ETIKA
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Gedichte

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21.11.2001

Karl MAY

Völkerfriede

Aus Band 49: Lichte Höhen, Karl-May-Verlag Bamberg 

 

Trag nicht empor ins Himmelreich,

was auf der Erde hat zu bleiben!

Du bist noch lange Gott nicht gleich

und willst dich ihm doch einverleiben.

Du wirfst ihm alle irdschen Fragen

Zur pflichtgemachten Lösung hin.

Die Allmacht soll sich für dich plagen;

das nur ist deines Glaubens Sinn.

 

Erscheint dir eine Last zu schwer,

will etwas dir nicht gleich gelingen,

so sorgt dich das nicht allzusehr,

du kannst es ja dem Vater bringen.

Du bist von ihm einst ausgegangen

und kehrst dereinst zu ihm zurück;

du brauchst von ihm nur zu verlangen -

dein Heil ist doch sein eignes Glück.

 

So soll Gott alles für dich tun;

er soll sogar noch für dich lieben.

Auf seiner Güte auszuruhn,

ist dir verbrieft, ist dir verschrieben.

Du brauchst nichts weiter als zu glauben,

daß er die Welt zum Besten lenkt,

und eifrig gegen den zu schnauben,

der Gottes Reich sich anders denkt.

 

Und gläubig schnaubend lächelst du,
erfüllt von heilgem Himmelsfeuer,
dem Nächsten Gottes Liebe zu -
die deinige ist dir zu teuer.
Die göttliche reicht für die Scharen
der Ungezählten ewig aus;
die menschliche hat man zu sparen;
sie geht nicht übers Ich hinaus.

 

Und dieser Glaube will der Welt

durch diese Liebe Frieden bringen

und läßt als Herrscher und als Held

sein ,Et in terra pax' erklingen!

Und dieser Glaube, viel zerrissen,

stets mit sich selbst in Zank und Streit,

er will allein zu finden wissen

das, was ihm fehlt: die Einigkeit!

 

Oh, glaub an diesen Glauben nicht!

Glaub nur allein an Gottes Liebe.

Was er der Menschheit auch verspricht,

nichts ist, was er nicht schuldig bliebe.

Es kann nur  e i n e n  Glauben geben,

wie es nur  e i n e  Liebe gibt,

und beide sind vereint im Leben

dann, wenn der Mensch den Menschen liebt.

 

Nun steig empor ins Himmelreich
und bring herab den Völkerfrieden!
Er ist dem Dort und Hier zugleich,
der Erde nicht allein, beschieden.
Hol uns den  e i n e n  Glauben wieder,
der auch nur  e i n e  Liebe kennt -
dann schwebt mit ihm der Engel nieder,
den man den Völkerfrieden nennt.

 

Karl May: Lichte Höhen, Band 49, Karl-May-Verlag Bamberg, 58. Tausend, Seite 75 – 77
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