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4.3.2003

58B51

Eva Klotz: Georg Klotz

Am Schluss kritische Anmerkungen und Ergänzungen zum Buch

Für ETIKA das Buch des Jahres 2002

 

Eva Klotz: Georg Klotz - Freiheitskämpfer für die Einheit Tirols
Eine Biographie. Molden Verlag, Wien. 2002. 350 Seiten. 26,50 Euro. ISBN 3-85485-083-2
Ein Schicksal, das bewegt - der Freiheitskampf des Schmiedes vom Passeier gegen die Fremdherrschaft.

 

Die Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben. (Lebensmotto von Georg Klotz)

 

Im Südtiroler Bergdorf Walten erlebt Georg Klotz als Kind und Jugendlicher die Gewaltherrschaft der Faschisten. Als das demokratische Italien die Unterdrückung der Südtiroler fortsetzt und alle friedlichen Mittel versagen, entschließt er sich zum Freiheitskampf.

 

In den sechziger Jahren hält der Schmied aus dem Passeier eine ganze Armee in Atem. Als Italien seiner trotz Verrat und Agentenfallen nicht habhaft werden kann, schickt es einen gedungenen Mörder: Sein engster Freund Luis Amplatz wird erschossen, Klotz schleppt sich mit einer Kugel in der Brust über die Berge nach Österreich.

 

Vom Volk unterstützt, wird er auch dort zum Störfaktor, weil er die Pläne der Politik und Diplomatie durchkreuzt. Trotz Verbannung aus Tirol, Haft und Verfolgung bleibt er seiner Überzeugung treu.

 

Gesundheitlich angeschlagen, vom Wohlstandsland Tirol im Stich gelassen, zieht er sich in die Waldeinsamkeit zurück. Dort ereilt ihn, den Heimwehgeplagten, der frühe Tod. Sein Ziel, die Wiedervereinigung Tirols, erreicht er nicht, sein verwegener Kampf jedoch bleibt unvergessen.

 

Die Verfasserin:

Eva Klotz, geb. 1951, erlebt als ältestes der sechs Kinder von Georg Klotz die Ohnmacht gegenüber einem Staatsapparat, der dem Freiheitskampf der Südtiroler in den sechziger Jahren mit Härte und Brutalität begegnet.

Nach dem Geschichtestudium an der Universität Innsbruck Oberschullehrerin bis zur Wahl in den Südtiroler Landtag. Seit 1983 vertritt sie dort die Union für Südtirol. Wegen des mutigen Eintretens für die Rechte ihres Volkes ist sie über ihre Heimat hinaus bekannt geworden.

 

Dankenswerterweise hat Eva Klotz den Fluchtweg ihres Vaters ziemlich genau rekonstruiert. Freunde bieten an, mit Gutgesinnten den ganzen Weg oder auch Teilstrecken abzugehen - auch eine Form des Totengedenkens (heute ist der 2. November, Allerseelen), wenn man dabei betet und meditiert über Gerechtigkeit und Freiheit, über Mut und Feigheit, über Kameradschaft und Verrat, über den Kampf zwischen Gut und Böse.

 

Hier nur einige wenige Eindrücke vom damaligen Freiheitskampf, der Südtirol zwar nicht die Wiedervereinigung oder Unabhängigkeit, aber immerhin die Autonomie beschert hat.

 

Wenn nicht lebend, dann tot

(ab Kapitel X, Seite 201 und folgende) Die Nacht vom Dienstag, dem 1. September, verbringen Jörg und Luis mit Christian Kerbler in einer Heuhütte unterhalb der Waldgrenze am I. (nördlich von Meran)

Die Nacht vom 2. auf den 3. September verbringen sie zu viert (Franz Kerbler ist zu ihnen gestoßen) in einer anderen Heuhütte.

Am Donnerstag, 3. September, machen sich alle vier auf, um ins Tal abzusteigen. Schüsse. Im Passeiertal sind 3000 Soldaten stationiert.

Freitag, 4. September. Schüsse auf Jörg Klotz, der vorausgeht, während Franz Kerbler zurückgeblieben ist. Klotz entkommt. Kerbler ist danach verschwunden.

Samstag, 5. September. Franz Kerbler kommt. In seinem Rucksack ist ein Funkgerät versteckt. Franz Kerbler verschwindet.

