ETIKA

Nationaler Befreiungskampf

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15.8.1999

51NB6

Terror als letztes Mittel?

Rainer Lechner in der Tiroler Tageszeitung, Innsbruck, 18.4.1972, Seite 8

Haben die modernen Aktionsformen des Guerrillakrieges eine Zukunft?
Politische Entführungen als "letztes Mittel"?

Die Ära der politischen Entführungen geht ihrem Ende entgegen. Die recht ungünstigen Erfahrungen, die extremistische Kommandotrupps in der jüngsten Vergangenheit machen mußten, lassen die Entführung von Geiseln zur Durchsetzung politischer Ziele auch in Terroristenkreisen in einem neuen Licht erscheinen. In aller Welt beginnen sich die klügeren revolutionären Strategen einig zu werden, daß es so nicht weitergehen kann.

Die gelungenen Flugzeugentführungen durch palästinensische Freischärler einerseits, das vernichtende Debakel andererseits, das die "Türkische Volksbefreiungsfront" kürzlich in Kizildere erlebte, als neun ihrer führenden Leute samt drei als Geiseln festgehaltenen NATO-Technikern den Tod fanden, können als Paradebeispiel für die Möglichkeiten und Grenzen organisierter politischer Erpressung dienen.

Historische Einmaligkeit

Politologen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, weisen auf die historische Einmaligkeit eines autonomen Guerrillastaates hin, wie man das von den Kampforganisationen "El-Fatah" und "Volksfront für die Befreiung Palästinas" kontrollierte Gebiet um die arabischen Flüchtlingslager durchaus bezeichnen kann. Infolge der inneren Stabilisierung in Jordanien und der finanziellen Abhängigkeit der Guerrillas von den Regierungen in Kairo, Bagdad und Damaskus werden aber auch diesem letzten Paradies für Berufsrevolutionäre auf die Dauer wenig Überlebenschancen eingeräumt.

Wenn es solch großangelegte, mit generalstäblerischer Präzision durchgeführten Coups wie die Entführung des bundesdeutschen Lufthansa-Jumbos, die den Erpressern fünf Millionen Dollar einbrachte, auch in Zukunft noch geben sollte, so sind sie indessen ausschließlich von palästinensischer Seite zu befürchten. Keine andere nationale Untergrundbewegung verfügt zur Zeit auch nur annähernd über einen ähnlichen weltumspannenden, mit moderner Technik ausgestatteten Apparat von Aktivisten und Helfern.

Wer die Chancen, die politische Erpressungen im Normalfall bieten, richtig analysieren will, muß deshalb auf das palästinensische Beispiel verzichten. Die Mitglieder einer gewöhnlichen militanten Geheimorganisation können von den Operationen der "Volksfront" des Dr. Habasch nur träumen, sie aber kaum nachahmen. Die objektiven Bedingungen sind zu verschieden.

Im revolutionären Einmaleins geschult

Dies zeigt sich in besonders typischer Weise an den Entführungen in der Türkei. Dort handelt es sich um eine straff disziplinierte, im Einmaleins der Revolutionäre hinlänglich geschulte Kadertruppe maoistischer Fanatiker. Alle ihre Erpressungsversuche mit Hilfe von Geiseln sind bisher fehlgeschlagen. Gleich dreimal wollten sie im vergangenen Jahr politische Forderungen mit Gewalt durchsetzen. Doch nie erklärte sich die türkische Regierung bereit, das Spiel der Erpresser mitzumachen. Nachdem in zwei Fällen vier US-Soldaten und eine 14jährige Offizierstochter ohne Gegenleistung wieder freigelassen worden waren, ermordeten die Terroristen den israelischen Konsul Elrom; offensichtlich fürchteten sie, nicht "ernst" genommen zu werden.

