|
ETIKA
|
BIBLIOTHEK |
www.etika.com |
|
58B51 |
Eva
Klotz: Georg Klotz |
Am
Schluss kritische Anmerkungen und Ergänzungen zum Buch |
Für ETIKA das Buch des Jahres 2002
Eva Klotz: Georg Klotz - Freiheitskämpfer
für die Einheit Tirols
Eine Biographie. Molden Verlag, Wien. 2002. 350 Seiten. 26,50 Euro. ISBN
3-85485-083-2
Ein Schicksal, das bewegt - der Freiheitskampf des Schmiedes vom Passeier gegen
die Fremdherrschaft.
Die Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben. (Lebensmotto von Georg Klotz)
Im Südtiroler Bergdorf Walten erlebt Georg Klotz als Kind und Jugendlicher die Gewaltherrschaft der Faschisten. Als das demokratische Italien die Unterdrückung der Südtiroler fortsetzt und alle friedlichen Mittel versagen, entschließt er sich zum Freiheitskampf.
In den sechziger Jahren hält der Schmied aus dem Passeier eine ganze Armee in Atem. Als Italien seiner trotz Verrat und Agentenfallen nicht habhaft werden kann, schickt es einen gedungenen Mörder: Sein engster Freund Luis Amplatz wird erschossen, Klotz schleppt sich mit einer Kugel in der Brust über die Berge nach Österreich.
Vom Volk unterstützt, wird er auch dort zum Störfaktor, weil er die Pläne der Politik und Diplomatie durchkreuzt. Trotz Verbannung aus Tirol, Haft und Verfolgung bleibt er seiner Überzeugung treu.
Gesundheitlich angeschlagen, vom Wohlstandsland Tirol im Stich gelassen, zieht er sich in die Waldeinsamkeit zurück. Dort ereilt ihn, den Heimwehgeplagten, der frühe Tod. Sein Ziel, die Wiedervereinigung Tirols, erreicht er nicht, sein verwegener Kampf jedoch bleibt unvergessen.
Die Verfasserin:
Eva Klotz, geb. 1951, erlebt als ältestes der sechs Kinder von Georg Klotz die Ohnmacht gegenüber einem Staatsapparat, der dem Freiheitskampf der Südtiroler in den sechziger Jahren mit Härte und Brutalität begegnet.
Nach dem Geschichtestudium an der Universität Innsbruck Oberschullehrerin bis zur Wahl in den Südtiroler Landtag. Seit 1983 vertritt sie dort die Union für Südtirol. Wegen des mutigen Eintretens für die Rechte ihres Volkes ist sie über ihre Heimat hinaus bekannt geworden.
Dankenswerterweise hat Eva Klotz den Fluchtweg ihres Vaters ziemlich genau rekonstruiert. Freunde bieten an, mit Gutgesinnten den ganzen Weg oder auch Teilstrecken abzugehen - auch eine Form des Totengedenkens (heute ist der 2. November, Allerseelen), wenn man dabei betet und meditiert über Gerechtigkeit und Freiheit, über Mut und Feigheit, über Kameradschaft und Verrat, über den Kampf zwischen Gut und Böse.
Hier nur einige wenige Eindrücke vom damaligen Freiheitskampf, der Südtirol zwar nicht die Wiedervereinigung oder Unabhängigkeit, aber immerhin die Autonomie beschert hat.
Wenn nicht lebend, dann tot
(ab Kapitel X, Seite
201 und folgende) Die Nacht vom Dienstag, dem 1. September, verbringen Jörg
und Luis mit Christian Kerbler in einer Heuhütte unterhalb der Waldgrenze am I.
(nördlich von Meran)
Die Nacht vom 2. auf den 3. September verbringen sie zu viert (Franz Kerbler ist zu ihnen gestoßen) in einer anderen Heuhütte.
Am Donnerstag, 3. September, machen sich alle vier auf, um
ins Tal abzusteigen. Schüsse. Im Passeiertal sind 3000 Soldaten stationiert.
Freitag, 4. September. Schüsse auf Jörg Klotz, der vorausgeht, während Franz Kerbler zurückgeblieben ist. Klotz entkommt. Kerbler ist danach verschwunden.
Samstag, 5. September. Franz Kerbler kommt. In seinem Rucksack ist ein Funkgerät versteckt. Franz Kerbler verschwindet.