 

Sonntag, 6. September, 16 Uhr. Christian Kerbler kommt zum Treffpunkt. Übernachtung in Heuhütte. Luis und Jörg von bleierner Müdigkeit befallen. Beide beschließen, so bald als möglich nach Österreich zurückzukehren. Es regnet. Christian Kerbler drängt Jörg Klotz, der sonst immer in Decke schläft, seinen Schlafsack auf.

 

Montag, 7. September, 2 Uhr früh. Schüsse. Jörg Klotz hat Streifschüsse an der Oberlippe und an der Brust und einen Einschuß in die Brust; Kugel steckt. Christian Kerbler leuchtet ihm ins Gesicht.

 

"... er hat auf den Luis drei Schuß geschossen und mir drei... Das muß für ihn ein Gefühl gewesen sein, er ist ausg´schossen, und ich hab die vollgeladene Nullacht! Und er war wahrscheinlich der Meinung, ich durchschaue ihn, aber ich hab´ ihn bei Gott nicht durchschaut... Immer der Meinung, die Italiener sind da irgendwo, ... haben einfach blindwütig durchs Dach geschossen! Das haben sie öfter getan...".

 

Klotz springt in Schlucht, überquert sie, geht barfuß taleinwärts. Muß Felshänge umgehen, viele kleine Täler queren. Geht im Bach, damit Suchhunde die Spur verlieren.

 

42 Stunden abenteuerlicher Fluchtweg bergauf bergab für den blutenden Schwerverletzten. Freunde gehen mit bis zur Schwarzscharte (2862 m). Um 20 Uhr kommt Jörg Klotz in der Siegerlandhütte an.

 

Am nächsten Morgen wird er in Sölden von Arbeitern erkannt. Jemand verständigt die Gendarmerie, und Wien schaltet sich ein. ... Der Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer (übrigens der Schwiegervater des neuen Landeshauptmannes Herwig van Staa) ruft den Innenminister an. "Sie, Herr Minister, ich höre, der Klotz wird gerade nach Wien entführt!" ...

 

(247)... Christian Kerbler wird mit einem Teil seines Mörderlohns an die Schweizer Grenze gebracht und kam von dort zunächst nach Deutschland und dann nach England... Er ist bis heute nicht gefasst. Mord verjährt nicht.

 

(236) Der Tiroler Schriftsteller Karl Springenschmid schreibt in seinem Buch „Der Jörg“:

 

„Was Jörg Klotz in diesen zweiundvierzig Stunden erlebt, was er, rein physisch gesehen, durchgestanden hat, ist so unvergleichbar und ohne Beispiel in der Geschichte des Landes, daß es niemals vergessen werden sollte."

 

Noch ein Nachsatz aus dem Buch von Robert H. Drechsler: Georg Klotz, Wien 1976, S. 227:

"Der Mörder von Luis Amplatz, Christian Kerbler, ist am 18. Juni (1972) vom Appellationsgerichtshof zu Perugia nun rechtskräftig zu zweiundzwanzig Jahren Kerker verurteilt worden. Der Schuldspruch vom 21. Juni 1971 ist bestätigt."

+

Jörg Klotz wird am Samstag, dem 24. Jänner 1975, nicht weit von seiner Hütte tot im Schnee liegend aufgefunden. Im Krankenhaus Innsbruck stellen die Ärzte als Todesursache Lungenembolie fest. (nach S. 338f.)

 

Wir haben Georg Klotz mehrmals in seiner Köhlerhütte am Ruetzbach unter der Europabrücke besucht.

 

Die Kapitelüberschriften des Buches von Eva Klotz:

Auf den Spuren des Vaters

Das Bergdorf. Jörgs Kindheit und Jugend

Falsche Hoffnung Deutschland (Anmerkung: Klotz kämpfte in der Deutschen Wehrmacht, Hitler verriet Südtirol)

Neubeginn in der Heimat

Entscheidung für die Mittel der Gewalt

Jörg beginnt seine Kampfhandlungen

Georg Klotz wird Italiens Staatsfeind Nummer eins

Das Netz um Jörg zieht sich zusammen. Anton Plattner. Die Brüder Kerbler

Wiener Verbannung

Die Falle schnappt nicht zu

Wenn nicht lebend, dann tot!