Daß sie sich ein viertes Mal auf ein derartig riskantes Unternehmen einließen, war ein Akt der Verzweiflung. Um drei zum Tode verurteilte Kameraden vor der Hinrichtung zu bewahren, griffen sie noch einmal zur Geiselnahme, die sie als ihr "letztes politisches Mittel" ansahen. Damit fielen sie einer Psychose zum Opfer, die, auf den Denkstrukturen der Ära Medici-Maciavelli beruhend, erst in den letzten Jahren dank massiver Unterstützung durch einen Teil der Weltpresse weite Verbreitung fand: der Aberglaube an die Allmacht der Gewaltanwendung, besonders der Entführung von Geiseln als "letztem politischem Mittel". Daß sie dabei nicht nur ihr eigenes, sondern auch das anderer gefangener, vor der Verurteilung stehender Freunde aufs Spiel setzten, zeigt überdeutlich das Dilemma, in das sich der herkömmliche Revolutionär verstrickt sieht (nicht aber der am Schreibtisch sitzende, der blutigen, grausamen Wirklichkeit entrückte Leitartikler europäischer Zeitungen, der den Unterdrückten der weit entfernten Dritten Welt zum Terror rät).

Die lange Liste der Guerrilla-Verbrechen

Es ist kein Wunder, daß die türkische Guerrilla scheiterte. Nicht anders war es den Entführern des deutschen Botschafters Graf Spreti in Guatemala, des Konsuls Beihl im Baskenland, des uruguayischen Außenministers Frick Davie oder des argentinischen Industriellen Sallustro ergangen. Die von den Streitkräften gestützte Regierung in Ankara, die es von vornherein abgelehnt hatte, mit "Banditen" zu verhandeln, tat nur das, was alle Regierungen, die auf ein extrem freiheitlich-demokratisches Image wenig Wert legen, zu tun pflegen: Sie nehmen das Opfer von Geiseln genauso in Kauf wie die Belastung außenpolitischer Beziehungen, die sich bei der Entführung von Diplomaten gewöhnlich einstellen. Um sich im Innern keine Blöße zu geben, pfeifen sie unter Berufung auf ihre Vorstellung von "Recht und Ordnung" auf die Meinung der Weltöffentlichkeit.

Die Geschehnisse der letzten Jahre haben gezeigt, daß die meisten autoritär geführten Staaten zu einer harten, komromißlosen Haltung gegenüber Extremisten neigen. Es ist sogar zu erwarten, daß sie in Zukunft noch unnachsichtiger gegen "Desperados" vorgehen und sich nicht scheuen werden, ihrerseits zu illegalen Mitteln zu greifen. Experten prophezeien, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis Erpresser selbst erpreßt werden. Die Möglichkeiten, die autoritäre Regierungen haben, sind mannigfach und reichen von "Schutzhaft" für Familienangehörige der Guerrilleros bis zur Hinrichtung von Sympathisanten als "Repressalie". Allerdings - das muß zugestanden werden - hat bisher noch kein Staat Geiseln genommen, auch nicht die türkische Regierung, wie dies in den letzten Wochen verschiedentlich behauptet worden ist. (Anmerkung 1999: Die Analyse stammt noch aus der "guten, alten" Zeit.)

Falsche Einschätzung

Der zweite große Fehler im Kalkül politischer Entführer liegt in der falschen Einschätzung der Bereitschaft der Bevölkerung, mit Terroristen zu sympathisieren. Fast in allen Fällen hat sich das Volk von der Gewaltanwendung gegenüber Personen distanziert. Oft genug war es sogar der unbeabsichtigte Effekt von Entführungen, daß die Bevölkerung eine sonst unbeliebte Regierung in ihrem Kampf gegen Friedensstörer unterstützte. Bewohner von Elendsvierteln freuen sich zwar, wenn Tupamaros gelegentlich städtische Molkereifahrzeuge kapern und kostenlos Milch verteilen, doch lassen auch sie sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Guerrillas im Grunde andere Ziele verfolgen, nämlich

  1. Geld zu beschaffen, um das Leben im Untergrund fortsetzen zu können,
  2. durch aufsehenerregende Coups die Stärke der eigenen Organisation gegenüber konkurrierenden Gruppen zu demonstrieren und
  3. durch Sabotage und Infiltration des Behördenapparates die Voraussetzungen für einen Staatsstreich zu schaffen, bei dem das gegenwärtige Herrschaftssystem nicht völlig abgeschafft, sondern durch die neue Klasse der "Revolutionäre" personell ersetzt wird.