Sonntag, 6. September, 16 Uhr. Christian Kerbler kommt zum Treffpunkt. Übernachtung in Heuhütte. Luis und Jörg von bleierner Müdigkeit befallen. Beide beschließen, so bald als möglich nach Österreich zurückzukehren. Es regnet. Christian Kerbler drängt Jörg Klotz, der sonst immer in Decke schläft, seinen Schlafsack auf.
Montag, 7. September, 2 Uhr früh. Schüsse. Jörg Klotz hat Streifschüsse an der Oberlippe und an der Brust und einen Einschuß in die Brust; Kugel steckt. Christian Kerbler leuchtet ihm ins Gesicht.
"... er hat auf den Luis drei Schuß geschossen und mir drei... Das muß für ihn ein Gefühl gewesen sein, er ist ausg´schossen, und ich hab die vollgeladene Nullacht! Und er war wahrscheinlich der Meinung, ich durchschaue ihn, aber ich hab´ ihn bei Gott nicht durchschaut... Immer der Meinung, die Italiener sind da irgendwo, ... haben einfach blindwütig durchs Dach geschossen! Das haben sie öfter getan...".
Klotz springt in Schlucht, überquert sie, geht barfuß taleinwärts. Muß Felshänge umgehen, viele kleine Täler queren. Geht im Bach, damit Suchhunde die Spur verlieren.
42 Stunden abenteuerlicher Fluchtweg bergauf bergab für den blutenden Schwerverletzten. Freunde gehen mit bis zur Schwarzscharte (2862 m). Um 20 Uhr kommt Jörg Klotz in der Siegerlandhütte an.
Am nächsten Morgen wird er in Sölden von Arbeitern erkannt. Jemand verständigt die Gendarmerie, und Wien schaltet sich ein. ... Der Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer (übrigens der Schwiegervater des neuen Landeshauptmannes Herwig van Staa) ruft den Innenminister an. "Sie, Herr Minister, ich höre, der Klotz wird gerade nach Wien entführt!" ...
(247)... Christian Kerbler wird mit einem Teil seines
Mörderlohns an die Schweizer Grenze gebracht und kam von dort zunächst nach
Deutschland und dann nach England... Er ist bis heute nicht gefasst. Mord
verjährt nicht.
(236) Der Tiroler Schriftsteller Karl Springenschmid schreibt in seinem Buch „Der Jörg“:
„Was Jörg Klotz in diesen zweiundvierzig Stunden erlebt, was er, rein physisch gesehen, durchgestanden hat, ist so unvergleichbar und ohne Beispiel in der Geschichte des Landes, daß es niemals vergessen werden sollte."
Noch ein Nachsatz aus dem Buch von Robert H. Drechsler: Georg Klotz, Wien 1976, S. 227:
"Der Mörder von Luis Amplatz, Christian Kerbler, ist am 18. Juni (1972) vom Appellationsgerichtshof zu Perugia nun rechtskräftig zu zweiundzwanzig Jahren Kerker verurteilt worden. Der Schuldspruch vom 21. Juni 1971 ist bestätigt."
+
Jörg Klotz wird am Samstag, dem 24. Jänner 1975, nicht weit von seiner Hütte tot im Schnee liegend aufgefunden. Im Krankenhaus Innsbruck stellen die Ärzte als Todesursache Lungenembolie fest. (nach S. 338f.)
Wir haben Georg Klotz mehrmals in seiner Köhlerhütte am
Ruetzbach unter der Europabrücke besucht.
Die Kapitelüberschriften des Buches von Eva Klotz:
Auf den Spuren des Vaters
Das Bergdorf. Jörgs Kindheit und Jugend
Falsche Hoffnung Deutschland (Anmerkung: Klotz kämpfte in
der Deutschen Wehrmacht, Hitler verriet Südtirol)
Neubeginn in der Heimat
Entscheidung für die Mittel der Gewalt
Jörg beginnt seine Kampfhandlungen
Georg Klotz wird Italiens Staatsfeind Nummer eins
Das Netz um Jörg zieht sich zusammen. Anton Plattner. Die Brüder Kerbler
Wiener Verbannung
Die Falle schnappt nicht zu
Wenn nicht lebend, dann tot!
Mit letzter Kraft
In Sicherheit - und doch nicht
Verlassen in Wien
Ein letztes Mal daheim. Gefürchteter Freiheitssender. Zum Letzten entschlossen
Die Italiener verhaften Jörgs Frau
Zwischen Haft und Hoffnung. Letzte Zuflucht in Tirol
Ein Toter kehrt heim
Quellen und Literatur. Personenregister.