Mit letzter Kraft

In Sicherheit - und doch nicht

Verlassen in Wien

Ein letztes Mal daheim. Gefürchteter Freiheitssender. Zum Letzten entschlossen

Die Italiener verhaften Jörgs Frau

Zwischen Haft und Hoffnung. Letzte Zuflucht in Tirol

Ein Toter kehrt heim

Quellen und Literatur. Personenregister.

 

Sepp Forer, einer der "Pusterer Buabm", erwähnte in seiner Ansprache (bei der Abschiedsfeier in Absam am 27.1.1976 in Gegenwart von Abordnungen von acht Schützenkompanien, die das Verbot der "offiziellen Teilnahme" des Nordtiroler Landeskommandanten missachteten), was Jörg ihm bei seinem letzten Treffen gesagt hatte:

 

"Der Tod ist mir etwas Selbstverständliches, ein dem Leben Zugehörendes wie das Geborenwerden. Mit ist auch nicht angst vorm Sterben, da ich immer meinem Gewissen gefolgt bin und nur das Beste für meine Heimat gewollt habe, auch wenn es manchmal saggrisch (sehr) schwer war..." (S. 339f.)

 

Am 29. Jänner 1976 kehrt Jörg Klotz heim. Südtiroler Schützenabordnungen eskortieren den Konvoi mit dem Leichenwagen ab der Brennergrenze. Italienische Offiziere, die in Uniform dort stehen, scheuen sich nicht, dem Toten mit einem militärischen Salut Ehre und Respekt zu erweisen. (341)

 

Das Grab von Jörg Klotz ist auf dem Friedhof von St. Leonhard in Passeier, wenn man hineinkommt, rechts ganz hinten.

 

Der Herr gebe Jörg Klotz und all seinen Mitstreitern, Helfern und Helferinnen, die dem Ruf ihres Herzens gefolgt sind und das Leben für ihre Heimat gewagt haben, Frieden und Gerechtigkeit!

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Kritische Anmerkungen zu den ersten Kapiteln

Des dokumentarischen Charakters wegen hätten wir uns in etlichen Fällen konkrete Angaben und Namen gewünscht.
Dankenswerterweise hat uns die Verfasserin auf unsere Kritik hin am 3.3.03 dazu Ergänzungen geschickt. Sie wollte den historischen Überblick nicht mit Daten und Namen überfrachten, dachte vor allem an die Jungen und an diejenigen Landsleute, die nicht viel lesen. Wichtig für sie war, dass auch einfache Leute die Zusammenhänge verstehen, wofür wir durchaus Verständnis haben. Wir fügen ihre Anmerkungen nachstehend ein.

 

Seite 20: „Die Denkschrift legte offen, dass nach der letzten Volkszählung vor dem Krieg nördlich von Salurn neben 220 000 Deutschen und 9400 Ladinern nur 7000 Italiener festgestellt worden waren.“ Wir erinnern uns, dass dies 1911 war.

 

„Es wird ein Verzweiflungskampf deshalb, weil wir – eine Viertelmillion Deutscher – gegen vierzig Millionen Italiener stehen, wahrhaft ein ungleicher Kampf.“ So prophezeite es ein Südtiroler Abgeordneter zur österreichischen Nationalversammlung bei seiner Abschiedsrede. Wie hieß der Abgeordnete?
Dazu Eva Klotz:
Diese Worte stammen von Dr. Reut-Nikolussi (Parlament in Wien, Sitzung vom 6.9.1919, bei welcher die Unterzeichnung des Friedensvertrages von Saint Germain beschlossen wurde.)

 

Seite 21 „Es gab auch warnende Stimmen aus Italien, wie jene eines römischen Kammerabgeordneten: „Wir wollten nicht in jene neuen Gebiete gehen, um die Exzesse unserer Gesetzgebung dorthin zu bringen... Es handelt sich dort um ernste Völker. Sie brauchen wenige Gesetze und keine einzige unserer Maßnahmen. Wir haben uns in Istrien schon lächerlich gemacht, weil wir unsere ganze Clownerie und Lächerlichkeit dort importiert haben.“ Wie hieß der Onorevole (ein wirklicher Onorevole)?
Eva Klotz verweist auf die „Dolomiten“ vom 10.10.1970. Nr. 227, Seite 3: “Zwei Schicksalswenden Südtirols. Die Annexion vor 50 Jahren (10. Oktober 1920) und das Ringen um die Autonomie“. Dort wird der Sprecher genannt. Es war der
Demosozialist Attilio Susi. Außerdem liest man dort von den tauben Ohren des US-Präsidenten Wilson gegenüber dem Wunsch der Südtiroler nach Selbstbestimmung, obwohl er dieses Recht am 4. Juli 1918 am Mount Vernon als „gebieterisches Axiom“ bezeichnet hatte, „das kein Staatsmann hinfort ohne Gefährdung seiner selbst unbeachtet lassen darf.“ Von Bushs Irak-Plänen wusste er wohl auch noch nichts. Und im gleichen „Dolomiten“-Artikel steht, „dass nach der letzten Volkszählung vor dem Kriege nördlich von Salurn neben 220.000 Deutschen und 9400 Ladinern nur 7000 Italiener festgestellt wurden“.

