das Zusammenleben der Volksgruppen und Völker.

Lernen wir alle von Gandhi, wie Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können, zumindest ohne Gewalt gegen Personen. Wenn sich die meisten schon nicht die christlichen Heiligen zum Vorbild nehmen wollen...

Denn letztlich geht es darum, Leid zu verhindern und möglichst viele Seelen zu retten, besonders die verlorenen Schafe. Mögen sich alle Menschen abwenden von irdischen Dingen, die sie gefangen halten, Gottes Gebote halten und seine Ordnung achten und sich hinwenden zu ihrem Vater und Herrn, bei dem allein Freiheit und Gerechtigkeit und Friede und Freude ist.

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