Sepp Forer, einer der "Pusterer Buabm", erwähnte in seiner Ansprache (bei der Abschiedsfeier in Absam am 27.1.1976 in Gegenwart von Abordnungen von acht Schützenkompanien, die das Verbot der "offiziellen Teilnahme" des Nordtiroler Landeskommandanten missachteten), was Jörg ihm bei seinem letzten Treffen gesagt hatte:
"Der Tod ist mir etwas Selbstverständliches, ein dem Leben Zugehörendes wie das Geborenwerden. Mit ist auch nicht angst vorm Sterben, da ich immer meinem Gewissen gefolgt bin und nur das Beste für meine Heimat gewollt habe, auch wenn es manchmal saggrisch (sehr) schwer war..." (S. 339f.)
Am 29. Jänner 1976 kehrt Jörg Klotz heim. Südtiroler Schützenabordnungen eskortieren den Konvoi mit dem Leichenwagen ab der Brennergrenze. Italienische Offiziere, die in Uniform dort stehen, scheuen sich nicht, dem Toten mit einem militärischen Salut Ehre und Respekt zu erweisen. (341)
Das Grab von Jörg Klotz ist auf dem Friedhof von St. Leonhard in Passeier, wenn man hineinkommt, rechts ganz hinten.
Der Herr gebe Jörg Klotz und all seinen Mitstreitern,
Helfern und Helferinnen, die dem Ruf ihres Herzens gefolgt sind und das Leben
für ihre Heimat gewagt haben, Frieden und Gerechtigkeit!
etika.com
Kritische Anmerkungen zu den ersten Kapiteln
Des dokumentarischen Charakters wegen hätten wir uns in
etlichen Fällen konkrete Angaben und Namen gewünscht.
Dankenswerterweise hat uns die Verfasserin auf unsere Kritik hin am 3.3.03 dazu
Ergänzungen geschickt. Sie wollte den historischen Überblick nicht mit Daten
und Namen überfrachten, dachte vor allem an die Jungen und an diejenigen
Landsleute, die nicht viel lesen. Wichtig für sie war, dass auch einfache Leute
die Zusammenhänge verstehen, wofür wir durchaus Verständnis haben. Wir fügen
ihre Anmerkungen nachstehend ein.
Seite 20: „Die
Denkschrift legte offen, dass nach der letzten Volkszählung vor dem
Krieg nördlich von Salurn neben 220 000 Deutschen und 9400 Ladinern nur 7000
Italiener festgestellt worden waren.“ Wir
erinnern uns, dass dies 1911 war.
„Es wird ein Verzweiflungskampf deshalb, weil wir –
eine Viertelmillion Deutscher – gegen vierzig Millionen Italiener stehen,
wahrhaft ein ungleicher Kampf.“ So prophezeite es ein Südtiroler Abgeordneter
zur österreichischen Nationalversammlung bei seiner Abschiedsrede. Wie hieß der Abgeordnete?
Dazu Eva Klotz: Diese Worte stammen von Dr. Reut-Nikolussi (Parlament in
Wien, Sitzung vom 6.9.1919, bei welcher die Unterzeichnung des
Friedensvertrages von Saint Germain beschlossen wurde.)
Seite 21 „Es gab
auch warnende Stimmen aus Italien, wie jene eines römischen Kammerabgeordneten:
„Wir wollten nicht in jene neuen Gebiete gehen, um die Exzesse unserer
Gesetzgebung dorthin zu bringen... Es handelt sich dort um ernste Völker. Sie
brauchen wenige Gesetze und keine einzige unserer Maßnahmen. Wir haben uns in
Istrien schon lächerlich gemacht, weil wir unsere ganze Clownerie und
Lächerlichkeit dort importiert haben.“ Wie
hieß der Onorevole (ein wirklicher Onorevole)?