 

„Bereits im Jänner 1921 hatten die Faschisten in Bozen eine Kampftruppe gegründet, und faschistische Horden begannen mit Knüppelterror. Im April 1921 überfielen sie, verstärkt durch einige Hundertschaften aus oberitalienischen Städten, mit Pistolenfeuer und Handgranaten den Festumzug der Bozner Mustermesse. Es gab 48 Verwundete. Ein Lehrer, der zwei Buben in Sicherheit bringen wollte, wurde erschossen.“ Warum wird der Name des tapferen Lehrers verschwiegen? Es war Franz Innerhofer aus Marling.

 

Seite 25, 6. Zeile: Druckfehler Ortschaften

 

Seite 45f. „Die Herz-Jesu-Verehrung war in Tirol immer schon bedeutend. Im Jahr 1796 hatten die Tiroler Landstände in der Stadt Bozen angesichts großer Kriegsbedrohung durch die Truppen Napoleons in Anknüpfung an diese Verehrung eine Stiftung gegründet. Sie hatte sich im Vertrauen auf das Herz Jesu, es werde Schaden von Land und Leuten fernhalten, verpflichtet, besondere Verehrung im ganzen Land zu pflegen und ein jährliches Fest mit Prozession zu begehen. Der Glaube an das Herz Jesu hatte geholfen: Die napoleonischen Truppen waren 1796 abgezogen, die Schützenkompanien, die im Süden des Landes eingesetzt worden waren, hatten keine großen Schlachten zu schlagen.“ Dies bedarf unbedingt einer Berichtigung und Klarstellung, wofür etika.com eine eigene Webseite geschaffen hat: Herz-Jesu-Bund. Dieser richtete sich nämlich weniger gegen Napoleon als gegen die Dunkelmänner jener Zeit.

 

Seite 66 „Bei der Festsitzung des Tiroler Landtags in Innsbruck am 15. August 1959 würdigt der Landtagspräsident den Freiheitskampf von 1809 mit folgenden Worten: ,... unser Herz ist von Gram und Schmerz erfüllt. So wie zur Zeit unserer Vorfahren ist Tirol auch heute zerrissen und geteilt... Unsere Hoffnungen auf die Charta der Vereinten Nationen haben sich nicht erfüllt. ... Die Welt hat nicht zur Kenntnis genommen, dass im Jahre 1946 fast alle erwachsenen Südtiroler ... ihren Willen klar und unmißverständlich zum Ausdruck brachten. Das Land jenseits des Brenners ist zu einem Problem von europäischer Bedeutung geworden. Es ist zum Prüfstein geworden für die gesamte westliche Welt. Nach der Lösung der Saar- und der Zypernfrage muß endlich auch Südtirol zu seinem Recht kommen.´“ Wie hieß der Landtagspräsident?

Eva Klotz dazu: „Der Präsident des Tiroler Landtages hieß Obermoser, den Vornamen habe ich in meiner Quelle („Chronik Südtirol“, Herausgeber Dr. Otto Scrinzi) auch nicht gefunden.“ (Anmerkung etika.com am 4.3.2003: Ausgerechnet der treue Südtirol-Freund Scrinzi muß sich in den kommenden Tagen zweimal vor Gericht in Bozen verantworten. Es geht um eine ungute Angelegenheit, und wir hoffen, selbst zur Klärung bzw. hoffentlich zur Versöhnung der Widersacher beitragen zu können. Es wäre schade, wenn sich die Südtirol-Freunde zerstreiten würden. Tirol sollte allen über allem stehen.)

 

Sobald wir Zeit zum Weiterlesen haben, natürlich nur in der passenden Atmosphäre, gibt es mehr.

 

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