ETIKA

SPANIEN / Pyrenäen

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16.8.1999

5E7MTPE

Auf dem Monte Perdido

Persönlicher Erlebnisbericht 1983

 

Sechs Stunden sind es mit dem Auto von der Costa Brava ins Herz der Pyrenäen. Aber der weite Anfahrtsweg über Lleida (katalanische Schreibweise von Lerida) und Ainsa zum spanischen Nationalpark Ordesa lohnt sich. Torla, das malerische Dorf am Eingang des riesigen Naturtheaters, läßt sich auch über Bielsa oder Biescas von Südfrankreich her erreichen.

An jenem Oktobertag, als wir ankamen, hörten wir schon von ferne die fröhlichen Weisen der Jota, der Musik Aragoniens. Die Bevölkerung feierte wie in ganz Spanien zur Erinnerung an die Entdeckung Amerikas die "Fiesta de la Hispanidad", und auf dem Marktplatz drängten sich die Schaulustigen um tanzende Paare in Tracht und die fidelen Musikanten.

Um so ruhiger hatten wir es dann beim vierstündigen Aufstieg vom Ordesa-Parkplatz (1400 m) zur Gorizhütte (2160 m). Die Nacht brach schon herein, und wenn wir auch diesmal den Anblick des Felsendoms Tozal del Mallo und der schaurig-tiefen Wasserfälle (im engen Estrecho de la Cueva stürzt der Rio Arazas 100 Meter abwärt, daß es einem den Atem nimmt, während sich die Cola de Caballo einem Pferdeschwanz gleich in das Soaso-Becken ergießt) entbehren mußten, umfaßte uns doch die Schönheit der Nacht: "Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Mond und die Sterne, durch welche du die Nacht erhellst; so hell und kostbar und schön hast du sie am Himmel erschaffen" (frei nach dem Sonnengesang des hl. Franziskus von Assisi).

Die Goriz-Hütte dient als meteorologische Station und ist das ganze Jahr geöffnet. Unschwierig ist auch der Zugang von der französischen Seite her; zwei Stunden sind es von der Brèche de Roland, einem sagenumwobenen Felsspalt oberhalb des "Cirque de Gavarnie" (südlich von Lourdes), zur gut geführten Hütte, in der man sich freilich mit Zwieback und Konserven sowie Tee und Milchkaffee (café con leche) begnügen muß.

Kleine Steinmänner weisen den Weg zum Monte Perdido (3353 m). Trotz des Nebels führte mich mein katalanischer Begleiter Josep in vier Stunden sicher auf diesen zweithöchsten Berg der Pyrenäen - in eisigem Wind.

Nach einer Gewitterserie am folgenden Tag und einer kühlen Nacht im Freien auf dem Ordesa-Parkplatz stiegen wir am übernächsten Morgen (Samstag, 15.10.1983) mit dazugekommenen Freunden aus Barcelona bei strahlendem Sonnenschein über die Goriz-Hütte auf der unschwierigen Normalroute erneut zum Monte Perdido auf. Diesmal war alles weiß, und der starke Wind peitschte uns in der teils steilen und glatten Rinne im oberen Teil murmelgroße Schneekörner ins Gesicht und brachte unseren Vormarsch öfters zum Stoppen. Die Aussicht über ein fast endlos weites Meer weißer Gipfel und Gletscher des ansonsten eintönig braunen Massivs der aragonesischen, katalanischen, baskischen und französischen Pyrenäen entschädigte für alle Mühen.

In bester Stimmung zeigte der Gast aus Südtirol, "el Tirolés", beim Abstieg seinen spanischen Bergkameraden, daß Kälte auch Spaß machen kann und überdies gesund ist. Er nahm in dem über 3000 Meter Meereshöhe gelegenenen Eissee ein kurzes Bad, nachdem er sich mit Steinen ein Schwimmloch eingeworfen hatte. Seitdem steht "el Tirolés" bei Josep, Jordi, Pedro und Francisco in ungeheurem Ansehen. ĦA Dios, Pirineos! ĦA Deu, Pirineu!

Literatur: Gerhard Rumplmair: Pyrenäen, Verlag Rother München, 1982; Santiago Broto Aparicio: El Parque Nacional de Ordesa, Editorial Everest, 1973; Vale de Ordesa, Vignemale, Mte. Perdido, Guia Cartográfica, Editorial Alpina, Granollers (mit Wanderkarte), in Torla erhältlich.

Bio-Hinweis: Bei dieser Exkursion versuchten wir möglichst einfach zu leben. Als eiserne Ration diente Nackthafer. Vier der fünf Teilnehmer ernährten sich vegetarisch. Einmal mehr erwies es sich als unmöglich, auf Reisen, insbesondere in einer abgelegenen Gegend, sich ausschließlich von Vollwertkost zu ernähren. So mußten wir mit gewöhnlichem weißen Brot, Zwieback, Keks usw. vorlieb nehmen. Herrlich schmeckte zum Abschluß die "Tortilla de papatas" in einer Bar in Torla.

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