Eva Klotz verweist auf die „Dolomiten“ vom 10.10.1970. Nr. 227, Seite 3: “Zwei
Schicksalswenden Südtirols. Die Annexion vor 50 Jahren (10. Oktober 1920) und
das Ringen um die Autonomie“. Dort wird der Sprecher genannt. Es war der Demosozialist
Attilio Susi. Außerdem liest man dort von
den tauben Ohren des US-Präsidenten
Wilson gegenüber dem Wunsch der
Südtiroler nach Selbstbestimmung, obwohl er dieses Recht am 4. Juli 1918 am
Mount Vernon als „gebieterisches Axiom“ bezeichnet hatte, „das kein
Staatsmann hinfort ohne Gefährdung seiner selbst unbeachtet lassen darf.“ Von Bushs Irak-Plänen wusste er wohl auch
noch nichts. Und im gleichen „Dolomiten“-Artikel steht, „dass nach der letzten
Volkszählung vor dem Kriege nördlich von Salurn neben 220.000 Deutschen und
9400 Ladinern nur 7000 Italiener festgestellt wurden“.
„Bereits im Jänner 1921 hatten die Faschisten in Bozen eine
Kampftruppe gegründet, und faschistische Horden begannen mit Knüppelterror.
Im April 1921 überfielen sie, verstärkt durch einige Hundertschaften aus
oberitalienischen Städten, mit Pistolenfeuer und Handgranaten den Festumzug der
Bozner Mustermesse. Es gab 48 Verwundete. Ein Lehrer, der zwei Buben in
Sicherheit bringen wollte, wurde erschossen.“ Warum wird der Name des tapferen Lehrers verschwiegen? Es war Franz
Innerhofer aus Marling.
Seite 25, 6. Zeile: Druckfehler Ortschaften
Seite 45f. „Die Herz-Jesu-Verehrung war in Tirol
immer schon bedeutend. Im Jahr 1796 hatten die Tiroler Landstände in der Stadt
Bozen angesichts großer Kriegsbedrohung durch die Truppen Napoleons in
Anknüpfung an diese Verehrung eine Stiftung gegründet. Sie hatte sich im
Vertrauen auf das Herz Jesu, es werde Schaden von Land und Leuten fernhalten,
verpflichtet, besondere Verehrung im ganzen Land zu pflegen und ein jährliches
Fest mit Prozession zu begehen. Der Glaube an das Herz Jesu hatte geholfen: Die
napoleonischen Truppen waren 1796 abgezogen, die Schützenkompanien, die im
Süden des Landes eingesetzt worden waren, hatten keine großen Schlachten zu
schlagen.“ Dies bedarf unbedingt einer
Berichtigung und Klarstellung, wofür etika.com eine eigene Webseite geschaffen
hat: Herz-Jesu-Bund.
Dieser richtete sich nämlich weniger
gegen Napoleon als gegen die Dunkelmänner jener Zeit.
Seite 66 „Bei der
Festsitzung des Tiroler Landtags in Innsbruck am 15. August 1959 würdigt der
Landtagspräsident den Freiheitskampf von 1809 mit folgenden Worten: ,... unser
Herz ist von Gram und Schmerz erfüllt. So wie zur Zeit unserer Vorfahren ist
Tirol auch heute zerrissen und geteilt... Unsere Hoffnungen auf die Charta der
Vereinten Nationen haben sich nicht erfüllt. ... Die Welt hat nicht zur
Kenntnis genommen, dass im Jahre 1946 fast alle erwachsenen Südtiroler ...
ihren Willen klar und unmißverständlich zum Ausdruck brachten. Das Land
jenseits des Brenners ist zu einem Problem von europäischer Bedeutung geworden.
Es ist zum Prüfstein geworden für die gesamte westliche Welt. Nach der Lösung
der Saar- und der Zypernfrage muß endlich auch Südtirol zu seinem Recht
kommen.´“ Wie hieß der Landtagspräsident?
Eva Klotz dazu: „Der
Präsident des Tiroler Landtages hieß Obermoser, den Vornamen habe ich in meiner
Quelle („Chronik Südtirol“, Herausgeber Dr. Otto Scrinzi) auch nicht gefunden.“
(Anmerkung etika.com am 4.3.2003: Ausgerechnet
der treue Südtirol-Freund Scrinzi muß sich in den kommenden Tagen zweimal vor
Gericht in Bozen verantworten. Es geht um eine ungute Angelegenheit, und wir
hoffen, selbst zur Klärung bzw. hoffentlich zur Versöhnung der Widersacher
beitragen zu können. Es wäre schade, wenn sich die Südtirol-Freunde zerstreiten
würden. Tirol sollte allen über allem stehen.)
Sobald wir Zeit zum Weiterlesen haben, natürlich nur in der passenden Atmosphäre, gibt es mehr.