Bei alledem geht es natürlich nicht um die direkten Interessen der Bevölkerung, schon gar nicht um das menschliche Leid der Geiseln. Deren Schicksal aber- das hat sich in jedem Fall einer Entführung herausgestellt - geht dem einfachen Volk mehr zu Herzen als alle Beteuerungen der Guerrillas, sie würden damit nur die Bedürfnisse der Armen, das Recht der Unterdrückten usw. verteidigen. Mit der anfänglichen Bewunderung bravouröser politischer Einzelaktionen ist es angesichts der zunehmenden Nachahmung durch gewöhnliche Verbrecher ohnehin vorbei. Da immer mehr Gangster versuchen, ihre Taten politisch zu motivieren, ist es schwer geworden, Grenzen zwischen Revolutionären und Kriminellen zu ziehen.

Autoritäre "Vorteile"

Will man der politischen Entführung eine Prognose für die Zukunft stellen, dann müßte sie wie folgt aussehen: Die Entführung von Geiseln wird vor allem in westlich-demokratischen Staaten praktiziert werden, denn diese legen Wert auf ein legales und humanes Vorgehen und finden sich meist bereit, Geiseln auszulösen.

Im Gegensatz zu diesen "weichen" Regierungen, die auf politische Verschwörergruppen ziemlich attraktiv wirken, werden sich autoritäre Regimes wohl kaum in Verhandlungen einlassen. Wenn Terroristen nicht gleich zum Attentat schreiten, werden sie nur höchste Persönlichkeiten aus Politik und Armee gefangennehmen, deren Verlust sich die Regierung nicht leisten kann. Auf der anderen Seite werden die Staaten ihr legislatives Instrumentarium gegenüber radikalen Gruppen perfektionieren und eine mindestens genauso brutale Gegengewalt anwenden. Das Risiko für die Geiseln wird jedenfalls größer, da keine Seite mehr nachgeben wird. Wenn aber - das wird sich der Beobachter sagen - der Mensch nicht mehr zählt, dann sind beide Seiten in ihrem Handeln in eine Einbahnstraße geraten, die zum Chaos führen kann.

Gewalt ist kein letztes politisches Mittel

So dürfte es wohl an der Zeit sein, sich an Experimente zu erinnern, wie sie von Gandhi unternommen worden sind. Bemerkenswerte Ansätze zu einer Theorie der gewaltfreien Aktion, auch soziale Verteidigung genannt, sind vorhanden. Da die Guerrilleros, die bisher ohne Hemmungen zur Waffe gegriffen haben, es aber als lächerlich empfinden würden, sich plötzlich der gewaltlosen (in ihrer Breitenwirkung mindestens genauso erfolgreichen!) Kampfmethode zu bedienen, ist die Zahl der Aktivisten auf diesem Gebiet gering.

Es gilt daher insbesondere, Vorurteile zu beseitigen, die besagen, Gewalt sei ein "letztes politisches Mittel". Schon logisch gesehen ist dies Unsinn. Nur eine Gesellschaft, manipuliert von Ideologen, die den Wert des menschlichen Lebens für nichts achten, kann eine solche Denkweise gutheißen.

Wer wagt es zu bestreiten, daß Gewalt anwenden letztlich nichts anderes heißt als "andere opfern und selbst überleben"?

Entspräche die Devise: "Das Leben anderer schonen und sich selbst opfern" nicht eher jenem Humanitätsgrad, den viele Befürworter der "Gewalt in Ausnahmesituationen" auch für sich in Anspruch nehmen? Wenn es ein letztes politisches Mittel gibt, kann es nur die Selbstaufopferung sein, das Höchste, das der Mensch geben kann, nicht aber der "individuelle Terror" gegenüber Unschuldigen.

Solange wir nicht im Vorhof der Hölle, sondern in einigermaßen geordneten Verhältnissen leben, ist es unsere Pflicht, auf Mord und die Drohung mit Mord zu verzichten und die ganze Skala weniger grausamer Handlungsweisen auszuschöpfen.

Die Energie, die mit der verbalen Unterstützung und Rechtfertigung von Verbrechen verbraucht wird, sollte endlich dazu verwandt werden, würdigere und humanere Aktionsformen als Krieg und Partisanenterror zu entwickeln.

(Anmerkung 1999: Das gilt natürlich auch für die Aggressionen von Staaten und Staatenverbänden gegen Unschuldige.)

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